Out of the Vortex
7. juli, Tyskland ⋅ ☁️ 28 °C
Liebes Tagebuch. Da bin ich wieder. Hat jetzt doch länger gedauert als gedacht, aber es gab ein paar Sachen zu erledigen und mich auszukurieren. Und natürlich diese Irre Hitze aussitzen. Ich bin heilfroh nicht bei 38 Grad unterwegs gewesen zu sein. Leider gab es auch ziemlich unschöne Nachrichten. Meine Nachbarin war verstorben. Aber nicht einfach so. Sie war eines der Mordopfer von Stade. Die Info haute ganz schön rein. Ich dachte an ihre zwei kleinen Kinder, die immer fröhlich im Garten gespielt hatten. Ich dachte an meinen alten Beruf, der ihrem nicht unähnlich war. Auch ich hatte viel mit geisteskranken Vätern zu tun gehabt. Ich dachte was zur Hölle ist nur mit den Menschen los?
Naja und mit jedem Tag wurde der innere Schweinehund größer. Zu Hause war es schön, mit Phoenix war es schön. Ja und da kamen schon Gedanken die freie Zeit doch anders zu nutzen... das ist natürlich etwas anderes, wenn man vor Haustür wandert und nicht tausende Km entfernt. Da stellen sich solche Fragen erst gar nicht... Nebenbei war ich etwas überrascht und gerührt von den doch recht zahlreichen Nachrichten über meinen Verbleib, die mich in den letzten 14 Tagen erreicht haben.
Heute morgen hab ich mit dem Schweinehund kurzen Prozess gemacht. Ab zum Bahnhof. Ab nach Bingen.
Leider leider fühle ich mich immer noch nicht richtig fit. Mir war flau im Magen. Vielleicht alles nur Kopfsache. Erstmal drauf los. Die Fahrt verlief erstaunlicherweise ohne Verspätungen oder Zwischenfälle und so stand ich um 12 Uhr am Trailhead des Soonwaldsteig. Also am Bahnhof in Bingen. Einen richtigen Trailhead gibt es leider nicht. Die örtlichen 29 Grad knallten wie ein Hammer auf dem Kopf. In Hannover waren es heute morgen mindestens zehn Grad weniger gewesen und ich hatte die letzten Tage auch öfters mal einen Pullover an.
Nach 500 Metern durch Bingen ging es gleich mit wunderbaren Single Trails los. Das munterte mich auf. Und der Anblick des Rheines machte mich überraschend emotional. Irgendwas hat der mit mir gemacht.
Über den Prinzenkopf ging es zur Burg Rheinstein und dann durch das wunderschöne Morgenbachtal. Die ersten Kilometer waren wirklich vielversprechend. Tolle Wälder, steile Hänge, schmale Wege und es gab sogar Geröll. Ich liebe Geröll.
Mein Bauch meldete sich. Hunger. Aber Appetit hatte ich null. Viel zu warm und mir wurde klar, dass ich auf fast nichts in meinem Fressbeutel Bock hatte. Es zwang mir was zu Essen rein. Es half gegen das komische Gefühl und ich merkte wie die Energie zurück in meinen Körper kam. Besser. Tatsächlich hatte ich die letzten Tage recht wenig gegessen. Der Hiker Hunger war verschwunden.
Nun ging es kilometerlang bergauf und der Weg wechselte auf eine Forststrasse. Der Anstieg war aber recht sachte und ich musste mich etwas bremsen. Nicht zu schnell. Meine Beine taten schon weh. 😅 Die dachten wohl bereits das ständige Laufen wäre vorbei. Während ich mich zum Salzkopf hochschraubte flogen die Gedanken durch meinen Kopf. Ist es das richtige? Warum ist dein Bauch so flau? Und warum zum Fick war ich nicht heiss auf Kilometer schrubben. Ich fand keine Antwort und versuchte mich abzulenken. Mit dem schönen Wald. Durch die Bäume sah ich ein letztes Mal ein Stück vom Rhein. Machs gut kleiner Fluss. Ein Eichhörnchen kam des Weges und glotze mich an. Ob es sich auch fragte was ich hier mache? Trotz meines leichten Missmutes flogen die Kilometer trotzdem so dahin und um fünf stand ich bereits an der Lauschhütte wo ich mir einen Trekkingplatz gebucht hatte. Es war zwar noch früh, aber ich wollte es langsam angehen lassen und den Gedanken noch weiter zu gehen verwarf ich schnell. Zumal die nächste Hütte wohl direkt auf dem Kamm des Soonwalds lag und der Wind heftig am pusten war. Leider war der Wind auch überhaupt nicht kühlend, sondern einfach nur warm.
Ich erkundete das Gelände und telefonierte mit Phoenix. Das half sehr. Dann meldete sich mein Bauch wieder. Hunger. Aber wieder null Appetit auf mein Essen. Uff. Und die Gaststätte hatte natürlich Ruhetag. Ein Blick auf die Speisekarte machte alles noch schlimmer. Beim Lesen lief mir das Wasser im Mund zusammen. Aber statt Flammkuchen gab es Couscous und Linsen aus dem Cold Soaking Behälter. Vielleicht muss ich meine Diät umstellen. Das muss aber noch ein paar Tage warten, denn so richtig Einkaufen kann man hier nur mit Umwegen.
Ich wollte mir etwas Gutes mit einem alkoholfreien Bier aus dem Automaten vor Ort tun, aber das scheiterte an der Altersverifizierung, da mein Ausweis wohl nicht die nötige Funktion hat. Jugendschutz hin oder her, aber denkt mal jemand an so Wanderer wie mich?
Bei einer Sinalco zwang ich mir mein Essen rein. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das seinen Spinat nicht essen will. Trotzig, dickköpfig, überdramatisierend. Junge, reiss dich mal zusammen. 😅
Immerhin verschwand das komische Gefühl im Bauch.
Dann bemerkte ich zum ersten mal auf dieser Tour Salzränder auf meiner Kleidung. Nach 18 Kilometern. Ich hoffte das auch alles negative jetzt aus mir raus war. Dafür musste Elektrolyte wieder rein.
Ich ließ den Abend schreibend auf der Hollywoodschaukel ausklingen. Und das Schreiben half erstaunlicherweise!!! Plötzlich ging es mir um einiges besser!
Ich bin gespannt auf die Nacht. Es hat sich zum Glück etwas abgekühlt, aber es soll kaum unter 20 Grad werden heute Nacht. Morgen gehts früh los. Wettervorhersage deutet 30 Grad + an. 😬Læs mere


















RejsendeSchön das du wieder da bist, und mein beileid zum Tod der Nachbarin, das ist wirklich heftig.
RejsendeDanke. Ja es ist einfach nur übel.
Rejsende
Ich feier deine Geröllleidenschaft 🥳
RejsendeIch schneide dir mal ein best of zusammen. Hab fantastische Geröllaunahmen vom PCT. 😅
RejsendeDas kann ich mir vorstellen, bin die letzten Tage mal wieder in ein PCT Doku Video Loch gefallen. Irgendwann 😊