Tag 98: Witzbold
September 8, 2024 in Turkey ⋅ ☁️ 13 °C
Heute gefahren: 58km
Bisher gefahren gesamt: 5.628km
Heute Höhenmeter im Anstieg: 1.687hm
Höhenmeter im Anstieg bisher: 58.741hm
Platte Reifen: 4
Pausentage gesamt: 23
Fahrtage gesamt: 75
Wir machen morgens in der kleinen Moschee auf. Der lange Schlaf tat gut, der trockene Raum auch. Das Wetter ist besser als vorhergesagt. Um 8 Uhr sitzen wir auf den Rädern und der Anstieg kommt sofort.
Wir fahren die nächsten 8km insgesamt 600 Höhenmeter nach oben. Der Anstieg und darauffolgende Abfahrt sind landschaftlich spektakulär. Grasbedeckte hohe Berge um uns herum. Der Himmel ist blau und ein paar Wolken ziehen vorbei. In der Ferne hören wir Gewitter, werden jedoch verschont.
Wir ziehen und warm an und rollen ca. 30 km bergab zum nächsten Anstieg.
Da sich die Wetterlage in den Bergen gerne mal spontan ändert, stoppen wir noch mal vor dem nächsten großen Anstieg und machen einen ausgiebigen Wettercheck.
Es ist 12 Uhr und uns bleiben drei Stunden Zeit, für 20 km und 1000 Höhenmeter, dort soll es laut Google eine weitere Moschee geben. Gegen 15 Uhr sollen dann die Gewitter und der Regen aufziehen. Es ist der letzte große Anstieg vor der Abfahrt ans Schwarze Meer. Ich nehme noch ein Espresso-Gel und wir essen Pide mit Banane und halten unsere Pause ansonsten kurz. Das Zeug ist teuflisch, denn danach fühle ich mich halbwegs gut. Gegen 14:45 Uhr kommen wir an der Moschee an.
Ein Chef, der vorgibt der Chef zu sein, sagt uns, dass es keinen Raum für uns gibt. Uns ist nicht klar, ob er wirklich versteht was wir wollen. Wir suchen Schutz vor dem aufziehenden Gewitter und wir können nicht weiterfahren. Der Weg würde weiter nach oben führen und wir haben keine Kraft mehr, außerdem möchten wir nicht in das Gewitter kommen. Er schlägt uns vor, in das 35 km entfernte Izcedere zu fahren. Wir sind beide genervt, da das Gespräch mit ihm komplett fruchtlos ist und er unsere Lage nicht versteht. Der Kollege denkt offenbar wir suchen ein Hotel. Google translate ist leider keine Hilfe. Er kann kein Englisch, spricht nur türkisch, verhält sich wie ein Macho und die Übersetzungen sind Kraut und Rüben. Unsere Nerven sind für so einen Menschen nun gerade etwas zu dünn. Die Moschee ist groß und es gäbe genügend Platz für uns, an dem wir uns niederlassen könnten. Sie ist neu gebaut worden und der Hauptraum ist bereits fertig, im Kellergeschoss arbeiten jedoch noch Arbeiter aus Ägypten. Auch das Nachbargebäude der Moschee ist eine große Baustelle und würde uns ausreichend Platz für unser Zelt bieten. Egal.
Die Zeit läuft, denn Zeltaufbau im Gewitter macht keinen Spaß. So beschließen wir das schlechte Gespräch mit dem Chef zu beenden und unterhalb der Moschee auf einem Steinfeld unser Zelt aufzuschlagen. Gegen 15:15 Uhr wird es langsam dunkel, jedoch ist noch kein Gewitter in Sicht. Wir spannen das Zelt mit Schnüren ab da Heringe auf einem Steinfeld nur schwer in den Boden zu bekommen sind.
Alles ist rechtzeitig aufgebaut. Wir sind darauf vorbereitet die Nacht im Zelt zu verbringen, es kann auch ruhig regnen, unser Zelt hat ja eine ganz gute Qualität.
Wir setzen uns auf die Treppenstufen vom Nachbargebäude und beginnen mit der Essenszubereitung. Das Gewitter setzt gegen 15:35 Uhr ein und zusätzlich fängt es stark an zu regnen. Die Arbeiter kommen herbeigeeilt und möchten uns von den Treppenstufen weglotsen. Wir lehnen erstmal ab, wir haben ja nun alles aufgebaut. Auch der Witzbold (Chef) schaut noch mal vorbei und erklärt uns, dass wir dort nicht sitzen können, dort ist es ja kalt und wir werden nass, außerdem Gewitter es gerade. Er sagt, wir können in das Gebäude neben der Moschee, dort gibt es freie Räume. Ich lehne ab. Wir haben alles schon aufgebaut. Jetzt im Regen werden wir sicherlich nicht das Zelt abbauen und umziehen. Witzbold.
Da der Wind auffrischt, werden wir beim Kochen dann doch ziemlich nass. Die Arbeiter von der Baustelle lassen uns nicht in Ruhe und bitten uns noch mehrfach, zumindest auf die Baustelle zu kommen. So ziehen wir zumindest zum Essen letztlich von den Treppenstufen hinein auf die trockene und staubige Baustelle.
Während wir nun also unsere nasse Outdoor-Küche umsiedeln und drinnen weiterkochen, kommen die Arbeiter immer wieder und bitten uns auch unser Zelt reinzunehmen. Sie bringen uns Strom, sie bringen uns Licht, sie bringen uns Decken. Die Männer sind wirklich herzlich und sorgen sich um uns. Auch Essen wollen sie uns bringen, aber dass schaffen wir abzulehnen.
Wir essen und blicken ab und an runter zum Zelt. Kristina geht einmal runter um as Zelt wieder zurichten, da der Sturm unser Außenzelt zum Teil weggeweht hat. Kristina ist zurück und einen Moment später blicken wir wieder runter zum Zelt und stellen fest, das Kühe am Zelt und unseren Rädern sind. Diesmal gehe ich runter und stelle fest, dass die Schlafsäcke teilweise schon nass sind. Eine Kuh hat das Außenzelt, erneut, zum Teil abgezogen.
Nasse Daunenschlafsäcke wärmen nicht. Wir benötigen eine trockene und warme Nacht. So entschließen wir uns, in der Regenpause unser Zelt nun doch vom Steinfeld mit auf die Baustelle umzusiedeln. Auch wenn hier Mäuse umherlaufen und sehr viel Müll (siehe Video) liegt, ist es immer noch trocken und wir sind geschützt vor dem Gewitter in der Nacht.
Das gesamte hin und her und die Unterbrechungen während des Essens haben sehr viel Zeit gekostet am Ende sind wir gegen 19 Uhr mit allem fertig und setzen uns dick angezogen in die Moschee. Der Witzbold ist mittlerweile verschwunden und ein anderer Kollege von ihm ist aufgetaucht. Der Mann ist viel netter nicht machohaft und gibt uns gleich mal das WLAN von der Moschee. Er sagt auch wir können einfach in der Moschee schlafen wenn wir möchten.
Ich bin zu kaputt um das alles zu realisieren. Hätte uns doch bloß einer vor ein paar Stunden schon verstanden, was wir wollen. Einfach Schlafsack in die Moschee legen, niemandem stören und am nächsten Tag geht es weiter. Die Moschee war eh kaum frequentiert.
Da es mittlerweile dunkel ist, es erneut das regnen begonnen hat und wir zu kaputt sind, sitzen wir einfach noch in der Moschee, nutzen das WLAN und stieren apathisch vor uns hin. Irgendwann kommt der neue Kollege vorbei und setzt sich zu uns. Am Ende unterhalten wir uns noch sehr nett mit ihm und erfahren ein paar Hintergründe über die Moschee. Ein Investor aus Istanbul hat die Moschee in Auftrag gegeben, er selbst ist auch aus Istanbul und hat etwas für die Baustelle geliefert. Das Nachbargebäude in dem wir hausen, die Baustelle, soll irgendwann zu einem Hotel/Markt/Restaurant gebaut werden.
Am Ende gehen wir früh ins Bett und haben eine ganz gute Nacht.Read more











