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Camino Portugues

Porto - Santiago de Compostella Læs mere
  • Start på rejsen
    20. marts 2026

    Prolog

    15. marts, Tyskland ⋅ ☁️ 7 °C

    Noch ist nicht soweit. Doch bald! 😁
    Der Rucksack ist gepackt, die Schuhe eingelaufen und die die Unterkünfte größtenteils gebucht.
    Kommenden Freitag geht‘s los mit Zug und Flug von Freiburg-Frankfurt nach Porto.
    Was erwartet mich?
    Kilometer um Kilometer in Richtung Santiago. Bin gespannt wen ich da so alles treffen werde.
    Wie immer gilt: Es sind die Menschen, das Reisen (Wandern) erst wirklich zum Erlebnis machen. Beim Camino kommt schon auch die Spiritualität hinzu. Wie halten es die Pilger (Wanderer) mit dem Glauben? Was erhoffen sie sich vom Pilgern auf dem Camino?

    Meine Planung laufen auf 13 Tage hinaus.
    Insgesamt ca. 250 Kilometer auf der Inlandsroute des Camino Portugues.
    Die Tagesetappen sind von 16 bis 20 km. Eine „Verschnaufetappe“ mit 7 km ist dabei. Am Schluß, die Karfreitagsetappe, ist mit rd. 26 Kilometern die längste auf meinem Weg. Karfreitag ist Finaleinlauf in Santiago.
    Ich erlebe die Semana Santa in ganzer Länge und bin gespannt auf all die Prozessionen.
    Und dann, Ostern in Santiago de Compostella! Neben Rom quasi „the place to be“ an Ostern.
    Wer weiß vielleicht werd‘ ich vom Saulus zum Paulus?! 😁
    „Always expect the unexpected!“ sagte Lao Tse zu Kung Fu Zius.
    In diesem Sinne: Buen Camino!
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  • Tag1: Was haben Bruno&Alfons gemeinsam?

    20. marts, Portugal ⋅ ☁️ 17 °C

    Es beginnt! Der Camino Portugues!
    Selbstverständlich bin ich nicht der Erste und bei weitem nicht Einzige, der den Camino Portugues wandert (pilgert). Der Camino, von Porto aus startend, ist in den letzten Jahren gehypt worden und so ist er neben dem Camino Frances der zweitmeist begangene Pilgerweg nach Santiago (sagt das allwissende Internet).
    Heute Mittag am Flughafengate in Frankfurt saßen ausser mir noch einige in Wanderschuhen und Rucksack. Meine Vermutung: Die fliegen nicht zum Angeln nach Porto 🥴😁.
    Technisch hat alles wunderbar geklappt. Bahn und Flug waren pünktlich. Der Flug war komplett ausgebucht. Grundsätzlich war der Flughafen Frankfurt voll, voll, voll mit Menschen. Die Welt ist unterwegs, egal wie es politisch und wirtschaftlich steht. Und sie ist jung! Der Anteil von jungen Menschen, die Frankfurt Flughafen bevölkerten, war sichtbar höher, als der von uns Opis und Omis.

    Aufgrund meiner sehr guten Erfahrung aus der letzten Reise, hab ich mir ein Flughafentaxi zur Abholung in Porto im voraus organisiert. Das ging über Booking.com. Mit wenigen Eingaben war alles erledigt und der Fahrer, Marco, meldete sich bei mir via WhatsApp. Wir vereinbarten Treffpunkt und Uhrzeit. Was soll ich sagen? Perfekt!l Tolle Sache, diese „neue“ Internetwelt.

    In Porto selbst war ich ziemlich genau vor 40 (!!) Jahren das erste und letzte Mal. Damals war ich mit Ede und Willi, nach unserem Rosenheim-Abschluss, via Interrail in Europa unterwegs. Porto war eine Station, die uns -ich spreche sicherlich für die beiden ehrwürdigen Herren mit- im Gedächtnis hängen geblieben ist. Viel hatten wir damals erlebt, toll war’s, jedoch der Mantel des Schweigens verhüllt besser die Details.

    Nun 40 Jahre später!
    Vor 40 Jahren am Anfang der „Karriere“ als Holzkaufmann.
    Heute, nach 40 Jahren, im Abklingbecken in Sachen Holzkaufmann.
    Damals standen viele Dinge auf der „wollen-wir-erleben-Liste“, doch pilgern gehörte 100%ig nicht dazu.
    Im Jahre 2026 ist‘s das Pilgern, welches mich nach Porto bringt. Nach dem Einchecken im Hotel ging‘s runter in die Altstadt an den Douro. Dort, entlang des Flusses, brummt das Leben, steppt der Bär und jede Menge Touristen mischen sich.
    Mit „runter“ meine ich wirklich bergrunter! Und zwar nicht einfach so ein bisschen runter, sondern heftig, qusi ein Abstieg. Sportlich gesehen ist Porto deshalb durchaus eine Herausforderung, da das Herzl pumpt bis es vom Nachtleben am Fluß wieder in das kuschlige Hotelbett findet.
    Wie es sich für eine südeuropäische Stadt mit hohem Touristenanteil gehört, sind neben den Kneipen und Restaurants auch die Straßenkünstler zahlreich vertreten. Nach langen Monaten bundesdeutschen Winterwetters war es eine Wonne wieder Lebensfreude im Freien zu sehen und zu erleben. Mann, Frau, Divers ist halt einfach anders drauf, wenn‘s abends wärmer ist und der Wind nicht um die Ecke pfeift.
    Zwei Virtuosen der Portoer Musikszene habe ich auf Bild/Video gebannt. Bruno und Alfons. Musikalisch und in Sachen Virtuosität liegen Universen zwischen den Beiden. In Sachen Leidenschaft und Hüftschwung trennt den Jungen von dem Alten ziemlich viele Lebensjahre.
    Was haben die Beiden denn gemein?
    Beides Menschen, die Porto ein Gesicht geben. Beide warten darauf, dass es in der Kasse klingelt. Beide sind Teil der Stadt und deren Identität.
    Für mich war‘s einfach lustig die beiden so grundverschiedenen Männer „performen“ zu sehen.
    Jetzt geht‘s in die Heia und morgen in die Kathedrale. Dort gibt‘s den Pilgerpass. Den sollte ich immer brav stempeln lassen (auf meinem Weg nach Santiago), um als Abschluss eine Art Zertifikat zu bekommen.
    Jetzt erschd ä‘mol: A guet‘s Nächtle!
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  • Tag 2: Menschen, Musik und Starterset

    21. marts, Portugal ⋅ ☁️ 17 °C

    S‘ist 20.45 Uhr. Hinter mir liegt ein Tag, der wirklich ein schöner war. Ich wusste garnicht wie entwöhnt ich war von Jubel-Trubel-Heiterkeit. Mit Jubel-Trubel-Heiterkeit meine ich eine Stimmung in der Stadt, die aus Gelassenheit, Fröhlichkeit und Lachen besteht. Wirklich wahr, viele gut gelaunte Menschen, viel Musik und viele lachende Gesichter. Ich weiss nicht, wie ich’s beschreiben soll. Auf neudeutsch würde man sagen, dass die „Vibes“ in der Stadt „mega touchy“ und „crazy“ waren. Oder sind’s einfach die Frühlingsgefühle, die die Menschheit im allgemeinen überkommt, wenn die Sonne am Himmel steht und es angenehm warm ist. Egal wie man’s nennt, war einfach eine tolle Stimmung.

    Angefangen hat mein Tag mit dem Gang (exakterweise: dem Abstieg) zur Kathedrale. 9 Uhr war ich dort. Wo es diese Stempelkarte genau geben sollte, dass wusste ich nicht. Das Problem klärte sich jedoch schon beim Eintreffen auf dem Platz, als mehrere Rucksack bepackte Menschen zielgerichtet in eine Tür neben der Kathedrale gingen. Ich hinterher und „zack“ war ich stolzer Besitzer einer Stempelkarte mit dem wunderbar leicht auszusprechenden Namen „Credencial de Peregrinos a Santiago de Compostela“. Zusätzlich zur Karte gibt‘s gegen geringes Geld eben jene Muschel, welche als Wegweiser uns Pilger (ich sag trotzdem „uns“, obwohl ich mich nicht so richtig als Pilger im katholischen Sinn sehe) den Weg nach Santiago zeigt. Was es mit der Muschel auf sich hat weiss ich gar nicht. Sie sieht aus wie das Markenlogo des Shell Mineralölkonzerns. Obschon ich ausschließen mag, dass Shell irgendetwas mit dem Pilgersymbol zu tun hat. Aber wer weiß? Gutes Lobbying und ein guter Draht nach oben hat noch keinem Unternehmen geschadet.
    Auf der Muschel ist ein rotes Kreuz aufgemalt. Kein „normales“ Kreuz, sondern es sieht eher aus wie eine Art Dolch mit langer Klinge, einer Parierstange und einem Griff. Fachkundige unter den Lesern dieser Zeilen werden nun den Kopf schütteln und sich Haare raufend fragen ob denn der Schwarzwälder Bub überhaupt keine Ahnung vom Pilgern hat.
    Nee, hat er nicht! Bin tatsächlich völlig unbedarft dessen, was ich hier tue. Ich lauf’ einfach los und lass‘ mich überraschen. Zumindest bin ich offen für alles was mir auf meinem Weg widerfahren sollte. Schau‘n m‘ mal!

    Nun aber weiter im Tag. Mit dem Kauf der Stempelkarte war mein heutiges Pflichtprogramm erledigt.
    Ab da hatte ich quasi Urlaub. Und was macht man als Urlauber in einer fremden Stadt? Genau: Stadtrundfahrt!l
    Da ich gerne alles mit einem Schlag erledige, buchte ich sowohl eine Stadtrundfahrt, einen Besuch in einer Portweinkellerei und eine Bootstour auf dem Douro. Die Ergebnisse und Eindrücke sind in den Fotos festgehalten.

    Was unbedingt erwähnt werden sollte sind die vielen MusikerInnen. An fast jeder Ecke standen oder saßen Musiker. Alleine, als Band oder als Chor. Wirklich toll. Wie auch gestern gab‘s alle Stufen des Könnens. Da gab‘s Julio mit dem Cello an der Kathedrale. Barbara mit der Gitarre am Fluß. Beide super professionell. Es gab jedoch auch Luis (oder Louis, das weiss ich nicht genau). Luis mit seinem Es-Piston (Trompete/Flügelhorn), ohne Instagram Account und ohne eigene CD wie Julio und Barbarba). Ein Typ eher vom Schlag eines Alfons (der gestrige Flötenspieler). Im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr bemüht.
    Überrascht und fasziniert war ich von Gruppen junger Frauen, alle gleich gekleidet, alle mit Gitarren und Schlagwerk ausgestattet, die an verschiedenen Orten der Stadt ihre Lieder sangen. Und wie sie das machten! Wirklich super, super toll.
    Die erste Gruppe solcher Damen traf ich am Bahnhof. So viele musizierenden und im Chor singenden junge Frauen fallen auf. Diese Fröhlichkeit, diese Lebhaftigkeit mit der die Lieder vorgetragen wurden. Das wir richtig ansteckend. Nach zwei, drei Liedern machten die Damen Pause und ich mich auf Weg zum Fluß hinunter. Unten angekommen stand da wieder ein Gruppe junger Frauen. Gleich gekleidet wie die am Bahnhof, ebenfalls mit Gitarren „bewaffnet“. Ich war ganz perplex. Ich fühlte mich wie in der Geschichte mit dem Hasen und Igel. Ich war der Hase und die Damen der (die) Igel. Die waren doch gerade eben noch am Bahnhof?! Wie kommen die denn so schnell an den Fluß? Die Lösung lag im Detail bzw. im genaueren Hinsehen. Kleidung und Ausstattung war die gleiche, jedoch waren es mehr und es fehlte das Akkordeon. Ergebnis meines Nachsinnens: Das ist ein anderer Chor. Aber was machen so viele gleich aussehende, musizierende und singende junge Damen in der Stadt. Wo kommen die denn her? Eine junge Frau, die augenscheinlich zum Chor gehörte ging mit einem Hut herum und sammelte „Applaus“. Natürlich nahm ich die junge Dame ins „Kreuzverhör“. Allerdings erst nachdem ich ausreichend „Applaus“ gespendet hatte. Des Rätsels Lösung: All diese Damen sind Studentinnen. Die Damen jedes Chores gehören einer Fachrichtung an. Die Damen am Bahnhof waren alles Medizinstudentinnen. Die am Fluß waren/sind Studentinnen der Wirtschaftswissenschaft. Anscheinend haben alle Studiengänge so einen Chor. Je einen Männer- und einen Frauenchor (wobei ich keine Männerchöre gesehen hab). Die Damen treten auf und sammeln Spenden für ihr Studium und deren Studiengang. Hmmh, das klingt so ganz anders als wir es von unseren bundesdeutschen Studierenden hören/kennen. …weiteren Ausführungen zu dem Für-und-Wider dieser oder jener Art des Studieren in D und/oder P entsage ich mich… …aus Gründen .

    Oha! Die Zeit fliegt! Nun ist schon 21.45 Uhr! Ich muss zum Ende kommen.
    Porto, das war‘s!
    Morgen beginnt mein Weg nach Santiago de Compostela.

    Bon Camino!
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  • SuperBock mit Serena& Port mit Bellamira

    22. marts, Portugal ⋅ ⛅ 12 °C

    Mann-oh-Mann! Der erste Tag auf dem Camino und schon hab ich „Schreibstress“. 🥴😁

    Es ist 21.31 und ich schreib jetzt noch bis ich entweder a) alles geschrieben hab was in meinen Synapsen so rumspringt oder b) mir die Äuglein zufallen.

    Auf geht‘s meine lieben Fingerlein:
    Heut morgen war der Himmel endlos blau und die Temperaturen perfekt für einen perfekten Beginn meiner Pilgerwanderung auf dem Camino.
    Was nicht perfekt war/ist, ist die Strecke von Porto Innenstadt raus aus der Stadt.

    „Man läuft an stark befahreneren Straßen entlang, durchläuft Industriegebiete, Wohnsiedlungen und Brachgelände. Man durchläuft einfach nichts was schön ist.“, so steht es in einschlägigen Portalen.

    Dass das nix ist für einen „Schöngeist“ wie mich war schnell mal klar. Und so befolgte ich den Rat von routinierten Wanderern und bestellte mir ein Taxi für die Fahrt raus aus der Stadt.
    Marco, der mich schon vom Flughafen abholte, stand Punkt 08.15 Uhr am Hotel. Einsteigen, festschnallen und auf geht‘s raus aus der Stadt in die ländlichen Vororte von Porto.

    Mosteiro hieß der DopOff Punkt meiner Wahl. Ein kleiner Park direkt am Camino gelegen und ideal für ein letztes Prüfen ob der Rucksack sitzt, der Scheitel gekämmt, die Schnürsenkel fest gebunden.
    Dann ging‘s los! Unweigerlich los!

    Vor mir lag eine Strecke von rund 18 Kilometern zu einem Ort mit Namen Arcos. Ich hab‘ so geplant, dass ich die ersten drei Tage Strecken zwischen 16-19 Kilometer wandere. Zum einen um zu schauen wie es mir und meinem Körper geht und zum anderen, ob Schuhe und Rucksack sitzen. 18 Kilometer für den ersten Tag, das ist in rd. 4-5 Stunden machbar. Eintreffen am Zielort am frühen Nachmittag und dann „Wunden lecken“ Bierchen trinken. Passt!

    Das Wetter war fantastisch. Blauer Himmel. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Der Weg moderat steigend bis größtenteils eben. Etwas nervig war, dass doch einige Passagen entlang befahrener Straßen waren. Und aufgrund von fehlenden Gehwegen, ich auf der Straße lief. Sehr zum Leidwesen von Autofahrern und Wanderern.

    Die Landschaft änderte sich von städtisch auf ländlich. Grüne Wiesen, gepflügte Felder und jede Menge blühender Landschaft. Wellness für die Augen!

    Anfang war ich ganz alleine. Niemand hinter mir, niemand vor mir. Na ja, dachte ich, bin ja früh dran. Vielleicht schläft der normale Pilger einfach länger.
    Nach ca. 1 1/2 Stunden traf ich auf eine junge Frau, die mit Rucksack alleine am Wegesrand saß. Aha, dachte ich, Pellegrina (Pilgerin). Die Höflichkeit gebietet, dass alle Pilger miteinander reden bzw. sich zumindest ein „Bom Camino“ wünschen. Nach meinem Pilgergruß erwiderte sie den den ihrigen mit einem Zungenschlag der sagte: Deutsche Sprache, wahrscheinlich Schweizerin. Tatsache: Schweizerin aus Region Zürich.
    So kam es, dass Serena (so ist der Name der jungen Dame) und ich, die restliche Strecke bis Arcos zusammen wanderten.

    Hier eine grundsätzliche Bemerkung: Ich frage jeden, ob ich deren Namen und Geschichte hier im Blog nennen darf und ob ich Fotos mit ihnen verwenden kann. Niemand soll/darf hier auf in meinen Zeilen ohne Einwilligung erscheinen.

    Nun weiter zu Serena.
    Serena ist Pilgerprofi. Obwohl -das muss ich gestehen- sie äusserlich nicht den Eindruck einer gestanden Pilgerin macht. Eindrücke sind eben immer auch sehr subjektiv bis man das Subjektive durch objektive Kommunikation widerlegen kann. Serena ist so ein Fall einer objektiv aktiven interessanten Person, die subjektiv betrachtet nicht gleich als solche zu erkennen ist.

    Serena hat den 800 Kilometer Camino Fances in seiner ganzen Länge schon erwandert. Im Dezember! Sie macht Pferdetrekking in Kirgistan und ist… …Achtung Tusch „Tatatataaa“: Bäuerin!
    Tatsächlich bewirtschaftet sie in der Schweiz ihren eigenen Hof. Sie hat Pferde, Ziegen und Hühner. Baut Sonnenblumen und Knollengemüse an. So bewirtschaftet und erntet sie auf über einen Hektar Feld Rhabarber. Alles von Hand, keine Maschinen. Knochenarbeit.
    Auf dem Camino Frances hatte sie damals drei Zehnägel verloren und ist tagelang mit blutenden Füßen gelaufen.

    Den diesjährigen Camino hatte sie einen Tag vor mir direkt aus Porto gestartet. Sie bestätigte, dass die Wanderung aus Porto heraus ätzend sei und ich das mit dem Taxi ganz richtig gemacht hätte. Sie läuft im Schnitt so 25 km pro Tag. Gestern hatte sie schon drei Blasen gelaufen, die heute gepflastert waren. Während wir in Richtung Arcos unterwegs waren ging‘s zuerst am linken Fuß „Autsch, Blase auf“ und dann am rechten Fuß „Autsch, Blase auf“. Ich riet ihr an zu halten, Schuhe aus zu ziehen und die offenen Blasen zu behandeln. Nix da, meinte sie, wenn sie jetzt die Schuhe auszöge, dann würde sie die nicht mehr anziehen. Also hieß es Zähne zusammenbeißen und durchhalten bis Arcos.
    Es war eine kurzweilige Wanderung durch sehr schöne, sonnige Landschaft. Sie erzählte von den Problemen und der Mühsal auf dem Hof, dass sie jedoch nicht anders könne, da der Hof vom Vater übernommen wurde. Der Hof selbst wirft nicht genügend ab und so hat sie noch zwei andere (Teilzeit) Jobs um über Wasser zu bleiben.

    Mittlerweile waren noch einige andere Pilger unterwegs. Immer gab es kurze Unterhaltungen und dann ging jeder wieder in seiner Geschwindigkeit weiter.

    Punktgenau 13 Uhr kamen wir in Arcos an. Es war heiß gewesen auf dem Pilgerpfad. Mühselig, steinig und hart, so wie pilgern nun mal ist.
    Was verschafft Linderung: Super Bock!
    Super Bock, hell, blond, süffig und idealerweise kalt
    Dieses wohlige „Aaaaaah“ nach dem ersten Schluck gönnten wir uns im Garten einer wunderbaren Pilgerherberge. Toller Innenhof und uralte Gemäuer.
    Beim Zischen des Bieres gesellte sich noch ein Paar zu uns. Australier! Die beiden sind extra aus Australien hierher geflogen um den Camino zu wandern. Vom anderen Ende der Welt nur wegen dieses „schnöden“ Weges?!
    Nun ja, ich frage ob es denn wegen Religiosität wäre, weshalb sie den weiten Weg auf sich genommen hätten. Nein, meinten sie, es wäre der sportliche und kulturell-landschaftliche Aspekt gewesen.
    Übrigens ist das bei Serena ebenso. Sie ist nicht gläubig im katholischen Sinne und sie macht diese Pilgerwege wegen dem sportlichen, landschaftlichen und dem menschlichen Aspekt. Man träfe so tolle Menschen und man führe so tolle Gespräche, meinte sie.

    So saßen wir zu viert im Garten der Herberge und genoßen unser kühles Super Bock. Es entwickelte sich ein lebhafter Plausch über die Welt, die Politik und unser aller Leben auf den verschiedenen Kontinenten.

    Die Zeit verflog und irgendwann muss ich zu meiner Herberge weiter ziehen. Villa de Arcos, so ist der Name meiner bescheidenen Hütte, in der ich mein Haupt bette.
    Ich gestehe, ich war irritiert ob der Ausstattung des Hauses und meines Zimmers. Also Pilgerzimmer hatte ich mir anders vorgestellt!

    Abends 19 Uhr gab‘s Abendessen. An der langen Tafel waren nur zwei Gedecke eingedeckt. Oha, dachte ich, das ist aber „exklusiv“. Und wer gesellte sich da an meinen Tisch? Ein Schwabe! Wen will man denn sonst als Badenser treffen, wenn man fern der Heimat ist. Alfred! So heißt er. Zusammen saßen wir da und wurden von Bellamira bekocht und bedient. Bellamira, die Chefin und Köchin des Haues. Das Essen bestand aus Vorspeise, Suppe, Hauptgang (Hähnchenkeule mit Kartoffeln und Gemüse) und als Finale Schokoladenpudding. Es war richtig lecker. Alfred und ich unterhielten uns lebhaft über das mannigfaltige Leben das ältere Männer so leben. Alfred ist ein „Power-Pilger“,. will heißen, er macht nur Strecken von 25 km plus. Je länger desto besser. Da sag ich nur: Jedem das seine und mir die Strecken unter 25 km.
    Jedenfalls war‘s ganz lustig und interessant. Bellamira gesellte sich noch zu uns und wir sprachen über den Camino und die Pilger. Gestern hatte sie einen Gast. Und sie kochte nur für diesen einen Gast. Heute sind‘s Alfred und ich. Morgen ist‘s ebenfalls nur eine Person. Aber, ab nächste Woche Mittwoch ist sie komplett bis Ende Oktober ausgebucht. Jeden Tag, sieben Tage die Woche. Sie kocht und bäckt alles selbst. Das einzige was sie nicht macht sind die Zimmer. Ansonsten ist sie für alles und jeden zuständig. Da sag ich mal: Hut ab vor dieser Damen.
    Wie soll‘s in Portugal anders sein, gab‘s als Absacker bzw. Betthuperl einen Portwein. Nett. Lecker. Fein.

    Nach dem flüssigen Betthupferl hüpfe ich nun auch ins Bett.

    Boa Noite!
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  • 2.Etappe: Glas halbvoll & Glas halbleer

    23. marts, Portugal ⋅ ☀️ 11 °C

    Glas halbvoll und Glas halbleer, das bin ich (das halbvolle) und Alfred (das halbleere).
    Beide zusammen waren wir heute unterwegs. Von 9 Uhr bis 15 Uhr.
    Und was ist das vollkommen untypischste was zwei Männer auf einer Wanderung tun?
    Genau! Reden!
    Und zwar miteinander! Und zwar dauernd!

    Tatsächlich hatten sich der Schwabe und der Badenser komplette 6 Stunden unterhalten. Und zwar ohne -nennenswerte- Pause.
    Ich weiß, ich weiß, das klingt so abwegig und ein bisschen wie Science Fiction, aber tatsächlich gab es auf der gesamten Tagesetappe keine fünf Minuten, in denen Glas halbvoll und Glas halbleer nicht miteinander kommunizierten.

    Aber wieso halbvoll und halbleer?
    Ich, der Badenser, der bekennende Optimist, für den das Glas immer halbvoll ist.
    Alfred, der überzeugte Schwabe und bekennender Bedenkenträger und Doppeltabsicherer, für den das Glas immer halbleer ist.

    Beide reich an Lebens- und Erfahrungsjahren. Erfahrungen, die jeder der beiden, je nach „Glas Füllstand“ mal so oder mal so sah.

    Vieles des Gesagten ist privat und sollte deshalb hier keinen Eingang finden.
    Nur soviel: Es war echt lustig. Es war interessant und auch informativ.

    Es ging von Osteopathinen, die durch Handauflegen körperliche Schmerzzustände und Blockaden lösen.
    Von Technik(Daten) Verweigerung (halbleer) bis zur Preisung der technischen Möglichkeiten (halbvoll).
    Von „das Leben muss mann genießen“ (halbvoll) bis hin zur schwäbischen Knausrigkeit (halbleer) „Ich bleibe nicht in Santiago über Ostern, denn am Karfreitag morgens um 7 Uhr geht ein Flug nach Hause für 23 Euro. Als Schwabe muss ich diesen billigen Flug nehmen, das ist genetisch so festgelegt.“

    Viele, viele Themen unserer Leben wurden aus den Blickwinkeln von halbvoll und halbleer analysiert, diskutiert und akzeptiert.

    Wenn der Camino für etwas steht, dann ist es sicherlich eine Konversation wie sie Alfred und ich heute führten.
    Und das alles bei herrlichem Sonnenschein und blühenden Landschaften.

    Morgen trennen sich unsere Wege. Alfred hat eine Etappe von rd. 40 KM vor der Brust. Ich mach diese Etappe auch, allerdings aufgeteilt auf zwei Tage. Und da der Schwabe unbedingt am Karfreitag morgens um 7 Uhr losfliegen muss, da der Flug nur 23 Euro kostet, werden wir uns auf dem Camino wohl nicht mehr wiedersehen.

    Zum Abschluss des Tages waren Alfred und ich in einem Thai Restaurant essen. Für Alfred war es das erste Mal in seinem fortgeschrittenen Leben, dass er ein asiatisches (Thai) Restaurant betrat. Ob denn immer Reis bei den Gerichten dabei sei und ob er auch was für sich finden würde. Aber er war mutig wie Don Quichot und ein Mann der Tat.

    Zwei Erkenntnisse des Abends.
    Der wenig Technik affine Alfred war vom Google Übersetzer begeistert, denn mit dem konnte er die Speisekarte „lesen“ (übersetzten).
    Die zweite Erkenntnis war, dass thailändisches Essen sehr gut schmeckt.

    Und so standen wir nachher vor dem Thai und der Schwabe, von denen man weiß, dass Schwaben mit Lob spärlich umgehen (Nit g‘schumpfe, isch au g‘nug g‘lobt) lies sich zu der Äusserung hinreisen „Des war jetzd richtig guat.“

    Und so wünsche ich allen und mir „Ä guet‘s Nächtle.“ 😁
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  • 3.Etappe: Der 3. Tag! Wie geht‘s?

    24.–29. mar., Portugal ⋅ ☀️ 12 °C

    Tag 3 auf dem Camino. Bei mir ist‘s so, dass der dritte Tag derjenige ist, an dem sich entscheidet wie die Tour läuft. Was machen die Füße, die Schultern? Passt‘s mit den Schuhen? Zuviele Kilos im Rucksack?
    Gestern Abend nach rd. 20 Kilometern hatte sich meine Schulter gut angefühlt. Das Gewicht auf dem Rücken schien machbar zu sein.
    Und der Gehapparat?
    Was macht der Gehapparat?
    Na ja, mein Becken und meine Hüftgelenke sind auch nach 20 Kilometern am zweiten Tag Camino für extatische Hüftschwünge bei zu bennenden körperlichen Tätigkeiten voll umfänglich zu gebrauchen.
    Meine Beine? Hmmh…. da muss ich differenzieren. Die Beine, sprich Oberschenkel, Knie und Waden, fühlen sich an, bereit zu sein bis an‘s Ende der Welt zu wandern. Also kein Problem!
    Anders sieht es bei meinen Füßen aus.
    Nein, bis dato keine Blasen. Die Füße fühlten sich gestern Abend stark beansprucht und sehr müde an. Und ja, sie schmerzten auch. Jedoch aushaltbar.
    Heute morgen bis nach dem Frühstück auch. Als ich jedoch alles eingepackt und den Rucksack geschultert hatte, machte mein rechter Fuß „dicht“. „Dicht“ heisst bei meinem rechten Fuß, dass die Unterseite (Fußwölbung) ganz hart wird und die Oberseite druckempfindlich ist und schmerzt. Sch..ße! Das konnte/kann ich ja garnicht gebrauchen. Diese Situation mit dem Fuß der „dicht“ macht kenn ich. Ist eben mein persönlicher Schwachpunkt. Was da hilft? Na ja, auf jeden Fall kein gutes Zureden und auch keine Fußmassage. Was wirklich hilft ist Diclofenac (Entzündung bekämpfendes Schmerzmittel). So schmiß ich mir denn eine Diclo ein und machte mich auf den Weg zu meiner dritten Etappe. Die ersten fünf Kilometer lief ich wie auf Eiern. Sehr unrund und leicht humpelnd. Es wurde jedoch stetig besser und die Verkrampfung im Fußgewölbe löste sich langsam aber sicher auf. Als ich dann mein Pilgerfrühstück (siehe Foto) in einem Cafe am Wegesrand einnahm, war die Welt wieder in Ordnung. Mal schauen wie‘s morgen aussieht! Mein Körper und ich dürfen gespannt sein, wie sich mein rechter Fuß morgen früh gibt.

    Was die Kommunikation anbelangt, so dachte ich, dass ein Solo-Tag mal ganz angenehm wäre. Gestern und vorgestern waren sehr kommunikationsintensive Tage (was ich per se sehr mag). Mein Vorsatz heute den Schweigefuchs zu geben hielt bis kurz vor dem Pilgerfrühstück Café, als ich auf ein junges Pärchen aus Düsseldorf traf. Als dann am Frühstück noch „mein“ Alfred von gestern und das australische Paar von vorgestern auftauchten, war‘s um meine Selbstkasteiung in Sachen „Schnauze halten“ geschehen.
    Irgendwann zogen alle weiter und ich beendete mein Frühstück, stand auf und schulterte meinen Rucksack. Keine hundert Meter weiter traf ich auf Greta. Greta, eine Solo-Pilgerin aus Deutschland, die ebenfalls an ihrem dritten Pilgertag war. Sie starte von Porto aus auf die Küstenroute und schwenkte gestern auf die Inlandsroute um. Wir unterhielten uns über das „Warum“ der Wahl der Route und über die bisherigen Übernachtungen. Es stellte sich heraus, das Greta sich erst vor einer Woche entschlossen hatte den Camino zu gehen. Sie hatte sich nicht monatelang vorher informiert, Routen geplant und Unterkünfte gebucht (wie viele von uns, inkl. meiner Person). Sie ging die Sache wirklich jungfräulich unbedarft an. Sie wolle sich nicht auf Streckenabschnitte festlegen und auch nicht an Buchungen gebunden sein. Ihr Rucksack wiegt schlappe 6 kg. Sie hatte alles rausgeschmissen, was ich noch mit mir rumtrage, wie z.B. Herbergsschlafsack, Regenponcho, Powerbank und Taschenlampe. Sie wolle sich mit so wenige wie möglich belasten, so ihre Aussage.
    Und na ja, wie ich schon mal schrieb, haben doch einige hier auf dem Camino ihre persönlichen Beweggründe den Camino zu laufen. So auch Greta. Greta ist eine junge Frau mit Mann, Kindern, Beruf und sozialem Umfeld. Und doch gibt es da was, was an ihr „nagt“. Ihr wurde geraten sich zu bewegen. An die frische Luft zu gehen, genauer gesagt „andere Luft zu schnuppern“. Irgendwie ist sie so auf den Camino gekommen. Welches „Päckchen“ Greta mit sich trägt weiß ich, doch möchte ich auch hier -wie bei Alfred- es beim Allgemeinen belassen.
    S‘isch wie‘s isch‘ und s‘isch gut so.
    Greta und ich wanderten munter plaudernd auf dem Camino und irgendwie, irgendwann trafen wir alle „meine“ früheren Begegnungen wieder. Das australische Pärchen, welches immer wieder Pausen machte. Alfred, der sich verlaufen hatte und auch das Pärchen aus Düsseldorf. Es war ein munteres hin-und-her.
    Mittags kamen wir an ein derart idyllisches Plätzchen, dass es in jeden Rosamunde Pilcher Herz-Schmerz-Thriller passen würde. Ein alte Steinbrücke spannte sich über einen Fluß. Der Fluß war an einem Wehr gestaut, an dem eine alte Mühle stand. Kitsch pur. Ein absolutes Postkartenmotiv. Da ich (wir) viel zu früh dran waren (ich konnte erst ab 14 Uhr ins Hotel) beschlossen wir an diesem Plätzchen Mittagspause zu machen. Es war der Fotoshooting Platz Nr. 1! Jeder und jede, die vorbeikamen, wollten -und wurden- abgelichtet. In allen Variationen und Posen.
    Nur ins Wasser, da wollte nur Greta. Ein zweite Damen, deren Namen ich nicht kenne, gesellte sich zu uns. Greta und sie waren sich einig „Da müssen wir rein.“ Ich hatte „unglücklicherweise“ meine Badehose nicht dabei, so dass ich mit der Ausrede „FKK ist nicht mein Ding“ aus dem Ganzkörper plantschen rausreden konnte. Die Damen sprangen und schwammen. Greta war hin-und-weg und andere Dame japste, denn das Wasser war echt kalt. Richtig kalt. Ich streckte meine Füße ins Wasser und kam mir vor wie in einem Kneip-Becken. Altersgerecht!
    Irgendwann war das Plantschen vorbei und wir machten uns auf den Weg zu unserem Zielort. Ich musste rechts abbiegen und Greta geradeaus.
    Bevor ich den endgültigen Weg in mein „Zuhause“ einschlagen wollte, würde ich gerne noch ein gehopftes Kaltgetränk der Marke Super Bock zu mir nehmen, so war mein Gedanke, als ich die Tür zu einem kleinen Restaurant am Straßenrand aufstieß. Und wer saß da drin? Die beiden Australier. Wieder großes „Hallo!“ und schon ging die Konversation weiter.
    Wirklich lustig wie sich hier die Menschen begegnen. Für eine kurz Zeit, sei es für den ganzen Camino oder nur für einzelne Abschnitte bilden sich kleine Familien. Man trifft sich, tauscht sich aus, trennt sich und trifft sich im Laufe des Tages wieder. Sehr nett.
    Als sehr nett stellt sich auch meine heutige Herberge heraus. Von außen wie ein kleines Schloß. Mit Zinnen und großem Eingangstor. In den Fotos sind Eindrücke zu sehen.

    Für mich schließt sich nun der Tag.
    …ach ich vergaß: Heute hat sich die erste Blase an einem Zeh gebildet.

    So dürfen wir gespannt sein was Blase und rechter Fuß für mich am morgigen Tag bereithalten.

    Bon Camino.
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  • 4. Etappe: Kontemplation!

    25. marts, Portugal ⋅ ⛅ 11 °C

    Kontemplation?!
    Was ist denn das? Kann man das essen?

    Bevor‘s zur Auflösung geht , erst noch ein Zustandsbericht zu meinem körperlichen Zustand (siehe Footprint von gestern).
    Heute morgen in meinem Prinzenschloß aufgewacht und gleich mal in mich hineingehört. Alles gut. Alles ruhig.
    Vorsichtig über den Bettrand geschwungen und aufgetreten.
    O.K. keine -nennenswerten- Schmerzen. Im Vergleich zum vorigen Morgen, ein Zustand der schmerzfrei zu nennen ist.
    Das ist doch super, so meine Stimmung, der rechte Fuß hat sich über Nacht erholt.

    Heute, nach meiner bis dato längsten Tour mit etwas über 20 KM darf ich sagen, dass alles funktioniert so wie‘s soll. Schmerzfrei! Der ganze Körper inklusive meinem linken Fuß signalisieren: Lauf, Bub, lauf! Einzig der rechte Fuß meldet sich bei jedem Schritt mit „ich bin auch noch da!“. Der Druckschmerz auf dem Fußrücken ist noch da, der Schmerz und die Spannung in der Fußwölbung ist jedoch weg.
    Ein körperlicher Zustand, der fast als optimal bezeichnet werden kann.
    Die eine Blase wurde abgepflastert und verhielt sich auch den ganzen Tag ruhig.
    Und erfreulicherweise ist heute trotz langer Strecke keine weitere hinzu gekommen. Perfekt!

    Nun zur Kontemplation.
    Während die vergangenen Tage sehr kommunikativ und mit vielen Gesprächspartnern waren, stellte sich der heutige Tag als ganz anders dar.
    Vielleicht lag‘s daran, dass ich sehr früh (8.30) auf dem Camino war. Ich traf die ersten Stunden (!!) keine Menschenseele.
    Wenn Konversation mit fremden Menschen nicht möglich, dann nimmt man doch am Besten die einzige Person, die immer greifbar ist, nämlich sich selbst.
    Und da ich auf einem Pilgerweg bin, kann ja dieses alleine wandern nicht einfach „alleine wandern“ heißen sondern muss einen spirituellen Überbau bekommen.
    Die Kontemplation!
    Ein Zwiegespräch und Besinnung auf sich selbst und den lieben Gott.
    Das Zwiegespräch erledigte sich relativ schnell, denn in meinem fortgeschrittenen Alter kennt man sich ja schon ganz gut. Neue „Gesprächsthemen“ sind da eher nicht zu erwarten.
    Also stellte sich die „Besinnung“ in den Vordergrund. Da Besinnung und Gott irgendwie mit Schöpfung zu tun haben, legte ich das Augenmerk am heutigen Tag auf die Beobachtung der Schöpfung um mich herum. Die Landschaft, die Menschen und die Orte.

    Wir sind hier im Norden von Portugal. Eine landwirtschaftlich geprägte Gegend. Keine großen Ackerflächen sondern viele kleine Parzellen.
    Nach dem Durchwandern von Feld, Flur und Ortschaften darf ich sagen, den Menschen hier geht‘s gut. Wenn das Aussehen der Häuser und Gärten als Maßstab genommen werden kann, dann ist so, dass alle Häuser super gepflegt aussehen. Es gibt quasi keine Ruinen oder ungepflegte, schmuddelige Ecken. Alles tippi-toppi in Schuss. Die Gärten sind eine Augenweide. Die meisten auf jeden Fall.
    Wenn man den Wohlstand an den Automarken misst, so darf ich sagen, dass es den Menschen hier gut bis sehr gut geht. Teslas und Mercedes sind keine Seltenheit. Seltenheit haben dagegen alte und verbeulte Autos. Wirklich viele Hybrid und Elektroautos unterschiedlicher Marken.
    Sozusagen ein Bullerbü im Norden Portugals. Die Welt scheint in Ordnung zu sein.

    Glück hab ich (wir) mit dem Wetter. Bis vor zwei Wochen war es hier kalt und es regnete oft und ergiebig. Jetzt, strahlt die Sonne von einem azurblauen Himmel. Die Temperaturen sind angenehm (perfekte Wandertemperaturen). Die Landschaft strotzt vor saftigem Grün und blühenden Blumen. Also ich bin ja kein Botaniker und hab ansonsten kaum ein Auge für Blumen und Blüten, aber hier und heute darf ich gestehen, dass ich richtiggehend überwältigt (neudeutsch: geflasht) bin ob der Blüten- und Farbpracht. Auf dem Handy hab ich die App Flora Incognita. Mit der kann man bestimmen, um welche Pflanze es sich handelt. Man fotografiert Blüte, Blätter, Stamm und meistens spuckt dann die App den Namen und die botanischen Bedeutung der Pflanze aus. So hab ich heute meine Wissen um die Glänzende Tibouche, Wegerichblättriger Natternkopf und Regenzeigendes Kapkörbchen erweitert. Leider ist jetzt schon sicher, dass ich morgen nix mehr darüber weiß. Was bleibt ist die Gewissheit, dass all diese Blumen wunderschöne Schöpfungen der Natur sind.
    Und ich wiederum, darf es als Geschenk vom lieben Gott, dem Universum oder von Mutter Natur annehmen, dass ich diese Pilgerwanderung machen kann.
    Tja und somit wäre der kontemplative Kreis meiner Kontemplation geschlossen.

    Natürlich war ich nicht die ganze Zeit alleine. Es gab schon immer wieder kleine Gespräche mit anderen Pilgern. Jedoch war heute niemand dabei mit dem einen längere Strecke gemeinsam ging. Ich gestehe, ich wollte das nicht, denn Flora Incognita hatte mich voll in ihren Bann geschlagen.

    Morgen, morgen ist „Stresstag“. Die Bergetappe! Von Ponte de Lima geht‘s über steile Bergpfade und Bergkämme hinüber nach Rubiaes. Laut Komoot sind das 450 Höhenmeter. Was für einen Schwarzwälder nicht unbedingt eine Herausforderung ist. Meine früheren Wegbegleiter, die heute nach Rubiaes gewandert sind hatten sich heute gemeldet. Serena meinte, dass die Tour heftig war. Alfred meinte, dass es ganz schön bergauf und bergab ging und er sich vier Blasen gelaufen hatte.

    Wir werden sehen. Ich werde berichten.
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  • 5. Etappe: Der Tag der Muskeln!

    26. marts, Portugal ⋅ ⛅ 11 °C

    Heute war Tag der Muskeln!
    Alle waren gefordert. Bauch, Beine, Po. Kau- und Sprechmuskulatur.
    Welche der Muskelgruppen mehr gefordert waren, hängt vom Zeitpunkt der Betrachtung ab.

    Fangen wir am heutigen Morgen an.
    Ponte de Lima im Hostel. Kaum hatte ich meine zarten Augen geöffnet, verfolgten mich schon Fotos vom eingeschneiten Glottertal.
    Hier waren nun die Muskeln der Augenbrauen gefordert, welche sich zu einem „Oha!“ hochzogen. Schnee! Davon sind wir hier soweit entfernt, wie der Eisbär, der Pinguine jagen will. Hier auf dem Camino gibt‘s Sonne. Und zwar satt!
    Wiedermal makellos blau wölbte sich das himmlische Blau über die Dächer von Ponte de Lima.

    Das Frühstück im Hostel war so, dass sich der bisherige Eindruck „Muss ich nicht nochmal haben.“ verfestigte. Highlight war Lia. Lia, die Dame der Frühschicht, die sowohl Rezeptionistin, Köchin wie Frühstücksbeauftragte war. Nachdem sie mir Kaffee brachte, kam sie mit einer Kiste in der kleine runde -für mich undefinierbare- Dinge lagen. Ich soll mir drei raussuchen. Alle sollten unterschiedliche Farben haben. Etwas verdutzt und absolut Nichts wissend suchte ich mir drei raus und gab sie ihr.
    Wenige Minuten später kam sie mit meinem Pilgerpass zurück und präsentierte den von ihr hergestellten Stempel in Siegelwachs. Das war nun wirklich eine Überraschung. Sie hatte die drei kleinen Wachskugeln genommen, eingeschmolzen, auf den Pass tropfen lassen und dann den Hausstempel reingedrückt. Ein echtes Siegel. Das hatte ich auch noch nie. Ich freute mich sehr und sie freute sich, weil ich mich freute. Win-win am frühen Morgen. Das fing ja heiter an.

    Nach Verabschiedung und vielen Guten „Buen Camino“ Wünschen ging‘s los in Richtung Berge. Bekannt und berüchtigt ob der steilen Anstiege hinüber ins Tal von Rubiaes.
    Heute war für Po und Beinmuskulatur klar: Schwerstarbeit!

    Die ersten Kilometer verliefen mega idyllisch entlang eines Kanals. Gegen Ende des Kanals traf ich auf Bruna. Bruna war dabei ein Video von sich zu erstellen, wie sie am Kanal entlang geht. Klaro, als Gentleman-Pilger erster Güte und alter Wahl, offerierte ich meine Fähigkeiten als Video-Creator. Bruna nahm das Angebot an.
    Ab diesem Zeitpunkt waren dann nicht nur die Muskeln meines Gehapparates gefragt, sondern in zunehmendem Maße auch meine Sprechmuskulatur.
    Bruna ist Brasilianerin, die mit 18 von Zuhause in die Welt zog. Mittlerweile spricht sie fünf Sprachen fließend. Sie bezeichnet sich selbst als etwas überdreht. Sagen wir mal so, sie hat von Mutter Natur ziemlich viel Energie mitbekommen und sie weiß noch nicht genau wie sie diese Energie „auf die Straße“ bekommt. Sie selbst bezeichnet sich als ängstlich. Die Geschichten die sie erzählt sprechen jedoch das Gegenteilige.

    Bruna macht diesen Camino völlig ohne Plan, ohne Taktung, ohne Buchung. Am ersten Tag hatte sie Strecke und Zeitbedarf völlig falsch eingeschätzt und war bei Dunkelheit in einem Vorort von Porto eingelaufen. Sie hatte keinen Platz zum schlafen und eigentlich kein Geld für Hotel. Das sie portugiesisch spricht, sprach sie alle möglichen Leute an. Eine Damen meinte, sie solle sich da-und-da hinwenden. In dem roten Haus würde eine Frau wohnen, die etwas für Pilger übrig hat. Bruna empfand dies als letzte Chance und machte sich auf den Weg. Spät am Abend dort angekommen, wollte sie anfangs niemand reinlassen. Nach viel gut-zureden fasste eine Damen des Hauses sich ein Herz und lies sie rein. Bruna erzählte ihr die ganze Geschichte ihres aus den Fugen geratenen Tages. Die Damen meinte, sie solle sich beruhigen, alles werde gut, denn der Camino sorgt für jeden seiner Pilger.
    Am nächsten Abend gleiches Spiel. Bruna war spät dran, hatte den ganzen Tag nichts gegessen, jedoch über Kontakte einen Platz in einer Klosterherberge gefunden. Das war irgendwo auf dem Land. Sie hatte nichts gegessen und weit und breit kein Laden/Restaurant. Kein Problem meint der Gastgeber, gestern hätten sie eine Party gehabt und es wäre jede Menge übrig. Sie soll mal im Kühlschrank schauen. Alles was drin ist könne sie haben. Bruna machte den Kühlschrank auf und staunte nicht schlecht, als der vor Essen überquoll.
    „Der Camino sorgt für seine Pilger“

    Nach illusteren zwei Stunden wollte Bruna Kaffepause machen. Ich wollte weiter und so trennten sich unsere Wege. Kaum war Bruna verschwunden tauchte Nila auf. Nila ist US-Amerikanerin aus New York und Camino Profi. Vergangenes Jahr ging sie bereits den 800 km langen Camino Frances.
    Amis sind ja immer easy going. So war‘s für meine Sprechmuskulatur ein Leichtes vom Bruna-Talk auf Nila-Talk zu wechseln. Mit Menschen auf dem Camino geht wirklich nie der Gesprächsstoff aus.
    Natürlich sprachen wir auch über Politik. Sie als New Yorkerin kenne niemand der Trump gewählt hätte. Sie und ihre Freunde würden sich immer wieder fragen, wer denn diesen Mann wählen konnte. Und tatsächlich hat sie sich einen österreichischen Pass ausstellen lassen, ist somit EU-Bürgerin, im Falle Trump „is completely going nuts“ (O-Ton Nila), um dann die EU Karte zu ziehen und nach Europa zu „fliehen“.
    Erst als die Steigungen länger und steiler wurden stockte die Unterhaltung. Irgendwann versiegte sie ganz, denn nun wurd‘s wirklich steil.
    Po und Beinmuskulatur stemmten den Körper Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Puls ging nach oben, Schweißporen öffneten ihre Pforten und fluteten das T-Shirt. Nila -und andere Pilger auf dem Weg- machten immer wieder Pausen.
    Gestählte schwarzwälder Gesäßmuskulatur und durchtrainierte Beinkraftwerke schoben mich in Richtung Paßhöhe. Und dann war‘s rum! Oben!
    Frei nach Hildegard Knef „Von nun an ging‘s bergab“ ging‘s bergab. Nun waren völlig andere Muskelpartien gefragt. Die Sprechmuskeln hatten Pause, denn es war niemand da, der ihnen Beschäftigung geben wollte.
    Irgendwann weiter unten im Tal, das Erlösung verheißende Schild „Roulote Bar 200 m“. Nach 200 m dann „Familientreffen“. So ziemlich jeder und jede die über den Pass wandern, kehren in der Roulote Bar ein. Um‘s in der Pilgersprache zu sagen: Pilger pilgern zu Roulote. Viele bekannte Gesichter waren da. Nila, Almut, das australische Pärchen, Joseba, einige deren Namen mir entfallen sind. Einige neue Gesichter und Namen kamen hinzu. Inzwischen gibt‘s eine eigene WhatsApp Gruppe. S‘ist wie ich‘s schon mal geschrieben hatte. Es bildet sich eine Art Familie aus Menschen, die alle zum ungefähr gleichen Zeitpunkt angefangen haben und sich immer wieder mal für kurz mal für lang treffen.

    Und für mich gilt: Über kurz oder lang muss ich in die Heia! Der Bub ist müde.

    Nachtrag zum Gesundheitszustand: Stabil!
    Auf einer Skala von 1 - 10:
    Po 10
    Oberschenkel 10
    Hüfte/Knie 10
    Linker Fuß 10
    Rechter Fuß 6
    Sprechmuskulatur 10
    Verdauung 7
    Keine weiteren Blasen hinzugekommen.
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  • 6.Etappe:DerCamino versorgt seine Pilger

    27. marts, Portugal ⋅ ☀️ 11 °C

    „The Camino provides!“
    Das ist eine Losung, die immer und immer wieder gesagt wird.
    Sinngemäß bedeutet er: „Der Camino versorgt seine Pilger.“

    Er drückt aus, dass man/frau/divers sich keine Sorgen machen solle, der Camino wird dafür sorgen, dass alles gut geht.

    Ich hatte in meinen vorigen Beiträgen schon Menschen erwähnt, die mit diesem „The Camino provides.“ bis nach Santiago wandern. Beispielsweise Runa, die Brasilianerin, die Unterkunft und Essen fand in Situationen, welche für sie schwierig waren. Da ist Greta aus Deutschland, die quasi ohne Plan einfach losgegangen ist und hier auf dem Weg viele tolle Erfahrungen macht und ebenfalls immer einen Platz zum Schlafen und Freunde findet.
    Auch mir, dem Mann, der alles durchgeplant hat, ist es heute so ergangen, dass der Camino sich um mich gekümmert und mich versorgt hat. Dazu später mehr.

    Den heutigen Betrag -und die Fotos- möchte ich deshalb nicht den Menschen widmen, denen ich begegnet bin, sondern dem was am Camino alles angeboten wird, um genau jenen Spruch zu erfüllen „Der Camino sorgt für seine Pilger.“

    Heute ist der sechste Tag auf dem Camino. Mit ihm stand heute die bis dato längste Strecke (rd. 23 km) und der Grenzübertritt von Portugal nach Spanien an.

    Bevor ich von der Wanderung selbst erzähle noch ein paar Worte zu meiner gestrigen Unterbringung. Es war lausig kalt. Es war eine Nacht im Kühlschrank. Der kleine elektrische Heizer war ja ganz nett, aber eher ein Spielzeug. Das Kaminfeuer war schön an zu schauen, aber nicht wirklich den Raum erwärmend (anhaltend erwärmend). Drei Decken bedeckten meinen wunderbaren Körper, so dass dieser schön warm durch die Nacht kam. Nachts auf Toilette gehen war jedesmal ein „Hallo-wach-Erlebnis“. Der Boden war eisekalt. Auch die Sache mit heißem Wasser für Dusche und Zähne war eine echte Herausforderung. Ich drehte den Wasser voll auf „heiß“ und lies das Wasser minutenlang laufen. Irgendwann wurde es dann warm, nur um wenig später wieder kalt zu werden. Dann wurde es wieder warm und dann wieder kalt. Mein Trick war dann, dass ich die kalten Phasen nutzte um mich ein zu seifen und die Zähne zu putzen, um dann wenn das Wasser warm wurde alles auszuspülen.
    Jedenfalls wurde mit sehr bewusst, dass ich gerne eine funktionierende Dusche und ein warmes Zimmer hätte. Warmes Zimmer schon alleine wegen meiner abendlichen Kleiderwäsche, damit diese über Nacht trocknen konnte.
    So saß ich am -übersichtlichen- Frühstückstisch und ging meine nächsten Stationen bzw. Buchungen durch. Denn ich hatte im Kopf, dass ich zwecks authentischem Pilgerfeeling mehrere Übernachtungen in Mehrbettzimmer mit Gemeinschaftsduschen gebucht hatte. Tatsächlich, ab übermorgen standen zwei solcher „Gemeinschaftsnächte“ an. Ei-jei-jei, das muss ich irgendwie anders hinbekommen. Also schrieb ich die Herbergen an und fragte nach Umbuchung auf Einzelzimmer mit eigenem Bad an. Eine Herberge hat sich bereits gemeldet -die für morgen- und mein Ansinnen verneint. Alle Einzelzimmer belegt.
    Zum Glück gibt‘s booking.com. Keine fünf Minuten später hatte ich für morgen ein Zimmer in einem kleinen Hotel gebucht. Egal wie‘s ist, aber Gemeinschaftsnacht im Schlafsaal mit Gemeinschaftsbad, kann aber muss nicht sein.
    Dies erledigt wurde der Rucksack geschnallt und auf ging‘s in die sechste Etappe.

    Es war ein herrlicher Tag. Es gab viele schöne Passagen durch schöne Landschaft. Ein paar wenige führten entlang von Straßen, die immer ein etwas mulmiges Gefühl erzeugen, da man i.P. auf der Straße läuft, da keine Gehwege da.

    Aber ich wollte ja nicht über die Wegbeschaffenheit schreiben sondern über „The Camino provides.“
    Was also soll denn der Camino für seine Pilger tun?
    Na ja, ganz vorne stehen wohl essen und schlafen.
    Und in diesen beiden existenziellen Punkten ist auf den Camino verlaß!
    In jedem Ort gibt es Kneipen. Diese Kneipen sind gleichzeitig Café und Dorftreff. Der soziale Klassiker eben. Mehrfach hatte ich schon Fotos von meinem „Pilger Frühstück“ gepostet. Und es ist wirklich so, fast jede Kneipe hat ein Hammerangebot an süßen Backwaren und belegten Broten. Und klaro, immer Kaffe, Wasser, -und für mich- eiskalte Cola. Ich find‘s jedes Mal super, wenn ich irgendwann zwischen 9 und 10 Uhr so ein Café anlaufen kann und mir ein süßes Teilchen nebst Kaffee und Cola genehmige.
    Entlang des Weges hängen immer Schilder und Plakate für alle möglichen Angebote. Meistens sind es Herbergen und Pensionen, die sich anbieten. Dann sind es wieder Hinweisschilder auf Restaurants, die ein „Pilger Menü“ anbieten. So ein Pilger Menü hatte gestern Abend. 13 Euro! 13 Euro für 1 Flasche Wasser, 1 Suppe (großer Teller Gemüsesuppe), 1 halbes Hähnchen mit Pommes und Reis und als Abschluss gab‘s Cremé Catalan. Da kann der gemeine Pilger nicht meckern!
    „ Der Camino versorgt seine Pilger!“

    Neben Herbergen gibt‘s Schilder, welche Dienstleistungen wie z.B. Massagen anbieten. So kann der verspannte Pilger quasi auf dem Weg in den Pilgerhimmel sich noch schnell mal die Schultern und die Waden kneten lassen.
    Taxiunternehmen sind ebenfalls vertreten. Es kann ja sein, dass der Körper irgendwo auf der Strecke sagt „Nö, mag nicht mehr!“. Dann ist so ein Taxi schon eine tolle Sache.
    „Der Camino versorgt seine Pilger!“

    Interessant fand ich die Geschäftsidee mit den Steinen. Hast Du einen Wunsch, nimm einen Stein und lege Geld in die Kasse (kein exakter Betrag ist genannt). Dass dieses Geschäftsmodell funktioniert konnte ich wenig später feststellen, als in einer Passage mit porösen Seitenwänden, überall Steine in Wandnischen gelegt waren.
    Was der Glaube alles -möglich- macht!
    Und: Der Camino versorgt seine Pilger auch mit außergewöhnlichen Dingen!

    Irgendwann zwischen 18 und 20 Kilometern erreicht der Camino Portuguese Central (meine Innlandsroute) ihr Ende. In Valencia, der Grenzstadt zu Spanien, vereinigt sich der Camino Central mit dem Camino a Costa. Der Küsten-Camino ist bei Pilgern ebenfalls sehr beliebt, so dass ab Valencia die Anzahl der Pilger sich quasi verdoppelt. Ob verdoppelt kann ich nicht wirklich sagen, aber jedenfalls werden es ab jetzt erheblich mehr Pilger werden. Das heißt, der Weg wird voller. „Die Pilger-Familien“ werden neu durchmischt bzw. es entstehen neue Kurzzeit-Familien.
    Ober aber, die Individualisierung nimmt zu, will sagen, je mehr Pilger desto weniger Kontakt untereinander. Auf’m Dorf grüßt noch jeder jeden, in der Stadt -mit vielen Menschen- eher nicht. Ich werde berichten.

    Für mich hieß es „Ciao Portugal“, „Hallo Spanien“. Tui, das ist das spanische Gegenstück zum portugiesischen Valencia. Hier in Tui war/ist mein Zuhause für diese Nacht.
    Und ja meine lieben interessierten MitleserInnen, der Camino hat auch mich versorgt!
    Es war heiß heute, die Wanderung lang. Die Füße glühten in den Schuhen, An den Ellenbogen hab ich mir einen saftigen Sonnenbrand eingefangen. Als auf dem Weg immer wieder mal solche Anzeigen für eine Massage auftauchten, dachte ich, „Mensch, so eine Fußmassage, das wäre was tolles“.
    Und was soll ich sagen? Der Camino versorgt mein Füße!
    Mein Hotel, welches ich auch über booking.com gebucht hatte, war kein normales Hotel mit Rezeption, Lobby etc.. Nee, irgendwann bekam ich eine Nachricht, dass mein Zimmer bereit sei und ich zwei Zugangscodes für den Eingang und für‘s Zimmer bräuchte. Hähhh, dachte ich, wieso Zugangscodes, das ist doch ein Hotel?! Ist denn da niemand da?.
    Die Codes wurden wir gesendet und Nein, es gibt kein Personal. Außerdem liegt es zwar direkt am Camino, aber ansonsten ziemlich ausserhalb der Stadt.
    Was es allerdings wett macht ist auf den Videos zu sehen.

    In der Nachricht des Hotels stand auch, dass sie den Whirlpool eingeschaltet hätten, Diesem Satz hatte ich keine Bedeutung geschenkt, da ein Whirlpool für mich kein Auswahlkriterium ist.
    Aaaaaaber als ich dann in vor dem blubbernden Ungetüm stand, wurde ein Traum wahr.
    Neben wunderbarer Waschmöglichkeit für meine schweißigen Klamotten, bestand die absolut berauschende Möglichkeit meinen gesamten Körper ein zu tauchen. Und da waren ja noch die Massagedüsen. Und vor allem die „Jet“ Taste!! Auf „Jet“ gedrückt und das Wasser verwandelte sich in einen Blubber-Orkan. Wie wunderbar waren diese Massagedüsen. Der Druck war hervorragend. Füsse, Waden, Schultern alles wurde mehrfach via Jet-Stream durchgewalkt.
    So ging mein Wunsch nach Massage tatsächlich in Erfüllung.

    „Der Camino versorgt seine Pilger!“
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  • 7.Etappe: Es ist voll!

    28. marts, Spanien ⋅ ☀️ 9 °C

    Es ist Samstagabend kurz vor 20 Uhr.
    Die Zeit wo man/frau sich entweder den letzten Schliff gibt für‘s Ausgehen, oder sich die Chips Tüte griffbereit legt, denn gleich beginnt der Prime Time Fernsehabend.

    Und ich? Ich liege in meinem Hotelbett. Meine Wasserflasche hab ich als Wärmflasche umfunktioniert. Denn dieses Hotel hat vieles, nur keine funktionierende Heizung. Auf Nachfrage die Antwort: „No functionado!“ Auf Frage nach einem elektrischen Heizlüfter „No tengo!“ (habe ich nicht). Wenigstens heißes Wasser kommt aus dem Hahn, so kann ich die Wärmflasche -je nach Bedarf- immer wieder aufheizen.

    6. Etappe! Der sechste Tag auf dem Camino. Der erste Tag ganz in spanischen Landen. Und was soll ich sagen, der Camino ist voll. Nicht nur, dass alle Pilger von den beiden portugiesischen Pilgerwegen nun zusammen laufen, nein, sondern die Spanier, die Eingeborenen, sind in Scharen ebenfalls auf dem Weg.
    Anfangs wusste ich garnicht was hier los war. Klar, es ist Samstag, somit Wochenende, und vielleicht wollen die Spanier einfach gerne wandern. Aber fast alle haben ihre Pilgermuschel am Rucksack. Das heißt, alle sind auf dem Weg nach Santiago. Schätze, die haben nächste Woche Ferien und wollen die Semana Santa in ihrem eigenen Land erleben.
    Meine Einschätzung teilen auch die anderen MitgliederInnen meiner „Camino Central Familie“. Die „Familie“ verliert sich langsam aber sicher aus den Augen. Und es ist wie ich gestern schrieb von wegen Grüßen auf‘m Dorf und in der Stadt. Kontakte und Gespräche finden -bis jetzt- weniger statt, da viel mehr Menschen. Aber na klar gibt es sie immer noch, die Camino-Talks. Heute mit Ralf aus Köln und Sarah aus England gesprochen. Beide kamen über den Küstenweg. Auch der Küstenweg soll schon ziemlich voll gewesen sein.
    Da ich heute mal wieder eine „menschliche“ Geschichte einfließen lassen will, hier die Geschichte von Pouya.
    Pouya ist Anfang 30, gebürtiger Iraner und seit Oktober letzten Jahres deutscher Staatsbürger. Er ist Teil der „Camino Central Familie“. Pouya war im Iran Touristenführer. Gäste aus Deutschland und Iraner, die in Deutschland leben haben ihn immer gedrängt, dass er nach Deutschland kommen solle, da wäre alles besser.
    Und Pouya ging/kam. Er lernte deutsch und studierte. Was studierte er? Maschinenbau! Das Fach, das bis dato eine absolute Jobgarantie mich sich brachte. Abschluß klappte und die Karriere nahm bei einem Zulieferer von Porsche seinen Lauf. Das ist jetzt etwas mehr als zwei Jahre her. Ab Mittwoch ist er arbeitslos! Porsche hatte das Projekt bei seinem Arbeitgeber nicht mehr verlängert und sein Arbeitgeber hat ihm gekündigt. Nix mit Jobgarantie als Maschinenbauingenieur!
    Ich meinte, dass im Großraum Stuttgart und BW und Bayern so viele Weltfirmen sitzen würden, da wird er nicht lange arbeitslos sein. Nein, meinte er, er habe schon viele Bewerbungen geschrieben und es kam auch zu zwei-drei Gesprächen, aber letztendlich kamen immer Absagen. Die Firmen haben schlichtweg zu wenig zu tun und sie investieren nicht mehr.
    Soweit ist es mit Deutschland schon gekommen, dass fertige Maschinenbauingenieure keine Stelle mehr finden. Und das bei der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Da sieht man mal wie vorsichtig alle geworden sind, bzw. wo wir wirtschaftlich stehen.
    So sind die Schicksale, welche einem (mir) hier auf dem Camino begegnen mannigfaltig.
    Was gibt‘s sonst zu berichten? Alfred, mein schwäbischer Wandergeselle von vor fünf Tagen, hat es fast geschafft. Ihn trennen noch 67 Kilometer von Santiago. Bei mir, d.h. ab O Porreño sind noch etwas über 100 km. Alfred muss also gelaufen sein wie ein Schwabe, bei dem das Finanzamt an die Tür geklopft hat. So wird er auf jeden Fall seinen 23 Euro Flug morgens um 7 Uhr am Karfreitag bekommen. Wahrscheinlich sitzen in dem Flieger nur Schwaben und feixen ob des guten Deals.
    Das klingt jetzt ein bisschen gehässig, ist aber eher liebevoll gemeint. Denn sie sind ja nett die Schwaben.

    Morgen stehen rund 22 Kilometer an. Endpunkt soll/ist ein Hostal direkt am Strand. Ich bin gespannt. Da ich meinen Einzug nach Santiago für den Karfreitag geplant habe, muss ich die nächsten Tage ein bisschen trödeln. Zieh ich durch, dann bin ich schon Mittwoch bzw. Donnerstag in Santiago. Das will ich nicht. Deshalb schiebe ich für Übermorgen eine Kurzetappe mit nur rd. 8 km ein.

    Mal schauen was der Camino bereit hält,
    Schön wär‘s wenn‘s wieder ne Heizung gäbe.
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  • 8.Etappe: 8 von 13 - Bergfest!

    28. marts, Spanien ⋅ ☀️ 16 °C

    …bevor‘s losgeht, das Wichtigste zuerst: Heizung geht!
    Die Nacht wird eine angenehme werden!

    …bevor‘s richtig losgeht… …ich gestehe, ich habe mich verzählt.
    Ich hab zweimal den Titel „6. Etappe“ vergeben.
    Vielen Dank für‘s aufmerksame mitlesen und kommentieren.

    Die heutige Etappe sollte eigentlich „7 von 13 - Bergfest“ titeln, nun heißt sie korrekterweise „8 von 13“ trägt aber immer noch den Titel „Bergfest“.
    Denn irgendwann muss ja mal „Bergfest“ sein.
    Nun ist halt der Zeitpunkt für‘s wirkliche Bergfest überschritten, aber ein Bergfest gehört doch einfach zu so einer Tour, die in Etappen geplant ist.
    Geplant sind 13 Etappen mit insgesamt rd. 250 Kilometer (geplant).
    Nun gibt‘w zwei Möglichkeiten für‘s Bergfest. Entweder bei der Hälfte der Etappen (= 6 1/2) oder bei der Hälfte der Kilometer (125).
    Beide Werte sind überschritten, will heißen das Ende ist näher als der Anfang.
    Absolut Zeit für eine „Bergfest-Zwischenbilanz“

    150,8 Kilometer! Das sind die via Komoot mitgeloggten Kilometer der 8 Etappen.
    Insgesamt bin ich seit Ankunft in Porto rd. 185,7 km gelaufen (lt. Handy).
    Tatsächlich bin ich in meinem, an Jahren nicht mehr jungen Leben, noch nie so viele Kilometer am Stück gelaufen. Und da kommen noch rund 100 dazu.

    Was sagt mein Körper und meine Ausrüstung zu diesen Zahlen.
    Die Ausrüstung hält! Schuhe (Salomon) zeigen keinerlei Ermüdungserscheinungen. Der Rucksack reißt am Kopfteil auf, wird jedoch bis Santiago halten. Socken (Salomon und Falke) sind ebenfalls noch top. Von den Wanderhosen hab‘ ich bis jetzt nur die Fjell Raven im Einsatz. Wenn nichts passiert werde ich sie bis Santiago tragen.
    Alles was meinen Oberkörper ziert ist von Mammut. Geiles Zeug! Die Wandershirts, die Weste und der Windbreaker sind ihr Geld wert. Die Shirts halten den Wind ab und geben auch dann noch warm, wenn sie von meinem Schweiß triefend nass sind. Abends durchgewaschen und -falls Heizung vorhanden- am nächsten Morgen wieder einsatzbereit.

    Mein Körper!
    S‘ist ja der Einzige den ich habe. Hier gäbe/gibt es keine Tauschmöglichkeiten falls ein Teil Schaden nehmen würde.

    In einem der vorigen Berichte hatte ich schon in einer Skala von 1-10 meine Körperteile begutachtet. Die damalige Wertung bleibt i.P. noch bestehen. Das heisst das Beine, Knie, Hüfte, Schulten, Arme, Hände, Kopf volle Punktzahl mit einer 10 bekommen. Meinen linken Fuß hatte ich damals mit einer 10 beurteilt. Diese bleibt ebenfalls bestehen. Erfreulich ist, dass mein rechter Fuß -meine Problemzone- sich von einer 6 auf eine 7,5 verbessert hat. Beide Füße fühlen sich -so wie heute- heiß, müde und fertig an. Am nächsten Morgen ist der linke Fuß wieder top und der rechte Fuß macht halt was er immer macht, er zickt rum. Allerdings eben nicht im Schmerzbereich, sondern eine Art von Schmerz, die eher lästig als schmerzhaft ist.
    Bei den Blasen ist‘s bei einer geblieben. Die ist allerdings hartnäckig. Morgens wird sie immer schön abgepflaster, so daß ich Ruhe habe. Das passt!

    Alles in allem ist diese Zwischenbilanz für‘s Bergfest ganz in Ordnung. Bin zufrieden.

    Somit leite ich nun über zur heutigen Etappe.
    Wie wir alle wissen war heute Nacht Zeitumstellung. Ergo war‘s heute morgen noch dunkel und -viel schlimmer- lausig kalt. Meine Nacht war eh zum Vergessen, da‘s im Zimmer kalt war, die Klamotten nicht trockneten und von Schallschutz in diesem Hotel noch niemand was gehört hatte.
    8.30 Uhr war jedoch Aufbruch angesagt. Und so stand ich irgendwann zwischen 8 und 8.30 Uhr auf dem menschenleeren Platz in O Porreño und schlug die Richtung Redondela ein. Ich wusste, mein Hotel für heute Nacht muss direkt am Meer liegen. Das waren doch mal schöne Aussichten. Aus O Porreño raus waren wirklich wenige Wanderer unterwegs. Die, die unterwegs waren hatten eins gemein: Alle waren dick eingepackt. Aus dem Ort raus, füllte sich der Camino rapide mit Menschen. Weiß Gott wo die überall herkamen.
    Seit Tui änderte der Camino sein Gesicht. Seit heute ist es -für mich- kein Camino mehr mit familiären Banden, sondern s‘ ist eine Massenveranstaltung, deren Hauptbeteiligte die Spanier selbst sind. Oft sind es riesige Gruppen, die unterwegs sind. Für mich (für uns), die den portugiesischen Camino spannend fanden, wegen eben dieser Pilger-Kontakte ist‘s ein Mitlaufen im Strom geworden. S‘ isch wie‘s isch und so isch‘s!

    Anstrengend war die Etappe. Es ging viel hoch und wenig runter. Dann wieder hoch, hoch, hoch, um dann steil auf Meereshöhe abzufallen. Hab ziemlich gepustet heute.
    Schön war, dass entlang des Wegs immer wieder Stände aufgebaut waren. Einige waren reine Verkaufsstände, andere waren Stände mit Sozialtouch. So waren immer wieder Schulen und Schulklassen am Wegesrand, die alles mögliche anboten und Geld für ihre Klasse/Schule sammelten. Sehr nett.

    Irgendwann kam ich in Redondela an. Auf einem Platz in der Stadtmitte lagerte viele Menschen mit Rucksäcken. Offensichtlich alles Pilger des Camino. Was machen die denn alle hier? Chillen? Auf den Osterhasen warten? Die Lösung war das Schild, welches an einem große Haus am Ende des Platzes angebracht war: „Albergue de Peregrinos“. Aha, das war also die Pilgerherberge.
    Wer meine bisherigen Berichte verfolgt hat weiß, das ich eigentlich auch Stockbetten in Gemeinschaftssälen in solchen Herbergen gebucht hatte. Diese Herberge, vor der ich stand, wäre meine Herberge für heute Nacht gewesen. „Wäre“, denn da der Camino für seine Pilger sorgt, hat mir der Geist des Camino den Wunsch eingeflößt den Gemeinschaftsunterkünften mit Gemeinschaftswaschräumen zu entsagen und mir Räumlichkeiten mit eigenem Bett und eigenem Bad zu suchen. Lang lebe der Camino mit seinen Eingebungen!
    So konnte ich die Menschenansammlung frohgemut links liegen lassen, denn mein Zuhause für heute Nacht lag ausserhalb der Stadt, direkt am Meer.
    Und ja, da lieg ich nun. In einem Einzelzimmer mit eigenem Bad. Den Schallschutz hat auch hier niemand für wichtig erachtet, aber -nachdem ich heute Mittag ernste Zweifel hatte- die Heizung funktioniert und es ist kuschlig warm. Perfekt!
    Im Hostal gibt es ein Restaurant. In diesem Restaurant durfte ich zu Mittag eines meiner spanischen Lieblingsessen verköstigen: Tintenfisch in seiner eigenen Soße (Chocos en su tinta con arroz y patata). Herrlich!

    Wie ich gestern schon schrieb, entzerre ich die Tour. Von Anfang an hatte ich geplant, dass irgendwann ein „Pausentag“ sein müsste. Zum Einen wusste ich nicht wie es mir und meinem Körper ergeht. Zum Anderen wäre ich zu früh in Santiago, wenn ich das derzeitige Tempo (Kilometer) beibehalten würde. Morgen ist nun dieser „Relaxtag“. Morgen sind‘s nur rund 8 Kilometer bis zur nächsten Unterkunft. Sehr schön. Somit hab ich morgen alle Zeit der Welt für Frühstück, Maniküre, Pediküre und Lektüre.

    Mit diesem Ausblick verabschiede ich mich in die Nacht.
    Buena note!

    P.S. Aufmerksame Leser sind überwältigt -bzw. misstrauisch- ob der Menge meiner Zeilen. „Das kann der unmöglich am Handy mit zwei Daumen tippen!“
    Nein, kann er nicht!
    Habe mir eine Bluetooth Zehnfingertastatur zugelegt, die man zusammenklappen. Tolles Teil! Funktioniert einwandfrei.
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  • 9. Etappe: K & K

    30. marts, Spanien ⋅ ☀️ 17 °C

    K & K
    Das sind die zwei Teile meines „Trödeltages“.
    Kommunikation und Kontemplation

    Kommunikation ging morges gleich beim Aufbruch aus meiner Strandbehausung los.
    Zwei jung gebliebene Damen .-in meinem Altersbereich- folgten mir, als ich Rucksack schulternd vom Strand in Richtung Berg aufbrach.
    Die eine der beiden Damen sprach mich denn auch gleich an „Do you go to Santiago too?“ „If time and tide allows, yes!“, so meine Antwort.
    Ab dann waren wir ein Team. Val aus Manchester und Marianne aus Siegen.
    Für Val ist es der zweite Camino. 2014 machte sie den Comino Coastal und dieses Jahr -so wie ich- den Camino Central. Für Marianne ist es der erste Camino. Sie startete einen Tag vor mir aus Porto und wählte den Camino Coastal. Wir drei „strandeten“ zusammen im Hostal Antol, umgeben von spanischen Pilgern. Als ich gestern Nachmittag im Hostal ankam, war ich quasi der erste -ich dachte der einzige- Pilger. Also ich abends nochmal runterging war die Bude voll und die spanische Sprache feierte Partys.

    Heute morgen nun wir drei auf dem Weg vom Strand in Richtung Camino. Da das Hostal nicht direkt am Camino lag, gab es keine gelben Pfeile. So verließen wir uns auf die Komoot-Navigation. Auf Komoot war leider nicht ersichtlich, dass der Weg zum Camino ein durchaus beschwerlicher war. Von 0 Meter Meereshöhe von 180 m senkrecht zur Höhenlinie steil bergan. Da pumpte mein Herz, welches eigentlich heute auf Maniküre-Pediküre-Lektüre eingestellt war. Auf halber Höhe trafen wir Gustavo. Er kam aus einem Haus, dessen Außenwände über und über mit Gegenständen des katholischen Lebens verziert war. Er erzählte uns stolz, dass das Haus seinem Bruder gehörte und es weit über den Ort hinaus bekannt sei, denn das Haus würde abends leuchten wie eine Disco. Alles würde blinken, glitzern, schillern und leuchten. Leider, leider war es für uns früher Morgen, so dass uns die Devotionalien-Disco vorenthalten blieb.

    Val, Marianne und ich erzählten uns über die gemachten Erfahrungen, Erlebnisse und Pläne auf/für dem Camino. Marianne -ungefähr mein Alter- hatte bis dato immer in Gemeinschaftssälen geschlafen. Gestern war das erste Mal, dass sie ein Hostal mit Einzelzimmer gebucht hatte. Sie sagte, dass es nun genug sei mit Stockbetten im Gemeinschaftsräumen. Sie hätte die Schnauze voll (O-Ton). Ab jetzt gibt‘s nur noch Einzelzimmer mit eigenem Bad. Sie erzählte denn auch Geschichten wie z.B. von Weckern, die um 5.30 Uhr runter gingen. Von Bettwäsche, die nur bedingt sauber zu nennen war. Das in-Lauerstellung-sein, um eine der ersten in der Dusche zu sein.
    War schon interessant zu hören und für mich die Bestätigung, daß meine Wahl bisher eine ganz gute war.
    Was sie hatte -zwangsläufig-, war noch vielfältigere Kontakte zu PilgerInnen als ich. Auch hier hatte sie einige Geschichten zu erzählen von jungen Frauen, die körperlich nicht weiter konnten und Zug und/oder Bus nach Santiago nahmen/nehmen.
    Val, die ebenfalls über den Camino Central gekommen war, erzählte, dass sie bei einem privaten Gastgeber übernachtet hatte, der ihr abends Fotos von seiner aktiven Zeit in Santiago zeigte. Dort ist ja dieses Schwingen des Weihrauchkessels eines der Hauptspektakel. Sieben Männer sind anscheinend nötig um den Kessel in Schwung zu bringen bzw. in Schwung zu halten. Und einer dieser Männer war -zu seiner Zeit- ihr Gastgeber. Der wiederum erzählte viele Geschichten aus seiner Weihrauch geschwängerten Zeit.
    So war es in lustiges Miteinander, Val, Marianne und ich.
    Ich selbst erzählte auch von meinen Begegnungen und Beobachtungen. Selbstverständlich kam ich auch auf das -von mir kaufmännische betrachtete- Geschäftsmodell von „Wunsch-Stein-Kaufen“ zu sprechen. Das gipfelte selbstverständlich in der rhetorischen Frage „Wer in der Welt kauft solche Steine?“ Marianne stoppte und sagte „Ich!“
    Tatsache! Marianne hatte sich einen solchen Wunsch-Stein gekauft. Diesen im Stein gespeicherten -und bezahlten- Wunsch trägt sie bis nach Santiago. Dort wird der Stein (mit dem Wunsch) abgelegt (wo weiß ich nicht). Sie jedenfalls findet diese Idee toll und würde immer wieder solche Steine kaufen.
    Und ich, ich war in meiner kapitalistischen Sichtweise bestätigt, dass es für jedes Produkt -und sei es noch so abwegig- KäuferInnen gibt.
    Am Besten funktioniert dieses System natürlich mit Glauben. Bei Glauben muss man nichts liefern, sondern allenfalls Platzhalter (Steine) anbieten, in den der/die Gläubige ihren Glauben übertragen.
    Klingt jetzt natürlich ziemlich kritisch, was ich per se auch in Sachen Religion/Glauben bin, aber wenn es jemand (in dem Fall Marianne) glücklich macht, dann ist es absolut wunderbar. Menschen glücklich zu machen ist das höchste Gut. Und wenn es in Form von Steinen ist, dann sind es eben Steine, die glücklich machen.

    Später am Vormittag stieß noch Arielle zu uns. Arielle (ich bin mir nicht sicher ob der Name so geschrieben wird; ich hab‘ nicht nachgefragt) kommt aus Wiesbaden und kennt Marianne von gemeinsamen Nächten in der Gemeinschaftsunterkunft.
    Es war denn eine illustre Gesprächsrunde von Redondela nach Ponte Sampaio.
    In Ponte Sampaio trennten sich unsere Wege, denn hier war schon meine Herberge für die heutige Nacht.
    Dies war Teil 1 meines Tages: Kommunikation.

    In Ponte Sampaio ist das dominierende Bauwerk die alte Steinbrücke über den Fluß. Ach war das schön! Der Himmel blau, das Bauwerk beeindrucken, die Leute gut drauf und ich hatte Zeit. Der Camino führt über diese Brücke, so dass alle Pilger diesen Weg einschlagen. Da war ein stetes Kommen-Knipsen-Weitergehen. Da ich Zeit hatte und am Ponte rumlungerte, stellte ich mich gerne zur Verfügung, wenn es darum ging Freunde, Paare, Familien und Solo-Pilger auf „Fotos-für-die-Ewigkeit“ zu bannen.

    Ab dem Ponte begann der zweite Teil meines Tages, die Kontemplation .
    Später ging ich zu meiner Herberge und bezog mein -im Vergleich zu meinen zwei letzten Schlafräumen- absolut dekandent-luxuriöses Zuhause für heute Nacht.
    Wer meine Berichte verfolgt, hat mittlerweile eine guten Überblick über die Betten, in denen ich meinen Body (Body=schönes neudeutsches Wort) lege.
    Die Bandbreite -nicht die Bettbreite- ist wirklich erstaunlich. Und zum Überfluss an Luxus kommt heute hinzu, dass ich in zwei Räumen zwei Klimaanlagen habe -die funktionieren- und ich die Temperaturen nach Belieben hochjubeln kann. Was ein Geschenk!!
    Der Rest des Tages bestand dann tatsächlich in Maniküre-Pediküre-Lektüre.
    Und jetzt, 21.35 Uhr. liege ich im Bett mit vollgeschlagenem Bauch.
    Das kostet alles „nix“ hier! Will heißen, im Vergleich zu Deutschland ist es sehr günstig. Meiner Herberge ist ein Restaurant angeschlossen, in welchem es Top 2 meiner Top 100 Lieblingsgerichte gibt: Spagetti Bolognese und Tintenfischer in ihrer eigenen Tinte (hatte ich gestern schon). So gab‘s heute Mittag Bolo und heute Abend Tintenfisch. Beides begleitet von Vino Tinto, Oliven und etwas Brot.
    S‘Pilgerleben besteht aus einer Aneinanderreihung von Prüfungen des Entsagens. Kulinarischen Prüfungen des Entsagens! Ich gestehe: Ich erliege diesen Versuchungen des kulinarischen Lebens. Freiwillig! Und gerne! (Seufz)

    Morgen ist ein neuer Tag. Ein moderater neuer Tag. Rund 16 Kilometer liegen vor mir. Das ist die 10. Etappe. Es fehlen dann noch Drei. Die haben‘s allerdings in sich. Jede Etappe deutlich über 20 Kilometer. S‘ ist ja Karwoche. Da muss der Bub -vor allem seine Füße- leiden. Das ist katholisch-genetisch so implantiert (jeder der noch Pfarrer Schlegel kennt weiß wovon ich spreche).

    Jetzt geb‘ ich mich erstmal den süßen Träumen eines Ü60 hin.

    Gute Nacht. Bis denne!
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  • 10.Etappe:Und es muss „Verrückte“ geben!

    31. marts, Spanien ⋅ ☀️ 22 °C

    Und es muss „Verrückte“ geben!
    Muss es das? Ich finde ja!
    Auf jeden Fall wenn man verrückt in die zwei Wort ver- und -rückt teilt.
    Es soll weg-gerückte benennen. Menschen, die nicht das normale Leben führen, sondern die weg gerückt sind vom „Standard“. Menschen die Dinge tun, die außergewöhnlich, die schräg, die spleenig sind.
    Einen solchen Typen hab‘ ich heute getroffen. Alejandro! Der Mann am Wegesrand, der Stempel in ein Wachsbett gießt, dessen Farbe/Farben jeder selbst bestimmten kann.

    Wollen wir jedoch den Tag mit dem beginnen, mit dem er normalerweise beginnt: Mit dem Morgen!
    Kurz vor 8 Uhr war‘s als ich meine Äuglein öffnete und die Ü60 Träume beendete.

    Eine interessierte Dame schrieb mir, was ich denn bei den Ü60 Träumen träume?
    Meine sehr verehrte Mitleserin, was wohl?
    Natürlich Sex, Drugs und Rock n‘ Roll! Ganz klar!
    Denn Träume über/mit Schnabeltasse, Toilettenstuhl und Rollator sind nicht wirklich Alternativen 😁.

    Dies geklärt, geht‘s nun weiter mit der Feststellung, dass es heute morgen kein Frühstück gab. Warum? Nun ja, mein Restaurant von gestern hat heute Ruhetag und ist ansonsten die einzige Kneipe im Ort. Nicht schlimm dachte ich, denn der Camino versorgt seine Pilger. Auf der Karte geschaut und gesehen, dass nach wenigen Kilometern ein Café kommen soll. Perfekt!
    Rucksack geschultert und raus in einen fantastischen Morgen. Keine Wolke am Himmel und die Temperaturen angenehm. Zwar zog ich Weste und Windbreaker übereinander an, aber wie sich herausstellte reichte T-Shirt und Weste vollends. Es war ein angenehmer Morgen. Der Weg ging wie gewohnt hoch und runter. Ein munteres Spielchen, welches durchaus Hunger und vor allem Durst machte.
    Der Mensch -vor allem der Pilger in der Karwoche- hält ja vieles aus, so dass ich zwar nach Frühstück (Cola, Kaffee, Brötchen) lechzte, aber dies meine gute Laune nicht trübte. Gute Laune deshalb, weil sich mein rechter Fuß -wie bekannt mein Sorgenkind- von einer 7,5 auf eine 8,5 hochgeschoben hatte. Will heißen, heute morgen hat er nicht gezwickt, sondern sich mit vollem Einsatz zum Wanderdienst gemeldet. Sehr schön, dachte ich, das wird noch was mit dem „Wunder von Santiago“.

    Ein leichter Dämpfer erhielt dieser schöne Morgen, als das potentielle Kaffee sein Potential nicht ansatzweise ausschöpfte, da es noch komplett zu war.
    Na ja, na ja, da kommt bestimmt bald was, so sprach ich zu meiner Verdauung.

    Bevor jedoch das Highlight Frühstück kommen konnte, gab es mitten auf‘m Weg einen kleinen Menschenauflauf. Nanu, was ist denn da los?
    Interessiert schaut ich mir an was so interessantes am Wegesrand geschah!

    Da saß ein Mann, dessen Arbeitskleidung wenig an einen Geschäftsmann erinnerte, der jedoch unentwegt quasselte und mit einem Bunsenbrenner hantierte. Die Pilger standen in Schlange und hielten alle ihre Pilgerpässe bereit.
    Jetzt kapierte ich: Hier gab‘s einen Stempel für den Pilgerpasse.
    Aber Hallo, nicht nur irgendeinen, sondern ein Very-Super-Special-Wax-Edition.
    Der Hersteller der Stempel hieß/heißt Alejandro. Ob Künstlername oder nicht, jedenfalls versteht er sein Geschäft als Dienstleister im Auftrag des Herren für die Schäflein des Herrn.
    Alejandro hatte viele verschieden farbige Wachskerzen. Er fragte denjenigen, der an der Reihe war, welche Farben er den wünschte. Da die Reihe länger war hatte man etwas Zeit sich auf diese knifflige Frage vor zu bereiten. War man dran, nannte man die Farben und Alejandro wählte die entsprechenden Kerzen aus, machte sie mit dem Bunsenbrenner heiß und ließ dann das Kerzenwachs auf den Pilgerpass tropfen. War genügend Wachs auf dem Papier nahm er seinen Stempel und drückte ihn in die Wachsmasse. Zum Abkühlen wurde der Pass beiseite geschoben und ein neuer Wachsstempel begonnen. So hatte er immer einen in Arbeit ein zweiter konnte abkühlen. Ein wohl durchdachter „workflow“.
    Während er das alles machte, quasselte er unentwegt. Und wenn seine Zigarette ausging nahm er einfach den Bunsenbrenner von der Kerze weg und zündete damit die Zigarette wieder an.
    Als ich an die Reihe kam war ich überfordert. Ich hatte Fotos und Videos gemacht und dabei nicht an die Auswahl meiner Farben gedacht. Dann stand ich vor Alejandro und… …äääähhhh… …was mach, was nehm ich, was mich…. …nix kompliziertes… …was schönes… …was etwas mit mir zu tun hat…
    Tja, meine interessierten Leserinnen und Leser, da viel mir tatsächlich nichts besseres ein, als das gelb-tot-gelb der badischen Flagge. Tatsache! Ich bin sicherlich kein Verfechter der Idee des Großherzogtums Baden, aber ein bisschen Lokalpatriot bin ich denn doch. Die Farben des Glottertals‘ waren zu kompliziert. Die Farben von Sachsen und Baden liessen sich nicht mischen. Schwarz-rot-gold wären noch gegangen, aber das mir zu groß gesponnen. Badisch gelb-rot-gelb fand ich dann echt gut. Und so ließ Alejandro gelb, dann rot, dann gelb auf meinen Pilgerpass tropfen. Während er das machte gab er uns (einer Australierin und mir) noch Tips wie wir weiterlaufen sollten. Da wäre eine Weg, ein Camino Contemplation, denn sollten wir unbedingt nehmen. Die Erklärung lieferte er in spanenglisch, einem Mix aus Spanisch und Englisch.
    Und was kostet der Spaß? Soviel wie es einem Wert ist!
    Alejandro hat keine Preisliste. Nur eine Art Napf steht nebendran, in den die Pilger das reinlegen was sie als angemessen betrachten. Was ist angemessen?
    Keine einfache Antwort auf diese Frage. Ein Euro ist sicherlich zu wenige, zehn Euro sicherlich zuviel. Ich gab/warf vier Euro in den Napf. Wieso vier?
    Hmmh, das war das einzige Kleingeld was ich noch hatte. Im Geldbeutel waren sonst nur fünfzig Euro Scheine.
    Und Kreditkarte nahm Alejandro nicht.
    S‘ Finanzamt, versteht ihr?
    Alejandro war nur mit Stempel machen beschäftigt. Nebendran hatte er noch andere Dinge im Sortiment. Rechts war ein Bauchladen voller Krims-Krams an Ketten, Ohrringen und Armbändern. Links war ein Korb mit abgepackten Süßigkeiten, Bananen und in zwei Kühlboxen lagen Getränke. ALLES auf Basis, gib was Du für angemessen hälst. Ist das nicht verrückt dieses Geschäftskonzept? Oder ist es nicht viel eher genial?! Genial deshalb, weil redliche Menschen -davon gehe ich aus- wohl eher mehr in den Topf (Napf) schmeißen, als sie müssten, alleine wegen des guten Gewissens. Oder wie sehen die werten Mitlesenden die Sache?

    Alejandro war eine echte Attraktion. Diese Attraktion löste jedoch mein Problem mit dem fehlenden Frühstück nicht. Nach ca. 2 Kilometer kam der nächste in der Karte verzeichnete Versorgungsstop. Dieses Mal war‘s ein alter Mercedes, der als Kiosk ausgebaut war. Der Kioskbetreiber war leider kein Frühaufsteher und so war er erst in den Startlöchern als ich vorbei kam.

    Der Camino kümmert sich um seine Pilger! Um mich kümmerte er sich in Form eines viereckigen Schildes mit Hinweis auf die Bar Pascacio. Lediglich 200 m vom Camino entfernt soll der Ort sein, an dem mein Dürsten und Hungern ein Leiden fand. So war‘s denn auch. Und wieder mal bestätige der Camino, dass er sich um seine Pilger kümmert.

    Der Rest des Weges war super schön entlang eines Flusses. Auf dem Weg kreuzte ich immer wieder mit drei Damen meinen Weg. Mal waren sie voraus, mal ich. Ich glaube es sind Mutter mit ihren zwei Töchtern, bin aber nicht sicher und hab mich nicht gefragt. Jedenfalls war ich für die Damen der Camino-Fotograf. Wenn‘s passte lichtete ich die drei Damen immer ab.
    Lustiger weise traf ich die drei heute Abend in der Pilgermesse in Pontevedra. Auf dem Foto mit allen Pilgern sind‘s die, die so in meine Kamera lächeln.

    Und ja, liebe Interessierten, ihr habt richtig gelesen, ich war in der Kirche. Genauer in der Pilgerkirche von Pontevedra zu einer Pilgermesse.
    Wer hätte das gedacht. Der alte Kirchenkritiker geht in eine Messe.
    S‘ kommt noch schlimmer!
    Ja, ich gestehe: Ich hab‘ mir heute einen Wunsch-Stein gekauft.
    Einen Kauf, von dem ich vor Tagen noch dachte „Wer in der Welt kauft solch einen Stein?“ Nun weiß ich‘s besser: ich bzw. auch ich!

    Pontevedra ist eine schöne lebendige Stadt. Tolle alte Innenstadt.
    Und wie ich es liebe, dieses spanische Lebensgefühl. Abends sind alle Gassen, Straßen voll. Die Menschen flanieren, plappern sitzen in Bars und auf den Plätzen. Ein tolles, freies, ungezwungenes Leben.
    Nur Pulpo, den kann ich jetzt nicht mehr sehen. Hatte heute wieder Pulpo zum Abendessen. Jetzt reichts. Ab morgen gibt‘s wieder so was bodenständiges wie Hühnchen mit Reis. Jawoll!

    Heute Abend war ich bei meiner ersten Prozession in der Semana Santa. Ich hab die Videos/Fotos in zwei exktra Beiträgen online gestellt. Das ist schon ganz speziell was die Spanier hier in der Semana Santa so treiben. Während ich hier auf dem Bett sitze und tippe, höre ich die Bläser und Trommler durch die Straßen ziehen.

    Langsam komme ich zum Ende. S‘gäbe noch einiges zu berichten, aber s‘reicht. Für interessierte MitleserInnen und für mich.
    Morgen beginnen die Hardcore-Karwoche-Tage. Drei anstrengende Etappen bis nach Santiago. Wir werden sehen wie‘s mir ergeht.

    Wünsche eine gute Nachte und viele schöne Träume egal of U60 oder Ü60.
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  • 11. Etappe: S‘ geht d‘gege!

    1. april, Spanien ⋅ 🌙 9 °C

    S‘ geht d‘gege!
    23-20-23 hieß es gestern auf einem Plakat. 23 km bis Caldas de Reis, 20 bis Padron, 23 bis Santiago.
    Die ersten 23 kann ich streichen. Komoot zeigt 21,1 km für die eigentliche Etappe an. Mein Handy sagt 23,5 bis hier ins Bett (in dem ich jetzt liege).
    Egal welche Zahl herhalten darf, s‘ war kein Zuckerlecken.

    Alles nahm heute morgen 7.30 h seinen Anfang. Ready to go stand ich vor dem Hotel und starte bei Komoot die Aufzeichnung. Links, dann rechts, dann wieder rechts, dann wäre ich auf dem Camino.
    Menschenleer waren die Gassen. Es war ein gutes Gefühl los zu laufen. Füße waren in Ordnung, die Klamotten rochen frisch (bzw. nach meinem Duschmittel) und das Wetter -wieder mal- perfekt. So ging ich nach links. Schon während des Laufens hört ich vor mir ein Scharren auf dem Boden, sah aber niemand. Als ich um die Ecke bog, stand ich auf einem kleinen Platz, von dem drei Straßen abgingen. Es gab also mehrere „rechts“ Möglichkeiten.
    Der Platz war leer. Leer bis auf eine junge Frau, die in mit ihrem Müllwagen auf dem Platz stand. Sie fegte den Boden (daher das Scharren), Die Situation wirkte etwas skurill. Es war noch dunkel, niemand unterwegs, nur hier auf diesem kleinen Platz stand eine Frau mit Besen und Kehre in der Hand und den Müllwagen vor sich her schiebend. Das eigentlich verwirrende war, dass diese Dame eine ausgesprochen hübsche Dame war.
    Ja, ja, ich soll nicht nach dem Äußeren gehen und das soll auch keinen Einfluß haben, aber dennoch: Diese junge hübsche Dame mit ihren Straßenkehrer-Klamotten, am frühen Morgen, auf dem leeren Platz, passte so überhaupt nicht hierher. Wie eine Erscheinung aus einer anderen Sphäre!
    Ich blieb stehen. Zum Einen, da ich die richtige Straße finden musste, zum Anderen, weil mich dieses Bild dieser Frau auf diesem Platz zu dieser Uhrzeit innehalten ließ.
    Ich stand da. Sie hörte auf zu kehren und schaute zu mir. Ein strahlendes Lächeln flog über ihren Antlitz und gold schimmernde Aura umgab ihr Haupt.
    Ruhig, anmutig, grazil, schritt sie -oder schwebte sie?- zum mir und sagte: „To the Camino? This way.“ Ihre Augen strahlten, die Hand hob sich und ihr Finger zeigte auf die linke der beiden rechten Straßen. Wäre der Boden nicht aus Stein gewesen, ich hätte mich auf die Knie begeben. So stand ich in Ehrfurcht und sprach mit einem Hauch der Anbetung in der Stimme: „Muchas gracias“
    Er war mir begegnet! Der Engel des Camino! Verkleidet als Straßenkehrerin! Sie, die mich auf den rechten Weg geleitet hat.
    Unter letztem Einsatz meines Willens fragte ich „May I take a foto of you?“
    „Si!“ drang die spanische Antwort auf meine Frage über ihre Lippen.
    So steht nun in den Analen von dingdongda auf findpenguins, dass ein Engel ihm begegnet ist und ihm den rechten Weg gezeigt hat.

    ….seufz, ist das nicht eine schöne Geschichte?!
    Und das am frühen Morgen!

    Dem rechten Weg folgend gelangte ich bald auf den Camino. Da war dann rum mit der Einsamkeit. Völkerwanderung zur Morgenstund! Bei einer Gruppe war‘s sogar so, dass vorne einer Person mit Warnweste lief und eine Person in Warnweste am Schluß. Wie in der Schule, um die Gruppe ab zu sichern.

    Der Weg ging dahin durch schöne Landschaft. Waldwege wechselten sich mit Wegen durch Weingärten und Feldern ab. Sehr nett, sehr angenehm zu gehen.

    An einem Punkt war mal wieder Menschenansammlung am Wegesrand. Was gab‘s da? Ach gucke-da, wieder Wachsstempel. Sehr schön, dachte ich, ich hab ja Zeit, ich lass mir einen machen. Die Warteschlange war übersichtlich. Vor mir waren drei, die bereits in Bearbeitung waren und ein Paar welche direkt vor mir dran warteten. Irritiert war ich, als ich sah, dass die Drei vor mir mindesten fünf-sechs Pilperpässe hatten. Komisch, dachte ich, wartete jedoch geduldig.
    Der Mann, der die Wachsstempel ausfertigte hatte eine anderes System als Alejandro am Vortag. Er hatte mehrere Stempel zu Auswahl. Nett dachte ich, Motivwechsel ist gut. Während ich wartete, kam eine größere Gruppe Spanier von hinten. Eine der jungen Damen der Gruppe kam direkt auf das vor mir wartende Paar, redete mit denen, öffnete den Rucksack und drückte den Beiden ein ganzes Bündel Pilgerpässe in die Hände. Häähhh, was ist den hier los! Dann verstand ich! Vor mir war die Vorhut einer größeren Gruppe, die alle diese Wachsstempel wollten. Die standen an, bis die Gruppe mit den Pässen kam. Bei den Drei die ihre Pässe gerade in Bearbeitung hatte, muss es genauso sein. Deshalb auch mehr Pässe als Personen.
    So ein Mist, dachte ich, das mach ich nicht mit. Ich warte doch nicht Ewigkeiten für einen solchen Stempel. Meine Entscheidung erleichtert wurde der Umstand, dass ich plötzlich das Preisschild sah. 2 Euro pro Stempel. Nun ja, 2 Euro ist nicht die Welt, aber bei Alejandro war es die Freiwilligkeit des Preises, die den Stempel so „wertvoll“ (besonders) machte. Jetzt, mit Preisschild und Warteschlange, war das nix mehr für den Schwarzwaldbub. Ergo, ging‘s weiter in Richtung Caldas de Reis.

    Ein schönes Gefühl war, als ich den Wegmarker 50 km passierte. Nur noch 50 km to go nach Santiago. Vor Tagen machte ich noch ein Foto, als ich die 200 km kassierte.

    Über Caldas de Reis ist nicht viel zu sagen. Es ist ein kleines Städtchen, dass bekannt ist für seine Thermalquellen, aber dessen Wichtigkeit sich aus der Lage auf dem Camino ergibt. Im Prinzip machen alle Pilger hier halt. Caldas de Reis zu überspringen und direkt nach Padron zu gehen, ist zwar möglich, aber dann liegt die Tagesetappe bei rund 45 Kilometern.

    Nett war, dass ich das australische Pärchen vom Anfang des Camino Portugues traf. Wir tranken wieder mal ein Bierchen und sprachen über Gott und die Welt. Irgendwie kamen wir auf Vornamen zu sprechen. Ich erzähle ja immer, dass ich persönlich niemand kenne, der ebenfalls Meinrad heißt. Ich weiß zwar, dass es Menschen gibt mit dem gleichen Vornamen, aber gesprochen habe ich noch keinen von denen.
    Perry meinte, das ginge ihm genauso. Da eröffnete ich ihm „die Welt von Perry Rhodan“. Sein Namensvetter Perry mit Nachname Rhodan ist die erfolgreichste Romanfigur in der deutschen Literatur! Seite 1961 (!!) ununterbrochen erscheinen Ausgaben über das galaktische Leben von Perry Rhodan. In anderen Ländern z.B. Australien ist der Science Fiction Held völlig unbekannt. Der real existierende Perry lachte sich schlapp über diese Geschichte.
    Wir trennten uns mit der Absicht uns in Santiago wieder zu treffen.

    Abends, nach einem kleinen Schläfchen, machte ich mich auf die Suche nach Nahrung. Da mein Hotel zentral liegt, ist das kein Problem. In einer kleinen Bar wurde ich fündig. Die Dame hinter der Theke verstand mich jedoch schlecht (warum auch immer) und so musste ich mit der Hand auf die Speisekarte zeigen.
    Wenig später trat ein Herr in die Bar, der augenscheinlich keine Spanier war. Er bestellte. Auch hier war die Dame hinter der Theke nicht in der Lage seine Bestellung zu verstehen. Ich verstand jedoch, dass dieser Herr wahrscheinlich Deutscher war.
    Also sprach ich ihn an. So lernte ich Wilken kennen. Wilken ist ein Vorname aus Norddeutschland. Wilken ist 73 Jahre alt und läuft den Camino von Vigo aus (spanische Kurzstrecke). Jeder erzählte von sich, woher er komme etc.. Wilken wohnt bei Ratzeburg. Ich meinte, das was mir zu Ratzeburg einfiele wäre der „Ratzeburger Achter“. Für jüngere Leser bitte googlen. Der Ratzburger Achter steht für internationalen Erfolg Deutschlands im Rudern. Ja, meinte Wilken, kennt er. Er ist den mitgerudert. Wie, mitgerudert, fragte ich nach. Na ja, meinte er, er rudert seit 58 Jahren. Ist mehrfacher Europa- und Weltmeister im Einer (in seiner Altersklasse) und war im Deutschland Achter zu den Olympischen Spielen in Moskau. Leider wurden die Olympischen Spiele Moskau, damals von Deutschland aus politischen Gründen, boykottiert, so dass er nie bei Olympia gestartet ist. Jedoch bei unzähligen Meisterschaften egal ob Deutsch-, Welt- oder Europameisterschaften. Und da wäre noch Henley. Henley?, fragte ich. Ja, meinte er, Henley ist im Prinzip das wichtiges Ruderevent der Welt.
    Zur Aufklärung: Henley ist in/bei London und die Strecke wo die Rudermannschaften Oxford gegen Cambridge rudern. Prestige, Tradition und Old-english-Style!
    Diese Regatta hatte er auch schon gegen die Konkurrenz aus der ganzen Welt mehrfach gewonnen.
    Als wir uns trennten, hab ich natürlich gleich mal gegoogelt. Und Tatsache, alles stimmte. Hammer!
    Es nicht der „Hammer“, dass ich jetzt einen Weltmeister im Rudern kenne, nein, es ist der Hammer was ein Mensch in ein einzelnes Leben packen kann! Neben dem Sport hat er noch so einiges anderes in seinem Leben „gerissen“. Wirklich erstaunlich.

    Nach zwei Bier und meinen Chippirones und seinem Hühnchen redeten wir fast zwei Stunden über die Welt wie wir sie sehen (und verstehen). Nett, nett, nett.

    Meine zwei Eckpfeiler des heutigen Tages. „Mein“ Camino-Engel von der Müllabfuhr und Wilken aus der Ruderwelt. Der Rest: Laufen, laufen, laufen.

    Und morgen? Laufen, laufen, laufen. 😅

    Wünsche eine allseits Gute Nacht!
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  • 12.Etappe: Weihrauch, wo wehst Du?

    2. april, Spanien ⋅ ⛅ 9 °C

    23-20-23! Das war‘s vorgestern. Heute fiel die 20 (tatsächlich rd. 22 km).
    Was noch zu tun bleibt ist der 23ziger-Finaleinlauf.
    Morgen früher Nachmittag sollte es soweit sein. Nach 13 Etappen mit dann insgesamt rd. 250 km werde ich den Camino Portugues abschließen.
    Was erwartet mich in Santiago?
    Menschen, Menschen, Menschen.
    Anscheinend ist die Stadt seit vorgestern explodiert.
    Susan, meine gute Freundin aus Leipzig, is bereits in Santiago und berichtet quasi „live“ aus der Stadt.

    Und heute? Was gibt‘s über heute zu erzählen?
    „Pilger“-business as usual.
    Frühstück um 7, loslaufen 7.30, ankommen irgendwann zwischen 12-14 Uhr je nach Streckenlänge.
    Interessant ist immer die durchschnittlich gelaufene Geschwindigkeit (siehe Foto mit der Tagesetappe). Mein persönlicher Durchschnitt liegt bei 4,8/4,9 km/h.
    Ist der Durchschnitt niedriger, so ist das ein Zeichen für viel Kommunikation auf dem Camino. Wer „schwätz kann nit schaffe“ auf‘s Wandern übertragen, wer viel quatscht wird langsamer. Heute lag meine Durchschnittgesgeschwindkeit bei 4,5 km/h.
    Das lag auch an den Gesprächen links und rechts, aber auch mit durchaus intensiver telefonischer Verbindung ins heimische Deutschland. Allein mit meinen Mitarbeitern telefonierte ich rd. 1 Stunde, um allen „Frohe Ostern“ zu wünschen. Zwar setzte ich Schritt vor Schritt während des Telefonates, doch das Schritttempo verlangsamte sich.
    Es gab einige schöne Stempel-Stände unterwegs.
    In Padron besuchte ich die Kirche, die hier noch leer war, aber in Santiago aus allen Nähten platzen wird.
    Mein Hotel das „Scala“ liegt etwas 3 Kilometer ausserhalb vom Stadtzentrum Padron. So bekomme ich vom abendlichen Leben und der Semana Santa nichts mit. Ich hatte das Hotel deshalb gewählt, um morgen ein paar Kilometer „ein zu sparen“. Jetzt sind‘s rd. 23 Kilometer, sonst wären‘s 26 gewesen.
    Einige von uns laufen noch deutlich über Padron hinaus, oder schieben noch eine Etappe dazwischen (z.B. Marianne und Wilken). Sie übernachten rd. 8 km vor Santiago, damit sie keinen so anstrengenden Final-Tag haben.

    Ich hab‘s anders geplant. Schließlich ist morgen Karfreitag. Der Tag an dem gebüßt, gegeiselt, gekreuzigt wird. Da will ich doch als bibelfester Christ (bibeltreu ist was anderes) auch ein bisschen leiden. Keine Honig-Strecke, sondern Quäl-Strecke.
    Na ja, ne richtige Quäl-Strecke wird‘s nicht werden, denn 23 Kilometer sind nach 12 vorhergehenden Etappen nichts mehr was mir den Schlaf raubt. Morgen sind‘s die Höhenmeter. Es ist morgen der steilste Anstieg mit den meisten Höhenmeter des gesamten Camino. Rein rechnerisch über doppelt so viel Höhenmeter als die vergangenen Tage. Komoot gibt 450 Höhenmeter an. Für Glottertäler Verhältnisse ein Kinderspaziergang, aber… Wie‘s wirklich sein wird, weiß ich morgen Nachmittag.

    Santiago wird spannend. Geplant ist, dass ich mindestens eine der Semana Santa Prozessionen anschaue. Ein Pilgergottesdienst ist „Pflicht“. Sehen würde ich gerne das schwingende Räucherfaß (Botafumeiro). Susan hat herausgefunden, dass der Schwung am Sonntag, 11.15 Uhr stattfinden soll. Abzusehen ist, das alle, wirklich alle Pilger und alle Touristen sich den Weihrauch reinpfeiffen wollen. Einmal richtig katholisch high werden! Das bedeutet denn wohl früh da sein, sich als Sardine zu den anderen Sardinen zu quetschen und einen langen Atem zu haben.

    Das ist mein letzter Bericht auf dem Camino. Irgendwie schade. Hab mich dran gewöhnt, so als Betthupferl die Tasten zu drücken und das erlebte in Worte zu fassen.

    Einen abschließenden 13zehnten Bericht gibt‘s mit Sicherheit.
    Und danach? Wer weiß? Vielleicht Afrika im Mai? Wir werden sehen.

    Wünsche allen schöne Ostertage. Möge der Osterhase und das Osterwetter für alle das bringen was sie sich wünschen.
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  • 13.Etappe: Grande Finale | Der Weg!

    3. april, Spanien ⋅ 🌙 7 °C

    Irgendwann kommt er, der finale Tag!
    Der Tag, wenn eine Aufgabe gemeistert, eine Reise beendet und ein Ziel erreicht ist.
    Karfreitag 2026 sollte der Tag sein, an dem ich die längste Wanderung meines Lebens abschließen werde. Coole Sache!
    Alles war bereit für diese eine letzte Etappe.
    Das Wetter war bestens. Der Körper bereit.

    Wie in den letzten Tagen ging‘s gegen 7.30 h los. Eigentlich war noch dunkel. Aber nur „eigentlich“. Ein perfekter Vollmond strahlt von einem makellosen Himmel auf den Pfad der mich (uns) nach Santiago leiten sollte.
    Ich schreibe „uns“, denn wie in den letzten Tagen, ich war nicht alleine.
    Überhaupt nicht alleine. Das genaue Gegenteil von alleine.
    Es waren wirklich viele, viele Menschen unterwegs.
    Es fühlte sich -für mich- nicht mehr an wie pilgern. Die Ruhe war weg.
    Es zogen Menschen in einem „Affenzahn“ an mir vorbei.
    Manchmal kam es mir vor wie beim Schlußverkauf, wenn die Türen sich öffnen und die Massen an die Wühltische rennen.
    Aber was soll‘s. S‘ isch wie‘s isch und d‘rum isch‘s wie‘s isch.
    Die allgemeine Laune war gut. Es wurde gegrüßt, es wurde geredet. Man traf „alte Bekannte“ aus vorigen Etappen.
    Und ich, ich wartete auf den Berg. Auf die Steigung. Auf die 450 Höhenmeter, die mir Komoot ankündigte.
    Es zog sich und zog sich. Es ging immer wieder ein bisschen bergauf, aber nicht wirklich steil. Nicht Aufstieg Kandel, sondern Föhrentalstraße vom Kreuz nach hinten (für nicht eingeweihte Leser: Es ist beispielhaft die Topographie des Glottertales genannt).
    Und die Kilometer schmolzen. 20, dann 15, dann 10 und immer noch kein Berg. Ich dachte „Jetzt muss er doch mal kommen der Anstieg“. Aber irgendwann ging‘s um eine Ecke und die Stadt Santiago de Compostela lag vor. Jetzt kommt er nimmer, so meine innere Kommentierung des Anblicks.
    Ob Berg oder nicht, jedenfalls waren am Schluß rd. 24 Kilometer und 450 Höhenmeter geloogt (Komoot). Die finale Etappe meines Camino Portugues.

    Schon am Morgen dachte ich „heute nimmst Du alle Stempel mit, die Du kriegen kannst“. So blieb ich in jeder möglichen Stempelstelle hängen und zierte meine Stempelkarte mit vielen Erinnerungen. Es gab wieder schöne Wachsstempel (siehe Videos).

    Wieviel Uhr war‘s denn? Ich weiß garnicht genau. Irgendwann zwischen 12 Uhr und 13 Uhr bog ich in die historische Altstadt von Santiago und rrrruuuuummmmssss wurde ich ausgebremst. Die Straße wurde von einem Polizeiwagen gesperrt und die Herren Polizisten standen da mit Maschinenpistole im Anschlag.

    Na das ist ja mal ein schöner Empfang, dachte ich.

    ….wie weiter geht?

    Es folgt: Grande Finale | Der Einzug
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  • 13.Etappe: Grande Finale | Der Einzug!

    3. april, Spanien ⋅ ☀️ 17 °C

    Ausgebremst!
    Ich war fast 5 Stunden gewandert und nur noch von dem Wunsch getrieben, das obligatorische Bild vor der Kathedrale zu machen, 0 Kilometer Stein zu finden und mein Pilger-Zertifikat abzuholen.
    Ich war gedanklich im Zu-Ende-bring-Tunnel!

    Und dann stand da der Polizeiwagen und blockiert meinen Wunsch die Reise abzuschließen. Ich war echt „angepisst“.
    Ich lief um‘s Auto herum und wollte wissen weshalb die Herren mit Gewehren die Zufahrt blockierten.
    Weiter vorne war eine Karfreitagsprozession im Gange. So eine Semana Santa Prozession mit Kapuzenmännern, Altären und Musik.
    Eigentlich toll, aber wieso müssen die ausgerechnet jetzt ne Prozession machen, wenn ich zur Kathedrale will. Und wieso ausgerechnet auf meiner Strecke?!
    Wie gesagt, ich wollte einfach fertig werden und war „not amused“ über diese Verhinderung meines Wunsches.
    Aber was soll‘s. Aufregen lohnt sich nicht und der liebe Gott hat uns Geduld geschenkt, um diese auch zu leben.
    Und so lebte ich die Geduld und formulierte die Prozession gedanklich um, nicht als Behinderung sondern als meine ganz persönliches Willkommens- und Einzugsprozession. Gedanklich die Situation gedreht schon war das ganz echt ne coole Sache.
    250 km von Porto hierher gelaufen, mit dem Plan am Karfreitag in Santiago einzulaufen, nur um dann mit einer Karfreitagsprozession empfangen zu werden.
    Besser geht‘s nimmer!!!

    Susan, meine Leipziger Freundin, war auch bei der Prozession und hatte mich im Wirrwarr der Maskenträger entdeckt. Da sie schon länger in Santiago war kannte sich sich aus und bugsierte mich durch Seitenstraßen auf den Platz vor der Kathedrale.

    Hier stand ich nun! Auf dem Platz auf dem alle Pilger, egal aus welcher Himmelsrichtung, ihren Rucksack abwerfen, hunderte von Fotos in allen möglichen Positionen machen und einfach glücklich und stolz sind es geschafft zu haben. Viele liegen einfach auf dem Boden, den Rucksack im Rücken und geben sich minutenlang, stundenlang dem Gefühl hin angekommen zu sein.
    Ich war der „minutenlang“ Typ, will sagen, wir machten Fotos, aber ich lag nicht auf dem Boden an den Rucksack gelehnt. Ich wollte die Pilgerreise nun abschließen, eine runde Sache daraus machen.
    Dazu gehören definitiv die Zertifikate, welche jeder Pilger bekommt, sofern er sich im Pilgerbüro registriert.
    Mit Susan im Schlepptau ging‘s dann los, das Pilgerbüro zu suchen und mich in die Bürokratie zu stürzen.
    Nun ja, in Santiago kommen täglich Pilger an. Die Verwaltung ist es gewöhnt, dass Pilgerandrang herrscht. Und so haben die es ganz gut gelöst.
    In einem Raum stehen Computer. Dort gibt man seine Daten ein: Name, Pilgerweg, Art des Pilgern (Fuß, Fahrrad o.ä.), Beginn, Ende. Ist alles drin, spuckt der Computer eine Nummer aus. Mit dieser Nummer stellt sich der bußfertige Pilger in eine Schlange und starrt auf einen große Bildschirm. Dort werden die Nummern aufgerufen und einem Bearbeitungsschalter zu gewiesen. Alles ging relativ zügig und so stand ich schon bald am Schalter 6 und reichte Pilgerpass und gezogene Nummer der Dame. Die Daten wurden abgeglichen, auf „Enter“ gedrückt und schon spuckte der Drucker zwei wunderschöne Pilgerzertifikate aus. Wieso 2? Keine Ahnung wieso zwei. Jedenfalls ist eines in spanisch und eines auf Latein. Tolle Sache!

    Nun war ich -bin ich- zertifizierter Pilger und Mitglied der Pilgergemeinschaft des Heiligen Jakobus zu Santiago de Compostela.

    Den Rest des Tages erzählen die Fotos.
    Ich werden noch zwei oder drei Footprints schreiben.
    Einen über die Tage in Santiago de Compostela und einen mit einem „Best-Of“ und Resümee des Camio Portugues.

    Die Uhr zeigt genau Mitternacht. 0 Uhr. Es ist Ostersonntag.
    Mal sehen was (ob) der Osterhase für Eier ins sonntägliche Nest legt.
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  • „Best Of“ und Resümee

    5. april, Spanien ⋅ ☁️ 5 °C

    Sodele, Tag 2 nach Ankunft in Santiago.
    Ostersonntag, 21 Uhr, das Handy (Display) auf ein Kissen gelegt und die Tastatur auf dem Schoß.
    Es stehen die letzen beiden Berichte von meiner Pilgerwanderung auf dem Camino Portugues Central nach Santiago an.
    Der erste footprint (Bericht) wird wie bei den vorherigen Reisen ein Resümee.

    Was war der Plan? Wie ist‘s gelaufen? Was geht besser?

    Der Plan!
    Der Plan war den Camino Portugues mit seinen rund 250 Kilometer von Porto nach Santiago de Compostela zu laufen.

    Warum?
    Immer eine gute Frage nach dem Warum! Und eine Frage, die sehr oft auf dem Camino gestellt wird. „Wieso gehst Du den Camino?“
    In meinen vorigen Beiträgen habe ich den ein oder anderen Beweggrund meiner Pilgergefährten angerissen, aber nie wirklich benannt, weil diese letztendlich sehr privat sind. Im Gespräch werden die Beweggründe zwar genannt, aber sie sind nicht für die Veröffentlichung auf einer Plattform wie dieser geeignet.
    Nur soviel. Die Beweggründe waren so vielfältig wie die Menschen vielfältig sind. Ich habe nur ein einziges Mal als Beweggrund den katholischen Glauben genannt bekommen. Das war bei einer Teilnehmerin einer dänischen Pilgergruppe.
    Bei allen andern stand schon irgendwie das „finden von sich selbst“ und das „finden von Antworten“ als spirituelle Überschrift über der Wanderung, jedoch Religion im Sinne der katholischen Kirche nicht.
    Und jetzt die spannende Frage: „Und bei Dir?“ = mir?
    Meine Antwort war immer: „Ich hab Zeit, durchaus zu viel Energie und ich bin interessiert an Menschen und deren Geschichten.“
    Aber klar war ich auch gespannt was der Camino mit mir macht. Vor allem was macht mein Körper. Hält er das aus?
    Und ja, er hält das aus. Ich bin hochzufrieden. Schon mehrfach hab ich meine Körperteile auf einer Skala von 0-10 beurteilt. Die damaligen Wertungen bestehen auch nach den rd. 300 gelaufenen Kilometern (250 Kilometer Camino + vorher, nachher).
    Beine, Knie, Hüften, Rumpf, Schultern, Kopf = 10 *
    Linker Fuß = 10 *
    Rechter Fuß = schwankend! Von 6 auf 7,5 auf 9 steigernd, jetzt am letzten Tag wieder auf eine 7 zurückgefallen. Kurioserweise nie während des Laufens. Da gib‘s immer 8,5 - 9,5. Es war dann immer abends und am nächsten Morgen, dass der rechte Fuß zickte. Von unterwegs hab ich mir schon einen Termin bei einem Osteopathen gemacht. Mal schauen was der meint.

    Ausrüstung:
    Knöchelhohe Schuhe von Salomon: 10
    Meshsandalen von Croc: 10
    Shirts und Jacken von Mammut: 10
    Hose von Fjell Raven: 10
    Rucksack von North Face 35 ltr: Im Prinzip eine 10. Jedoch hat der wirklich gelitten. Für den Rucksack wird‘s keine weitere Reise geben, der wird in den Ruhestand verabschiedet.

    Medikamente:
    Ausgestattet vom Grippepulver (Geloprosed) über Hustentabletten, Paracetamol, Ibuprofen, Diclofinac, Immodium bis hin zu Pflaster aller Arten und Retterspitz Muskelcreme.
    Gebraucht hab ich 3 Stück Diclofinac, alle zwei Tage ein Pflaster zum Schutz eines Zeh und eine Tube Retterspitz Muskelcreme. Ob die Retterspitz Creme wirklich was genutzt hat kann ich nicht sagen, jedoch war‘s ein Ritual meine Füße nach dem Duschen, abends vor dem ins Bett gehen und morgens vorm Socken anziehen, schön mit Retterspitz ein zu cremen.

    Kleidung/Kleinteile:
    Hat gepasst. 3 Unterhosen, 2 T-Shirt kurz, 1 T-Shirt lang, 3 Paar Wandersocken, 4 Halstücher, 1 Ersatzbrille, 2 Powerbank, 2 Ladekabel, 1 Kopflampe, 1 Wasserflasche, 1 Brotbüchse, 1 Leinenhose, 2 Baumwollhemden lang, 1 Pullover, 1 Regenponcho, 1 Seidenschlafsack (Herbergsschlafsack)
    Der Rucksack wog 8 kg (Wasserflasche leer, Brotbüchse leer).
    Das Gewicht hat gut gepasst. Es war nicht zu viel. Wenn ich was weglassen würde dann wäre es eine Powerbank. Den Rest würde/werde ich so lassen wie‘s war.

    Mitnehmen würde ich grundsätzlich immer ein Taschenmesser bzw. Multitool. Aber da ich meinen Rucksack als Handgepäck mit ins Flugzeug nehme, war das nicht möglich.

    Was gibt‘s noch zu erwähnen?
    Englisch! Es hilft ungemein, wenn Englisch einigermaßen fließend gesprochen wird. Oft war es in den Gruppen so, dass zwar Deutsche dabei waren, aber eben auch viele aus anderen Ländern. Die Kommunikationssprache war, bleibt und ist: Englisch. Da führt kein Weg dran vorbei.

    Jahreszeit
    Diese zweieinhalb Wochen waren/sind perfekt! Das Wetter war vom ersten Tag an super, super, super. Besser geht‘s nicht! Für‘s Wandern perfekt.
    Wir hatten das Glück, dass es bis kurz vor unserem Reiseantritt regnete. Quasi ab dem Wochenende als ich in Porto eintraf war Frühling angesagt. Das zeigte sich in der Natur. So viele blühende Pflanzen! Eine Augenweide.
    Frühling ist nach meiner jetzigen Erfahrung eine sehr gute Zeit für den Camino. Ab Mittag ist jetzt schon so warm, dass ich mir nicht vorstellen mag, im Sommer den Camino zu wandern. Herbst ist bestimmt auch ganz gut. Jedoch fehlt da die Blütenpracht des Frühlings.

    Kommunikation untereinander
    Irgendwie scheint ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass alle miteinander reden. Alle grüßen „Bon Camino“ und alle gehen sehr offen miteinander um. Ob das jedem gefällt? Würde sagen, dass der Camino auch ein Erlebnis ist, wenn man nicht mit jedem seine Geschichten teilt. Mir macht‘s halt einfach Spaß mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Das macht‘s Leben für mich aus. Generell, nicht nur auf dem Camino.

    Altersgrenze
    Jeder/jede in jeder Altersklasse kann den Camino gehen. Wilken ist 73. ist ihn gegangen. Val ist 68 und ist ihn gegangen. Mein australischen Freunde Perry und Irina dürften um die 70 liegen. Ich selbst gehöre m.E. nach auch in die obere Altersklasse. Die Masse der Camino-Pilger ist doch eher in den 30ßigern und 40zigern. O.k. in den 50zigern sind auch einige dabei. Ab 60 wird‘s dann weniger.

    Fazit:
    Tolle Sache! Gerne wieder! …muss ja nicht gleich morgen sein 😌😁
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  • Santiago: Botafumeiro

    5. april, Spanien ⋅ ☁️ 14 °C

    Hier will ich nicht viel schreiben.
    Santiago als Stadt ist ein Besuch wert, keine Frage.
    Da aber meine Reise eine Reise auf dem Camino Portugues war, möchte ich über die Stadt selbst nicht schreiben.

    Einzig: Der Botafumeiro!
    Das Weihrauchfass welches an hohen kirchlichen Festtagen oder bei hohen Geldspenden geschwungen wird.
    Wir hatte heute das Glück den Botafumeiro in Aktion zu sehen.
    Hier die Fotos / Videos!

    Danke für‘s Mitlesen und Kommentieren.

    Nächste Reise?
    Voraussichtlich in 8 Wochen nach Afrika (Transfrontier Park Namibia-Südafrika-Botswana)… …schau‘n m‘ mal
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  • Einfach großartig!

    10. april, Tyskland ⋅ ☁️ 12 °C

    Eigentlich ist der Camino Portugues Geschichte. Das reale Leben hat uns wieder.
    …dennoch, da sind diese Momente…
    …so einen Moment hat Joseba geschaffen, als er vorhin schrieb, dass er zwei Videos von seinen Zeichnungen gemacht hat.

    Es ist wunderbar was Menschen schaffen können!
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    Slut på rejsen
    8. april 2026