Kraftsolms
January 23 in Germany ⋅ ☀️ 2 °C
(English Version Below)
Mein Besuch in Kraftsolms. Das Grab der Eltern wurde vor ein paar Jahren aufgelöst, das letzte Klassentreffen der Realschule war vor zehn Jahren. Es gab eigentlich keinen Grund, hierher zu fahren.
Vor einigen Wochen hat eine junge Frau, die in einem Wohnwagen lebt, das Video über unser Leben aus dem Jahr 2018 gesehen, und meinen Newsletter im Homeblog abonniert. Daraus hat sich ein Schriftwechsel ergeben, in dem ich eine Begegnung angeboten hatte, weil ich wußte, dass ich zwischen Vielbach und Frankfurt unterwegs sein würde.
Sie nannte mir einen Ort, der nicht weit von Butzbach entfernt ist, sodass ich dann zu meiner Überraschung gesehen habe, wir würden durch Kraftsolms fahren. Hier habe ich knapp zwei Jahre gelebt, in der Wohnung meiner Eltern, die zugereist waren, und diesen Status trotz ihres zwanzigjährigen Aufenthalt nie ändern konnten.
Im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden, die wir dann besucht haben, und knapp hundert Meter Luftlinie entfernt leben. Entscheidende hundert Meter zwischen Alt und Neu. So ist das oft im Leben, ein paar Meter zeigen an, ob du in oder out bist.
Tatsächlich war ich von klein auf oft out. Bei Ballspielen in der Schule würde ich am Ende gewählt, an vielen Orten war und bin ich der Fremde, der immer ein Stück abseits steht. In Hessen kannten sich die Mitschüler alle schon, als ich mit zwölf Jahren neu in der Klasse stand, später in Kraftsolms beim Fußball sprachen alle in einem Slang, den ich nicht verstanden habe.
In Köln beim Studium war ich einer von vielen, wenngleich einer der auffälligsten in eine Menge bunter Menschen. Und als ich sch Braunschweig kam, war ich der Freund, später der Ehemann, danach der Geschiedene jetzt der Reisende.
Das ist hier keine Aufzählung darüber, wie schlecht es mir geht oder gegangen ist. Im Gegenteil habe ich mich überall im Rahmen der Möglichkeiten eingebracht, durchaus wohlgefühlt. Nein, eben beim Frühstück kommt mir der Gedanke, was Heimat ausmacht.
Am Anfang unserer Reise habe ich mich schon in fast einem Dutzend Texten mit dieser Frage auseinandergesetzt, aber erst heute ist mir der entscheidende Gedanke gekommen. Die Schulkameraden, die wir gestern besucht haben, kennen sich fast ihr ganzes Leben lang, sind über Jahrzehnte verheiratet. Ihre Liebe war mit 16 Jahren schon so groß, dass der Mann im ersten Jahr Gymnasium mit mir hängen geblieben ist, um mit seiner Freundin wieder in einer Klasse zu sein, die einen kleinen schulischen Ausflug gemacht hatte.
Ich bin in Solingen geboren und bis zu meinem sechsten Geburtstag waren wir dort schon dreimal umgezogen, haben in verschiedenen Stadtteilen gelebt, bis wir in die Spichernstrasse in Merscheid gekommen sind, wo ich eingeschult wurde und tatsächlich eigene Freunde gefunden habe, die auch dort lebten.
Besonders mit Reinhard, der mit seiner Familie in der Nachbarwohnung lebte, war ich ganz eng verbunden. Sechs Jahre lang, dann sind meine Eltern aus beruflichen Gründen nach Braunfels gezogen. Hundertfünfzig Kilometer entfernt, für uns damals weiter als der Mond weg.
Ich habe Reinhard nie mehr gesehen, aber wenn ich über Heimat nachdenke, dann hat er den Unterschied gemacht. Heute sitzen wir mitten in Kraftsolms zum Frühstück auf einem Parkplatz. Das könnte auch ein Ort irgendwo in Europa sein, an dem ich mich genauso wohlfühle mit der Hilde auf dem Fahrersitz und dem blauen Bus in Sonnenschein.
Ich habe keinen Grund zu klagen. Tatsächlich bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mich so heimatlos gemacht haben, wie sie immer heimatlos waren. Sie haben nie ihr Schicksal beklagt, haben die Wendungen und Verirrungen ihres Lebens hingenommen, waren immer offen und freundlich anderen Menschen gegenüber, obwohl ihr Weg von Enttäuschungen gezeichnet war.
Im Gegensatz zu ihnen habe ich mein Leben bewusst in die Hand genommen, bin aufgebrochen in die Welt, um in ihr mein Leben zu genießen. Habe mich bewusst abseits gestellt, um einen anderen Blick auf die Situation zu bekommen, und habe auf eine besonders schöne Art eine Heimat in mir gefunden.
Und tatsächlich bin ich, sind wir, eigentlich überall willkommen, vielleicht auch, weil wir nicht bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte. Nimm dein Leben in Hand und mach was draus. Das ist mein Fazit an einem Ort, in dem ich mal gelebt habe.
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My visit to Kraftsolms. My parents' grave was cleared a few years ago, and the last class reunion of my secondary school was ten years ago. There was really no reason to come here.
A few weeks ago, a young woman living in a caravan saw the video about our life from 2018 and subscribed to my newsletter on my home blog. This led to an exchange of messages, in which I offered to meet up, knowing I'd be traveling between Vielbach and Frankfurt.
She suggested a place not far from Butzbach, so to my surprise, I saw we were driving through Kraftsolms. I lived there for almost two years, in my parents' apartment. They had moved to the area and, despite living there for twenty years, had never been able to change their residency status.
Unlike my classmates, whom we later visited, who live just a hundred meters away as the crow flies. A crucial hundred meters between old and new. That's often how it is in life; a few meters can determine whether you're in or out.
In fact, I was often an outsider from a young age. In school ball games, I was always picked last. In many places, I was, and still am, the outsider, always standing a little apart. In Hesse, all my classmates already knew each other when I was twelve years old and new to the class; later in Kraftsolms, playing football, everyone spoke in a slang that I didn't understand.
In Cologne, while studying, I was one of many, albeit one of the most noticeable among a diverse group of people. And when I came to Braunschweig, I was the boyfriend, later the husband, then the divorcee, and now the traveler.
This isn't a list of how badly I'm doing or have been doing. On the contrary, I've contributed wherever I could and felt quite at home. No, it was just at breakfast that the thought occurred to me: what constitutes home?
At the beginning of our journey, I already grappled with this question in almost a dozen writings, but only today did the crucial insight come to me. The schoolmates we visited yesterday have known each other almost their entire lives and have been married for decades. Their love was so strong when they were 16 that the husband stayed on with me in the first year of high school so he and his girlfriend could be in the same class again, which had gone on a short school trip.
I was born in Solingen and by my sixth birthday we had already moved three times, living in different parts of the city, until we came to Spichernstrasse in Merscheid, where I started school and actually found my own friends who also lived there.
I was especially close to Reinhard, who lived with his family in the apartment next door. For six years, then my parents moved to Braunfels for work. One hundred and fifty kilometers away, which back then seemed farther than the moon.
I never saw Reinhard again, but when I think about home, he made all the difference. Today, we're sitting in a parking lot in the middle of Kraftsolms, having breakfast. This could be anywhere in Europe, and I feel just as comfortable there with Hilde in the driver's seat and the blue bus bathed in sunshine.
I have no reason to complain. In fact, I'm grateful to my parents for making me feel as rootless as they always were. They never lamented their fate, accepted the twists and turns of their lives, and were always open and friendly to others, even though their path was marked by disappointments.
Unlike them, I consciously took charge of my life, set out into the world to enjoy it. I deliberately distanced myself to gain a different perspective on the situation, and in a particularly beautiful way found a home within myself.
And in fact, I, we, are welcome almost everywhere, perhaps also because we don't stay. But that's another story. Take your life into your own hands and make something of it. That's my conclusion from a place where I once lived.Read more









TravelerSo warst du schon immer irgendwie ein Reisender… Ich wurde im Sportunterricht auch immer erst am Schluss gewählt. In meiner Schulzeit war ich total still und schüchtern und dadurch quasi nicht vorhanden. Deswegen hat mich natürlich auch niemand wahrgenommen oder nur Wenige oder nur am Rande. Erst in der Oberstufe taute ich allmählich mehr auf.