• Böse Omen

    May 6 in Germany ⋅ ☁️ 12 °C

    Liebes Tagebuch, was für eine prächtige Nacht. Ich habe geschlafen wie ein Stein. Draußen war es ziemlich kalt, aber ich war die ganze Nacht kuschelig warm. Noch bevor mein Wecker losknattern kann übernimmt ein Fasan ganz in der Nähe diese Aufgabe. Viel schöner.
    Wie zu erwarten bei diesem Platz ist alles nass vom Kondenswasser. Das Zelt ist gleich doppelt so schwer.
    Während mein Nachbar noch ratzt mache ich mich den wunderbaren Sonnenaufgang entgegen auf den Weg. Es dauert nicht lange und ich erreiche Flensburg. Ab hier werde ich bis Hamburg dem E1 folgen. Der Weg geht steil bergab. Wie kann das sein? Wann genau soll ich denn in den letzten zwei Tagen hochgegangen sein? 😂
    Der Markt wird gerade aufgebaut und in der Innenstadt ist noch völlige tote Hose. Nur ein Cafe hat auf. Während ich einen Kaffee schlürfe und die Schläuche entleere geier ich noch etwas Strom. Als ich das Cafe verlasse ist plötzlich richtig Trubel. Ich schlendere über den Markt und gucke ob es etwas besonderes zu Naschen gibt, aber nur der Flensburger Bierwagen sagt mir zu. Warum nicht. 😂 Auf die abgeschlossene Etappe Sylt-Flensburg. Das Bierfoto schicke ich frech zu meiner Arbeit...
    Ich mache mich wieder auf den Weg. Bloß raus aus der Stadt. Ich mache nir keine Hoffnungen auf etwas anderem als Asphalt zu gehen und ich habe recht. Eine schwer bepackte Wanderin kommt mir entgegen. Sie ist auf dem Weg nach Dänemark. Na dann hat sie es ja bald geschafft.
    Ich mache eine kurze Pause in einer Bushaltestelle im Nirgendwo, als ich wieder losgehe zieht es plötzlich in meinem linken Schienbein. Oh oh. Das kenne ich doch vom PCT. Scheisse. Es wird mich den Rest des Tages begleiten. Ich mache ganz langsam aber der leichte Schmerz ist ständig da. Uff. Jetzt schon? Hat mich der Asphalt gebrochen? Ich habe mich extra die letzten Tage immer gedehnt und ein paar Yoga Action Moves gemacht. Umsonst? Jeder Schritt zieht...
    Plötzlich stehe ich in einem Wald. Ein völlig ungewohntes Umfeld nach Tagen der offenen Fläche. Ja und dann wird aus der harten Strasse plötzlich ein kleiner wilder Singletrail. Was mir sofort auffällt: es zieht nicht mehr so dolle. Oh bitte lass keinen Asphalt mehr kommen. Falls gedacht. Natürlich dauert es nicht lange und ich stehe auf einer frisch geteerten Straße. Yeah. Ja und sofort wird das Ziehen doller. Noch drei Kilometer bis zum Campingplatz. Das kann ja was werden.
    Im Internet lese ich wilde Geschichten über den Betreiber des Platzes. Was mag da wohl noch auf mich zukommen? Ein ganz netter Herr und ich staune nicht schlecht als er ein Gespräch anfängt. Er weiss bescheid über das Wandern. Auf dem E1 ist viel los und in letzter Zeit sind auch immer mehr Leute auf "dieser neuen Route" unterwegs. Er meint den NST. Er zeigt mir einen Platz mit der Anmerkung, dass dort genau die Sonne aufgeht, denn "ihr Wanderer wollt ja morgens immer trockene Zelte". Richtig. Nur meistens bin ich schon unterwegs, wenn die Sonne aufgeht.
    Er zeigt mir wo alles ist und wünscht mir einen schönen Abend. Ich gehe sofort unter die Dusche. Ein tolles Gefühl. Dann nutze ich zum ersten mal meinen Kocher. Bis jetzt habe ich immer nur kalt gegessen und kalten Kaffee getrunken. Er hat mir bis jetzt nicht gefehlt. Aber nun eine warme Tütenpampe. Einfach ein Gedicht. Obwohl ich kurz an zu sabbern anfange, als die einzigen anderen Menschen auf dem Platz ihren Grill anwerfen.
    Mein Schienbein spüre ich fast gar nicht, solange ich nicht gehe. Ich werde morgen früh gucken wie es ist. Vielleicht ein Pausentag, vielleicht schaffe ich auch die 22km bis nach Schleswig, wo ich mir eh eine billige Absteige suchen wollte. Zur Not fährt direkt vorm Platz ein Bus oder im nächsten Dorf. Es ist so einfach hierzulande. So ärgerlich es sich auch anhört und mich wurmt habe ich einen entscheidenden Vorteil: Zeit! Und keinen Druck irgendwann irgendwo zu sein.
    Ich lege die Füße hoch und hoffe, dass es morgen besser ist.
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