• Abschied

    Nov 2–4, 2025 in Germany ⋅ 🌧 12 °C

    Ludwigshafen. Wenn ich sowas habe, wie eine Heimat, dann fühlt sich Ludwigshafen mitunter am ehesten so an. Man sucht es sich nicht aus. Letztens war hier Bürgermeisterwahl, die Wahlbeteiligung lag bei unter 30%. Der AfD-Mann durfte nicht antreten, aber das ist nur ein Teil des Grundes für die schwache Resonanz. Die Stadt hat einfach gar keinen Spielraum. Es gibt kein Geld zum Ausgeben, die Hochstraßen gehen kaputt, die Brücke nach Mannheim wird alle paar Jahre weniger befahrbar und der BASF ging es auch schon besser. Vor ein paar Jahrzehnten hat man sich entschlossen, den schrecklichsten Hauptbahnhof der Republik zu bauen. Von den alten SPD-Strukturen scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

    An die Verwandschaft: Bitte entschuldigt das Bild, welches ich hier gerade gezeichnet habe. Ludwigshafen hat nämlich auch schöne Ecken. Die Reihenhäuser in Oggersheim, das Maudacher Bruch oder... Uff, 3 Sachen sind schwierig. Apache207 wohnt hier.

    Eine *sehr* schöne Ecke Ludwigshafens ist eine Doppelhaushälfte im Stadtteil Gartenstadt (meine Tante nennt sie die "Casa Gartenstadt"). Dorthin hat sie zum Herbstfest geladen: Die meisten meiner Verwandten sind zugegen und es gibt wie immer ein vorzügliches Buffet inkl. Pfälzer Saumagen und Zwiebeltorte. Meine Großnichte Ida hat großen Spaß daran, meine Füße aus dem Hinterhalt anzugreifen. Auf dem Klavier liegt die aktuelle Ausgabe des "Mannheimer Morgen". Darin: Ein Porträt meiner Cousine Lena, die mit ihrer Rolle der schaurigen Zirkusdirektorin im Halloween-Programm des lokalen Freizeitparks zu kleiner Berühmtheit gelangt ist. Ein schöner Start ins Wochenende.

    Meine Oma macht am nächsten Tag Dampfnudeln, die nächste Pfälzer Spezialität. Ich würde sagen, die am wenigsten derbe, und meine Leibspeise. Meine Cousine Eva hat in ihrem Kochblog einmal Omas Originalrezept aufgezeichnet. Es ist viel Arbeit, aber wer keine Pfälzer Oma hat, kann sich ja mal dran probieren.

    Großeltern können eine andere Art Liebe geben. Wir spielen und schwatzen den Tag über bis in die Abendstunden.

    Am Tag unseres Abflugs nach Kolumbien wache ich eine Stunde vor dem Wecker auf. Meine Oma und ich gehen Brötchen holen. Fast unbeschwert schubst sie den Rollator vor sich her ("immer nimmt sie ihn nicht"). Im Norma um die Ecke kauft sie inzwischen fast alles ein und sie ist gutmütig mit den Mitarbeitern, vor allem mit den tüchtigen. Nach dem Frühstück wird alles gepackt und eine letzte Runde Skip-Bo gespielt. Dann verlassen wir Oggersheim. So lange wir in Sichtweite sind, winken wir noch, bis sich ein Kirchgebäude in den Weg schiebt.

    Link zum Dampfnudelrezept: https://evchenkocht.de/meine-oma-verraet-ihr-da…
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