• Vom Chaos in Buenos Aires bis zum Millionär in Patagonien:

    Von Rio ging es weiter nach Buenos Aires zumindest theoretisch. Praktisch begann der Tag mit einem kleinen Abenteuer: Verspätungen und ein Streik in Argentinien sorgten für ordentlich Unsicherheit bezüglich meines Weiterfluges nach El Calafate. Zwischendurch sah es sogar so aus, als müsste ich einmal quer durch Buenos Aires zum anderen Flughafen fahren, ein Szenario, das ich mir mit Rucksack und Reisetasche eher mittelmäßig romantisch vorgestellt habe.

    Nach mehreren Gesprächen am Schalter wurde die Lage zum Glück geklärt. Ein Ersatzflug nach El Calafate war organisiert, zwar mit anderthalb Stunden Verspätung, aber immerhin. Südamerika scheint einem früh beizubringen, dass Pläne eher als freundliche Vorschläge zu verstehen sind.

    Durch die Verspätung konnte mich mein Kumpel Nenu (Nehuén), rechts neben mir auf dem Bild, leider nicht mehr vom Flughafen abholen. Sein Team hatte ein Testspiel gegen den Stadtrivalen und vorher coachte er noch sein Damenteam. Also nahm ich kurzerhand ein Taxi direkt zur Sporthalle.

    Die Halle selbst war großartig. Hallenhockey wird hier noch auf echtem Parkett gespielt, kein Kunststoffboden, sondern richtig klassisch. Die Halle hat sichtbar schon viele Jahre hinter sich, aber genau das machte den Charme aus.

    Unglaublich herzlich Empfangen wurde ich von Nenus Mutter Ofelia. Mit ein bisschen Hilfe von ChatGPT haben wir uns sogar auf Spanisch unterhalten. Ich war wirklich gerührt, wie offen ich hier aufgenommen wurde. Keine fünf Minuten da und ich hatte das Gefühl, bei alten Freunden zu sein.

    Nach ein paar Gesprächen mit den Spielern kam dann die entscheidende Frage:„Willst du mitspielen?“

    Natürlich wollte ich.

    Sportsachen hatte ich ja dabei, man weiß ja nie. Einen Schläger und Handschuh konnte ich mir leihen, und Ofelia ging mit mir noch schnell in die Apotheke gegenüber, um einen Mundschutz zu kaufen. Vermutlich der spontanste Einkauf meines Lebens.

    So kam ich völlig unerwartet zu meinem südamerikanischem Kontinentaldebüt im Hallenhockey. Und das nicht einmal 75min nach der Landung und etwas mehr als 30h ohne richtigen Schlaf.

    Und es lief gar nicht schlecht: Fast hätte ich sogar noch das Ausgleichstor erzielt und die Niederlage abgewendet. Leider blieb es beim „fast“, aber für mein erstes Spiel auf einem neuen Kontinent nehme ich das trotzdem als Erfolg.

    Nach dem obligatorischen Mannschaftsfoto ging es dann schnell zu Ofelia nach Hause zum Duschen, Luxus auf Zeit. Viel Zeit blieb nämlich nicht, denn in 25 Minuten sollte mein Bus nach Puerto Natales in Chile abfahren.

    Ofelia stellte sicher, dass ich auch wirklich alles dabeihatte, inklusive Bargeld und dann brachten mich die beiden noch zum Busbahnhof. Ohne sie hätte ich vermutlich mindestens eine Socke oder meinen Reisepass vergessen.

    Die Busfahrt durch die endlose Pampa war beeindruckend. Ich hatte mir für die Strecke einen Sitz in der ersten Klasse gegönnt, wenn man schon über 6 Stunden unterwegs ist, darf man sich auch mal etwas Komfort leisten. Außerdem bin ich inzwischen finanziell ziemlich gut aufgestellt: Ich bin offiziell Millionär, zumindest in argentinischen und chilenischen Pesos. Leider reicht das trotzdem nur für ein paar Restaurantbesuche und Busfahrten.

    Neben mir saß ein deutsches Paar auf Hochzeitsreise. Wir unterhielten uns lange und aßen abends sogar gemeinsam, Busfahrten sind offenbar die neuen Wohnzimmer.

    Nach den Grenzkontrollen ging es dann weiter Richtung Chile und schließlich nach Puerto Natales.

    Mein Hostel ist klein, gemütlich und genau richtig für diesen Ort, Mehrbettzimmer inklusive internationaler Schnarch-Symphonie. Der Australier sägt leider nicht nur Eukalyptus, sondern Steine.

    Danach zog es mich direkt zum Hafen. Und dort war er dann: dieser Moment. Zum ersten Mal sah ich die patagonischen Berge und Fjorde. Ich stand einfach da und habe geschaut. Patagonien, der nächste Lebenstraum.

    Abends gingen David, Verena und ich in ein sensationelles Fischrestaurant und bestellten eine patagonische Auswahl an Meeresfrüchten: Muscheln, Königskrabbe, Jakobsmuscheln, Conger und Shrimps. Für das Geld hätte man in Deutschland wahrscheinlich nicht einmal einen Vorspeisenteller bekommen.

    Jetzt liege ich im Bett, immer noch leicht überwältigt von diesem Tag.

    Vom Flughafenchaos über ein spontanes Hockeyspiel bis hin zu patagonischen Fjorden, ich habe das Gefühl, diese Reise entwickelt schon jetzt mal wieder ein Eigenleben.
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