• Die Profilreibe und späte Rache

    May 5 in Germany ⋅ ⛅ 9 °C

    Liebes Tagebuch. Heute ist gar nicht so viel passiert. Kein Bierkrieg oder so. Nur Asphalt. Ich habe mich gefühlt wie auf dem Siegwardsweg. Kaum eine Menschenseele unterwegs. Immer geradeaus. Nur die Hasen, Rehe, Fasane, Kraniche und Katzen waren meine treue Begleitung. Aber ich habe es auch genossen einfach nur so für mich zu sein. Nachdenken und sowas.
    Los ging es um viertel vor sechs. Ich bin nochmal beim Waldheim vorbei. Es roch nach Eisen. Nach Blut. Vor dem Schlachschuppen stand eine Wanne mit den Resten des gestrigen Rehs.
    Der Geruch war nicht sehr angenehm. Das Foto erspare ich euch.
    Um acht Uhr war ich in Ladelung und meine Stimmung wurde gedrückt, während ich mir die Gedenkstätte des KZ Ladelung anguckte. In den sechs Wochen, in denen es das Lager gab, wurden 300 Menschen durch Zwangsarbeit umgebracht. Beklemmend. Besonders in Zeiten wo die AfD Faschistenbande Rassismus wieder gesellschaftsfähig gemacht hat. Umso mehr freue ich mich, dass ich hier noch keine dummen Plakate oder Naziaufkleber gesehen habe. Eher das Gegenteil. Kein Vergleich zum Sauerland, der Pfalz oder dem Hunsrück, wo sogar Menschen Hakenkreuze an ihrem Haus hatten.
    Ich mache eine Pause und lasse die Eindrücke sacken. Diese Orte nehmen mich immer sehr mit.
    Der Weg geht anschließend meist schnurgerade aus. Du darfst raten auf welchem Untergrund. Naaaa? Richtig!
    Etwas aufregender wurde es, als es hinter einer Leitplanke an einer Bundesstraße entlang ging. Joa. Alles muss nichts kann. Da ist ne Leitplanke warum also mal von 100 runterbremsen? Ist eh Baustelle...
    Zum Glück waren es nur ein paar hundert Meter. Danach endlich wieder knüppelharter Belag. Ein Gedicht. Nebenbei überschritt ich die 100km Marke.
    Der Rest war nur ein Durchhaltewettbewerb. Ich kam noch einmal an der dänischen Grenze vorbei. Als Rache für gestern ging ich rüber und entleerte meine Blase. Nehmt das, ihr Schurken.
    Der letzte Kilometer zum Trekkingplatz war dann ein Genuss. Es ging durch eine mit Sträuchern bewachsene Wiese. Weicher Untergrund. Sattes grün.
    Am Camp Schäferhaus stand auch schon ein Zelt. Ein Bursche mit einem Drahtesel auf dem Weg zum Nordkapp. Schön etwas Gesellschaft zu haben. Meine Sprachausgabe war den Tag über etwas eingeschränkt. Bis auf 7xMoin 2xmitKartebitte und 2xDanke gab es nichts zu reden.
    Ein guter Zeitpunkt mal wieder das gesprochene Wort zu üben. Themen gab es genug, da er auch 2023 in den USA unterwegs war. Jedoch mit einem Van. Naja und Geartalk und sowas halt.
    Der Platz war übrigens auch sehr hübsch. Ein kleines Areal inmitten der wilden Weide. Rindvieh nebenan und eine Skulptur in der Mitte. Dazu eine Armee Waldameisen, die sich über meinen Nachbarn hermachten und Einzugspläne für sein Zelt hatten.
    Nach 39km auf der Profilreibe war ich bereit für den Matratzenhorchdienst und legte mich ab. Im Hintergrund das leise Rauschen der A7.
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