• Tagesbericht No. 11

    June 12, 2024 in Ecuador ⋅ ☁️ 12 °C

    Ich möchte direkt schon Mal anmerken, wie krass wir sind.

    Um 06:00 klingelt euphorisch der Wecker, damit wir und entspannt für das um 07:00 geplante Frühstück fertig machen können. Nachdem wir noch ein bisschen gesnoozed haben.

    Dieses Frühstück ist mehr als reichhaltig. Jeweils eine groooße Schale Obst, eine Tasse Joghurt (der kommt hier immer in Shot-Gläsern oder Tassen?), zwei Pancakes so dick wie Finger und ein Spiegelei bieten die Grundlage für unseren Tag.

    Wir haben eine: „recht einfache“ 13 Kilometer lange Wanderung vom Quilotoa-Krater zurück nach Chigchullán geplant. Diese Route soll 4-6 Stunden dauern und geht insgesamt abwärts.
    Der Krater liegt auf ca. 3800m überm Meeresspiegel und unser Hostel auf 3200m.

    Unser Gastgeber zeigt uns eine einlaminierte Karte mit der Route und einer Wegbeschreibung auf englisch.
    Immer wieder betont er, dass wir uns links halten sollen, da rechts die „Routa extrema“ kommt, die wohl sehr gefährlich ist (kaputte Brücken und eine Flussüberquerung).
    Auch seine Telefonnummer haben wir vermerkt. Brächte uns nur nichts. Hier oben gibt es keinerlei Empfang. Wir übersehen das großzügig.
    In Zwiebellook eingepackt wollen wir aufbrechen.
    Unser Gastgeber gibt uns, bevor wir mit einem Auto an den Startpunkt gebracht werden, noch mit auf den Weg, dass wir leider die letzte Stunde komplett bergauf laufen müssen. Wie motivierend!

    Am Ortsrand von Quilotoa werden wir rausgelassen. Dieses Dorf ist komplett auf Tourismus ausgelegt. Dieser ist aufgrund der erst noch beginnenden Saison und der Einreisewarnungen aber gerade kaum existent. Quilotoa liegt also da: bereit für Anreisende aus aller Welt aber die Geschäfte sind zu, die Straßen und Hostels leer. Ein bisschen eine Geisterstadt.
    Wir zahlen, wie angekündigt 2$ Eintritt an einem Registrierungspunkt als Eintritt und stapfen los zum Aussichtspunkt, der auch der Routenstart sein soll.
    Dort möchte man nochmals 2$ haben. Und mit ein bisschen Diskussion wird klar, dass die erste Dame uns alte Tickets verkauft hat. Wir müssen aber nicht ein zweites Mal blechen.

    Also schauen wir mal, was so ein Vulkankrater kann: krass!, denken wir beide. Weit unter uns liegt ein zunächst blauer und im Verlauf türkis scheinender See. Der Rand, auf dessen linkem (weil leichterem) Drittel wir gleich lang laufen werden, geht unregelmäßig auf und ab wie bei einem aufgeknackten Ei. Ich frage mich, ob wir ernsthaft dieser „Bruchkante“ folgen müssen. Spoiler: ja!

    Hier oben ist bekanntermaßen die Luft recht dünn und die Wege sind zumeist recht schmal und zum Teil ziemlich steil. Wir gehen, rutschen und klettern also die ersten 3,5kilometer. Vorbei an Wildblumen und Gräsern und durch kleinere Felsabschnitte.
    Schon jetzt stellen wir fest, dass die Route komplexer ist, als alles, was wir bisher gewandert sind. Unsere Oberschenkel spüren wir schon. Aber das ist ja der „leichte“ Weg.
    Wir sind an unserer ersten Wegmarkierung. Hier nach links, der Schotterstraße begab folgend. Die grüne Strecke. Bloß nicht rechts auf die rot-gelbe. Aber die geht auch geradeaus und unsere in Serpentinen. Das sollte easy sein.
    Es ist bis auf den starken Wind ganz still. Auf den Abhängen rechts uns links von uns sehen wir grasende Kühe und Lamas, Menschen, die mit Spitzhacken routiniert die trockene Erde umgraben und: Lupinen. So weit das Auge reicht wachsen diese, in sattem Lila blühenden, äußerst robusten Blumen.

    Nach einer Weile zeigt das Wanderschild Chigchulán in rot-gelber Route nach links an. Auf der Wegbeschreibung steht: „go straight ahead“. Okay. Das testen wir aus. Aber ein Stück weiter sehen wir den Ort ausgeschildert, der definitiv zur gefährlicheren Route gehört. Also folgen wir dem Wanderschild.
    Ich glaube, das ist der Zeitpunkt, ab dem wir angefangen haben, unsere ganz eigene Routenmischung zu laufen.
    Auf unserer Linken: die Schlucht des Canyons; zu unserer Rechten: Felder und unter unseren Füßen: alles zwischen Trampelpfad und nur einige Zentimeter breiter Gehrinne in mehr oder weniger Bergab.

    Wir sollen entlang der Schlucht runter, bis wir am Fluss (aktuell glücklicherweise eher Flüsschen) ankommen, von wo aus nach rechts die Schotterstraße weitergehen soll.
    So weit, so gut. Nach einem todesmutigen ersten Abschnitt des Abstiegs, den wir auch eher auf dem Po, denn auf unseren Füßen bewältigt haben, sind wir am Fluss und machen Snackpause.

    Wir haben hier etwa 50% des Weges hinter uns. Schauen die Bergkante rauf und sind sehr stolz auf das, was wir da gerade machen.
    Aber als Nächstes bleibt uns nichts übrig, als mit einem gekonnten Hüpfer den schmalen Fluss zu überqueren und der logische Weg ist danach entlang der Schotterstraße nach links. Komisch.
    Wir befinden uns gerade auf ca 3300m Höhe und müssen jetzt ein mächtiges Stück wieder aufwärts laufen.
    Ein Autofahrer bestätigt uns, dass wir auf dem Weg in unser Dorf sind und ab jetzt werden wir also die Wegbeschreibung auf dem Handy ignorieren und den Schildern folgen.
    Einige Kilometer und gefühlt unendliche Höhenmeter später kommt zum Glück das ersehnte Schild, das uns den weiteren Weg weist. Ab jetzt wieder abwärts. Wir glauben nicht mehr dran, dass es nur noch 3km bis zum Ziel sein soll. Denn weit und breit ist es zwar atemberaubend und es gibt vereinzelte Höflein - wie der Ort, aus dem wir kommen, sieht‘s aber bei weitem nicht aus.

    Hin und wieder kreuzt ein Mopedfahrer oder ein Traktor unseren Weg und dann geht ein klitzekleiner, irgendwie von Beginn an recht steiler Weg von der Straße ab. Laut Schild, geht die schwierige Wanderroute hier entlang. Weiter auf der Schotterstraße werden wir sicherlich auch ankommen - wir entscheiden uns dennoch für den Wanderweg. Vorerst, denn etwa hundert Meter später treffen wir auf ein Mädchen mit zwei Wachhunden. Und wir stellen fest: diese nehmen ihren Job hier sehr ernst. Als Sophie sehr dicht an ihr vorbeigeht, zögert einer der Hunde zuerst und beißt ihr dann doch zwei Mal in die Wade. Wir alle sind erschrocken. Aber glücklicherweise wird nur ein blauer Fleck draus.
    Also schnell weg hier. Aber der Weg ist echt eine Nummer zu anspruchsvoll für uns - zumal wir schon ca. 11 Kilometer hinter uns haben.
    Wir zögern. Ich fürchte mich vor dem Weg; Sophie sich vor den Hunden. Wir warten einen Moment aber kehren angespannt und ohne Hundebegegnung zur Sandstraße zurück.
    In Serpentinen geht es sehr weit abwärts. Bis auf 3000m. Der Blick in die Schlucht hinein ist von hier aus einfach unschlagbar. Neben uns mündet nun auch der von uns als zu gefährlich eingestufte Wanderweg in die Straße.

    Unsere Beine sind müde, das Ziel noch fern. Aber wir beginnen zumindest mit einer Steigung. Und unser Gastgeber sagte ja, die letzte Stunde solle bergauf gehen.
    Wir sind also wieder zuversichtlich und auf Google Maps sind wir schon recht dicht am Dorf.
    Wir winken weiteren Anwohnenden, Schweinen, Kühen und ihren Kälbern und machen größere Bögen um die bellenden Hunde.

    „Heute Abend geht‘s in die Sauna!“, treibt mich voran.
    „Aufs Bett schmeißen und liegen!“, ist Sophies erklärtes Ziel.
    Und tatsächlich. Nach vielen Pausen zum Atmen und Puls wieder unter 200 Schläge/Minute kommen lassen, sowie 200m Höhenanstieg auf 2km Länge sind wir in Chigchulán angekommen.

    Wenige Meter vor unserem Hostel und ziemlich genau bei der 17 Kilometer-Marke kommen wir an einem Straßenschild mit eben genau dieser Kilometer-Anzeige vorbei. Das ist absurd witzig.
    Und ja: wir haben 4 Kilometer Umweg gemacht aber sind neben der massiven Erschöpfung auch beide richtig happy!
    Haben hierfür übrigens 6:10 Stunden gebraucht. Gar kein schlechter Schnitt!

    Sophie hat noch nicht genug Abenteuer für heute und entscheidet sich, dass Ausrutschen in der Dusche mit daraus resultierender Platzwunde am einen Ellenbogen und fettem blauen Fleck am anderem Arm den den Tag rund machen.
    Glücklicherweise ist unsere Reiseapotheke mit allem, was das Pflegeherz begehrt, augestattet. Mit Kopflampe,Pflasterstrips, Klebepflaster und normalem Pflaster bewaffnet gibt‘s eine bestimmt fachgerechte aber vor Allem gut geschichtete Wundversorgung.

    Beim Abendessen haben wir noch zwei Touris kennengelernt, die auf einer mehrtägigen Wanderung sind. Die waren tatsächlich ganz nett!
    Die Sauna, die wie bestellt hatten, ist vorgeheizt. Und darum gehe ich trotzdem. Gemeinsam mit einem der beiden.
    Es gibt eine ganz angenehme ca 60 Grad warme Holzofensauna und ein Dampfbad mit einem riesen Eimer Eukalyptus.

    Für Sophie gibts Handyzeit und chillen im Bett.

    Um halb 10 geht hier heute alles Licht aus. Unsere geschundenen Körper brauchen Schlaf!
    Nachti!
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