Provincia de Última Esperanza
March 1 in Chile ⋅ ☁️ 9 °C
Andenkondore, der Weg zu den Pumas und meine kurze Karriere als Naturforscher:
Der Tag begann mit einem Plan:
Frühstück um sechs, dann ab in die Wildnis. Ein Plan, der sich in der Theorie hervorragend anhörte und in der Praxis ungefähr so realistisch war wie eine Puma Sichtung auf Bestellung. Ich hatte nicht besonders gut geschlafen, was am Zimmerkollegen aus Down Under lag… und tauchte schließlich irgendwann zwischen 7:30 und 8:00 Uhr beim Frühstück auf, leicht zerknittert, aber immerhin anwesend.
Das Frühstück war sehr nett, und ich unterhielt mich noch eine ganze Weile mit meiner Zimmernachbarin Flavia. Hostels sind wirklich erstaunlich, man kennt sich kaum, aber nach einem Frühstücksgespräch fühlt es sich an, als hätte man schon gemeinsam Krisen durchlebt.
Danach kam ich mit dem Sohn der Hostelbesitzer ins Gespräch, der ausgerechnet in Kiel lebte. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass man am Ende der Welt immer jemanden trifft, der Norddeutschland kennt (Ja Moin). Er erzählte mir von einem Hausberg in der Nähe, von dem aus man mit etwas Glück Andenkondore sehen kann. Für mich klang das nach genau der richtigen Mischung aus Abenteuer und überschaubarer körperlicher Anstrengung.
Also nahm ich ein Uber ins Nirgendwo, zahlte einem Bauern 5000 Pesos Eintritt (etwa fünf Euro, wahrscheinlich die charmanteste Privatwirtschaft im Outdoorbereich) und begann einen entspannten Aufstieg.
Unterwegs traf ich einige US-Amerikaner, die offensichtlich weniger wegen der Kondore dort waren als wegen einer spontanen politischen Gruppentherapie. Wir tauschten uns eine Weile über die Lage in den USA aus.
Nach einer Einladung in die USA/Oregon und 30min Geläster über den „Friedenstifter“ im Weißen Haus ging es weiter.
Oben angekommen setzte ich mich erstmal hin und versuchte meinem Status als Ornithologe auf Probe gerecht zu werden. Kurz darauf sah ich tatsächlich den ersten Kondor. Und dann noch einen. Riesige Tiere, die mühelos durch die Luft glitten, während ich feststellte, dass meine Handy Kamera ungefähr die Reichweite eines Taschenrechners hat.
Ich blieb ziemlich lange oben, las ein bisschen und beobachtete immer wieder die Kondore, wie sie elegant die Thermik nutzten. Wirklich beeindruckende Tiere, lautlos und mit einer Spannweite, die einen daran erinnert, dass man selbst evolutionär eher für Bürojobs optimiert wurde.
Zwischendurch traf ich einen Guide, der mir erklärte, wie man im Torres del Paine Nationalpark am besten Pumas sehen kann. Er beschrieb sehr detailliert, wo man früh morgens hingehen muss, wie man sich verhält und worauf man achten sollte. Ich nickte sehr fachmännisch, als hätte ich regelmäßig Großkatzenbegegnungen, während im Hinterkopf nur die Frage aufkam, wie gefährlich die Kätzchen werden können.
Trotzdem war es faszinierend zu hören. Offenbar gibt es tatsächlich gute Chancen, Pumas zu sehen, vorausgesetzt, man steht absurd früh auf, bewegt sich leise und hat Geduld. Davon erfülle ich ungefähr einen Punkt zuverlässig.
Als es schließlich zu nieseln begann, machte ich mich an den Abstieg. Unten angekommen startete ich mein erstes Hitchhiking-Experiment. Ich stellte mich an die Straße und versuchte möglichst vertrauenswürdig auszusehen , eine Mischung aus Abenteurer und jemand, der garantiert keine seltsamen Geschichten erzählt.
Es funktionierte erstaunlich schnell. Eine supernette Chilenin und ihre argentinische Freundin nahmen mich mit nach Puerto Natales. Offenbar ist Trampen hier völlig normal, vermutlich, weil man sonst einfach irgendwo in der Landschaft stehen bleibt und langsam Teil der Vegetation wird.
Zurück in der Stadt erledigte ich die klassische Trekkingvorbereitung: Snacks kaufen, Apotheke besuchen und mich fragen, was ich garantiert vergessen habe. In einem Outdoorladen kaufte ich mir außerdem ein Monokular, ein halbes Fernglas für ambitionierte Tierbeobachter ohne großes Gepäck. Jetzt kann ich Kondore und Pumas theoretisch sehr gut sehen und auch mit der Habdykamera besser fotografieren.
Außerdem kaufte ich mir noch eine Tierkarte, damit ich zumindest nachträglich herausfinden kann, was ich gerade nicht gesehen habe.
Am Abend gingen Flavia, Lilly und ich noch Burger essen und spielten eine kleine Runde Billard. Über die Ergebnisse wurde Stillschweigen vereinbart.
Der Australier aus dem Zimmer ist inzwischen abgereist und wir erwarten eine deutliche Verbesserung der nächtlichen Sicherheitslage.
Jetzt liege ich im Bett, der Rucksack ist gepackt, und morgen um sieben geht der Bus in den Nationalpark.
Heute habe ich Kondore gesehen.Morgen suche ich Pumas. 🦅🐈
Für die, die es interessiert, folgt meine Route, die ich laufen werde:
Ab morgen starte ich den berühmten W-Track im Torres del Paine Nationalpark vier Tage und drei Nächte.
Die Route ist im Grunde wie ein großes „W“ aufgebaut, daher der Name. Ich laufe die klassische Ost West Variante und übernachte nacheinander im Central, Cuernos und Francés Mountain Hostel. Klingt komfortabel, bedeutet aber trotzdem jeden Tag mehrere Stunden mit Rucksack unterwegs zu sein.
Tag 1 – Aufstieg zu den Torres (Central → Base Torres → Central)
Gleich am ersten Tag wartet das bekannteste Stück der gesamten Tour auf mich: der Aufstieg zu den berühmten drei Granittürmen, den Torres del Paine. Der Weg führt zunächst durch Wälder und über offene Täler, bevor am Ende ein steiler Geröllanstieg kommt, bei dem man langsam merkt, dass man eigentlich doch lieber im Flachland lebt. Oben wartet ein türkisfarbener Gletschersee direkt vor den fast senkrecht aufragenden Türmen angeblich einer der spektakulärsten Orte in ganz Patagonien.
Danach geht es wieder zurück zum Central Hostel, der einzige Tag, an dem ich denselben Weg hin und zurück laufe.
Tag 2 – Central → Cuernos
Am zweiten Tag laufe ich entlang des Nordufers des Lago Nordenskjöld Richtung Cuernos. Das soll ein besonders schöner Abschnitt sein, mit weitem Blick über das türkisfarbene Wasser und die Berge dahinter.Der Weg ist weniger steil, dafür länger, also genau die Art von Strecke, auf der man Zeit hat, über Blasen an den Füßen und die eigene Lebensplanung nachzudenken.Unterwegs sieht man häufig Guanakos, manchmal Füchse und mit sehr viel Glück sogar Pumas, zumindest laut dem Guide, der mir gestern erklärt hat, wie einfach das angeblich ist.
Tag 3 – Cuernos → Valle Francés → Francés
Der dritte Tag führt ins Valle Francés hinein – das Herzstück des Nationalparks. Hier geht es tiefer ins Gebirge, vorbei an Gletscherflüssen und unterhalb steiler Felswände.Vom Aussichtspunkt aus soll man einen Rundumblick auf die Berge haben, inklusive hängender Gletscher und gelegentlicher Eisabbrüche, die wie entferntes Donnern klingen. Das ist vermutlich der landschaftlich spektakulärste Tag und gleichzeitig der Moment, an dem sich zeigt, wie gut die Kondition wirklich ist und wie optimistisch die ursprüngliche Planung war.
Tag 4 – Francés → Paine Grande → Rückfahrt
Am letzten Tag geht es weiter Richtung Paine Grande, meist relativ flach entlang des Lago Pehoé. Das ist der Abschnitt, an dem man langsam wieder in die Zivilisation zurückkehrt und gleichzeitig versucht, möglichst abenteuerlich auszusehen. Von dort geht es mit dem Katamaran über den See und anschließend mit dem Bus zurück nach Puerto Natales, vermutlich mit dem Gefühl, gleichzeitig stolz und komplett müde zu sein.
Wenn alles gut läuft, werde ich in den nächsten Tagen sehen:
die Torres del Paine aus nächster Nähe,
mehrere Gletscher, riesige Seen in absurden Farben, Kondore am Himmel, Guanakos auf den Ebenen, vielleicht Füchse, und mit sehr viel Glück einen Puma.Read more












TravelerAlles Gute 🍀 und pass auf Dich auf!
Travelerals ich da unten war (1978/79), war das alles noch nicht so ausgebaut, es gab keine Hütten (zumindest nicht auf meiner Route), ich bin von einer Estancia aus gestartet und dann zu dem Hotel im Zentrum des Parks gelaufen. Ich habe in den drei Tagen, die ich unterwegs war, zwei Gauchos gesehen, die ein paar Pferde zusammengetrieben hatten, sonst keine Menschenseele..
TravelerDarum beneide ich dich! Heute sind viele hundert Menschen gleichzeitig auf O- und W- Track unterwegs.