11. Etappe: S‘ geht d‘gege!
April 1 in Spain ⋅ 🌙 9 °C
S‘ geht d‘gege!
23-20-23 hieß es gestern auf einem Plakat. 23 km bis Caldas de Reis, 20 bis Padron, 23 bis Santiago.
Die ersten 23 kann ich streichen. Komoot zeigt 21,1 km für die eigentliche Etappe an. Mein Handy sagt 23,5 bis hier ins Bett (in dem ich jetzt liege).
Egal welche Zahl herhalten darf, s‘ war kein Zuckerlecken.
Alles nahm heute morgen 7.30 h seinen Anfang. Ready to go stand ich vor dem Hotel und starte bei Komoot die Aufzeichnung. Links, dann rechts, dann wieder rechts, dann wäre ich auf dem Camino.
Menschenleer waren die Gassen. Es war ein gutes Gefühl los zu laufen. Füße waren in Ordnung, die Klamotten rochen frisch (bzw. nach meinem Duschmittel) und das Wetter -wieder mal- perfekt. So ging ich nach links. Schon während des Laufens hört ich vor mir ein Scharren auf dem Boden, sah aber niemand. Als ich um die Ecke bog, stand ich auf einem kleinen Platz, von dem drei Straßen abgingen. Es gab also mehrere „rechts“ Möglichkeiten.
Der Platz war leer. Leer bis auf eine junge Frau, die in mit ihrem Müllwagen auf dem Platz stand. Sie fegte den Boden (daher das Scharren), Die Situation wirkte etwas skurill. Es war noch dunkel, niemand unterwegs, nur hier auf diesem kleinen Platz stand eine Frau mit Besen und Kehre in der Hand und den Müllwagen vor sich her schiebend. Das eigentlich verwirrende war, dass diese Dame eine ausgesprochen hübsche Dame war.
Ja, ja, ich soll nicht nach dem Äußeren gehen und das soll auch keinen Einfluß haben, aber dennoch: Diese junge hübsche Dame mit ihren Straßenkehrer-Klamotten, am frühen Morgen, auf dem leeren Platz, passte so überhaupt nicht hierher. Wie eine Erscheinung aus einer anderen Sphäre!
Ich blieb stehen. Zum Einen, da ich die richtige Straße finden musste, zum Anderen, weil mich dieses Bild dieser Frau auf diesem Platz zu dieser Uhrzeit innehalten ließ.
Ich stand da. Sie hörte auf zu kehren und schaute zu mir. Ein strahlendes Lächeln flog über ihren Antlitz und gold schimmernde Aura umgab ihr Haupt.
Ruhig, anmutig, grazil, schritt sie -oder schwebte sie?- zum mir und sagte: „To the Camino? This way.“ Ihre Augen strahlten, die Hand hob sich und ihr Finger zeigte auf die linke der beiden rechten Straßen. Wäre der Boden nicht aus Stein gewesen, ich hätte mich auf die Knie begeben. So stand ich in Ehrfurcht und sprach mit einem Hauch der Anbetung in der Stimme: „Muchas gracias“
Er war mir begegnet! Der Engel des Camino! Verkleidet als Straßenkehrerin! Sie, die mich auf den rechten Weg geleitet hat.
Unter letztem Einsatz meines Willens fragte ich „May I take a foto of you?“
„Si!“ drang die spanische Antwort auf meine Frage über ihre Lippen.
So steht nun in den Analen von dingdongda auf findpenguins, dass ein Engel ihm begegnet ist und ihm den rechten Weg gezeigt hat.
….seufz, ist das nicht eine schöne Geschichte?!
Und das am frühen Morgen!
Dem rechten Weg folgend gelangte ich bald auf den Camino. Da war dann rum mit der Einsamkeit. Völkerwanderung zur Morgenstund! Bei einer Gruppe war‘s sogar so, dass vorne einer Person mit Warnweste lief und eine Person in Warnweste am Schluß. Wie in der Schule, um die Gruppe ab zu sichern.
Der Weg ging dahin durch schöne Landschaft. Waldwege wechselten sich mit Wegen durch Weingärten und Feldern ab. Sehr nett, sehr angenehm zu gehen.
An einem Punkt war mal wieder Menschenansammlung am Wegesrand. Was gab‘s da? Ach gucke-da, wieder Wachsstempel. Sehr schön, dachte ich, ich hab ja Zeit, ich lass mir einen machen. Die Warteschlange war übersichtlich. Vor mir waren drei, die bereits in Bearbeitung waren und ein Paar welche direkt vor mir dran warteten. Irritiert war ich, als ich sah, dass die Drei vor mir mindesten fünf-sechs Pilperpässe hatten. Komisch, dachte ich, wartete jedoch geduldig.
Der Mann, der die Wachsstempel ausfertigte hatte eine anderes System als Alejandro am Vortag. Er hatte mehrere Stempel zu Auswahl. Nett dachte ich, Motivwechsel ist gut. Während ich wartete, kam eine größere Gruppe Spanier von hinten. Eine der jungen Damen der Gruppe kam direkt auf das vor mir wartende Paar, redete mit denen, öffnete den Rucksack und drückte den Beiden ein ganzes Bündel Pilgerpässe in die Hände. Häähhh, was ist den hier los! Dann verstand ich! Vor mir war die Vorhut einer größeren Gruppe, die alle diese Wachsstempel wollten. Die standen an, bis die Gruppe mit den Pässen kam. Bei den Drei die ihre Pässe gerade in Bearbeitung hatte, muss es genauso sein. Deshalb auch mehr Pässe als Personen.
So ein Mist, dachte ich, das mach ich nicht mit. Ich warte doch nicht Ewigkeiten für einen solchen Stempel. Meine Entscheidung erleichtert wurde der Umstand, dass ich plötzlich das Preisschild sah. 2 Euro pro Stempel. Nun ja, 2 Euro ist nicht die Welt, aber bei Alejandro war es die Freiwilligkeit des Preises, die den Stempel so „wertvoll“ (besonders) machte. Jetzt, mit Preisschild und Warteschlange, war das nix mehr für den Schwarzwaldbub. Ergo, ging‘s weiter in Richtung Caldas de Reis.
Ein schönes Gefühl war, als ich den Wegmarker 50 km passierte. Nur noch 50 km to go nach Santiago. Vor Tagen machte ich noch ein Foto, als ich die 200 km kassierte.
Über Caldas de Reis ist nicht viel zu sagen. Es ist ein kleines Städtchen, dass bekannt ist für seine Thermalquellen, aber dessen Wichtigkeit sich aus der Lage auf dem Camino ergibt. Im Prinzip machen alle Pilger hier halt. Caldas de Reis zu überspringen und direkt nach Padron zu gehen, ist zwar möglich, aber dann liegt die Tagesetappe bei rund 45 Kilometern.
Nett war, dass ich das australische Pärchen vom Anfang des Camino Portugues traf. Wir tranken wieder mal ein Bierchen und sprachen über Gott und die Welt. Irgendwie kamen wir auf Vornamen zu sprechen. Ich erzähle ja immer, dass ich persönlich niemand kenne, der ebenfalls Meinrad heißt. Ich weiß zwar, dass es Menschen gibt mit dem gleichen Vornamen, aber gesprochen habe ich noch keinen von denen.
Perry meinte, das ginge ihm genauso. Da eröffnete ich ihm „die Welt von Perry Rhodan“. Sein Namensvetter Perry mit Nachname Rhodan ist die erfolgreichste Romanfigur in der deutschen Literatur! Seite 1961 (!!) ununterbrochen erscheinen Ausgaben über das galaktische Leben von Perry Rhodan. In anderen Ländern z.B. Australien ist der Science Fiction Held völlig unbekannt. Der real existierende Perry lachte sich schlapp über diese Geschichte.
Wir trennten uns mit der Absicht uns in Santiago wieder zu treffen.
Abends, nach einem kleinen Schläfchen, machte ich mich auf die Suche nach Nahrung. Da mein Hotel zentral liegt, ist das kein Problem. In einer kleinen Bar wurde ich fündig. Die Dame hinter der Theke verstand mich jedoch schlecht (warum auch immer) und so musste ich mit der Hand auf die Speisekarte zeigen.
Wenig später trat ein Herr in die Bar, der augenscheinlich keine Spanier war. Er bestellte. Auch hier war die Dame hinter der Theke nicht in der Lage seine Bestellung zu verstehen. Ich verstand jedoch, dass dieser Herr wahrscheinlich Deutscher war.
Also sprach ich ihn an. So lernte ich Wilken kennen. Wilken ist ein Vorname aus Norddeutschland. Wilken ist 73 Jahre alt und läuft den Camino von Vigo aus (spanische Kurzstrecke). Jeder erzählte von sich, woher er komme etc.. Wilken wohnt bei Ratzeburg. Ich meinte, das was mir zu Ratzeburg einfiele wäre der „Ratzeburger Achter“. Für jüngere Leser bitte googlen. Der Ratzburger Achter steht für internationalen Erfolg Deutschlands im Rudern. Ja, meinte Wilken, kennt er. Er ist den mitgerudert. Wie, mitgerudert, fragte ich nach. Na ja, meinte er, er rudert seit 58 Jahren. Ist mehrfacher Europa- und Weltmeister im Einer (in seiner Altersklasse) und war im Deutschland Achter zu den Olympischen Spielen in Moskau. Leider wurden die Olympischen Spiele Moskau, damals von Deutschland aus politischen Gründen, boykottiert, so dass er nie bei Olympia gestartet ist. Jedoch bei unzähligen Meisterschaften egal ob Deutsch-, Welt- oder Europameisterschaften. Und da wäre noch Henley. Henley?, fragte ich. Ja, meinte er, Henley ist im Prinzip das wichtiges Ruderevent der Welt.
Zur Aufklärung: Henley ist in/bei London und die Strecke wo die Rudermannschaften Oxford gegen Cambridge rudern. Prestige, Tradition und Old-english-Style!
Diese Regatta hatte er auch schon gegen die Konkurrenz aus der ganzen Welt mehrfach gewonnen.
Als wir uns trennten, hab ich natürlich gleich mal gegoogelt. Und Tatsache, alles stimmte. Hammer!
Es nicht der „Hammer“, dass ich jetzt einen Weltmeister im Rudern kenne, nein, es ist der Hammer was ein Mensch in ein einzelnes Leben packen kann! Neben dem Sport hat er noch so einiges anderes in seinem Leben „gerissen“. Wirklich erstaunlich.
Nach zwei Bier und meinen Chippirones und seinem Hühnchen redeten wir fast zwei Stunden über die Welt wie wir sie sehen (und verstehen). Nett, nett, nett.
Meine zwei Eckpfeiler des heutigen Tages. „Mein“ Camino-Engel von der Müllabfuhr und Wilken aus der Ruderwelt. Der Rest: Laufen, laufen, laufen.
Und morgen? Laufen, laufen, laufen. 😅
Wünsche eine allseits Gute Nacht!Read more




















Traveler
Gute Güte 😮
Traveler
😅