• Ankunft in der Maramureș

    July 24 in Romania ⋅ ☁️ 17 °C

    Eine Reise in eine andere Welt

    Der Morgen beginnt in Câmpulung Moldovenesc mit überraschend kühlen Temperaturen. Heute ist warme Motorradbekleidung gefragt. Über den Bergen liegt noch die frische Luft der Nacht, und die ersten Sonnenstrahlen brauchen ihre Zeit, bis sie die Täler erreichen.

    In Iacobeni biege ich auf die Strasse durch den Rodna-Nationalpark ab. Sofort verändert sich die Landschaft. Dichte Wälder bedecken die Berghänge, dazwischen liegen kleine Dörfer, die einen ganz eigenen Charakter besitzen. Besonders die Vielfalt der Häuser fällt mir auf. Neben traditionellen Holzhäusern stehen gemauerte Gebäude, viele davon mit farbigen Fassaden und dekorativen Zierbändern. Immer wieder entdecke ich kunstvoll gebaute Holzkirchen, deren aussergewöhnlich hohe, spitz zulaufende Türme weit über die Baumwipfel hinausragen. Sie verleihen der Landschaft einen unverwechselbaren Charakter und kündigen bereits an, dass ich mich einer ganz besonderen Region Rumäniens nähere.

    Ein erster längerer Halt führt mich zur wunderschönen Holzkirche von Cârlibaba Nouă. Besonders beeindruckend ist das riesige, reich geschnitzte Eingangsportal. Die feinen Holzarbeiten zeugen von einer Handwerkskunst, die in der Maramureș bis heute lebendig geblieben ist.

    Nicht weit entfernt entdecke ich das Hanul și Păstrăvăria Tibău. Das neu errichtete Blockhaus erinnert mit seiner Bauweise und der umgebenden Landschaft eher an Kanada als an Osteuropa. Hier gönne ich mir eine gemütliche Kaffeepause und geniesse die ruhige Atmosphäre zwischen Wäldern, Bergen und den Forellenteichen.

    Auf dem Weg zum Prislop-Pass kommt der Verkehr plötzlich zum Stillstand. Der Grund ist leider schnell ersichtlich: Ein Fahrer einer grösseren Motorradgruppe ist in einer Kurve verunfallt. Wenig später treffen Feuerwehr und Notarzt ein. Ich bin erleichtert, als die Strasse wieder freigegeben wird und ich meine Fahrt fortsetzen kann. Die Gedanken bleiben jedoch noch lange bei dem unbekannten Motorradfahrer und erinnern eindrücklich daran, wie schmal der Grat zwischen Fahrfreude und Gefahr sein kann.

    Oben auf der Passhöhe und auch im Tal auf der anderen Seite liegen Skigebiete. Die breiten Schneisen der Skipisten zeichnen sich deutlich in den bewaldeten Berghängen ab. Mit der Überquerung des Prislop-Passes erreiche ich endgültig die historische Region Maramureș.

    In Vișeu de Sus möchte ich unbedingt die berühmte Wassertalbahn erleben. Leider komme ich etwas zu spät – die dampfbetriebenen Züge sind bereits alle abgefahren. Ganz leer gehe ich dennoch nicht aus. Auf einem Abstellgleis stehen mehrere historische Dampflokomotiven, die heute Teil einer kleinen Freiluftausstellung sind. Besonders originell wirken zwei ehemalige Personenwagen, die zu Schienenfahrzeugen umgebaut wurden.

    Während ich mich umschaue, winkt mir ein Handwerker aus einer Werkstatt zu. Stolz zeigt er mir, wie er die Sitzbänke eines historischen Personenwagens neu polstert. Solche spontanen Begegnungen machen das Reisen oft besonders bereichernd.

    Kurz darauf verlasse ich die Hauptstrasse und biege auf schmale Nebenstrassen ab. Jetzt beginnt für mich das eigentliche Maramureș.

    In Dragomirești beobachte ich eine Gruppe junger Männer, die den Eingang eines Hauses mit frischen Tannenästen schmücken. Mit Händen und Füssen erklären sie mir lachend, dass einer ihrer Freunde bald heiraten wird. Sofort laden sie mich ein, eine Pause einzulegen und gemeinsam mit ihnen auf den Bräutigam anzustossen. Die herzliche Einladung freut mich sehr. Da ich aber noch mit dem Motorrad unterwegs bin, lehne ich dankend ab und wünsche ihnen ein schönes Fest.

    Je weiter ich fahre, desto mehr fallen mir ungewöhnliche Gestelle auf den Wiesen auf. Es sind hohe Konstruktionen aus kräftigen Holzstangen, an denen heute Heu zum Trocknen aufgehängt wird. Dieses traditionelle Verfahren scheint typisch für die Maramureș zu sein. Während ich diese Bilder betrachte, erinnere ich mich daran, solche Heutrockner zuletzt vor genau vierzig Jahren in Norwegen gesehen zu haben, bevor sie dort nach und nach durch Siloballen ersetzt wurden.

    Zum Abschluss des Tages warten noch zwei kurze, aber ausgesprochen steile Übergänge mit bis zu 14 Prozent Steigung bei Strâmtura. Die schmalen Strassen führen nochmals über die sanften Hügel der Region, bevor ich schliesslich mein Hotel in Petrova erreiche.

    Hier werde ich zwei Nächte bleiben. Schon die ersten Eindrücke zeigen, dass die Maramureș weit mehr ist als nur eine weitere Landschaft Rumäniens. Tradition, Handwerkskunst und ländliches Leben sind hier noch so lebendig wie kaum anderswo. Genau deshalb möchte ich mir genügend Zeit nehmen, diese einzigartige Region näher kennenzulernen.
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