• Bhaktapur

    Apr 9–12 in Nepal ⋅ ☁️ 19 °C

    Auf dem Weg zu neuen Abenteuern, teilen wir uns mit Stein, einem Niederländer aus dem Resort, ein Hoteltaxi nach Bhaktapur. Stein ist ein Vorname, der von dem Deutschen „Stein“ und dem ausgeschriebenen Namen „Augustijn“ abstammt. Wir hatten uns bereits einige Male beim Abendessen unterhalten und erfahren, dass er für eine anstehende Expidition angereist ist. Er möchte den 8.586 m hohen Kanchenjunga besteigen, der unweit vom Mount Everest liegt. Vergleichsweise sei dieser deutlich seltener Ziel touristischer Gipfelstürmer und dessen Besteigung mit 25.000€ für alle Ausgaben dieses mindestens 5-wöchigen Unterfangens, also inkl. Porter, Guide, Unterkünfte, Verpflegung, Permit, Versicherungen usw. nur halb so teuer wie die Besteigung des Mount Everest. Wir staunen auf unserer einstündigen Talfahrt nicht schlecht, als wir darüber hinaus noch über die vergangen Abenteuer des, geschätzt Mitte dreißig jährigen Arztes hören, zu denen unter anderem eine 12 monatige Expedition an den Südpol, zur Erforschung des Lebens auf einem anderen Planeten, zählt. Er schien voller positiver Energie zu sein und erzählte uns, dass für ihn persönlich der Reiz darin besteht, in diesen fremden Welten, das eng getaktete Leben aus dem er kommt, ruhen lassen zu können. Ich vermute, dass es auch damit zutun hat, dass ein Abstand zu den Niederlanden landschaftlich und geographisch kaum größer sein könnte, vor allem was die Höhe über dem Meeresspiegel angeht.

    Energie ist allgegenwärtig. Wahrgenommen wird Energie jedoch meistens nur im Prozess der Umwandlung, also wenn elektrische Energie eine Lampe erhellt oder Gegenstände in Bewegung bringt. Die Energie, die in Steins Augen funkelte war eher eine spirituelle Energie, die ihn zwar schon hier her geführt hat, sich aber erst durch die Besteigung des Berges vollständig entfalten wird.

    Eine ähnliche, nämlich spirituelle und vor allem positive Energie, haben wir auch in der jungen Bevölkerung Nepals wahrgenommen, insbesondere bei unserem Besuch in Bhaktapur. Dieser fiel, ohne dass wir es so geplant hätten, genau auf die Tage der jährlichen Neujahrszeremonien; eine Zeit in der die ganze Stadt voll Energie geladen ist.

    In Bhaktapur, so heißt es, finden die spektakulärsten Neujahrsfeierlichkeiten des Landes statt. Sie dauern 9 Tage an und werden Bisket Jatra genannt. Dabei werden verschiedene Rituale durchgeführt. Zu diesen zählen Musik- und Tanzvorführungen, das Ziehen von zwei massiven Holzwagen und das Aufstellen eines Holzpfahls, als Zeichen des Sieges über das Böse. All das fanden wir heraus, da wir zufällig auf dem Taumadhi Square in eine Vorführung stolperten und unser Gastgeber auf der daneben liegenden Dachterrasse über die Ereignisse berichtete. Sein Englisch war gut und trotzdem glaubten wir die Teilnehmerzahl von 100.000, die für den darauffolgenden Tag, zum Ereignis des Holzwagenziehens, erwartet wurden, falsch verstanden zu haben.

    Hatten wir nicht. Die Menschenmenge auf dem Taumadhi Square, direkt neben dem Durbar Square, wuchs am nächsten Tag zum Höhepunkt des Neujahrsfestes, langsam aber stetig an. Wir hatten uns vormittags einen Platz ausgesucht, uns mit Momos, Wasser und Kaffee gestärkt und dann mit den Kameras bewaffnet, vor der Außenwand eines Tempelgebäudes in Stellung gebracht. Der Sockel des Gebäudes war, wie viele der Tempel- und ehemaligen Regierungsgebäude auf den Plätzen wie ein pyramidenartiges Podest gebaut und funktionierte wie eine Sitztreppe im öffentlichen Raum. Unsere war zweistufig, wir saßen auf der oberen, anfangs ausschließlich neben betagteren Menschen und fieberten dem offiziellen Beginn um 3pm entgegen. Beschäftigt mit unseren Kameraeinstellungen und Beobachtungen der Vorbereitungen, wie dem Schmücken des großen Wagens, der unmittelbar vor uns stand, füllte sich der Platz, genauso wie unsere Sitztreppe. Immer mehr Familien mit kleinen Kindern drängelten sich neben und vor uns auf den Stufen. Schließlich gaben wir unsere Sitzplätze auf und stellten uns mit dem Rücken an die Außenwand des Gebäudes.

    Der kleinere der beiden Wagen war mittags bereits „weggezogen“ worden. Damit ist gemeint, dass eine von zwei rivalisierenden Parteien (Nord- und Südstadt) unter stetem Widerstand, das Tauziehen gewonnen haben und den Streitwagen einer Gottheit (Bhairav oder Kali) in und durch ihren Stadtteil gezogen haben. War der Akt mit dem kleineren Wagen am Mittag noch den jüngeren Männern vorbehalten, begann am späten Nachmittag der Hauptakt. Für uns als Rheinländer taten sich in der Vorbereitung mehrere Parallelen zum Karneval auf, da der Wagen aufwändig geschmückt wurde und vor Beginn jeweils vier wichtige Repräsentanten der Stadtteile nacheinander, bei Musik „im Saal einliefen“ um ihre Plätze einzunehmen. Dann konnte es aber irgendwann, unter Beobachtung des öffentlichen Fernsehens, hunderter Kameras und mehrerer Drohnen (siehe https://www.youtube.com/live/h5qc624P5SQ?si=8qx…) auch mal losgehen.

    Der Streitwagen setzte sich in Bewegung und die Menge tobte. Auf beiden Seiten des Wagens waren mehrere dicke Taue befestigt an denen je Seite circa hundert Männer zogen. Immer wieder geriet der fahrbare, mehrgeschossige tempelartige Aufbau ins Wanken, da er teilweise rhythmisch hin und hergezogen wurde. Etliche Männer standen und saßen auf dem Wagen, hielten sich fest und feuerten ihre Mannschaften gebetsmühlenartig mit den immer gleichen Ausrufen an! Die Männer auf den auskragenden Enden gestikulierten dabei motivierend mit dynamischen Bewegungen in die Richtung, in die der Wagen gezogen werden sollte. Immer wieder brach der Wagen aus und wurde in eine Richtung, quer über den Platz, gezogen und dabei gefeiert. Nach mehreren Stunden schien die Schlacht gewonnen. Der taumelnde Tempel verließ den Platz und wurde eine Straße hochgezogen, die Meute hinterher.

    Langsam löste sich die Menschenmenge auf dem Platz. Wir fragten uns wo das Ziel des Wagens wohl ist und wann dieses bereits etliche Stunden andauernde Spektakel ein Ende finden würde, gingen aber erstmal in Richtung Hotel. Am Abend machten wir uns auf den Weg in ein Restaurant, in dem wir die außergewöhnlich erfolgreiche Lebensgeschichte eines deutschen Paares unaufgefordert erzählt bekamen. Abgelenkt vom Gesäusel Lothars, der, genau wie Anette etwas angetrunken wirkte, nicht zuletzt weil er beim Toilettengang umherstehende Tische antitschte, traten wir den Heimweg an. Die Gassen schienen leer und die Stadt im Schlummerschlaf; nachvollziehbar nach so einem Event.

    Wieder Mal hatten wir die vibrierende Energie der Nepalesen unterschätzt als wir in einer der Nebenstraßen in eine Menschenmenge hineingerieten, die nur der Vorbote von etwas war, das wir niemals geglaubt hätten. In den dunklen Tiefen der engen Gasse arbitete sich uns, schwermütig und wankend, der tempelartige hölzerne Wagen entgegen. Begleitet von den immer lauter werdenden gleichen Klängen, die auch am Nachmittag den Rhythmus angaben. Mit offenen Mündern standen wir da bis wir begriffen, dass wir zurück weichen müssen, denn der Wagen füllte die engen Gasse aus durch die er gezogen wurde. Die Meute war so lebahft und voller Energie wie zu Beginn des Nachmittags, circa acht Stunden zuvor und wiedermal blieb unsere Frage unbeantwortet: wann und wo würde dieses Spektakel wohl ein Ende finden?
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