92. Nationaler ToM für Rumänien
September 24 in Romania ⋅ ☁️ 12 °C
https://youtu.be/nCusxazPguE?is=7Jhp2TiCFVM0_4fP
Heute habe ich einen Baum gepflanzt. Kein besonderer Baum, auf den ersten Blick: jung, klein, wie es ihn tausendfach gibt in Rumänien. Aber dieser hier trägt etwas, das die meisten Bäume nicht tragen: einen Namen, den kaum jemand laut ausspricht. Er steht für alle Menschen in diesem Land, die sich das Leben genommen haben. Für die, über die man in den Dörfern flüstert, aber nicht spricht. Für die Familien, die danach allein gelassen wurden mit der Trauer, mit der Scham, mit Fragen, auf die niemand eine Antwort gibt.
Ich bin seit Wochen durch dieses Land gelaufen. Und ich habe etwas gelernt, das mich nicht mehr loslässt: Hier wird eine seelische Krise oft nicht als Krankheit gesehen, sondern als „verrückt sein". Wer daran stirbt, verschwindet zweimal. Einmal aus dem Leben. Und einmal aus der Erinnerung, weil sich niemand traut, den Namen laut zu sagen. Das Fernsehen berichtet manchmal über einen Suizid aber fast nie darüber, wie ein Mensch den Weg zurück ins Leben gefunden hat. Gezeigt wird nur das Ende, nie der Umweg, den jemand hätte nehmen können.
Deshalb glaube ich: Rumänien braucht einen nationalen Baum der Erinnerung. Nicht als Denkmal aus Stein, das man einmal ansieht und dann vergisst. Sondern etwas, das wächst. Das älter wird als wir alle. Ein Ort, an den eine Mutter gehen kann, ohne erklären zu müssen, warum ihr Sohn nicht mehr da ist. Ein Ort, an dem ein Wort erlaubt ist, das sonst verschwiegen wird. Trauer braucht einen Platz. Bekommt sie keinen, wird sie zu Scham. Und Scham bringt Schweigen hervor und Schweigen ist genau das, woran der nächste Mensch in einer Krise zugrunde gehen kann, weil er glaubt, allein zu sein.
Ich habe heute die Schaufel selbst in die Erde gesetzt, mit meinen eigenen Händen, hier in diesem Land, das mich neun Monate... nein, 5 Monate schon durch so viele Wege trägt. Und ich sage es ehrlich: Ich bin ein kleines bisschen stolz. Nicht auf mich. Auf den Baum. Darauf, dass er jetzt hier steht und weiterwachsen wird, egal ob ich morgen weiterlaufe oder nicht. Bestätigung von außen brauche ich für mich selbst nicht mehr, das habe ich unterwegs gelernt. Aber heute erlaube ich mir, kurz stehen zu bleiben und zu spüren: Das war richtig.
Ein Baum reicht nicht für ein ganzes Land. Aber er ist ein Anfang. Er sagt leise, aber unüberhörbar: Ihr wart hier. Ihr wart geliebt. Man darf über euch sprechen.
Und wenn dieser eine Baum dazu führt, dass morgen eine einzige Familie sich traut, laut zu trauern statt leise zu schweigen, dann war das Pflanzen heute mehr wert als jeder Kilometer, den ich in diesem Land gelaufen bin.
#treeofmemory
#suizidprävention
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