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  • Dana M.
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Fünf Monate Wochenende

A 145-day adventure by Clemens & Dana Read more
  • Trip start
    November 2, 2025

    Fünf Monate Wochenende

    November 2, 2025 in Germany ⋅ ☁️ 13 °C

    Bei jedem Text stellt sich die Frage, mit welchem Wort er anfangen soll. In der Regel wird es bei meinen Beiträgen hier mehr oder weniger versteckt das Wort "Ich" sein. Deswegen haben Dana (Freundin und Reisebegleitung) und ich auch getrennte Reiseblogs. Manche schlafen in getrennten Betten oder haben getrennte Wohnungen, bei uns ist es das und ich glaube, in diesem Fall wird es bereichernd sein. Ihr Blog heißt "Buntwärts", meiner "5 Monate Wochenende".

    Oft habe ich auf meinen Reisen Leute getroffen, die sich wahnwitzig lange Auszeiten genommen haben. Einmal war eine Schweizerin dabei, die von dem ganzen Reisen erstmal Urlaub brauchte und sich nach unserer Begegnung in ein Yoga-Retreat zurückgezogen hat. 

    "Wohlstandsverwahrlosung". Vielleicht wäre das auch ein guter Titel für den Blog gewesen. Aber das wäre ja wieder irgendwie gesellschaftskritisch und würde zu wenig "Ich" beinhalten.

    Bei meiner letzten Reise durch Südostasien zwei Gleichaltrige namens Marie und Maren kennengelernt. Marie hatte sich 1.5 Jahre rausgenommen. Die beiden haben es sehr entspannt angehen lassen. "Anderthalb Jahre Wochenende" ging mir damals durch den Kopf. Was würde man mit so viel freier Zeit tun? Keine Verpflichtungen, keine Termine, kein wasauchimmer. Jeden Tag ausgiebig Frühstücken (was eine sehr feine Sache ist) würde sich vermutlich nach 5-10 Tagen erschöpfen. Irgendwas tun, was sinnvoll für die Gesellschaft wäre würde wahrscheinlich wieder in Verpflichtungen oder Terminen (oder wasauchimmer) münden.

    Bleibt der (für mich) unglaublichste Luxus unserer Zeit: Die Welt bereisen, entlegene Orte entdecken, interessante Menschen kennenlernen und zwischendurch ggf. auch mal ausgiebig frühstücken. Wir haben uns die Länder Deutschland (2 Tage), Kolumbien (2 Wochen), Argentinien & Chile (2 Monate), Japan (1 Monat) und Thailand (6 Wochen) ausgesucht. Nach Kolumbien reisen wir ehrlicherweise nur, weil die Flüge dadurch günstiger waren. Das Auswärtige Amt hat gibt für Kolumbien derzeit eine Teilreisewarnung aus, u.a. in der Grenzregion zu Venezuela. Wir sind deshalb ausschließlich an Orten unterwegs, die uns von südamerikanischen Freunden als sicher eingestuft wurden. Insgesamt ist die Reise eher ein Wohlfühl-Backpacking-Erlebnis, aber ich muss mir ja zumindest die Route mit Dana teilen und die war noch nie außerhalb von Europa.

    Heute geht unsere Reise los. Die nächsten 2 Tage werden wir bei meiner Ludwigshafener Verwandtschaft verbringen. Ludwigshafen ist auch immer wieder ein Kulturerlebnis der besonderen Art. Ich freue mich, Dana ist sehr aufgeregt, aber ich passe auf sie auf, versprochen!
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  • Abschied

    Nov 2–4, 2025 in Germany ⋅ 🌧 12 °C

    Ludwigshafen. Wenn ich sowas habe, wie eine Heimat, dann fühlt sich Ludwigshafen mitunter am ehesten so an. Man sucht es sich nicht aus. Letztens war hier Bürgermeisterwahl, die Wahlbeteiligung lag bei unter 30%. Der AfD-Mann durfte nicht antreten, aber das ist nur ein Teil des Grundes für die schwache Resonanz. Die Stadt hat einfach gar keinen Spielraum. Es gibt kein Geld zum Ausgeben, die Hochstraßen gehen kaputt, die Brücke nach Mannheim wird alle paar Jahre weniger befahrbar und der BASF ging es auch schon besser. Vor ein paar Jahrzehnten hat man sich entschlossen, den schrecklichsten Hauptbahnhof der Republik zu bauen. Von den alten SPD-Strukturen scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

    An die Verwandschaft: Bitte entschuldigt das Bild, welches ich hier gerade gezeichnet habe. Ludwigshafen hat nämlich auch schöne Ecken. Die Reihenhäuser in Oggersheim, das Maudacher Bruch oder... Uff, 3 Sachen sind schwierig. Apache207 wohnt hier.

    Eine *sehr* schöne Ecke Ludwigshafens ist eine Doppelhaushälfte im Stadtteil Gartenstadt (meine Tante nennt sie die "Casa Gartenstadt"). Dorthin hat sie zum Herbstfest geladen: Die meisten meiner Verwandten sind zugegen und es gibt wie immer ein vorzügliches Buffet inkl. Pfälzer Saumagen und Zwiebeltorte. Meine Großnichte Ida hat großen Spaß daran, meine Füße aus dem Hinterhalt anzugreifen. Auf dem Klavier liegt die aktuelle Ausgabe des "Mannheimer Morgen". Darin: Ein Porträt meiner Cousine Lena, die mit ihrer Rolle der schaurigen Zirkusdirektorin im Halloween-Programm des lokalen Freizeitparks zu kleiner Berühmtheit gelangt ist. Ein schöner Start ins Wochenende.

    Meine Oma macht am nächsten Tag Dampfnudeln, die nächste Pfälzer Spezialität. Ich würde sagen, die am wenigsten derbe, und meine Leibspeise. Meine Cousine Eva hat in ihrem Kochblog einmal Omas Originalrezept aufgezeichnet. Es ist viel Arbeit, aber wer keine Pfälzer Oma hat, kann sich ja mal dran probieren.

    Großeltern können eine andere Art Liebe geben. Wir spielen und schwatzen den Tag über bis in die Abendstunden.

    Am Tag unseres Abflugs nach Kolumbien wache ich eine Stunde vor dem Wecker auf. Meine Oma und ich gehen Brötchen holen. Fast unbeschwert schubst sie den Rollator vor sich her ("immer nimmt sie ihn nicht"). Im Norma um die Ecke kauft sie inzwischen fast alles ein und sie ist gutmütig mit den Mitarbeitern, vor allem mit den tüchtigen. Nach dem Frühstück wird alles gepackt und eine letzte Runde Skip-Bo gespielt. Dann verlassen wir Oggersheim. So lange wir in Sichtweite sind, winken wir noch, bis sich ein Kirchgebäude in den Weg schiebt.

    Link zum Dampfnudelrezept: https://evchenkocht.de/meine-oma-verraet-ihr-da…
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  • Bogota

    Nov 5–8, 2025 in Colombia ⋅ ⛅ 9 °C

    Wir sitzen in einem abgedunkelten Raum im Botero-Museum. Ich kannte Botero vorher nicht so richtig, seine Bilder sind aber wirklich witzig, ich bin Fan. Im Botero-Museum (übrigens kostenlos) gibt es auch noch einiges von Monet und Dali. Und einen weiteren Bereich, in dem auch der abgedunkelte Raum liegt. Größtenteils versteh ich nicht, worums da ging, es sind viele Bilder von Ruinen, Kanalisation und so Sachen ausgestellt. Im dunklen Raum läuft eine Dokumentation zur Gangkriminalität in Kolumbien. Es werden waschechte Killer interviewt, entweder mit Kapuze von hinten oder weichgezeichnet. Die Gangs rekrutieren so wie Fußballclubs, ihr Talentpool beweist sich auf der Straße. Es sind intensive Einblicke in diese Welt. Krass, wie weit man mit ein bisschen Testosteron und Motorrädern kommen kann. Und welche Zerstörungskraft das für ein Land hat.

    Abends sitzen wir im Viertel "Zona Rosa" und essen Burger. Das Viertel ist eines der sichersten in Bogota, die Polizei passt hier rund um die Uhr auf. Die Optik erinnert mitunter an die Kölner oder Mannheimer Innenstadt. Weite, graue Flächen, namenlose Restaurants und Blindenleitsysteme (ganz so schlimm ist es nicht, zwei Straßen weiter sind wieder die gewohnten, mit Müll gefüllten Löcher im Bürgersteig).
    Ich mache mir viele Gedanken zu den Gegensätzen auf den Straßen hier. Unsere Uber-Fahrt vom Flughafen in die Stadt hat 6$ gekostet, eine 3/4 Stunde waren wir unterwegs. Wie soll das bitte funktionieren? Auf der Straße sind wahnsinnig viele Leute mit Müllsäcken über der Schulter unterwegs. Tausende Handyhüllen-Stände. Auf einem Grünstreifen hat sich gestern einer eine Crack-Pfeife angezündet. Ich hätte da auch keinen Bock drauf. Ich würde hier auch Touristen abziehen.

    An unserem zweiten Tag schauen wir uns Bogota von oben an. Der Cerro de Monserrate thront über der Stadt, direkt neben dem Viertel La Candelaria (Machtzentrum Kolumbiens, Botero Museum, Street Art, schöne Cafes). Wir fahren mit der Bergbahn hoch und gehen den "Weg des Kreuzes" entlang. Aus den Lautsprechern am Wegesrand dröhnt eine Gottesdienstaufzeichnung. Bestünden die Steine dort aus Pappmaschee, erstaunt wäre ich nicht. Der Blick über Bogota aber ist atemberaubend. Wenn man sich durch einen Souvenirmarkt und eine Fressmeile schlägt, landet man im touristisch nicht ganz so erschlossenen Teil des Gipfels. Die Fressmeile wird scheinbar mithilfe von Eseln beliefert. In unseren Zeiten ein trostvoller Gedanke, dass die Esel trotz Bergbahn noch immer das Mittel der Wahl sind. Mehrere Karravanen ziehen an uns vorbei, während wir den Blick über die benachbarten Berge schweifen lassen.

    Ich spüre den Jetlag und die stattliche Höhe von 2600 Metern, wir wachen jeden Morgen um 6 Uhr auf und die Tage sind anstrengend. Die Blicke auf die umliegenden Berge, die schönen Cafes, interessanten Museen, vielfältigen Formen und Straßenzüge, die Speise der Stadt - eine Suppe - Ajiaco und viele kleine Details entschädigen aber dafür. Unsere nächste Station ist Cartagena, eine der schönsten Hafenstädte der Welt. Es ist durchgängig Gewitter angesagt.
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  • Cartagena

    Nov 8–12, 2025 in Colombia ⋅ ⛅ 29 °C

    Reisetage fühlen sich manchmal wie verschwendet an. Die Buslinie P500 fährt direkt vor unserer Haustür in Bogota zum Flughafen. Allerdings steht nicht mal in der offiziellen App, wann. Also stehen wir etwa eine halbe Stunde an der Haltestelle. Dann sitzen wir etwa eine Stunde im Bus. Und dann etwa 2 Stunden am Flughafen. Dann nochmal 2 Stunden im Flugzeug. Und dann? Sitzen wir eine halbe Stunde im Uber nach Getsemani, einem lebendigen Stadtteil von Cartagena. Wir fahren an der karibischen Küste entlang, die Sonne geht langsam unter. Gegen 18 Uhr ist sie verschwunden und wir sind endlich in Gestsemani. Um den Sonnenuntergang gebührend zu genießen, sind wir zu spät. Die Luft ist warm, die Farben strahlen abends intensiv. Ein Tag wie ein Ladebalken, der sich aber gelohnt hat. Wir verrückt, sich auf einmal in beschwingter Stimmung bei 30°C durch die Gassen zu schwitzen.  

    Unseren ersten vollen Tag lassen wir entspannt angehen. Wir schlafen aus, schauen uns den sky-scrapigen Teil der Stadt an (muss man nicht machen) und versuchen unser Glück mit dem Sonnenuntergang auf einem Catamaran (ich würde von mäßigem Erfolg sprechen).

    Tja, und jetzt kommt der unerfreulichste Teil unserer Reise (bis jetzt). "Natürlich" nehmen wir uns einen unserer Tage auch für die Inseln in der Karibik vor Cartagena. Tierra Bomba und so weiter. Für sowas muss man sozusagen eine Tour buchen. Leider findet sie in unserem Fall im unbequemsten Boot in dem wir je saßen statt. Die Schnorchel sind in einem hygienisch inakzeptablen Zustand (und das Korallenriff ist tot, aber das ist bei dem Publikum eigentlich ein Pluspunkt). Das Ganze ist eher eine Kaffeefahrt. Wir werden an verschiedene Strandbars gekarrt (wegbewegen schwierig) und für umgerechnet 40€ hätten wir noch mit Delfinen schwimmen können. Da stellt sich die Frage, wofür GetYourGuide überhaupt gut ist, wenn DAS die Top-Empfehlung ist. Für ein Gratisgetränk werden wir am Ende der Tour dazu aufgefordert, die Tour direkt zu bewerten. Die Leute machens, was für Idioten. Ich weiß nicht, ob die einfach nicht verstanden haben, dass sie verarscht wurden oder ob sie es sich nicht eingestehen wollen.

    Naja, ein paar schöne Momente gibt es an dem Tag. Eine Strandbar ist nicht total verranzt und wir gönnen uns einen Cocktail. Außerdem sehen wir Pablo Escobar's Inselunterkunft. Am Abend fressen wir uns durch unser Viertel und obwohl der Tag scheiße war fühle ich mich das erste Mal richtig angekommen. Der Jetlag ist langsam überwunden und Deutschland wirklich einen Ozean entfernt.

    Unser Hostel ist wirklich schön. Man weiß nicht ganz, wer zum Personal und wer zu den Gästen gehört. Das Frühstück ist liebevoll zubereitet und es gibt (one - two - three -- five - six - seven) sogar eine abendliche Salsastunde. An die TikTok-Fähigkeiten unserer Lehrerein kommen wir nicht ran, aber wir beherrschen den Grundschritt. Und wir lernen beim Tanzen Luigi kennen, einen italienischen Koch (ja, wirklich), der in Kanada wohnt. Er absolviert einen Teil der Stunde rauchend vor dem Tor des Hostels. Gemeinsam mit Fanny, einer jungen chilenischen Lehrerin verleben wir unseren schönsten (und leider auch letzten) Tag in Cartagena. Wir schlendern durch die Innenstadt, besorgen mir eine neue Sonnenbrille (meine alte ist vom Salzwasser beschädigt worden), probieren Mamoncillos (eine Frucht irgendwo zwischen Litschi und Kirsche), trinken wirklich wundervolle Limonada de Coco (Luigi bestellt zwei) und genießen den letzten Abend in Getsemani mit all der Kunst, dem Kaffee, dem Leben (und der 🤖 very - very - delicous Ice. Cream. 🤖).

    Mir wird an diesem Tag fünf (!) Mal Kokain angeboten. Ein Typ läuft 50 Meter neben mir her und zeigt mir Whatsapp-Videos mit kiloweise Ware. Einer bietet uns wahlweise eine Kutschenfahrt oder Weed an, aber wir lassen beides. Kleiner Bonus an dem Tag mit Fanny und Luigi: Sie sprechen immer mal wieder einen Mix aus Englisch und Spanisch und meine Sprachkenntnisse verbessern sich.

    Mit Dana zu reisen ist schön. Sie ist manchmal ein bisschen langsam und ich manchmal ein bisschen genervt, aber es ist wie im Alltag. Alleine auf Reisen heißt auch oft Einsamkeit. Und scheinbar sind wir ja auch in der Lage, so liebe Menschen wie Fanny und Luigi kennenzulernen. Nur meine alte Reisebegleitung, die Musik, kommt ein bisschen zu kurz. DO IT von Kanye West bringt mich wann immer ich will zurück auf die Straßen von Chiang Mai. Kolumbien hat bisher noch keine Musikkapsel.
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  • Salento: Nebelgrün im Wolkenwald

    Nov 12–16, 2025 in Colombia ⋅ ☁️ 15 °C

    "Estaba mui rico!" strahlt Dana die Frühstücksfrau an. Ich habe die aufgerollte Truthahnwurstscheibe lieber liegen lassen, weil sie an der Oberseite schon etwas angetrocknet war. Ich bin aktuell ein bisschen vorsichtiger, was zweifelhaftes Essen angeht. Wir sind wieder in Bogota, diesmal in einem Kapselhotel. Wirklich ein geiles Konzept, ich schreib dazu nochmal.

    Die Tage im Kaffeetal - von dort aus sind wir gestern in einer etwa zehnstündigen Fahrt angerollt - waren wirklich schön und hielten einige Überraschungen bereit. Vor allem war es sehr ruhige Tage, wenn man sie dem großstadt- und flugreiselastigen Alltag der letzten zwei Wochen entgegenhält. Die Anreise hatten wir über den Flughafen Armenia (AXM), einem Uber zum Busbahnhof und von dort aus einem klapprigen Bus mit einer Kapazität von etwa zwanzig Sitzplätzen bewältigt (Kosten für die einstündige Fahrt: 1.6€). Das Ziel heiß Salento, touristisches Herz des Kaffeetals.

    Um etwa 20:30 Uhr öffne ich dort in unserem Hostel eine Toilettentür (von innen) und mich grinst ein blond-verrücktes Gesicht an: "Clemens Ritthaler!". JP ist ein alter Studienkumpel und er übernachtet sogar im gleichen Schlafsaal wie wir. Zufälle gibt's. Aber es ist halt auch das touristische Herz des Tals und ich kenne wahrscheinlich hunderte Leute, die sich potentiell diese Ecke für ihren Urlaub aussuchen. Naja, wir trinken ein Bier in der Stadt und JP empfiehlt und das Spiel Tejo, was hier viel gespielt wird. Das Spiel besteht daraus, einen Metallklumpen auf eine (in unserem Fall) ~7m entfernte Sprungfeder zu schleudern, auf der kleine, mit Schießpulver gefüllte Kuverts drapiert sind. Wenn man trifft, explodiert das Kuvert und es gibt Punkte.

    Mit JP bequatschen wir noch alles Mögliche (die Deutsche Bahn, Wandertipps in der Region, gemeinsame Bekannte), aber er hat am nächsten Tag leider schon seine Abreise fixiert. Wäre witzig geworden. JP ist einer, der hat mal dem Bürgermeister von Thessaloniki eine PET Flasche auf die Bühne geworfen (begleitet mit Buh-Rufen).

    Das Coffee-Tree Hostel in Salento ist großartig. Sauber, herzlich, gutes Frühstück, Hunde, kostenloser Kaffee. Wir verschlendern unseren ersten Tag größtenteils in Salento. Es geht zum Mirador (span. Aussichtspunkt), es gibt Salento Coffee (Kaffee mit Zimtstangen) und Empanadas zur Mittagszeit. Vielleicht warens die Empanadas, die meinen Darm in den nächsten Tagen sehr herausgefordert haben. Vielleicht wars aber auch das fettige Essen im Allgemeinen, der Pisco Sour in der Karibik oder meine gelegentliche Unvorsicht. Es hat auf jeden Fall nicht nur beim Tejo geknallt.

    Am Nachmittag geht's noch auf eine Kaffeefarm. Wir werden angenehm durchs Programm geschleust: Kirschen - so heißen die reifen Kaffeefrüchte - pflücken, Reifungsprozess durchgehen, Röstung schnuppern, Kaffee zubereiten & trinken.

    Die Jeeps übrigens. Die bringen einen an alle möglichen Orte um Salento herum (z.B. zur Kaffeefarm). Sie fahren vom Plaza de Bolivar aus ab und werden mit Menschen so vollgeladen wie es nur geht. 8 auf die Ladefläche, 2 neben den Fahrer und 3 noch hinten stehend, wie Müllmänner. Die Plätze neben dem Fahrer sind eher für die Senioren bestimmt (Dana darf da aber auch hin), ansonsten erklärt sich der Preis von etwa 50 Cent pro Fahrt aber über den Komfort. Aus dem Valle de Cocora (kommen wir gleich zu) bin ich auch mal als Müllmann mitgefahren. Dummerweise im Regen, fühlt sich an wie Hagel und nach 20 Minuten am Dach festhalten wirds langsam schmerzhaft. Aber man kann sich einreden, sich mal wieder lebendig gefühlt zu haben. 

    Das Valle de Cocora ist die Hauptattraktion bei Salento. Die höchsten Wachspalmen der Welt stehen hier (und dabei ist nebensächlich, dass ich vor meiner Ankunft hier noch nie von Wachspalmen gehört habe). Außerdem gibt es einen guten Zugang in den Nebelwald. Nebelwälder sind quasi Regenwälder, bloß höher und - naja - es ist mit Nebel zu rechnen. Der Nebel verleiht dem Ganzen einen wunderschönen Zauber. Ich kann das alles ehrlich nicht fassen. Jetzt, wenn schreibe und mir die Bilder anschaue - dann blicke ich da fast wie auf einen Traum. Wir wandern durch den Palmengarten, in den Nebelwald hinein, zum höchsten Punkt des Weges. Steigen matschige Trampelpfade hinab (war das Bouldern mal zu was gut), neben Flüssen und Bächen, an steilen Hängen und über Hängebrücken, deren Zustand in Deutschland zu einer Vollsperrung des gesamten Gebiets geführt hätte. Wir machen auch einen Abstecher zum Kolibrihaus. Es wird an so vielen Stellen eine Spende von etwa 4€ pro Person empfohlen, dass man eigentlich nicht mehr von Freiwilligkeit sprechen kann. Dafür gibts aber eine wirklich exzellente Trinkschokolade und natürlich Kolibris. Auf dem Weg runter treffen wir Söntke. Der kommt auch aus Leipzig und ist recht erfolgreicher Künstler (Söntke Campen ist der volle Name). Wir quatschen über alles mögliche und verbringen den Abend später mit Kartenspiel, Fisch und Tejo.

    TRIGGERWARNUNG: Der folgende Absatz enthält Gewalt gegen Tiere.

    Tja, den Rest der Zeit verbringen wir ein bisschen entspannter. Den ersten Tag schonen wir Danas Knie ein bisschen und am zweiten nehme ich meinen Verdauungstrakt ein bisschen ernster. Tee, Zwieback, Suppe und Ruhe. Wir bewegen uns eher entspannt in Salento; eigentlich wollen wir noch ein bisschen um das Städtchen Herumwandern, aber die Regengüsse waren in den letzten Tagen so stark, dass wirs lieber lassen. Wir dringen in den ursprünglichen Teil Salentos vor (einfache Hütten, Einheimische, keine Zahnärzte) und es ist wirklich ein anderer Schnack hier. Am Matschweg beim zugewucherten Bolzplatz verdrischt ein Kolumbianer (unverkennbarer Wahn in den Augen) gerade eine Kuh und brüllt die ganze Zeit "PUTA" (heißt so viel wie Hure). Die Kuh ist in Panik und unternimmt ein paar Fluchtversuche, das macht den Typen aber nur wütender. Die kriegt richtig eins mit dem Stock drüber, wird über den Stacheldrahtzaun getreten und liegt auf dem Boden. Um Himmels Willen. Es gibt Momente, in denen lässt man progressive Wertvorstellungen schweigen. Respektvolles Nicken, gebührender Abstand. 

    Der letzte Tag in Bogota verläuft nicht weiter spannend. Wir besorgen ein paar Wollutensilien für Dana und schlendern ein bisschen durch Chapinero. Ah, und wir besuchen noch das Vapiano-Restaurant des Landes. Das hat es in den kleinen Bereich, der sich kaum von der Bielefelder Fußgängerzone unterscheidet, geschafft.
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  • Bogota: GameZone

    Nov 17–19, 2025 in Colombia ⋅ ☁️ 14 °C

    Eigentlich ist die Bogota relativ teuer, wenn man auf der Calle 85 nächtigt. Im Gegensatz zum überwiegenden Rest der Stadt kann man sich hier als weißer Europäer relativ angstfrei auch noch am späten Abend bewegen. Selbst im südlicheren La Candelaria, in dem sämtliche nennenswerten Touristenattraktionen aufgereiht sind, meidet man ab Einbruch der Dunkelheit lieber die Straßen.

    Das JOY Hostel bietet seine Betten in Kapseln an und kostet uns beide insgesamt 50€ für zwei Übernachtungen, Wäsche von ~5kg und den Shuttletransport zum Flughafen. Die Kapseln sind eine Zukunftsvision, die wahrscheinlich seit Beginn des Sci-Fi-Genres existieren. Die Vision bezieht sich dabei eher auf die Unterbringung auf Reisen, die hunderte Lichtjahre gehen und nicht auf Budget-Backpacking in Südamerika. Aber - sie ist genau dort Realität geworden. Pro Schlafkapsel ein Volumen von ~6m³, insgesamt sind sie viergeschossig gestapelt. Durchnummeriert, mit entsprechender Keycard, 2 Personen können in einer Kapsel schlafen. Es gibt verschiedene Dimmstufen für die Beleuchtung drinnen, einen Fernseher und einen Lüfter, der die ganze Nacht durchläuft. Weißes Rauschen, ist okay. Man fühlt sich ein bisschen wie im Innern eines Rechners. Der Platz ist kapselmaximal genutzt, es gibt nicht mal Platz für den Rucksack, der steht in einem Extraraum beim Eingang. Optisch erinnert das Ganze an einer Lasertagarena oder ein Quake-Level. Direkt im ersten Gang sitzt einer mit einem Gaming-Laptop und spielt League of Legends, wie passend.

    Wir müssen *richtig* früh raus, unser Flug nach Buenos Aires geht um 07:15 Uhr. Das bedeutet um 3 Uhr aufstehen, hatte ich beim Buchen nicht auf dem Schirm. Wir schaffen unsere Habseligkeiten aus der Kapsel und dem zugehörigen Spind, holen unsere Rucksäcke aus dem Rucksackraum und packen im Frühstücksraum unseren Kram zusammen. Im Frühstücksraum steht eine Palme, die durch ein Loch in der Plexiglasdecke wächst. Passt nicht so richtig, denn der Frühstücksraum ist irgendwie auch in die Egoshooterhaftigkeit eingebettet. Man kann die Kapselgänge auch von dort aus sehen. Die Böden der Zwischengeschosse sind schwarze Gitter, sieht aus wie ein 3D-Modell, in dem die beiden Polizisten da durch die Gänge leuchten. Ja genau, es sind heute Nacht Polizisten im Kapselhostel unterwegs. Sie grüßen freundlich und durchsuchen das Wireframe argwöhnisch. Einer verschwindet in die Küche, dann verduften beide.

    Inzwischen ist Sandro, unser Fahrer, aufgetaucht. Überpünktlich, 20 Minuten vor der Zeit. Ich muss Dana ein bisschen stressen, auch wenn es mir leid tut. Eine Frau in schwarzen Lederhosen kommt in den Frückstücksraum, überrascht, uns zu sehen. "Aeropuerto?" fragt sie und lächelt "Si!" sage ich und lasse gestisch ein Flugzeug abheben. Sie verschwindet in die Küche. Hai, ich bin jetzt ein *wirklich* harmloser Tourist, so einen harmlosen Touristen habt ihr noch nicht erlebt. Dana ist immer noch nicht fertig mit packen und lässt mich spüren, dass sie gestresst ist. Aber da müssen wir jetzt durch. Pünktlich um 03:45 sitzen wir im Shuttle. Dana sitzt angesäuert, ihren kleinen Rucksack in den Armen auf dem linken Rücksitz neben mir. Die Polizisten sind wieder da drehen eine weitere Runde durchs Hostel. Wäre ich die Frau mit der schwarzen Lederhose gewesen, ich wäre einfach in meiner Kapsel geblieben. Es sind ja immerhin überall Kameras installiert, wie in einer echten Lasertagarena. Was auch immer da gelaufen ist, ich stecke den Polizisten lieber nix. Wir müssen schließlich unseren Flug nach Buenos Aires bekommen.
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  • Buenos Aires: Drehkreuz

    Nov 19–25, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 22 °C

    Hach, ich liebe gute Taxifahrer. Ich erinnere mich noch an meine erste Ankunft in Südamerika, La Paz 2023. Keine Fahrt, eine Jagd. Unser Fahrer jagt nun durch die Straßen Buenos' Aires, sein Ziel die Villa de la Cultura, seine Beute 20% Trinkgeld, muchas gracias. Betrunken ist man spendabel.
    Wir kommen gerade vom Asado. Das ist traditionelles argentinisches Barbeque, ausgiebig gefeiert im Freundes- und Familienkreis. Mein Kollege Lucas hat uns auf seine Dachterasse eingeladen. Kiloweise Fleisch, ich sags euch. Wahnsinnig lecker. Höchster Stellenwert für Argentinier.
    "He's one of the cool kids. He's tall and... You know, pretty handsome. But with the mean jokes, its too much. Its too much.". Lucas hat einen Becher Wein in der Hand, es ist 02:15 und er träumt laut von seinem Sohn Matteo. Seine Frau Amy kommt dazu und amüsiert sich darüber, dass es ihm vielleicht doch nicht too much ist mit den mean jokes in der Schule.

    Buenos Aires, das bedeutet: Abgefuckte Hochhäuser, dazwischen Tango, Taschendiebstahl, Tortenbäcker und Villen. Unser Host Marcus - Schweizer, Tangolehrer, Architekt und gelernter Zimmerkellner - ist seit 2018 Besitzer einer dieser Villen. Naja, oder zumindest der 2 wesentlichen Wohnungen ebenjener. Von der Dachterasse aus kann man den Congreso sehen. Bei Kaffee und Kuchen erzählt er uns vom Haus und seinem Weg hierher. Gabriela sitzt auch mit am Tisch. Ich weiss immer noch nicht so genau, ob sie auch Gast in der Villa ist oder (so halb) die Partnerin von Marcus. Auf jeden Fall spricht sie fast nur spanisch, unterhält sich aber dafür sehr viel mit uns. Eine sehr liebe Frau, auf Dauer ist es aber ein bisschen anstrengend, die Gespräche zu dechiffrieren.

    Um die Ecke gibts ein sehr bemerkenswertes Restaurant. El Espanol. Kiloweise Fleisch, mal wieder. Und literweise Bier. Sehr sehr gut und auch sehr günstig. Wir gehen da dreimal essen und die Tage fließen recht träge vor sich hin. Es ist langsam wirklich genug Stadt. Städte sind dann doch irgendwie gleichförmig. Plätze, Kirchen, Museen, Streetart, Cafes, puh. Fühlt sich manchmal an, als wäre man die ganze Zeit in einem *Drehkreuz*. Die ~bunte Künstlerstrasse~ El Caminito, versteckt im kriminellen Viertel La Boca, hat ihre Seele vollständig an Souvenirshops verloren. Ich hab unten 2 Spiele aufgeführt, die man spielen kann, wenn einem beim Städtetrip langweilig wird.

    Es gibt aber zumindest noch den Tango. Den kann man entweder im Rahmen einer Dinnershow betrachten oder zum Beispiel im MARABU, einem Tangoclub. Eintritt liegt bei 5€, dafür wird man abschätzig beäugt. Aber es gibt sogar noch Leute in schlimmeren Wanderklamotten, einer hat eine knallgrüne Hose an. Die Atmosphäre hier - irgendwas zwischen Altersheim und Galaabend. Ein glattgestriegelter Typ macht sich erfolglos an die beiden Schweizerinnen am Nebentisch ran.
    Aber dann nimmt der Abend aufeinmal Fahrt auf. Livemusik, wirklich gut, schmissig moderiert. Und dann tanzen 2 Paare einen Showblock. Gleiten, wirbeln, schillern. Haben wir unseren Abend wohl doch nicht versehentlich in eine 3/4 Stunde Amateurtanz versenkt.

    Davon abgesehen sind wir jetzt aber natürlich auch in Argentinien. Das bedeutet einmal ein höheres Sicherheitsgefühl, aber gleich zwei Knappheiten: Käse und Bargeld. Den Käse spricht man glaube ich eher nicht an, Argentinien ist da recht stolz. Und auf der Pizza gibt es nach wie vor absurde Mengen Käse, so viel, dass es wirklich keinen Spaß mehr macht.
    Beim Bargeld geht es schon in eine gute Richtung. Der Blue Dollar - ein inoffizieller Wechselkurs - ist inzwischen Geschichte und man kann problemlos mit Kreditkarte zahlen. Also zumindest in der Großstadt. Aufm Land siehts anders aus, da geht nur effectivo - cash. 800€ abheben im Reichenviertel Palermo wird doch wohl gehen, oder? Nope. Ich probier 10 Banken durch, maximal 80€. Man muss allen Ernstes Geld an SICH SELBST verschicken. Das geht mit Western Union und ist unnötig kompliziert, ich spar mir die Details.

    Tja, ansonsten waren wir im schönsten Buchladen der Welt. Ich würde sagen, unfaires Spiel. Die haben einfach ein sehr schönes Theater in einen Buchladen umgewidmet. Ich kauf mir trotzdem Julio Cortázars "Bestiario" (auf spanisch), das ist wohl relativ einfach zu lesen. Die ersten 3 Sätze hab ich schon.

    Wegen dem Bargeld und Western Union sind wir fast zu spät am Flughafen. Ich freu mich auf Ruhe und Capybaras. Adios Staub, adios Diesel, adios Drehkreuz. Wir sehen uns in Santiago de Chile nächstes Jahr wieder.

    ___

    Spiel #1: Verstecken in der Kirche

    In dem Spiel versteckt man sich in einer Kirche. Allerdings hockt man sich am besten nicht hinter irgendeinen Altar, sondern versucht sich bestmöglich staunend oder betend in die Masse einzufügen. Bonus ist: Man entdeckt beim Suchen viel und im Versteck findet man ggf. zu Gott.

    Spiel #2: Bemerkenswerte Dinge

    In dem Spiel sitzt man z.B. im Bus oder geht eine Strasse entlang. Bis zur nächsten Haltestelle oder Kreuzung gilt es, das Bermerkenswerteste zu finden. Das kann ein komisch platzierter Mülleimer, ein schönes Haus oder eine cool angezogene Person sein. Man muss den anderen darauf hinweisen, was man Bermerkenswertes sieht und am Ende wird der Gewinner der Runde bestimmt.
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  • Carlos Pellegrini: Meckl. Vorpommern

    Nov 25–29, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 18 °C

    "Wollen wir noch warten oder einfach nach Hause?". Dana manchmal. Wir haben jetzt eine dreiviertel Stunde auf den Sonnenuntergang gewartet und jetzt ist er endlich da. Gestern hatte es so halb geklappt, allerdings waren wir da auf einem sehr klapprigen Steg unterwegs, alles voller Vogelscheiße und im Zwielicht wieder die 80m über brüchig zusammengehämmerte Bretter wieder zurück? Lieber nicht.

    Wir sind dem Großstadtdschungel entkommen und endlich in Carlos Pellegrini, einem Ort, der für ein beträchtliches touristisches Angebot immer noch als Remote-Village durchgeht. Es fährt 3x die Woche ein Bus nach Mercedes (das ist eine Stadt) um 4 Uhr morgens. Die Zufahrtswege lassen sich quasi nur mit Geländewagen passieren. Unser Transfer vom Flughafen hat 170 Euro gekostet. Das Gleiche dann auch zurück in die Zivilisation. Insgesamt haben wir hier in 3-4 Tagen so 800€ gelassen. Das dürfte der Spitzenwert dieser Reise werden. Aber: Die riesigen Wetlands hier, für die Carlos Pellegrini der Hauptzugang ist, sind unter den landschaftlich spannendsten Argentiniens (auch wenn das wahrscheinlich jede Region hier von sich behauptet). Es gibt Capybaras, Kaimane, riesige Vögel, ulkige Vögel und natürlich auch kleine Vögel. Schlangen, Otter, Pampashirsche, Schmetterlinge, Wildschweine, Pumas, Affen. Es ist eine schier unglaubliche Artenvielfalt, versteckt in den wässrig-flachen Weiten dieser augenscheinlichen Ödnis.

    Wie sah Mecklenburg Vorpommern wohl aus, bevor überall Raps angebaut wurde? Die Wetlands haben an einigen Stellen auf jeden Fall Ähnlichkeit zu den unberührteren Gegenden in MV. Flach, grün, morastig, Holzstege durchs Schilf am See. Hätte man auch günstiger haben können, das Ganze.

    Ewig lange Wanderwege durch das Gebiet gibt es nicht. 6km gibt es bei der "Laguna Ibera". Dafür muss man erst zur aufgeschütteten Brücke zum riesigen See (~25 Minuten), die muss man dann überqueren (~25 Minuten) und dann nochmal eine halbe Stunde entlang der rot-staubigen Schotterpiste gen Mercedes. Dann rechts abbiegen und es sind nur noch 10 Minuten bis zum offiziellen Start des Rundwegs. Größtenteils laufen wir auf einem aufgeschütteten Damm, den Abzweig in ein kleines Wäldchen nehmen wir auch noch mit. Überall Hinweisschilder, wie man sich gegenüber Pumas oder Wildschweinen verhalten soll. Im Wald raschelt es aufeinmal. Ein Affe! Die sieht man nicht oft, was für ein Glück. Ansonsten chillt eine unglaubliche Menge an Capybaras auf unserem Damm. Es interessiert sie nicht groß, dass wir uns 1 Meter entfernt von ihnen vorbeischieben. Auch die Capybabys bleiben enstpannt.

    Einen Tag sind wir abends in einem "Familienrestaurant". Es ist weniger ein Restaurant als einfach die überdachte Terrasse eines Privatbungalows. Eine kleine, dicke Frau begrüßt uns, im Hintergrund sitzt die Sippe. Wenn wir essen wollen, müssen wir uns gedulden. Machen wir. Nach 15 Minuten wird uns ein Fleischgericht mit Reis serviert. Die Kröten auf dem gefliesten Boden werden alle paar Minuten mit dem Besen auf den Rasen gefegt.

    Der Restaurantbesuch ist ähnlich teuer wie fast alles andere in diesem Village. Naja, die nächsten Tage wird gekocht oder es gibt Brot mit wirklich leckerer Salami aus dem Minimarkt. Unterwegs wird endlich mal der Zwieback aus Salento gegessen. Es hat sowieso wahnsinnig genervt mit dem Zwieback. Meine Rucksäcke sind voll von Zwiebackkrümeln.
    Die Tage starten im Cafe neben unserer Unterkunft. Ich würde sagen, endlich mal wieder ein Frühstück, was einem Wochenende würdig ist. Fruchtsalat, Kaffee, Brot mit Marmelade und wechselnde Special-Snacks. Leggor. Unsere Unterkunft ist ein langgezogener Bungalow mit hohen Decken, jedes Zimmer hat ein ~eigenes Bad~. Gaston, unser Host, leiht mir seine Schirmmütze. Die Tage hier sind heiß und der Schatten ist knapp. Für die Zeit zwischen 12 und 16 Uhr hat man am besten zwei Liter Wasser dabei. Dazu ist es auf den roten Schotterstrassen auch noch staubig, besonders wenn Autos vorbeifahren. Uff.

    Bei unseren Touren erkunden wir trotzdem fast alles, was zu Fuß zu erreichbar ist. Meckernde entenartige Vögel warten auf uns im Schilf, der flauschige Nachswuchs wird eifrig gescholten. Wildschweine schrecken auf und fliehen in den Wald. Eine Schlange verzieht sich zurück in den Busch. Es ist der schiere Wahnsinn, was wir für Tieren begegnen. An unserem ersten Abend schauen wir von einer Plattform aus auf das Ufer des Riesensees. Der Nudelvogel - so taufen wir ihn - ist ein creepy Zeitgenosse. Er schleicht sehr, sehr, sehr langsam durchs Schilf, mit seinem Nudelhals. In meinem einminütigen Video hat er exakt einen Schritt gemacht. Er hat die Langsamkeit perfektioniert. Eine wahnsinnig langweilige Überlebensstrategie, aber man kann lange zugucken.

    Eigentlich hatte uns Gaston eine Tour in einem traditionellen Kajak verkauft. Am ersten Tag "war das Boot kaputt" und Maxi Romero, unser Guide, "hatte kein Signal", am zweiten Tag wartet dann ein Motorboot auf uns. Naja, egal. Um eine gewisse ausbeuterische Unprofessionalität kommt man hier nicht ganz herum. Auf unserer Tour fahren wir an wasserpflanzenfressenden Pampashirschen vorbei, gehen auf Tuchfühlung mit Kaimanen (ich glaube, sie akzeptieren die Boote nur grimmig) und schippern durch entfernte Ecken unseres Sees. Riesige Vögel, die wie ein Beobachtungsposten Mordors um ihr Nest herumstehen, es ist wirklich una experiencia differente.

    Diego übrigens. Er holt uns vom Flughafen in Posadas ab und bringt uns 4 Tage später wieder zurück. Ein wahnsinnig herzlicher und warmer Mensch. Ich glaube, er ist auch der Gewissenhafteste der Pellegrinos. Geduldig steht er mit einem RITTHALER, CLEMENS-Schild am Flughafen, um 06:32 steht er wahrscheinlich schon ein paar Minuten vor unserem Bungalow. Seine Zeit und sein Toyota kosten zwar 340€, aber er ist immerhin 6-7 Stunden mit uns unterwegs und es kamen mal mindestens 5 Karamellbonbons für uns rum. Ein Wasser hat er uns auch in die Tür gestellt. Wow, Diego. Mein Glück, dass er kein Englisch spricht, ansonsten wäre Dana neben all der Hitze wohl endgültig dahingeschmolzen.

    Der Bus braucht nochmal 5 Stunden nach Puerto Iguazu, mal wieder ein Reisetag. Gestern wars schon anstrengend, da sind wir um 5 Uhr aufgestanden (Sonnenaufgang), waren dann den Tag über wandern, abends mit dem Boot unterwegs und danach noch auf einer Nacht-Safari (macht es einfach nicht, wenn ihr mal da seid; man sitzt 1.5 Stunden in einem Stinkebus, während der Fahrer mit einem Suchscheinwerfer Tiere anleuchtet; dann taucht man für 10 Minuten in die Insektenluft ein und macht nochmal ein paar Minuten Licht-Treibjagd auf Nagetiere). Die Nacht danach war kurz. Die Vorfreude auf die Wasserfälle ist aber groß.
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  • Iguazu: Ein erlaubnisgebender Gedanke

    Nov 29–Dec 3, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 32 °C

    Ende 2022 hab ich mich mit albanischen Freunden in Bologna getroffen. Ohne die Deutsche Bahn wäre das wahrscheinlich nicht zustande gekommen, weil die Lufthansa meinen Flug einen Tag vor Start abgesagt hatte.
    Ende 2025, einen Tag vor Abflug, diesmal nach Bogota (aber ebenfalls mit der Lufthansa) bekomm ich eine Mail von Flightright.eu. Denen hab ich damals meinen Entschädigungsanspruch verkauft. Immerhin 125€ haben mir EU-Gesetze eingebracht. "Die Mühlen der Justiz mahlen zwar langsam, aber gerecht" schreiben die Kollegen mir. Mit meinen 125 Euro stehe ich jetzt im Iguazu Nationalpark auf argentinischer Seite an der Verkaufsstelle für Speedboattickets. 160ARS (~100€) kosten zwei Tickets, um auf dem Iguazu eine halbe Stunde lang durch die imposantesten Wasserfälle der Welt zu brettern. Lufthansa und EU spendieren den erlaubnisgebenden Gedanken, eine wirklich unvergessliche Fahrt, fast bis zum Rande des Teufelsschlunds zu erleben. Danke dafür!

    Es sind echte Gewalten, die sich an den Wasserfällen des Iguazu auftun. Kilometerweit erstreckt sich der Beweis dafür, dass es die Welten, die bei Media Markt über 100 Zoll-Bildschirme flimmern, wirklich gibt. Der Teufelsschlund, das ist die Krönung dieses Naturwunders. Er kommt dem echten Schlund wahrscheinlich näher als seine kleinen Namensvettern, die es in deutschen Mittelgebirgen geben wird. Es stürzen absurde Mengen Wasser kesselartig in die Tiefen. Man kann noch so lange dem Tosen zuhören, den Wasserschwaden zusehen, wie sie im Wind verschwinden und sich wünschen, einer der Vögel zu sein, die sich umgeben von winzigen Tröpfchen durchs Weiß stürzen - es bleibt unbegreiflich.

    Im äußersten Nordosten Argentiniens liegt der überwiegende Großteil der Wasserfälle. Der Panoramablick aber ist von brasilianischer Seite zu bewundern. Wirklich jeder sagt einem, dass man beide Seiten machen soll.

    Starten wir aber mal von vorn. Fünf Stunden braucht der Bus von Posadas (da hat uns Diego abgesetzt) nach Puerto Iguazu. Das Busunternehmen "Rio Uruguay" scheint das Dreiländereck Brasilien - Paraguay - Argentinien ganz gut im Griff zu haben. Unser 1-Sterne-Hotel (2 Personen, 4 Tage, 80€) liegt 4 Minuten vom Terminal entfernt. Ein Lowlight, würde ich sagen. Es gibt zwar einen Pool, allerdings tritt beim Spülen der Toilette ein bisschen "Wasser" am Boden aus. Die Zimmer haben quasi keine Fenster und es ist so karg und ungemütlich, dagegen sind deutsche Gefängnisse kompfortabel. Also lieber doch nicht in den Pool.

    Am ersten Tag geht unser Höllentrip direkt weiter. So oder so, man muss zahlen, um in den Rachen des Teufels zu blicken zu dürfen. Rio Uruguay bringt uns zuverlässig nach Brasilien (*katsching*, neues Land) und setzt uns an einem Areal ab, was dem Parkplatzbereich der Therme Erding ähnelt. 09:45 am Ticketschalter bekommen wir Eintrittskarten für 11:30, aber der Typ am Schalter versichert uns, dass wir uns erst 11:20 anstellen müssen. Dafür gibt's ja die Slots. Also ab in die Cafeteria, eingeschweißte Schinkencroissants für 8€ essen. Wir stehen dann bis 12:30 in der Schlange und der Typ, bei dem ich mich beschwere meint verwundert, dass es unmöglich sei, in 10 Minuten durch die ganze Schlange zu kommen. Na gut, ein bisschen die Stimme heben und wir kommen in die Priority-Schlange, die normalerweise 15€ p.P. zusätzlich kostet. Eine 20-minütige Busfahrt später (man kann für ich-weiß-nicht-wie-viel Euro Fahrrad fahren oder für 800€ pro Nacht im Parkhotel schlafen) werden wir auf einen 1.5 km langen Panoramaweg entlassen, den wir uns mit tausenden anderen Besuchern teilen. Junge. Junge. Die Menschen um uns herum sehen die Wasserfälle nur dutch ihre Smartphonekamera, ganz selten gibt es mal ein Wegstück, auf dem man sich kurz aufs Geländer stützt und so tut, als könnte man das gerade genießen.
    Beeindruckend bleibt das Panorama trotz allem und auch der Steg, der fast bis in den Teufelsschlund ragt ist Wahnsinn. Die Massen Wasser protzen in ihr Becken, zerstäuben und legen sich auf die Sonnenbrillen der nicht-mehr-ganz-so-jungen Frauen, die gerade zu ihrem fünfzigsten Selfie ansetzen.

    Den nächsten Tag schlafen wir den extrem ungemütlichen Betten zum Trotz mal wieder aus. Der letzte Tag in Carlos Pellegrini ist um 5 Uhr morgens gestartet und um viertel nach 12 geendet. Gestern und vorgestern war es ähnlich anstrengend. Deshalb Kaffee trinken, Blogartikel schreiben, abends in unser Lieblingsrestaurant hier. Der Kellner weiß, wie man Kunden hält. Aus Kunden werden Kumpels.

    Puerto Iguazo: Ne Grenzstadt. Am ersten Abend schließen wir uns spontan dem CSD hier an. Wir stechen ein bisschen raus in unseren Wanderklamotten, aber ich bekomme trotzdem einen Luftkuss von einer der Transfrauen.
    Außerdem lernen wir noch die Französin Elody (m.E. keine Transfrau) kennen. Eine Frau auf der Suche nach neuer Heimat. Und mit 35 mit zunehmender Eile auch nach einem Partner. Wir unterhalten uns darüber, was wir suchen, was Einsamkeit bedeutet und wie wir Europa aktuell erleben.

    Genug von CSDs und Europa. Nächster Versuch: Die argentinische Seite. Während der Park in Brasilien wie eine schlecht gemanagete Mega-Achterbahn aufbereitet ist, erinnert die argentinische Seite eher an eine überdimensionierte Minigolfanlage. Vermooste, gelbe Gittergeländer grenzen den rot markierten, leicht rissigen Steinboden vom umliegenden Wald ab. Es gibt sogar eine Parkbahn. Wir müssen nicht anstehen, sondern nur 20 Minuten auf unsere Bahn warten. Der Park arbeitet mit wagongenauen SITZPLATZRESERVIERUNGEN. Wirklich ulkig. In doppeltem Fußgängertempo bimmeln wir durch den Wald, neben uns ein matschiger Schotterweg. Einen Halt gibts bis zu unserem Ziel, dem Eingang zum Teufelsrachen.

    Diesmal betrachten wir ihn von oben und mit deutlich mehr Platz. Was hier alles zusammenkommt. Der über einen Kilometer lange Brückenpfad über Iguazus Wasserlager gibt uns einen ungefähren Eindruck darüber, wie hier jede Sekunde 1,5 Milliarden Liter in die Tiefe gespült werden können. Insgesamt (also nicht nur der Schlund) kommen 7 Milliarden Liter zusammen. Hier funktioniert das Staunen. Man kann sich ihm gar nicht entziehen. Ich bin nicht mal mehr in der Lage, mich zurückzuversetzen. Gewaltig, überall tost es.

    Der argentinische Park hat aber noch viel mehr zu bieten. Für deutsche Wanderer wie uns ein Traum. Wir gehen zwei größere Rundwege. Atemberaubende Panoramen, und viele verschiedene Winkel, mittlere und kleinere Wasserfälle. In der Ferne immer mal wieder der Schlund.

    Tja, und um 14:45 stehen wir dann beim Ticketstand für die Speedboatfahrten und gehen wieder, als uns der Preis genannt wird. Zu schlecht waren die Erfahrungen rund um Iguazu. Aber nach 200m machen wir Kehrt, fahren kurz darauf einige Kilometer durch den Dschungel, ziehen uns Rettungswesten an und starten mit dem Boot.
    Was soll ich sagen? Gigantische Wassermengen prassen auf uns herab, wir fahren durch einen Regenbogen und erleben nochmal unglaublichere Perspektiven auf alles hier. Wir sind komplett nass, als wir aus dem Boot steigen. Ich bin für Brasilien, meinen ausgefallenen Flug 2022 und unser Hostel entschädigt.
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  • Cañón del Atuel: Verirrte Wanderer

    Dec 4–8, 2025 in Argentina ⋅ ⛅ 32 °C

    Open Street Maps zu verwenden ist als Wanderer ein Garant für echte Abenteuer. Echte Abenteuer zeichnen sich dadurch aus, dass man weder weiß, wie sie verlaufen, noch wie sie enden. Schräg, da Kartenmaterial ja eigentlich dazu dient, beides zu einzufangen.

    Open Street Maps hat mich im Elbsandsteingebirge schon durch engste Felsspalten geführt, in denen Bienenschwärme hausten. Umkehr nicht möglich. Im Unwetter auf dem Hajla im Kosovo bin ich einer Abkürzung gefolgt, die zwar direkt zu meiner Unterkunft führte, aber ebenso direkt in große Schwierigkeiten.

    Jetzt sind wir im Cañón del Atuel nahe San Rafael und ich hab mir die Open Street Maps Karte für die Region runtergeladen. Hergekommen sind wir mit dem Bus. Zuverlässige Informationen, wann und wo die fahren gibt es quasi nur in der Touristeninfo. Da waren wir gestern, außerdem haben wir noch die älteste Weinkellerei des Ortes und "Borges Labyrinth" (beides sehenswert) besucht.
    Gegen 9 ging's quf jeden Fall los in San Rafael. Die Bushaltestelle: 2 Bänke, die am Rand einer wahllosen Straße stehen. Und so ist der öffentliche Tourismus hier allgemein organisiert. Wir treiben uns in den ersten Stunden am Stausee und an den Straßen im Canyon herum. 2 Angler stehen auf dem Staudamm und ziehen dicke Beute aus dem See. Fanta trinken am Fluss, kleine Abstecher links und rechts der Hauptstraße.

    Und dann geht's auf unsere Expedition. Ich weiß nicht, was uns erwartet, aber entlang der Straße gibt es eigentlich nur Rafting- und Spaßangebote. Es kann also nur besser werden.
    Ein Rundweg überschaubarer Länge ist angegeben. Hinter einem Parkplatz versteckt sich ein Trampelpfad, der in ein Flussbett führt. Es ist wunderschön, eine der schönsten Wanderungen, die ich je gemacht hab. Wahrhaft unberührt. Der Weg hat keine Markierung, aber es geht im Großen und Ganzen sowieso nur in eine Richtung, links und rechts steile Wände, Vulkangestein. Wir klettern um Wasserbecken herum, kraxeln den Flusslauf hoch, er führt aktuell kaum Wasser. Einmal mehr macht sich das Bouldern bezahlt.

    Mit unseren Bildern können wir das atemberaubende Szenario nicht einfangen. Rot, lila, weiß, schwarz - garniert mit blühenden Kakteen, Schilf, Sträuchern in immer neuen Formen. Kleine Wasserfälle sprudeln und wir klettern immer weiter den Canyon empor.

    Irgendwann landen wir in einem Kessel. Wo geht's jetzt weiter? Lieber umkehren? Ich schau mir ein bisschen die möglichen Wege an und finde einen guten, der entlang der rechten Wand herausführt. Hier wieder reinklettern könnte schwierig werden, naja. Dana haut sich ein paar abgestorbene Kakteenstachel in die Hand, die auf dem Boden liegen. "Was ich an Eleganz nicht habe, gleiche ich durch Mut aus." meint Dana, ich muss grinsen. Immer weiter geht's hoch, inzwischen sind wir auch nicht mehr in einem Flussbett, sondern balancieren auf schiefen Steinplatten durch den Korridor. Gefährlich ist das hier nicht. In den Alpen wäre das wahrscheinlich eine rote Route. Und irgendwann sind wir nicht mehr im Canyon, sondern in einer hohen Steppe mit einem einzigartigen Blick in die Landschaft, der wir gerade entkraxelt sind. Wahnsinn. Dana freut sich, das erste Mal so ein Abenteuer mitzumachen. Genau das haben wir uns Iguazu gewünscht. Den Ausblick mit unseren 3 verbliebenen Bananen genießen und einen Nikolausgruß in die Familiengruppe schicken. Aber lange sollten wir nicht ausharren, der Aufstieg hat ganz schön gedauert und unser Bus zurück fährt in 3 Stunden.

    Der weitere Weg sieht vielversprechend aus. Erst Trampelpfad, dann über einen Zaun auf eine Schotterstraße klettern. Führt uns die Straße gemütlich zurück in den Canyon? Leider nicht, nur zu einem Funkturm. Der Weg von Open Street Maps ist nicht identifizierbar. Wir versuchens mit verschiedenen Flussläufen und querfeldein entlang der angeblichen Route. Keine Chance, an einem Abgrund seh ich nicht mehr, wie das hier als gute Idee durchgehen könnte. Ein Kaktusstachel durchbohrt meinen Wanderschuh. Wir schlagen uns zurück zum Funkturm durch Dornenbüsche, Dana bekommt Panik. Tja, die Kehrseite von Abenteuern. Müssen wir durch. Wir unternehmen vom Funkturm aus noch einen Versuch, ein Trampelpfad führt in eine ähnliche Richtung wie von Open Street Maps angegeben - aber auch der verläuft sich irgendwann.

    Also wieder zurück zum Turm. Abwägen:
    - weiter nach "unserem" Weg suchen
    - den Weg, den wir gekommen sind, zurück
    - der Straße, die vom Funkturm wegführt, folgen

    Angesichts zweier fehlgeschlagener Versuche, den Weg zu finden, der fortgeschrittenen Zeit und der Tränen in Danas Gesicht, folgen wir der Straße. Laut Satellitenbildern müssten wir so zurück in den Canyon kommen. Allerdings ist da ein Zaun im Weg und ich will Dana keine großen Unsicherheiten mehr zumuten. Irgendwann wird endgültig klar - zurück in den Canyon geht's nicht ohne Experimentierfreude. Die Alternative ist, geschätzte 12km auf unserer Schotterpiste durch die Steppe zu laufen. Am Ende wartet eine richtige Straße. Ab da finden wir einen Weg. Der Vorteil an der Option ist, dass man im schlimmsten Fall relativ unkompliziert Hilfe holen kann. Fast 3 Stunden marschieren wir durch die Steppe. Irgendwann ist Danas Motivation wieder da und die ganz großen Ängste weichen der Angst vor Rückenschmerzen am nächsten Tag. Wir besprechen, wie gut das Bier später schmecken wird und was es zum Abendessen geben wird, dass es eine Zeit geben wird, in der wir nicht mehr gehen müssen.

    21 Uhr kommen wir an. Die letzte Abendröte ist noch zu sehen. Zum Glück hab ich meine Taschenlampe dabei. Kein Empfang, ansonsten hätten wir ein Taxi gerufen. Es ist keine ideale Zeit zum trampen mehr. Ich hab das noch nie gemacht, aber wir sind hier nicht mehr in Kolumbien, sondern in einer wohlhabenden, ungefährlichen Gegend Argentiniens. Ich leuchte mit der Taschenlampe, Dana winkt. Frauen werden eher mitgenommen. Dutzende Autos brettern an uns vorbei. Fuck, das hab ich mir einfacher vorgestellt. Also neben der Straße Richtung San Rafael gehen, das ist aber noch 20-25km entfernt. Hoffentlich haben wir bald Netz. Immer wenn Autos kommen, wird die winkende Tramperin Dana mit der Stirnlampe angeleuchtet. Auto um Auto fährt vorbei. Insekten belagern uns. Und dann - endlich - ein roter Jeep bleibt stehen. Wir rennen voller Dankbarkeit an der Straße entlang, dem Auto entgegen. Eine kleine Familie nimmt uns mit, vielen, vielen, VIELEN, Dank! So lange mussten wir glaube ich gar nicht auf diese Gelegenheit warten, 20-30 Minuten zuvor sind wir über das Gatter des riesigen Grundstücks geklettert, das wir durchwandert sind.

    "Trekking y confusion" sage ich auf die vermutete Frage der Mutter hin, was uns an diese Straße verschlagen hat. Und dann platzt auch noch der Reifen des Jeeps. Crazy, uns bleibt heute nichts erspart. Für den Vater scheint das Routine zu sein. Weitere 20 Minuten am Straßenrand, das Ersatzrad ist im Kofferraum. Die Familie fährt uns bis ins Zentrum von San Rafael. So, so lieb. Die scheinen von hier zu kommen, auf jeden Fall ist ihnen unsere Straße nicht unbekannt.
    Im Hotel duschen, um 11 sitzen wir in einem Restaurant, fressen uns durch eine Brotzeitplatte und trinken eines der besten Biere unseres Lebens.

    Krasser Tag, morgen gönnen wir uns eine Pause.
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  • Malargüe: Ein Tor in ein Nirgendwo

    Dec 8–12, 2025 in Argentina ⋅ ☀️ 25 °C

    Wenn man Malargüe an einem Wochentag um die Mittagszeit betritt, findet man breite Straßen voller verriegelter Läden und Bungalows vor. Alle paar Minuten kommt ein Auto oder Fahrrad vorbei. Unser Gastgeber scheint noch nicht da zu sein, wir lassen unsere Rucksäcke einfach auf der Straße vor der Tür stehen. Das größte Risiko hier dürfte ein vorbeischnüffelnder Hund sein.

    Das Städtchen liegt irgendwo zwischen Zivilisation und Nirgendwo. Am Busbahnhof, der quasi nur mit zwei anderen Städten der Provinz verbunden ist, werden die gebotenen Attraktionen aufgezählt. La Payunia, Hexenhöhle, Observatorium, Dinosaurier. Es gibt sogar einen Flughafen, der das alles mit Buenos Aires verbindet. Wir machen uns aber erstmal auf zum "Patagonia Drugstore" (Sorgenfalten im Gesicht von Dana - die Rucksäcke!). Der Drugstore ist keine Drogerie, sondern... Naja. Eine Art überdimensionierter Kiosk mit massig Sitzgelegenheiten und großem, guten und günstigen Angebot. Die Jugend sitzt hier, im Zentrum des Städtchens, bis spät in die Nacht. Unser Mittag (ein sagenhafter Burger, 2 riesige Hotdogs, eine Schüssel Pommes und eine Flasche Cola) kostet etwa 12€. Und der Burger ist wirklich der beste, den ich je gegessen hab. Wir essen da 3 oder 4 Mal, unschlagbar. Das Wahrzeichen Malargües, ein geschmacklos beleuchteter Uhrenturm steht direkt davor.

    Unser Gastgeber Pablo hat inzwischen unsere Rucksäcke reingeholt. Er fährt nach knapper Begrüßung weiter mit dem Motorrad die Berge entlang. Am Wochenende hat's geregnet, deswegen holen er und seine Frau das heute nach. Und wir schlendern ein bisschen durch die Stadt, schauen in der Touristeninfo vorbei und versuchen für morgen eine Tour nach La Payunia zu buchen.

    La Payunia? Das ist das Nirgendwo, dessen Eintrittstor Malargüe ist. Es ist zwar eine einzigartige, gigantische Vulkanlandschaft - aber dennoch gut versteckt, wie es sich für ein Nirgendwo gehört. Wenn man eine KI nach einer Liste der interessantesten Gebiete in Argentinien fragt, will es einfach nicht auftauchen. Wenn man aber gezielt nachfragt, warum den La Payunia nicht auf der Liste steht, gerät die KI ins Straucheln und räumt ein, keine echte Feldkenntnis zu haben und eher die aktuell touristisch relevanten zu benennen. Die vulkanreichste Gegend Südamerikas, die "schwarze Wüste", der längste Lavastrom der Welt und dazu noch eine erstaunliche Artenvielfalt bündeln dieses ungastliche Terrain zu einem Erlebnis, das fernab sonstiger irdischer Erfahrungen liegt.

    Aber: Vom Tor zum Nirgendwo muss man auch noch irgendwie ins Nirgendwo kommen. Es gibt 7 Agenturen, die einen fahren. Wir klappern fast alle ab, manche sind nicht besetzt. Alle anderen winken ab. Was. Zum. Teufel. "We have no tour this week" und Versprechen, das man sich meldet, sobald eine Gruppe zusammenkommt. Wir sind hier scheinbar die einzigen Touristen. Selbst Google und die KI waren ja nicht imstande, uns hier hin zu lotsen. Das war mein Kollege Lucas. Er scheint sein Geheimwissen nicht groß in die Breite zu tragen. Aber da wir 3 Tage hier sind: Hoffen wir mal. Eine Privattour kostet insgesamt etwa 600€, diesen erlaubnisgebenden Gedanken muss man erstmal auftreiben. In einer Gruppe würde es ein Viertel des Preises kosten.

    Am nächsten Tag schlafen wir aus und fahren dann um 14 Uhr in den Dinopark. Der einzige öffentliche Bus verkehrt zwei Mal täglich dorthin, Abfahrt ist beim Planetarium. Unsere Bustickets kosten insgesamt etwa 3€, der Eintritt kostet dann nochmal 4€. Wir sind die EINZIGEN Leute in diesem Bus. Der Fahrer und ein eigener Dino-Guide sitzen auch noch dabei. Die sind insgesamt locker 3 Stunden mit uns beschäftigt. Der Guide kann Englisch auf B1/B2-Niveau und gibt alles. Er nimmt uns sogar mit zu den versteinerten Schildkröten-Halswirbeln (nein, ich hab ich wirklich gefreut). Wir stapfen durch den Park, sehen zumindest ein bisschen Nirgendwo und ein paar Vulkane aus der Ferne, wenn auch nicht die Payunias.

    Es ist der Wahnsinn, was mit dieser Stadt geht. Wo hier investiert wird - und wo nicht. Klar sind Dinospuren cool, aber der große Joker ist doch Payunia, oder? Man hat die Wahl zwischen 3-stündiger 1:1-Betreuung im Dinopark für 5€ ODER 300€ nach Payunia, weil 0,0 ins Marketing investiert wird. Ich bequatsch das ein paar Mal mit Pablo (ist in Buenos Aires geboren und hat Tourismus studiert). Der guckt mich nur müde an. Er ist hier seit 25 Jahren, er hat schon so oft versucht, der Stadt zu erklären, wie sie das alles besser machen kann. Aber jetzt ist er bald Mitte 50 und fährt halt lieber Motorrad mit seiner Frau. Es ändert sich hier eh nix mehr. Ich frag nochmal unsere Agenturen ab - kurzzeitig sah es so aus, als käme eine Gruppe zusammen, dann sind 2 Leute wieder abgesprungen. Wir kochen heute im Hostel. Es gibt Ravioli mit Tomatensoße (beste Hostelküche bisher übrigens!).

    Die Tage haben wieder mal eine Gleichförmigkeit, man kann es erahnen. Aber eine angenehme, ich mags hier. Abends trinken wir im CRAFT meist noch ein Craftbier, tagsüber machen wir halt irgendwas, um die Langeweile mit anderer Langeweile zu übertünchen. Wir besuchen zum Beispiel das Observatorium zu Messung kosmischer Strahlung. Es ist das Größte seiner Art, das bedeutet in diesem Fall 3000km². Und das macht es für den gemeinen Touristen schon wieder etwas ernüchternd. Es steht halt einfach hundertfach das selbe Gerät in der Landschaft rund um Malargüe (im Nirgendwo). Interessant ist es trotzdem, ich bekomme ein paar Sätze Schulphysik-Bonusmaterial in der etwa 25m² großen Besucherinformation. Und um 18 Uhr gehen wir dann noch zum PLANETarium, das haben wir nach dem Dinopark gestern nicht gemacht, weil es gerade defekt war. Unser English B1-Guide (nicht der Dino-Guide, ein anderer) gibt wieder alles. Wir schauen uns verschiedene Sonnenuhren auf dem Gelände an und tauchen dann ab ins Highlight des Komplexes - einem etwas in die Jahre gekommenen, unterirdischen Kuppelkino, das oberirdisch mit einer blauen Glaspyramide markiert ist. Wir schauen ein paar Videos und werden dann eine dreiviertel Stunde auf spanisch durch Sternenbilder und Saturns Monde navigiert.

    Ich schreib unseren Agenturen nochmal, immer noch nix. Tja. Dann nochmal überlegen, ob uns La Payunia 600€ wert ist, jetzt wäre die letzte Gelegenheit. Wahrscheinlich eher nicht. Wir klappern nochmal die Agenturen ab, ob wir zumindest zu einem anderen Naturschaupiel (es gibt Höhlen und vereinzelte Vulkane in der Umgebung) kommen. Nope, nope, nope. Und dann - und ich hatte es inzwischen aufgegebem - gibt es doch noch eine Tour, sogar nach La Payunia. Eine der Agenturen, die vor 2 Tagen geschlossen war, fährt. Wir sagen sofort ja, auch wenn die Tour eigentlich am Tag unserer Abreise ist.

    La Payunia! Sie ist eine schwarz-gold getupfte Weite. Sie ist rau, ungastlich, windig. Sie beherbergt eigenartige Kakteenhügel. Gürteltiere huschen gelegentlich durch ihre Goldbüschel und Guanakos (das sind Lamas) springen an der Füßen der vielen Vulkane durch die Landschaft. Man darf hier nur mit Guide rein. Wahnsinnig gerne hätte ich hier eine 5- oder 6-stündige Wanderung gemacht. In unserer immerhin 13 Mann starken Gruppe sind aber in erster Linie Rentner vertreten und der Tag ist ohnehin durchgetaktet. 2-3 Stunden dauert die Fahrt nach La Payunia. Und das muss man auch wieder zurück fahren. Den Großteil der Zeit verbringen wir also im Bus. Wir fahren zu verschiedenen Vulkanen und interessanten Punkten der Gegend. An einer Stelle liegen große Brocken Vulkangestein auf dem schwarzen Kies. Einmal auf dem Erdboden aufgekommen brauchen sie ein Jahr, um abzukühlen. Das ist in La Payunia tausende Jahre her, aktiv ist hier sogut wie nichts.

    Eine kleine Wanderung machen wir doch, etwa 400m an einem Vulkan entlang, um in seinen Krater zu schauen. Der Wind ist derart stark, man muss sich manchmal wegdrehen. "Man will uns hier nicht." , sage ich zu Dana und meine die Naturgewalten und die Ödnis um uns herum. Öde? Farbenfroh? Auf jeden Fall: Beeindruckend. Unwirklich. Und wieder einmal können unsere Kameras die Bilder nicht einfangen.

    Nach dem Tag im Bus steht uns auch noch eine Nacht im Bus bevor, zurück nach Mendoza. Von dort aus startet unsere Reise nach Patagonien. Ich freu mich - Patagonien ist ein Sehnsuchtsort für viele, auch für mich.
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  • Mendoza: 2 Filler-Tage

    Dec 14–16, 2025 in Argentina ⋅ ⛅ 17 °C

    Nachtbus-Fahrten sind Tupfer von Schweißgeruch und Erschöpfung - aber die lassen einen eins werden mit der Reise. Es ist ein Stück Lebendigkeit, das Bufftuch über die Augen zu ziehen, um doch bei jedem Dorf-Terminal aus dem Schlaf gerissen zu werden. Die Sitze in Südamerika sind bequem, man hat seinen eigenen Liegesessel. Das macht das Ganze erträglich. Und wenn man ankommt, erwacht auch der Busbahnhof gerade zum Leben.

    Um 07:40 ist es soweit: Mendoza. Bevor wir nach San Rafael sind, haben wir hier schon einmal eine Übernachtung eingeschoben. Diesmal schlafen wir im Lyon Hostel. In Hostels kann man eigentlich immer sein Gepäck abgeben. Meistens geht auch duschen. Beim Lyon stehen wir erstmal vor veschlossenen Türen, dürfen aber eine halbe Stunde später sogar schon unser Zimmer beziehen. Den Vormittag unverhofft durchnappen, damit fühlt man sich dann auch körperlich wieder lebendig.

    Mendoza ist wirklich eine schöne Stadt. Ich würde sagen, bisher mein Liebling in Argentinien. Es ist freundlich und aufgeräumt, aber nicht verschlafen.
    Wir verbringen den angebrochenen Tag mit Essensbeschaffung und der Suche nach einer Bialetti. Ich hab keinen Bock mehr auf Beutel-Kaffee. Eigentlich find ich Bialettis ein bisschen aufwändig. Man braucht einen Herd und muss sich noch extra Wasser aufkochen, wenn man nicht grad einen Espresso möchte. Aber der Kaffee schmeckt und eine kleine Bialetti bekommen wir im Gepäck unter.

    In Mendoza starten wir auch ein kleines Pen&Paper-Abenteuer. Eine KI ist Spielleiter und bekommt den Auftrag, uns durch eine postapokalytische Kanalisationswelt zu führen. Wir spielen zwei Ratten namens Johnny und Mausezahn und schwingen uns mit Enterhaken und taktischen Spielzügen schnell in ein Spezialkommando der Rebellion. Wir rauben erfolgreich die Waffenkammer der Oberweltratten aus, platzieren einen Doppelagenten und wehren den geplanten Vernichtungsschlag von General Eisenklaue erfolgreich ab. Es macht echt Spass, ich kanns empfehlen.

    Aber genug von Ratten. Einen unserer Tage hier widmen wir dem Wein. Mendoza ist nämlich Weinland. Nicht nur die Stadt, die gesamte Region. Wir verkosten insgesamt 5 Weine in 2 Weingütern. Manuel, der Besitzer des ersten Guts erzählt uns von seinen deutschen Vorfahren namens "Fuchs". Ich entgegne, dass die meisten Fuchs nach dem Krieg ins Ausland seien. Findet er nicht lustig. Das Gut ist aber wirklich schön und der Crazy-Horse-Wein ist tatsächlich mal was neues. Leicht, fruchtig und rot, aber trotzdem ein richtiger Wein. Der Tag ist ein bisschen grau und viele Güter haben geschlossen, weil Sonntag ist. Deshalb nehmen wir noch eine Flasche mit ins Hostel und trinken sie mit Selene leer, einer Mitbewohnerin im Hostel Lyon. Selene ist 25 und frustriert über die Entwicklungen in Argentinien, aber sie liebt Land und Landschaften.

    Von Selene bekommen wir auch noch einen Tipp für den nächsten Tag - Mendoza hat einen riesigen Stadtpark (laut Selene den größten Argentiniens), der auch über einen Berg verfügt. Und es IST ein Park, ich will es nicht abstreiten. Aber die riesige Fläche ist eher von Autos zu durchqueren als von Fußgängern. Es gibt einen Golfplatz und allgemein eine nennenswerte Zahl größerer nicht-passierbarer Grundstücke. Wir gehen die ganze Zeit an einer Straße entlang, stoßen irgendwann auf eine Baustelle und schlängeln uns zwischen Walzen und Baggern durch. Was für ein verrückter Weg, um den Aufstieg auf den Stadtberg starten zu können. Der Ausblick - naja - aber dafür steht auf dem Gipfel ein wirklich wunderschönes, massives Denkmal. Manche Figuren treten aus ihrem Relief heraus, welches schemenhafte Geschichten erzählt. Gekrönt wird das Ganze von irgendeiner heroisch stürmenden Figur mit Pferd und allem. Irgendwann beschäftige ich mich mal damit, an wen das erinnern soll. Für den Rückweg nehmen wir uns ein Uber. Mit dem passieren wir auch das ~bekannte Tor~ des Stadtparks. Man kommt auch hier quasi nur mit dem Auto durch.

    Tja, und nach diesen zwei Filler-Tagen geht es erneut in den Nachtsbus. Diesmal 18 Stunden, nach Bariloche. Bufftuch, Schweiß, Liegesessel. Hach, aber die Belohnung heißt Patagonien - Wir kommen!
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  • Bariloche: Frey zwischen hohen Zinnen

    Dec 16–20, 2025 in Argentina ⋅ ⛅ 20 °C

    Bariloche ist endlich mal ein Ort mit richtigem ÖPNV. Für jeden, der einen längeren (stationären) Urlaub plant, wirklich eine Top-Empfehlung. Die Stadt liegt an einem riesigen See und ist umgeben von malerischen Nationalparks, schroffen Gipfeln und Panoramen, an denen man sich nicht sattsehen will.

    Um etwa 14 Uhr checken wir in unserer Unterkunft ein. Wie man die klassifizieren will - keine Ahnung. Ein in die Jahre gekommenes 2-Sterne Hotel, das aber nichts an Stolz einbüßen wollte? Die Küche darf man auf jeden Fall nicht mitbenutzen und im Frühstückssaal darf wirklich nur gefrühstückt werden. Die Teppiche müffeln daneben vor sich hin. Schön und zuvorkommend ist es hier trotzdem. Die hochgewachsene Rezeptionistin gibt uns direkt Wanderempfehlungen. Wir fragen explizit noch nach "real hikes". Kriegen wir - die Wanderung zum Refugio Frey.

    Bevor wir uns auf zum ersten patagonischen Naturerlebnis machen, gehts zum Asado. Diesmal in ein Restaurant, rein aufs Essen fokussiert. Und man muss schon sagen - der Asador blickt uns zu Recht voller Stolz in die Augen, wenn er die nächste Platte erstklassigen Grillguts serviert. Den Floh hat uns Selene in Mendoza ins Ohr gesetzt.

    Wir lassen es seicht angehen mit Patagonien. Den ersten Tag füllen wir mit zwei kleinen Touren. Die erste führt uns steil auf den Cerro Campanario und belohnt uns mit einem atemberaubenden Panorama. Es ist schwer zu begreifen, man will in diesem Panorama schwimmen und Teil davon sein. Ich beneide mal wieder die Vögel, die hier ihre Kreise drehen. Aber naja: Apfelstrudel, Postkarten, dann Seilbahn zurück zur Bushaltestelle. Ein paar Haltestellen weiter geht es in den Llao Llao Nationalpark. Ein Wald, in dem Otto Walkes seine Zwergenfilme hätte drehen können. Er knarzt wie ein alter Schaukelstuhl, kleine Häuschen zieren die Wege. Manche Bäume tragen ein Wurzelkleid.
    Wir treffen auf einen See und spazieren an seinem Strand entlang, auf der anderen Seite thront ein beachtlicher Berg. Windstöße entfachen Wellenschüsse, bei denen man nicht sicher ist, ob darunter vielleicht ein Fischschwarm durchs Wasser jagt.

    Es ist schon ein bisschen später am Nachmittag, aber wir gehen trotzdem eine größere Runde durch den Park. Und werden nochmal belohnt, mit einem Mirador über einen weiteren See. Was für ein Blick! Auf den Berg Llao Llao schaffen wirs nicht mehr. Aber das ist auch nicht schlimm, ab nach Hause. Denn am nächsten Tag wartet schon unser Real Hike. Nach einem Burger finden wir heraus, dass wir schon um 07:15 an der Zentralhaltestelle sein sollten, um genügend Puffer zu haben.

    6 Stunden Schlaf und dann mehrfach die Erkenntnis, dass um diese Uhrzeit wirklich noch kein Bäcker oder Imbiss aufhat. Das Frühstück unserer Unterkunft hat die Dimension eines Kaffees mit einem Kekstütchen. Zumindest Wasser bekommen wir bei einem Kiosk. Den 4-stündigen Aufstieg bestreiten wir mit den Nusssnacks, die Dana noch aus Buenos Aires hat.

    Es ist ein schöner Aufstieg. Die ersten Kilometer ziehen sich etwas öde an einem Berg entlang, ein bisschen bouldern ist aber auch wieder dabei. Dann führt uns ein Flüsschen dem Refugio entgegen. Wasserfälle, hämmernde Riesenspechte (wir hören sie nur) und veträumte Lichtungen im Wald. Später wird es schroffer, steiler, sandiger. Links und rechts Hänge mit Geröll. Die Sonne steuert auf ihren Zenit und wir sehen das Refugio inzwischen schon. Es ist bewirtschaftet und wir gönnen uns eine Pizza. Hinter dem Refugio liegt ein malerischer Bergsee, eingekesselt zwischen Abhängen, die in Steinzinnen münden. Wow. Ein Weg führt einmal um den See herum, es ist wirklich malerisch. Wir laufen an Moosen und Pflänzchen vorbei, die allem hier eine Farbenpracht verleihen. Über uns die Zinnen und dazu dringt hier kein Laut aus der Außenwelt durch.

    Nach 2 Stunden an diesem Ort machen wir uns auf zum Rückweg. Mein Knie fängt an zu schmerzen. Aber es geht, gerade so. Ich lass Dana beide Stöcke, ansonsten bekomm ich stattdessen Probleme mit den Ohren (hö. hö.). Dana ist nämlich sowieso schon gereizt wegen einer Bremse, von der sie belagert wird. Nach einem kurzen Wutanfall muss sie wieder lachen, als ich ihr versichere, das Bremsenthema unbedingt beim nächsten Elternabend anzusprechen.

    Der letzte Tag ist Pausentag. Mein Knie muss sich regenerieren, aber es scheint zum Glück nichts ernstes zu sein. Ganz normale Abstiegsschmerzen. Schon mal üben für die deutsche Wirtschaft, wenn wieder zuhause sind (ha. ha.). Also: Käffchen trinken. Und dann: Aufteilen, wegen Weihnachten. Das ist dieses Jahr speziell, aber ein bisschen Bescherung muss schon sein. Ich besorge für Dana eine vollständige Mate-Ausrüstung, das ist ja voll ihr Ding. Ausserdem noch ein paar Capybara-Spaßartikel aus einer Art Japan-T€Di namens Fukuoka. Witzig, denn Fukuoka ist auch auf unserer Route in Japan schon fest eingeplant.
    Dana ist schneller fertig und wartet in einem okulten Kaffee auf mich. Sie hat ein Ausmalbild bekommen, um generationale Traumata zu bewältigen. Ich bekomme auch eins. Das Wasser wird mit Kristallen serviert, wegen den Energien.

    Und das wars auch schon mit Bariloche. Hier hätten wir länger bleiben können. Das letzte Frühstück in unserer Unterkunft ist an einem Samstag. Aus irgendeinem Grund bedeutet das ein weitaus großzügigeres Aufgebot, wir bekommen sogar Honig. Der ist in Patagonien was ganz anderes. Er ist schärfer und schmiert sich eher wie feine Marmelade. Leggor.
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  • El Bolson: Die Raucherlunge Patagoniens

    Dec 20–25, 2025 in Argentina ⋅ 🌧 17 °C

    Nur 2 Stunden dauert die Fahrt von Bariloche nach El Bolson. Es war nicht ganz klar, ob wir hier überhaupt einen Stop einlegen. Immer wieder wüten hier Waldbrände. Beim Start unserer Reise waren gerade die Aufräumarbeiten des verheerenden Januar-Brandes abgeschlossen.

    Die Nerven hier liegen blank, mein Gefühl. El Bolson ist angewiesen auf Tourismus. Erst schreiben mir unsere Gastgeber, ich solle die Booking.com-Buchung stornieren (Kosten sparen), in der nächsten Nachricht werde ich angepampt, warum ich so kurzfristig absage. Nach der Klarstellung gelangt das Handy auf der anderen Seite wieder in die Hände von Sabrina, die auch die erste Nachricht geschrieben hat. Statt des kleinen Zimmers im Dachgeschoss dürfen wir in einem Containerhäuschen unterkommen. Den Start wieder geradebiegen? Da sagen wir nicht Nein. Eigenes Bad, eigenes Wohnzimmerchen, mehr Privatsphäre.

    El Bolson ist bekannt als Hippie-Städtchen mit ~Vibes~. Vielleicht ist es meine FDP-Vergangenheit, vielleicht mein Alter. Aber irgendwie kann ich dem ganzen nicht mehr so viel abgewinnen. Jonglierende Leute mit Clownsnase die auf happy machen und dutzende Perlenketten-Ständchen. Passt irgendwie nicht dazu, dass es hier regelmäßig brennt.
    Ansonsten ist die Stadt ist umgeben von Bergen, direkt neben unserer Unterkunft ragt der Cerro Amigo empor. Verrückt, permanent von Felstwänden umgeben zu sein. Ich besorg mir noch Wanderstöcke, damit mein Knie nicht doch noch einknickt (funktioniert hervorragend).

    Unsere erste Wanderung geht zum Cajon Azul. Eine bläulich schimmende Schlucht, durch die ein Fluss strömt. Der Bus fährt um 8 Uhr morgens an der Hauptstraße ab, das Ziel heißt "Wayton", 20km. Die Busse fahren nur 3 Mal täglich, kein Bariloche-Kompfort. Auf der Fahrt öffnet sich links ein verbranntes Tal, aus dem ein riesiger Regenbogen ragt. Es ist absolut verrückt, dass es Regenbogen überhaupt gibt. Das wird mir nochmal neu klar. Warum ist es bunt und zusätzlich auch noch ein Bogen? Egal.
    Am Waldeingang wachen permanent Ranger, wir müssen uns registrieren. 2 Stunden geht es vorbei an Kohlenwäldern, dann der Rio Azul und wieder grün. El Bolson ist deutschen Siedlern zu verdanken. Und sie haben die Berghüttenkultur mitgebracht. Wir trinken Kaffee in einer dieser Hütten und gehen dann weiter den Fluss entlang. Vor uns zeichnet sich schon die Schlucht ab. Weiter und weiter bis zu Hinweisschildern, dass wir ab hier extrem vorsichtig sein sollen. Enge Pfade schlängeln sich direkt an der Schlucht entlang. Ist echt nicht ganz ohne. Wir legen unsere Brotpause an einem Vorsprung ein und werden von einem mageren Bettel-Hund belagert.
    Und ziemlich bald sind wir wieder im Wald, erkunden noch eine Höhle und machen uns auf den Heimweg. Wir sagens beide nicht, aber besonders schön ist die Wanderung nicht. Muss man vielleicht aber auch mal sehen, ich weiß es nicht. Der Cajon Azul selber ist natürlich wunderschön.
    Wir nehmen Thomas aus den Niederlanden im Uber mit, weil der nächste Bus erst in 2.5 Stunden kommt. Der ist einfach nach Südamerika GESEGELT. Abends Burger und Kartenspiel mit Thomas.

    Eine weitere Wanderung geht zum Enchanto Blanco. Wir sind die einzigen Wanderer auf dem Weg. Das erklärt sich nicht wirklich, weil die Wanderung wirklich 10 Mal schöner ist als die zum Cajon Azul. Der Weg ist markiert, allerdings blockiert ein riesiger Baumstamm unseren Weg nach 20 Minuten. Also biegen wir einfach rechts ab und schlagen uns 1.5 Stunden durch morastige Gauchopfade, die nicht mal auf OSM verzeichnet sind. Es ist ein ziemlich enges Netz, irgendwann sind wir wieder auf einem westlich erschlossenen Weg. Hier kommen kaum Wanderer hin, Geäst auf steilen Hängen. Und dann sind wir endlich am Fluss. Fast 4 Stunden ist er unser Begleiter, wir überqueren eine Hängebrücke, Indiana Jones-Romantik. An einem Refugio begrüßt uns ein Kater, der dringend Streicheleinheiten einfordert. Der Ort könnte "Pettersson und Findus" entstammen, wir sind hier aber die einzigen Menschen. Brotzeit. Den Rückweg gehen wir nicht über die Gauchopfade, irgendwie kommt man am Baum vorbei. Spart man halt auch viel Zeit und man weiss, dass man ankommt.

    Heiligabend kochen wir Risotto, braten ein Entrecote, telefonieren mit unseren Familien, dann Bescherung. Ich bekomme einen Alpakapulli und einen Rubics-Cube.

    Tja, und am ersten Weihnachtsfeiertag startet um 10 Uhr unser 25-Stunden Bus nach El Chalten. Wenn El Bolson die Raucherlunge Patagoniens ist, ist El Chalten das gesunde Herz.
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  • El Chalten: Fitz Royale

    Dec 25–Jan 2, 2026 in Argentina ⋅ ☁️ 10 °C

    Wir spielen mal wieder das Bermerkenswert-Spiel aus Buenos Aires. Wenn man durch die patagonische Steppe fährt, dann wirkt die Welt nicht mehr groß, sondern nur noch weit. Es gibt hier nichts. Hunderte Kilometer Staub, Asphalt und Zaun. Die 15km aus San Rafael sind nichts gegen die Wahnwitzigkeit, dass die gesamte Ruta 40 entlang rechts und links ein Zaun aufgespannt ist. Ein Zaun für was? Vieh?
    Skelette von Autos und Guanakos zieren den Straßenrand. Einige Abschnitte sind nicht asphaltiert, Schotterpiste. Unser Busfahrer repariert einen liegengeblieben LKW.

    Ich habe in Bariloche Schlafmasken gekauft, ein Gamechanger. Wir kommen am 2. Weihnachtsfeiertag gegen Mittag ausgeruht in El Chalten an. Ein zweites Frühstück, ein kurzer Nap und ein Spaziergang zum nahegelegenen Wasserfall. Die 7 Tage Eintritt in den Nationalpark kosten wirklich ein Scheißgeld.

    Wir kommen in einem Hostel unter, Patagonien ist teuer. Schön ist es hier, große Küche, nette Mitbewohner. Die ersten Tage teilen wir unser Zimmer mit dem Schweizer Patrick. Ein richtig netter Kerl, auch Softwareentwickler. Einen Abend gehen wir zusammen essen und spielen.
    Für Ivan und Enrika (argentinisch-italienisches Pärchen) kochen wir einmal und sie laden uns Neujahr zu einem Asado ein. Hätte ich nicht gedacht, dass wir ein zweites Mal daran teilhaben dürfen. 3 neue Freunde. Wir sichern uns zu, dass wir uns in Europa wiedersehen.

    Vor dem Jahreswechsel machen wir zwei eintägige Touren. Es heißt hier irgendwie alles "Laguna/Lago de Tres/Torres". Den ersten Tag nehmen wir uns eine mittelschwere Tour vor. 20km zu einem See mit Blick auf den Fitz Roy. Ich lauf diesmal ein bisschen weiter vor. Der Weg ist voller Menschen, Dana kommt schon klar. Am nächsten Rastplatz warte ich allerdings etwa eine halbe Stunde und gelange zur Einsicht, dass Dana wahrscheinlich einfach vorbeigestiefelt ist. Dana braucht für 1km nicht eine halbe Stunde länger als ich. Ich nehme die Verfolgungsjagd auf. Dana hat zum Glück entgegenkommende Wanderer auf einen gelbmützigen und -shirtigen jungen Mann angesetzt. "Only few minutes" ist Dana vor mir. Bei KM 7 hole ich sie ein und bald genießen wir unsere Sandwiches gemeinsam am Gletscherpanorama.

    Die zweite Wanderung haben uns Ivan und Enrika empfohlen. Es geht auf einen kahlen Gipfel, 360 Grad Panorama. Leider ist der Tag etwas stürmisch, regnerisch und nebelig. Das ist ein Nachteil an kahlen Gipfeln. Wir kehren ein paar Kilometer vorher um. Es wartet im besten Fall eine Erkältung auf uns. Wanderer, die uns entgegenkommen, berichten, dass sie eine Minute auf allen vieren oben ausgehalten haben. Und das Wetter wird eher schlechter. Der Weg ist aber wunderschön. Das Wetter ist ein echter Faktor hier. Es ist eben Patagonien und nicht das Phantasialand.

    Patrick hat uns den atemberaubendsten Blick El Chaltens empfohlen. Die Lagos de los Tres. Eine direkte Sicht auf den Fitz Roy und sie ist wohl besondere schön, wenn man zum Sonnenaufgang dort ist. Dafür ist Patrick um 01:15 losgewandert. 10 km sind es, auf den letzten Kilometer fallen 400 Höhenmeter. Man kann auch nahe des Sees campen, dann muss man nur 1.5 oder 2 Stunden vor Sonnenaufgang los. Also los. Wir starten am 30.12. um 16 mit einem geliehenen Zelt. Ein freundlicher Herr aus unserem Hostel entlässt uns väterlich auf unser erstes echtes Camping-Erlebnis und sichert uns die Unterstützung der Outdoor-Community zu. 3 Stunden geht es entweder eben oder seicht empor dem Fitz Roy entgegen. Eine Reihe an wunderschönen Ausblicken reiht sich auf. Immer wieder der Fitz Roy. Der Rucksack mit Zelt, Schlafsack, Wasser und ein paar Schichten für die kalte Nacht ist kein Problem. Rauscht da der Wind in den Bergen oder ist es der Fluss?

    Nach wie vor eine Frechheit, die nicht unerwähnt bleiben soll: Die Monetarisierung von dem Ganzen. Pro Person kostet der Campingplatz 15€ pro Nacht, das ist nochmal zusätzlich zu den 90€ Parkeintritt für 7 Tage. Und man fragt sich, für was überhaupt. Die Toiletten sind derart zugeschissen, dass Dana ihr Geschäft aufgrund von Würgereiz lieber ausfallen lässt.

    Naja, wir kommen um 19 Uhr an, bauen unser Zelt auf und sehen dann die Sonne hinter dem Fitz Roy untergehen. Übrigens: Man kann die Heringe mit Steinen in den Boden stampfen. Bin ich alleine nicht drauf gekommen. Brote mampfen, heißes Wasser besorgen (Tee zum Sonnenaufgang). Um 3 Uhr stehen wir auf. Es war ein unruhiger Schlaf für mich. Anziehen, packen, Stirnlampe und dann los. Das ganze Camp bricht auf. Der erste Kilometer ist recht eben, dann wird es richtig steil. Nachts ist das nochmal ein anderes Gefühl. Wir reihen uns in eine Kaskade von Stirnlampen über und unter uns ein. Dana fragt ständig, wie sie hier wieder runterkommen soll. Wird schon. Es zieht sich, aber um 5 Uhr sind wir oben. Ich ziehe alle verfügbaren Schichten an, eine halbe Stunde noch. Wir trinken unseren Tee, das ist richtig gut.
    Der Himmel spendet schon ziemlich viel Licht. Beim Aufstieg hat uns auch schon eine Morgenröte hinter uns gelauert. Und dann werden die Berge über dem See in rotes Licht getunkt. Wenn man lange auf das Massiv starrt, werden die Farben intensiver. Was für ein unvergesslicher Silvestermorgen. Abstieg, Zelt abbauen und dann Heimweg. Wir gönnen uns ein zweites Frühstück in El Chalten und ruhen uns dann ein bisschen aus.

    Am Abend gibt's Fondue und wir nehmen unseren Sekt aus San Rafael mit zum Eingang des Nationalparks. Um kurz nach 12 stoßen wir an. Feuerwerk gibt's hier nicht. Starke Winde, Funkenflug. Dafür Sterne. Im Hostel schauen wir nochmal die Fotos des letzten Jahres durch. Ein bermerkenswertes Jahr war es.
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  • El Calafate: Nix gelernt

    Jan 2–5 in Argentina ⋅ ☁️ 14 °C

    Auf den ersten Blick müssten Städte und Regionen, in denen es sowas wie die Iguazu Wasserfälle oder einen riesigen Gletscher gibt, extrem gut dastehen. Naturwunder, eine Menge Touristen, eigentlich könnten alle profitieren. Aber beide Städte haben strukturelle Ähnlichkeiten. Regelmäßige Stromausfälle, eine überschaubare Menge vernünftiger Restaurants und eine karge Innenstadt.

    Wir haben die Zeit hier auf 2 Tage begrenzt. In Puerto Iguazu hatten wir überlegt, ob wir den Perito Moreno Gletscher nicht einfach ausfallen lassen. Aber der gehört halt auch wieder zu den Sachen, die man machen "muss". Hin- und Rückfahrt (je ~1 Stunde) sowie Parkeintritt (für etwa 4-5 Stunden) liegen pro Person wieder bei so 90 Euro. Das Aufkommen an Menschen ist relativ überschaubar, das Areal ist aber auch ziemlich groß. Kilometerweit geht es über Metallgitter, Treppen hoch und runter. Vor 5 Jahren noch drückte der Gletscher noch gegen die Brüstungen der Balkone, die weiter vorne aus den Metallwegen herausragen. Als die Eiswand noch direkt vor einem in den Himmel ragte war das hier wahrscheinlich noch eine andere Nummer. Heute geht der Gletscher zurück und die Eiswand ist weit von den Brüstungen entfernt. Wie viel? 200 Meter vielleicht. Alle paar Minuten bricht ein Stück ab und sendet einen lawinenartigen Hall zu den Besuchern. Der Perito Moreno Gletscher gehört einem patagonischen Eisfeld an, das sich über eine riesige Fläche erstreckt. Das drittgrößte Süßwasserresevoir der Erde. Alleine die riesigen Massen an Eis, die man von hier aus sieht sind unglaublich.

    Es ist ein wahnsinnig beeindruckender Ort. Schade ist, was die hier wieder draus gemacht haben. Die Busunternehmen karren die Leute direkt bis an den Ausblick oder an den Hafen. Für Wanderungen auf dem Eisfeld hat ein einziges Unternehmen das Monopol, ein Apfelsaft kostet 9€. Da alles fließt augenscheinlich nicht in die nachhaltige Entwicklung der Region, nicht in die Bevölkerung und auch nicht in den Schutz des Parks. Das liegt in den Händen lokaler Eliten. Da ist man in Deutschland und Europa sehr verwöhnt - Egal ob in den Alpen, im Elbsandsteingebirge oder an der Müritz.

    Tja, wir verpassen unseren Bus zurück, weil der tatsächlich nur unten am Hafen hält und nicht die Schleife zur Zentralhaltestelle fährt. Pech gehabt. Ich quatsche ein italienisches Pärchen an, ob sie uns mitnehmen, Benedictino und Nina. Liebe und schlaue Leute, die ist Projektmanagerin in einem Kunstmuseum, er promoviert zu Milieuabhängigkeiten zum Bildungsaufstieg. Aus seiner Sicht hat übrigens Kanada das beste Bildungssystem, da hatte meine Recherche für meine Partei VOLT aus dem letzten Jahr also einen Punkt.

    In El Calafate selber gibt es einen sehr guten Italiener, dem wir 2 Besuche abstatten. Eine Insel von Respekt und Liebe in einer failed City.
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    Trip end
    March 26, 2026