• Heckmeck am Schwedeneck

    May 12 in Germany ⋅ ☁️ 6 °C

    Liebes Tagebuch,
    Was für ein prächtiger Tag. Heute ging es an der Küste entlang ums Schwedeneck in die Kieler Bucht.
    Aber ganz so gut ging es nicht los. Heute Nacht und heute morgen ist auch der Regen hier angekommen. Von daheim und aus Hamburg höre ich immer nur Regen Regen Regen. Um halb sechs entscheide ich mich nochmal ne Stunde zu schlummern. Vor dem Fenster fallen Regentropfen vorbei. Zwischen acht und neun soll es besser werden. Also nochmal Füsse hoch.
    Um kurz vor sieben verlasse ich meine Unterkunft und gehe immer noch im Regen zur Bushaltestelle, um dort hinzukommen wo ich gestern aufgehört habe. Hier mal ein Lob an den öffentlichen Nahverkehr. Überall gibts Bushaltestellen, vernünftige Fahrtzeiten und alles ist pünktlich. Nach kurzer Fahrt stehe ich im Regen. Wat willste machen. Nix. Es dauert aber keine zehn Minuten da ist der Spuk schon vorbei. Also Regenzeug umsonst angelegt. Fast. Denn der Wind ist doll und kalt. Na dann auf. Es geht durch den Wald auf die Steilküste zu. Dann geht es am Strand weiter. Es ist nicht ganz so anstrengend wie ich es mir vorgestellt habe, denn schon bald geht es wieder auf die Klippen und die Sonne kommt raus. Jetzt beginnt das Wanderfest. Es geht fast die ganze Zeit auf schmalen Pfaden durch wundervolle Buchenwälder und Felder entlang. Links von mir immer das Meer und wundervolle Weitsichten. Ich steige zum Strand ab und suche mir hinter ein paar Steinen etwas Windschutz. Frühstückszeit. Genusszeit.
    Weiter gehts. Rauf und runter. Dann kommt ein kurzes Stück, welches meine Höhenangst triggert. Der schmale Pfad ist rechts durch einen Stachdrahtzaun abgegrenzt. Zur Linken sind es manchmal nur 30cm bis zur Abbruchkante. Ruhig bleiben. Einfach einen Fuß vor den anderen. Das die Kante möglicherweise unterhöhlt ist blende ich aus. Mich wird sie auch noch halten. Geschafft. Durchatmen.
    Hundert Meter weiter kommt mir eine Familie mit Fahrrädern entgegen. Kind im Kindersitz. Oma und Opa sind auch dabei. An einem Fahrrad ein Anhänger. Der Hund darf natürlich auch nicht fehlen. Sie können auf dem Pfad nur schieben. Ob es da so weitergeht fragen sie mich. Ähhhh. Ja. Und mit den Bikes und dem Anhänger ist das vermutlich keine gute Idee. Sie erzählen, dass sie den Weg auf Komoot gesehen haben. Ähhh. Ja. Das sind dann auch die Leute, die in das Hafenbecken fahren, weil das Navi es sagt. Sie wollen ihr Glück probieren. Na dann nur zu. Ich gehe weiter. Zumal hier auch alle Fahrrad- und Wanderwege gut ausgeschildert sind. An allen Zugängen zu den Klippen stehen Warnschilder. Etwas später kommt mir wieder eine Frau, ihr Fahrrad schiebend, entgegen. "Moin. Bleibt der Weg so? Ich hab den auf Komoot gesehen." Das Hafenbecken ist in die andere Richtung, denke ich mir. Ich erzähle ihr wie ich den Weg empfunden habe. Sie dreht um.
    Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Leuchtturm Bülk. Ich kann ihn schon sehen. Sie Sonne knallt. Also beschließe ich nochmal an den Strand zu gehen und etwas zu dösen und zu sinnieren. Auch wenn das Gehen im Sand heute viel Zeit verbraucht hat ist es gerade einmal zwei. Ich raste ausgiebig. Denke mir Blödsinn aus. Erinnere mich an den Kurzurlaub, den Phoenix und ich hier mal gemacht haben. Wunderprächtig.
    Ich gehe genüsslich weiter, nachdem der Wind doch erheblich zugenommen hat und vom Landesinneren dunkle Wolken anrücken. Hinter dem Leuchtturm beginne ich zu flanieren. Der Weg ist ausgebaut und Menschen gehen spazieren. So gelange ich zum Hafen von Strande. Es ist mächtig was los auf und am Wasser. Segelboote schneiden durch die Wellen und Angler versuchen ihr Glück. Teure Häuser, teure Boote. Ein Frau steht mit einem Pferd völlig random in der Gegend rum. Ich verlasse den NST, um zum Campingplatz Falckenstein zu gelangen. Ich spaziere über die Promenade von Schilksee. Was für ein Ghetto. Das komplette Gegenteil zu den letzten 500 Metern. Am Wasser Gebäude vom feinsten Brutalismus. Dahinter Plattenbauten. Alles ziemlich heruntergekommen. Auch die Menschen wirken geschunden. Komisch, gerade hier muss ich den ersten AfD Sticker von einer Mülltonne kratzen... Zufall?
    Über ein paar Schleichwege, die ich auf Komoot gefunden haben (Spass) gelange ich wieder an die Bucht und von dort sind es nur ein paar Meter bis zu meinem Ziel. Ein kleiner Witzbold nimmt mich in Empfang und begrüßt mich mit Namen (ich hatte mich angekündigt). Er fängt sofort an Blödsinn zu erzählen. Ist das eine Einladung? Ich konter seinen Quatsch gekonnt. Er ist erst etwas verwirrt, aber dann leisten wir uns ein Feuerwerk des Schwachsinns. Prima. Hier möchte ich bleiben.
    Die Rezeption ist in einen ziemlich abgerockten Betonklotz, der an die feinste Architektur von Schilksee erinnert. Der Platz ist durch viele Bäume gut vor den starken Windböen geschützt. Gerade als ich mein Zelt aufgebaut hatte fing es an zu regnen. Das einzig Negative: nebenan hat wohl der Bauern Gülle ausgefahren. Es riecht etwas streng.
    Als das Schauer sich verzogen hat gehe ich noch kurz zum Strand, um meinen Couscous zu futtern und zu schreiben. Der Wind pustet, die Finger sind etwas kalt, aber es ist der Abschluss eines wunderbaren Tages. Bis jetzt die schönste Strecke auf diesem Abschnitt.
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