• Mirador Britanico 🏔️

    March 6 in Chile ⋅ ☀️ 10 °C

    Tag 3: Sturm, Schnee und gute Gespräche: Vom Cuernos zum Mirador Británico und weiter zur Frances-Hütte

    Der Morgen im Refugio Cuernos begann überraschend entspannt. Für diesen Tag war eigentlich ziemlich raues Wetter angekündigt: Regen, vielleicht Schnee und vor allem starker Wind, oben in den Bergen sollten Böen von bis zu 80 km/h möglich sein. Beim Loslaufen fühlte sich das Ganze allerdings noch halbwegs moderat an.

    Solange man durch die Wälder läuft, ist man relativ gut geschützt. Der Weg führt durch moosige Waldstücke, über kleine Brücken und entlang kleiner Bäche. Trotz der grauen Wolken hatte der Morgen etwas Ruhiges und fast Meditatives.

    Am Tag zuvor hatte ich im Regugio Central Nadim kennengelernt. Mit ihm war ich auch schon im Bus auf dem Weg in den Park. Wir waren schnell ins Gespräch gekommen und stellten fest, dass wir beide den W-Track in der schnellen Variante laufen wollten, also in vier Tagen statt der üblichen fünf oder mehr. Deshalb verabredeten wir uns spontan, zumindest einen Teil der Strecke gemeinsam zu gehen.

    Und so starteten wir an diesem Morgen zusammen.

    Nadim ist Anfang fünfzig und kommt aus der Pfalz. Gerade machte er eine größere Südamerika-Reise während seines Sabbaticals. Besonders spannend war seine Familiengeschichte: Sein Vater stammt aus Karachi in Pakistan, und Nadim erzählte viel darüber, wie es für ihn war, als Kind einer Einwandererfamilie in Deutschland aufzuwachsen. Heute arbeitet er bei SAP, und wir haben viel über Karrierewege, Reisen und solche bewussten Auszeiten gesprochen.

    Solche Gespräche entstehen auf langen Trekkingtouren fast automatisch. Man läuft stundenlang nebeneinander her, schaut in dieselbe Richtung und kommt dabei auf Themen, über die man im Alltag oft gar nicht so ausführlich spricht.

    Nach einiger Zeit kamen wir am Camp Italiano vorbei. Von dort beginnt der Aufstieg zum Mirador Británico, einem der spektakulärsten Aussichtspunkte im Torres-del-Paine-Nationalpark.

    Ab hier zeigte das Wetter dann auch, was es kann.

    Der Wind kam nicht einfach von vorne oder von oben, er kam seitlich. Regen und Schnee ebenfalls. Der Niederschlag fiel nicht senkrecht, sondern wurde horizontal durch die Luft gedrückt. Teilweise hatte man das Gefühl, direkt durch eine Wand aus Wasser und Schnee zu laufen.

    Trotzdem ging es erstaunlich gut voran.

    Oben am Mirador Británico angekommen, öffnete sich der Blick auf die gewaltigen Granitwände des zentralen Massivs. Zwischen den Wolken rissen immer wieder kleine Fenster auf, durch die man die Landschaft erkennen konnte. Es war rau, wild und unglaublich beeindruckend. Wir machten schnell ein paar Fotos, lange bleibt man bei diesem Wind ohnehin nicht stehen – und machten uns danach wieder an den Abstieg.

    Am Nachmittag erreichten wir schließlich das Refugio Frances. Die Lage der Hütte ist wirklich beeindruckend: mitten im Wald, umgeben von steilen Bergen und mit Blick ins dramatische Tal des Valle del Francés.

    Leider war das Personal dort nicht besonders freundlich. Alles wirkte ein bisschen gestresst und unpersönlich. Am Ende hat das aber auch nicht wirklich die Stimmung ruiniert nach so einem Wandertag ist man ohnehin zufrieden, einfach irgendwo zu sitzen, etwas Warmes zu essen und die Füße hochzulegen.

    Was mir allerdings wieder einmal klar wurde: Die anstrengendsten Begegnungen auf solchen Reisen sind oft mit amerikanischen Gruppen. Viel Lautstärke, viel Raum einnehmen und irgendwie immer das Gefühl, dass für sie eigene Regeln gelten. Unglücklicherweise waren wir mit einigen von ihnen im selben Dorm untergebracht.

    Besonders surreal wurde es später am Abend. Ein amerikanischer Guide unterhielt sich lautstark mit einer israelischen Soldatin, die ebenfalls dort übernachtete. Das Gespräch nahm irgendwann eine ziemlich unangenehme Richtung. Er erklärte ihr seine „Theorie“, wie man Frauen mit Alkohol gefügig machen könne und kaufte ihr wenige Sekunden später ein Bier.

    Wir lagen im Bett und hörten das Ganze unfreiwillig mit. Es war eine dieser Situationen, in denen man nicht so recht weiß, ob man lachen, den Kopf schütteln oder einfach nur den Raum verlassen soll. Am Ende blieb vor allem ein seltsames, etwas beschämendes Gefühl zurück.

    Ansonsten passierte an diesem Abend nicht mehr viel. Nach dem langen Tag draußen waren alle ziemlich müde.

    Für den nächsten Tag stand eine der längeren Etappen der Tour an. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, sehr früh aufzustehen und sogar ein Frühstück vorgebucht.
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