• Auf in den bolivianischen Dschungel

    28–29 apr. 2024, Bolivia ⋅ ☁️ 31 °C

    Es ist soweit, wir fahren in den Dschungel! Um 8 Uhr holt uns Nelson, unser Guide für die nächsten Tage, im Hostel ab und wir machen uns auf den Weg zum nahegelegenen Flussufer des Río Alto Beni.

    Auf einem kleinen Boot fahren wir gut 2 Stunden lang den Río Alto Beni hoch, vorbei an einer Dschungellandschaft wie aus dem Bilderbuch. Wir passieren den Eingang zum Madidi Nationalpark, eine beeindruckende Schneise durch eine zerklüftete Hügelkette, bevor wir auf den Fluss Truichi einbiegen, der uns bis zur Chalalan Lodge bringen wird. Truichi ist kleiner aber deutlich lebendiger als sein grosser Bruder, mal hundert Meter breit gemächlich glatt fliessend, mal rasant mit schnellen Stromschnellen und mal verzweigt mit mehreren Armen mit paradiesischen Inselchen. Wir befinden uns zwar am Ende der Regenzeit, aber anscheinend hat es dieses Jahr so wenig geregnet, dass der Wasserstand des Flusses gut 1m tiefer liegt als normal. Das ist ein Problem, denn das trübe Tropenwasser verbirgt alles, was bereits wenige Zentimeter unter Wasser liegt, auch den Flussboden. Daher sitzt ein gutgelaunter Mann vorne im Boot und prüft alle paar Sekunden mit seinem Stock die Wassertiefe. Die Handkommunikation mit dem Kapitän hinten im Boot und das plötzliche Gewusel, sobald die Wassertiefe plötzlich rasant abnimmt , sind unterhaltsam. An einigen Stellen benötigen wir mehrere Anläufe um einen Weg mit genug Tiefe zu finden. Nelson erklärt uns, dass die Dörfer in der Gegend grosse Sorgen haben, dass ihr einziger Verkehrsweg bald nicht mehr befahrbar ist, was ihre Lebensgrundlage akut gefährdet. Das ist traurigerweise eine Geschichte, die wir nicht das erste Mal hören auf unserer Reise. Nach gut 5 Stunden steigen wir aus dem Boot und erreichen nach einem halbstündigen Fussmarsch schliesslich die Chalanan Ecolodge, unsere Unterkunft für die kommenden Tage. Unser Zimmer ist geräumig und konsequent mit Moskitonetzen abgedichtet, aber trotzdem bemerken wir bereits nach kurzer Zeit, dass das Dachgefüge vielen Lebewesen eine Heimat ist. Es raschelt und knackt und wir sind froh, dass über unseren Betten wertige Moskitonetze hängen.

    Uns bleibt nicht viel Zeit, die Geräusche genauer zu untersuchen, denn Nelson holt uns bereits für die erste Dschungelwanderung ab. Nelson lebt einige Kilometer entfernt in der einheimischen Gemeinschaft San José de Uchupiamonas und ist seit Eröffnung der Lodge vor 25 Jahren hier Guide. Wir erfahren, dass die Lodge komplett von den Einheimischen verwaltet wird und der Gewinn beispielsweise in Schulmaterial oder medizinische Ausrüstung fliesst. Wir entscheiden uns Nelson zu vertrauen und sind erleichtert, dass das Geld von unserem, im Vergleich zu anderen Anbietern doch eher teuren, Aufenthalt anscheinend sinnvoll eingesetzt wird. Auf der weiteren Wanderung erklärt und zeigt uns Nelson immer wieder Dinge, an denen wir sonst achtlos vorbeigelaufen wären. Hier gibt es wandernde Palmen, die auf Stelzenwurzeln stehen und neue Wurzeln immer in Richtung Licht bilden, so dass sie über die Jahre ihre Position wechseln. Als wir eine unscheinbare Frucht knacken, entdecken wir drin versteckt Baumwolle und als Nelson plötzlich auf einen unscheinbaren Baumstamm zeigt benötigen wir einige Sekunden um die gut getarnte Zikade zu entdecken. Das Klima ist heiss, feucht und dutzende Moskitos begleiten uns auf Schritt und Tritt. Speziell Marc benötigt noch etwas Anpassungszeit, besteht aber darauf, dass er sich besser fühlt als er aussieht. Nach einem fantastischen Abendessen startet die erste Nacht mit einem ungebetenen Überraschungsgast, einer Kakerlake, auf Hannas Bett. Wir spannen schnell unsere Netze auf und geniessen die Geräusche des Urwalds zum Einschlafen.

    Am nächsten Tag unternehmen wir eine grössere Tour, wobei wir uns auch mal mit der Machete den Weg bahnen und barfuss durch Flüsse waten. Nelson erkennt jeden Vogel am Gesang und hat zu jeder Ameisenart und Pflanze etwas zu erzählen. Wir lernen, dass wir uns von der bis zu 1cm grossen tropischen Riesenameise fernhalten sollten, weil ihr Stich extrem schmerzhaft ist, weshalb sie auf Englisch treffenderweise Bullet Ant genannt wird. Langsam etabliert sich eine Routine, zu der auch gehört immer den Boden zu kontrollieren, bevor man stehen bleibt um Vögel oder Affen zu beobachten. Als Highlight vom Tag finden wir schliesslich eine Gruppe Klammeraffen, auch Spider Monkeys genannt, die ihren Schwanz sozusagen als zusätzlichen Arm nutzen können und sich dadurch extrem fliessend durch die Bäume bewegen können. Als der Anführer der Gruppe uns bemerkt, schüttelt er wie verrückt Äste um uns mit dem Geräusch einzuschüchtern. Immer wieder verharrt er einige Sekunden um zu schauen ob wir schon Angst haben, bevor er weiterschüttelt. Wir finden das jedoch eher niedlich und er tut uns fast etwas leid. Und so lassen wir die Affen in Ruhe und kehren zurück. Nach dem Abendessen steht ein kurzer Nachtspaziergang mit Taschenlampe an. Der Dschungel ist in der Nacht ein unheimlicher Ort und ohne Licht erkennt man die Hand vor dem Gesicht nicht. Wir sehen Hunderfüsser auf der Jagd und Tausendfüsser am Fressen und entdecken sogar Taranteln, die in ihren Erdhöhlen auf Beute warten. Was für ein toller Tag!
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