Die Schafe der Färöer
February 27 in Faroe Islands ⋅ 🌬 1 °C
Wer auf die Färöer-Inseln fährt, begegnet ihnen überall. Wirklich überall. Auf grünen Hügeln, direkt neben der Straße, auf Klippen über dem Atlantik, zwischen Häusern mit Grasdächern – und manchmal auch mitten im Kreisverkehr. Die Schafe sind hier keine Nebendarsteller. Sie sind ein zentrales Element der Inseln.
Auf den Färöern leben rund 80.000 bis 90.000 Schafe – bei nur etwa 54.000 Einwohnern. Das heißt: mehr Schafe als Menschen. Die traditionelle Rasse heißt „Føroya seyður“, das färöische Kurzschwanzschaf. Eine extrem robuste, kleine, widerstandsfähige Rasse, perfekt angepasst an Wind, Regen, Schnee und steile Hänge.
Wirtschaftlich spielen die Schafe seit Jahrhunderten eine enorme Rolle. Früher war Wolle neben Fisch eines der wichtigsten Exportgüter. Noch heute gibt es hochwertige Wollprodukte, Strickwaren, Pullover mit traditionellen Mustern. Auch Lammfleisch ist ein zentraler Bestandteil der Küche. Das berühmte „ræst kjøt“, luftgetrocknetes, fermentiertes Schaffleisch, hängt oft monatelang in offenen Schuppen im Wind. Der konstante, salzige Atlantikwind übernimmt die Konservierung – eine Methode, die nur in diesem Klima so funktioniert.
Was mich fasziniert: Die Tiere stehen wirklich überall. Es gibt kaum Zäune. Die Hügel sind offen, nur lose Steinmauern oder Drahtabschnitte. Man fährt über Landstraßen, und plötzlich steht eine ganze Gruppe auf der Fahrbahn. Sie bewegen sich langsam, völlig entspannt. Man bremst – sie entscheiden, wann sie weitergehen. Ganz klare Hierarchie.
Wie halten sie das Klima aus? Das Wetter wechselt hier im Zehn-Minuten-Takt. Sturm, horizontaler Regen, Schneeschauer, dann wieder Sonne. Die Schafe haben ein extrem dichtes, öliges Fell, das Wasser abweist. Unter der groben äußeren Wolle liegt eine feine, isolierende Schicht. Selbst bei Minusgraden und starkem Wind stehen sie draußen, oft exponiert auf Bergrücken. Sie suchen natürliche Mulden oder windgeschützte Stellen hinter Felsen, aber viele bleiben einfach stehen und drehen sich mit dem Rücken zum Wind.
Übernachten tun sie meist im Freien. Anders als in Mitteleuropa gibt es kaum große Stallanlagen. Nur zur Lammzeit oder bei extremen Bedingungen werden Tiere teilweise hereingeholt. Ansonsten sind sie ganzjährig draußen. Das funktioniert, weil die Winter zwar stürmisch, aber selten extrem kalt sind – meist knapp über oder um den Gefrierpunkt.
Gefressen wird, was wächst. Und das ist vor allem Gras. Die Inseln sind fast komplett mit Gras und niedriger Vegetation bedeckt. Bäume gibt es kaum. Die Schafe halten die Landschaft kurz – sie prägen das gesamte Erscheinungsbild der Färöer. Ohne sie wären viele Hänge deutlich dichter bewachsen. Im Sommer ist das Gras saftig grün, im Winter eher gelblich-braun, aber immer noch ausreichend.
Im Frühjahr sieht man überall Lämmer. Kleine weiße Punkte in der Landschaft, oft dicht bei der Mutter. Das wirkt idyllisch, besonders wenn im Hintergrund dramatische Klippen und Wasserfälle liegen. Gleichzeitig ist es harte Natur – nicht jedes Lamm überlebt die ersten Stürme.
Historisch waren Schafe sogar Teil des politischen Systems. Die Inseln wurden in sogenannte „hagar“ eingeteilt – Weidegebiete, die bestimmten Bauern oder Dörfern zugeordnet sind. Diese Strukturen existieren bis heute. Die Weiderechte sind genau geregelt und werden teilweise vererbt.
Und dann gibt es noch die besondere Verbindung zwischen Schaf und Architektur. Viele Häuser haben Grasdächer – nicht nur aus Tradition, sondern auch aus Isolation. Und wer das erste Mal ein Schaf auf einem Grasdach stehen sieht, versteht sofort, wie selbstverständlich Tier und Landschaft hier zusammengehören.
Für mich sind die Schafe das Symbol der Färöer. Sie wirken stoisch. Unbeeindruckt vom Sturm. Während ich im Auto sitze und denke, dass ich bei dem Wetter nicht aussteigen kann, stehen sie einfach draußen und kauen weiter. Wind? Egal. Schnee? Egal. Regen? Auch egal.Read more






















TravelerDas erinnert mich ein wenig an früher in Donegal in Irland. Schnee müssen die Schafe dort eher nicht aushalten.