Tagesbericht No. 13
June 14, 2024 in Ecuador ⋅ ☁️ 20 °C
„Juhu! Endlich einen Tag ausschlafen!“ - um 06:30 gucken wir uns an und sind so mittel begeistert darüber, wie schlecht dieses Vorhaben funktioniert hat.
Nun gut, dann ist eben heute ein Tag, in den wir mit zwei sehr ausgeprägten Dusch-Sessions starten.
Ausserdem ist es in Deutschland ja schon Mittag und da kann man mal ein kleines Lebenszeichen an die ein- oder andere Person senden.
Zum Frühstücken gehen wir heute wieder aus. In dem Lokal mit dem freundlichen Namen ‚el Tocte‘ (dt.: ‚der Tote‘) läuft auf einem großen Flachbildfernseher ein amerikanischer Thriller, von der Decke hängen Kunstpflanzen, ein Speer mit einem Stück Skalp aus Plastik und eine alte Videokamera. In einem Glaskasten hinter mir schauen Schrumpfköpfe wie aus einem Karnevalsladen uns beim Essen zu. Hier ist alles etwas wild gemixt und morbid - aber irgendwie ist‘s auch ganz gemütlich.
Nachdem wir uns in erster Instanz gestärkt haben, gibt es eine Mission: eine Apotheke für neuen Insektenschutz, normale Pflaster für Sophies Ellenbogen und Blasenpflaster für ihre wanderungsgeschundenen Füße. (Dafür, diese in die Reise-Apotheke zu packen war ich verantwortlich - ich habe mich vergriffen und wir haben eine große Packung Herpespflaster dabei. Man weiß ja nie!)
Die ersten beiden Dinge bekommen wir mit viel Hilfe eines Übersetzungsdienstes und aussortieren, was uns gezeigt wird. Aber an Blasenpflaster zu kommen, geben wir nach der dritten Apotheke auf.
Dafür haben wir ein wenig die direkte Umgebung unseres Hostels kennengelernt.
Wir ziehen uns noch ein Mal für eine Stunde in genau dieses zurück und telefonieren mit ein paar lieben Menschen. Das tut gut!
Zur Mittagszeit packen wir die am Morgen bei einer Bäckerei um die Ecke gekauften „deftigen“ Milchbrötchen mit Käse in unsere Tasche und laufen zur nächstgelegenen Bushaltestelle. Hier läuft alles wieder anders. Die Busse bezahlt man mit einer aufgeladenen Karte, die wir natürlich nicht besitzen. Also drücken wir einem anderen Fahrgast 1$ (4 Fahrten) in die Hand und er checkt für uns mit ein.
Tja. Leider fährt aber auch dieser Bus ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr den auf Google angegebenen Weg. Das Spiel kennen wir ja schon.
Also steigen wir aus und laufen die etwa 25 Minuten zu Fuß durch einen sehr reichen Stadtteil.
Wir passieren einen Stand, an dem sich ein Mädchen in Schuluniform ein Airbrush-Tattoo auf die Hand machen lässt. Der Farbzerstäuber wird hier mit einem Blasebalg, auf den der Straßenkünstler tritt, angetrieben.
Ansonsten sehen wir vor allem Menschen in gehobenerer Kleidung und sind generell erstaunt darüber, wie viel westlicher und sortierter Cuenca im Vergleich zu Quito auf uns wirkt.
Unser Ziel ist das Museum Pumapungo, in dem wir Ausgrabungsfunde anschauen, die zum Teil auf Zeiten von 1500-600 v.Chr. geschätzt werden. Der zweite Teil der Ausstellung zeigt traditionelle Kleidung und Handwerkszeug verschiedener indigener Völker aus Ecuador. Die allermeisten sind mehr oder weniger durch die Kolonialisierung in ihren Festen und Bräuchen geprägt. Nicht so jedoch das Volk der Shuar, das vor Allem im Peru-nahen Amazonasgebiet lebt und sich gegen Christianisierung zur Wehr gesetzt hat.
Ihre eigene Spiritualität hat hier noch einen sehr hohen Stellenwert. So war es Brauch, dass im Falle eines geschehenen Mordes ein Kämpfer innerhalb des Stammes gewählt wird, der den Mörder im Namen einer Art Gottheit enthauptet und aus dessen Kopf einen Schrumpfkopf macht. Dieser Prozess besteht aus verschiedenen Riten und ist heutzutage nach Landesrecht verboten.
Aus Faultierköpfen dürfen für eine Initiierung allerdings weiter Schrumpfköpfe hergestellt werden.
Die Exponate sind sehr eindrücklich.
Ich verspüre den Ruf nach Kaffee und so laufen wir, unsere Brötchen kauend, die wirklich hübsche Straße entlang zu einer angepriesenen Rösterei. Es gibt bei lautem amerikanischen Popgesang einen frozen Moccachino und einen Milkshake zu deutschen Preisen. War okay, das mal getestet zu haben.
Cuenca hat große Markthallen und diejenige, in der Einheimische ihre Lebensmittel kaufen und zu Mittag essen, nennt sich: Mercado 10 de Agosto.
Wir betreten die Halle und gehen nach rechts. Hier wird in kleinen Fliesennischen frisches Fleisch und Innereien verarbeitet und verkauft. Kaum ein Teil der Tiere scheint hier verworfen zu werden. Vom Kiefer bis zur Haut kann alles gekauft werden.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes fühlen wir uns wohler. Zwischen Ständen voller Obst und Gemüse, das uns zum Teil wohlbekannt ist und zum Teil höchst exotisch aussieht. So z.B. die Guanabaña, eine große, grüne, stachelige Frucht mit weißem Fruchtfleisch.
Verbunden werden diese beiden Markthälften durch einen Gang, zu dessen rechter und linker Seite Frauen in traditioneller Kleidung zwischen Kräuterbergen und Eimern voller aufgeschlagener Eier sitzen und Menschen mittels eben dieser „Werkzeuge“ ausreinigen. Super viele Einheimische kommen hierher für dieses Ritual, teilweise auch mit ihren kleinen Kindern. Eine Frau weint sogar dabei.
Sophie und ich zögern kurz aber möchten unsere negativen Energien dann nacheinander doch loswerden.
Wir bekommen eine stark und scharf riechende Flüssigkeit auf die Hände, die wir verreiben und dann tief inhalieren sollen. Schon allein dies ist sehr intensiv.
Danach nimmt die Frau ein Bündel aus verschiedenen Heilkräutern und drückt es uns dreimal ins Gesicht. Auch diese Düfte nehmen wir in uns auf. Jeder Teil des Körpers wird nun mit dem Bündel fest abgeklopft. Dabei flüstert sie kontinuierlich „Scht - Scht - Scht“. Kleine Fetzen der Blätter wirbeln durch die Luft und bleiben in unseren Haaren hängen. Immer wieder bedeutet sie uns, aufzustehen und uns wieder hinzusetzen. Nach einiger Zeit nimmt sie ein rohes Ei und rollt dieses über unsere Köpfe, Nacken, Arme bis hinab zu unseren Beinen.
Danach zerschlägt sie es in einen Becher und erklärt uns, welche negativen Energien dieses Ei aus uns aufgenommen hat, von denen wir nun befreit sind.
Es kommen nacheinander zwei Flüssigkeiten, die stark nach Kräutern riechen, zunächst auf unsere scheitel und von dort aus an den ganzen Körper. Zack! - Ist das das Shirt oben und der Bauch nass. Und Schwups! - ein Mal mitten ins Gesicht. Es brennt ein wenig in den Augen.
Zum Schluss steckt sie ihren Daumen in den Mund, um danach drei Punkte aus schwarzer Kohle auf unsere Körper zu malen: an den Scheitel, den Bauchnabel und auf die Wirbelsäule überm Becken.
Wir sind beide ein bisschen zerrupft aber irgendwie berührt.
Draußen beginnt es zu regnen. Aber wir möchten noch ein paar mehr Eindrücke sammeln. Also schlendern wir zu einem Marktplatz, der gesäumt ist von prunkvollen Kolonialbauten. Ein Stück die Straße runter bildet sich ein Regenbogen über der reich verzierten und riesigen Cathedrale. Leider können wir diese (vermutlich aufgrund der 18-Uhr-Messe) nicht betreten.
Ein bisschen unentschlossen suchen wir nach einem Ort für das Abendessen und landen in einem kleinen Restaurant, wo es Kohlsuppe, Reis, Pommes und Gurkensalat gibt.
Da es draussen mittlerweile ein wenig frisch und dunkel ist und unser Heimweg zu Fuß etwa eine halbe Stunde dauern müsste, nehmen wir win Taxi.
Der junge Fahrer raucht, summt die Radiolieder mit uns nutzt mein Navi, um uns zurück zu unserem Hostel zu bringen, wo wir den Abend entspannt in unserem Zimmer verbringen.Read more
















