• Viele kleine Schritte...

    May 9 in Germany ⋅ ☀️ 14 °C

    ...viele kleine Dinge. Von Road Rage, schöner Natur, einem Mahl, nervigen Jugendlichen und ausgebliebenen Schmerzen.
    Liebes Tagebuch. Die zwei Tage Ruhe taten richtig gut. Ich konnte mich körperlich und geistig vom Asphalt erholen. Der Schmerz in meinem Schienbein war fast weg. Gestern war ich noch kurz entschlossen zu Green Running, einem Fachgeschäft für Laufschuhe und Trailrunner in Altona, nachdem ich reflektiert hatte was wohl zu meinem Gebrechen geführt hatte. Zum einen die Wegbeschaffenheit, mein hoher Pace und große Schritte. An letzten beiden Punkten konnte ich selbst etwas ändern, aber der Strassenbelag... Ich wünschte mir etwas mehr Dämpfung an den Sohlen. Das ganze hatte zur Folge, dass ich über eine Stunde lang beraten wurde inkl. Laufanalyse auf so einer Maschine. Dann wurden mir Schuhe und Sohlen vorgelegt und es ging los: das Anprobieren. Letztendlich kristallisierte sich ein Schuh und die passenden Einlagen heraus. Ausprobieren. Schuhe brauche ich immer.
    Wieder bei Phoenix angekommen sortierte ich noch ein paar Sachen aus. Zum Beispiel meinen Gaskocher und Topf. Ich hatte ihn einmal benutzt. Lets try coald soaking. Die Gewichtsersparnis wurde durch eine Familientube Salbe schnell wieder ausgeglichen.
    Ja und heute morgen wollte ich es wagen. Ich wurde von Phoenix zum Bahnhof gebracht und um sieben stieg ich in die Bahn. Um halb elf stand ich dort wo ich den Trail verlassen hatte. Ich war nervös. Würde es ohne Schmerzen gehen? Ich tapste los. Langsam, kleine Schritte. Taps taps taps. Natürlich auf Asphalt. Nach drei Kilometern machte ich eine kurze Pause und horchte in meinen Körper, direkt ins Bein. Nichts. Ich freute mich. Die größte Herausforderung war nun an meinem Tempo und meinen Schritten festzuhalten und nicht auszubrechen. Das ganze wurde mir einfacher gemacht, als aus der Strasse plötzlich ein weicher schmaler Weg wurde. Es ging am Idstedter See vorbei und ich fing an wieder zu genießen. Die Sonne schien. Natürlich kamen auch wieder geteerte Wege zum Einsatz. Auf einem dieser sah ich einen schwarzen BMW auf mich zukommen. Doch anstatt den Abstand zu mir zu vergrößern hielt er direkt auf mich zu bis er plötzlich ca 20 Meter vor mir abrupt zum Stehen kam. Eine Staubwolke stieg an der Motorhaube empor. Als sie sich legte machte sie den Blick auf die Fahrerin frei. Sie starrte mich an. Als erstes dachte ich sie wolle mir vielleicht Hilfe anbieten, weil ich mit meinen Kompressionsstrumpf da so lang humpelte. Der Gedanke wurde sofort gelöscht als sie aufs Gaspedal trat und an mir im Affenzahn vorbei rauschte. Ich sprang zu Seite. Was zum Geier? Zwei weitere Szenarien machten sich in meinem Frontallappen breit: Entweder ich erinnerte sie an jemanden, mit dem sie noch ein Hühnchen zu rupfen hatte und die Konsequenz wäre es, diesen jemand zu überfahren oder sie war auf der Suche nach ihrem Traummann. Zum Glück schien ihr Restverstand noch die richtige Einschätzung der Sachlagen übermittelt zu haben. Wie auch immer. Bis jetzt war ich ja von irren Situationen verschont geblieben und versuchte es gelassen zu nehmen. Aber doch etwas verdutzt tapste ich weiter. Es ging wieder auf schmalen Wegen durch Wald und Wiesen. Ein wahrer Genuss. Sattes Grün, überall Blümchen, Kühe, Rehe, Wasser, Sonne, Wolken, Wind. Keine Schmerzen. Ja und irgendwann stand ich im Herkulesgarten in Schleswig und nur etwas später in der Stadt. Hier wollte ich bleiben. Nicht unnötig reinklotzen und außerdem möchte ich mir morgen früh in Ruhe das Haitabuh Museum angucken. So stieg ich im Dom Hotel ab. Was kann man für 50 Schleifen erwarten? Richtig. Aber das Zimmer war sauber und ich habe sogar mein eigenes Klo, was wohl nicht alle Zimmer haben. Etwas hellhörig. Ich vermute ich kann morgen früh hören was meine Nachbarn gegessen haben und andersrum.
    Ich ging noch kurz in die Innenstadt. Irgendwas zwischen Hansestadt und Ghetto. Irgendwie wie Kiel light.
    Hier sind Schattenboxen und Durstlöcher Trinkpäcken angesagt. Es ist Samstag und die Stadtjugend lässt es krachen. Fair enough. Ich stiess auf einen arabischen Imbiss und es roch extrem lecker. Ach so eine Kleinigkeit... keine zwei Sekunden nachdem ich mich gesetzt hatte wurde mir eine Schale Suppe vorgesetzt. Dazu eine herzliche Begrüßung. Eine kleine Schawarma sollte es sein, nachdem ich um eine Empfehlung gebeten hatte. Nun gut. Die bekam ich auch, aber nach und nach wurden andere Speisen vor mich gestellt. Etwas Hummus, eingelegtes Gemüse, Tee und ein dickes Stück Kuchen. Diese arabische Gastfreundschaft ist halt nicht zu schlagen. Mit dicker Plautze verabschiedete ich mich und rollte zurück Richtung Hotel. Ich setzte mich noch kurz ans Ufer der Schlei, um zu schreiben. Ich hörte es hinter mir gackern. Zwei Teenager setzen sich einen Meter neben mich. Dank meiner langjährigen Tätigkeit an einer Förderschule wusste ich, dass es nun dumm werden würde. Ich war jetzt schon genervt. Dann fragten sie mich was geht und bla. Ich sah wie die eine Göre heimlich mit dem Handy filmte und machte gleich höflich aber deutlich klar, dass ich auf so einen Quatsch keinen Lust hätte. Sie wurden etwas verlegen und deuteten an, dass sie nun weiter müssten. Ich stimmte ihnen zu. Was zum Geier Teil 2. Sowas bleibt einem erspart, wenn man irgendwo in der Natur schläft. Ich genoss den Abend am Wasser und freute mich einfach, dass mein Knie durchgehalten hatte. Schräg gegenüber feierten ein paar Jugendliche auf dem Segelboot der Eltern. Hinter mir beleidigten sich andere mit "Bastard" und "Hurensohn" durch. Idyllisch, dieses Schleswig.
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