Tanger: Bilanz Marokko
19.–20. apr. 2024, Marokko ⋅ 🌬 20 °C
Nachdem mich inzwischen einige Beschwerden erreichten und mich auf ausbleibenden Footprints hinwiesen, geht es nun weiter:) Die Redaktion bittet um Entschuldigung und schenkt allen Wartenden ein Gratisabo für die nächsten 3 Monate.
Ich bin das zweite Mal in Tanger, checke im selben Hostel ein und sitze auf demselben Sessel, auf dem ich vor über anderthalb Monaten bereits gefrühstückt habe. Es fühlt sich etwas komisch an, nun wieder hier zu sein und Marokko wieder zu verlassenen - obwohl ich mich auch auf Europa freue.
Tanger kommt mir nun viel westlicher vor, insbesondere die Vorstädte durch die ich gestern gefahren bin. Vielleicht nicht im Vergleich zu Rabat oder Casablanca, aber zu den meisten anderen Städten. Aber klar, ich war in der Zwischenzeit im Atlasgebirge in entlegensten Ecken und hier trennen mich eben nur noch gute 30 km Luftlinie von Europa.
Auch wie touristisch die Medina ist, stelle ich jetzt nochmal mit dem zweiten Blick fest. Viele der Produkte, die man hier in der Medina findet, finden sich in allen größeren Städten. Aber ist das nicht in Deutschland ebenso, gibts nicht auch Schwarzwälder Schinken oder Kuckukcsuhren in Tourishops in Berlin oder Hamburg?
Die Händlergespräche sind ebenfalls fast eins zu eins dieselben: "Good quality. Good price for you my friend. Last price, last price." Wobei der last price meistens noch fünf Mal nachverhandelt werden kann. Und so dachte ich, das Handelswesen in Marokko mehr oder weniger verstanden zu haben, nur um dann beim Gewürzhändler den dreifachen Supermarktpreis zu zahlen. Eigentlich hätte ich es besser wissen können: Am besten kauft man Gewürzen nicht bei stationären Händlern, sondern auf dem Markt, abends wenn mehrere Geschäfte geöffnet sind oder eben im Supermarkt, wo sie vermutlich auch noch etwas frischer sind. Und so kaufe ich einfach nochmal eine riesige Menge zusätzlicher Gewürze im Supermarkt.
Meine letzten Dirhams habe ich bis zum Abend verscherbelt, bis mir auffällt, dass ich ja noch etwas essen muss. Und so lande ich - mit ganz viel Zwiespalt in mir - in dem einzigen oder einem der wenigen Restaurants, der Medina, in dem mit Karte gezahlt werden kann. Tritt man von der Straße ins Restaurant, beginnt eine andere Welt, die Kontraste des Landes könnten vermutlich nicht besser dargestellt werden. Drinnen glitzert und funkelt alles, zum Essen wird Livemusik gespielt, die Kellner tragen Kleidung, wie man sie im Film erwarten würde, ob das wirklich mal traditionell war - keine Ahnung. Auf jeden Fall kann sich hier jeder Touri für europäische Preise wie ein König bedienen lassen. Spannend und bestimmt auch eine tolle Erfahrung, wenn man sich drauf einlassen kann, ich fühle mich aber gleichzeitig ganz schön fehl am Platz.
Es passt ein bisschen zu dem Bild, welches ich von Marokko erhalten habe. Ein vielseitiges, facettenreichen aber vor allem auch ziemlich gegensätzlichen Land. Auf der einen Seite stehen, unglaubliche Landschaften, verschiedenste - für mich neue - Speisen, Getränke und Gebäck, schöne Städte und viele nette und gastfreundliche Menschen, die mich zu sich nach Hause und zum Essen einluden und mir damit tolle kulturelle Einblicke ermöglichten.
Auf der anderen Seite sah ich auch viele Schattenseiten, beginnend mit dem enormen Kontrast zwischen reichen und armen Gegenden. Da wirkt der (Massen)Tourismus in den großen Städten und an der Küste in Form von großen Hotelanlagen, glamourösen Riads und diversen Touri-Angeboten geradezu grotesk, da diese nach meinem Empfinden eher eine Inszenierung für die Touristen sind und ein ganz anderes Bild vom Land zeichnen. Dort fanden sich meist wenig(er) streunende Hunde, Katzen und vor allem Müll. Letzterer war wirklich in Massen sowohl in Städten als auch in entlegenen Atlas-Dörfern anzutreffen. Und zuletzt ist da natürlich noch die Rolle des Mannes oder der Frau. Es war schon extrem auffällig, wie männerdominiert das öffentliche Leben ist. Bis auf Rabat, Casablanca und in Teilen Marrakeschs, waren vor allem Männer draußen unterwegs, insbesondere in Bars, Restaurants oder Cafés. Lediglich auf den Souks (Märkten) schien es relativ ausgeglichen.
Das Resümee: Für einen (Kurz)Urlaub ist Marokko das falsche Land, es sei denn, man möchte alle Probleme ausblenden und eine heile bunte Welt für lau genießen - das wird einem einfach gemacht. Zum Reisen hingegen ein tolles Land es gibt es viel zu entdecken, zu lernen zu erfahren - vor allem Einblicke in eine ganz andere Kultur.
Und so bin ich nun einerseits auch froh wieder nach Europa zu fahren und freue mich gleichzeitig, wenn ich es noch mal nach Marokko schaffen werde. Bis dahin werden mir die Landschaften und Bekanntschaften und im Gaumen die Melouis, Shebakia und Tajine hängen bleiben.
Zahlen & Fakten:
Kürzeste Strecke: 10 km (eskortierte Nachtfahrt)
Längste Strecke: 150 km
Reisetage (davon Radeltage): 52 (27)
Zelt [davon Campingplatz]: 13 [6] (12)
WarmShowers und Einladungen: 8 (5)
Hostel/Herberge/[Hotel]: 17 (6)
Airbnb: 14 (4)
Verloren: -
Übergeben/Magendarm: < 24 h
Mit dem Fahrrad hingelegt: 1
Kaputgegangen/Ersetzt:
ein paar Kettenglieder, zweite Öse für Gepäckträger gebrochen
Wetter:
Von Temperaturen um die Null (Atlas) bis 35 °C war alles dabei (Schnee nur aus der Ferne)
Essen:
Raib (Joghurt(drink)), Meloui & Menemen (Crossaintartiger Pfannkuchen trifft es nicht ganz aber fast), Tajine, Couscous, Shebakia (Ramadan Gebäck) ,Kaab el Ghazal / Tcharek (Gebäck mit Mandelfüllung Mal mit Zimt, Orangen oder Rosenwasser Aroma), Amlou (Quadi Mandelmus mit Honig und Arganöl), Batbout und Harcha (beide irgendwo zwischen Pfannkuchen und Fladenbrot), Baghrir(Pfannkuchen mit Löchern), Harira in rot und weiß (Marokkanische Mehlsuppe, die rote Variante mit Tomate, Linsen, Kichererbsen und kleinen Nudeln trifft man etwas häufiger an)Læs mere











