• Kaffeefahrt

    13. mai 2024, Baltic Sea ⋅ 🌬 14 °C

    Heute stand die Überfahrt nach Rostock-Warnemünde an. Für mich war dies "wirkliche" Ostsee. Gestern waren wir gefühlt immer sehr küstennah. Diesmal lag das Ziel jenseits des Horizontes.
    Da wir diesmal einen anderen Kurs fuhren und der Wind uns größtenteils von achtern schieben würde, erwarteten wir eine ruhige Überfahrt - von Markus liebevoll als Kaffeefahrt angekündigt. Annett bereitete morgens tatsächlich etwas Kaffee in einer Thermoskanne vor und vielleicht war heute wirklich der Moment der Erdbeerschnitte gekommen, die uns schon einige Tage begleitete.
    Bis zur ersten Tonne hatten wir direkten Vorwindkurs. Rocco und vor allem Markus wollten gern das Genaker ausprobieren. Der morgige Westkurs nach Neustadt versprach fast ausschließlich Vorwindkurs.
    Wir holten das Genaker aus dem Lager und Markus schlug es an. Die See war recht ruhig und alles lief sehr gut. So schien es mir zumindest, denn ich hatte dieses Segel noch nie an einem eigenen Boot gesehen. Wir setzten das Genaker und eine riesige Fläche Stoff wölbte sich über unsern Bug. Beeindruckend.
    Es knackte kurz. Ich nahm es kaum war, doch Markus Gesicht sagte etwas anderes. Sein Blick war leer und die Gedanken waren bei den Handgriffen, die er eben ausgeführt hatte. Plötzlich sagte er "Ich hab's verkackt!". Nochmal "Ich hab's verkackt!". Wir schauten ihn fragend an. Doch mehr kam nicht. Es knackte erneut - oben im Mast. Diesmal viel lauter.
    Das riesige Segel löste sich von der Spitze des Mastes und legte sich wie in Zeitlupe auf der Steuerbordseite in die Ostsee. Ohne lange zu Zögern und über die Ursache zu spekulieren, machten wir uns daran, das Segel zu bergen. Wir stopfen das klatschnasse Segel durch die Luke zurück in den Sack. Da die Luke über meiner Koje lag, bekam mein Bettzeug auch etwas Ostseewasser ab. Wir hatten wieder bestes Wetter und ich machte mir keine Sorgen, dass alles bis heute Abend trocken sei.
    Markus erklärte uns, dass er das Genaker an einer falschen Öse befestigt habe. Mehr verstand ich nicht. Es war ihm bereits beim Anschlagen seltsam vorgekommen. Er hatte die Öse dennoch benutzt. Sie war dafür allerdings nicht gemacht und hielt den unglaublichen Kräften, die an dem Segeln wirkten nicht stand. Wir wussten nicht genau, was gerissen war, waren aber sicher, dass der Schaden nicht allzu groß sein kann und wir das Segel in Warnemünde trocknen und reparieren könnten.
    Wir segelten mit Fog und Großsegel weiter und es wurde die erwartete Kaffeefahrt. Ich genoss das entspannte Dahingleiten sehr.
    Bei diesem ruhigen Kurs wagte ich mich auch ans Ruder. Die Kraft von Wind und Welle ist gewaltig. Nach anfänglicher Nervosität genoss ich die Kontrolle über die Gewalten und unser Boot.

    In Warnemünde angekommen hatten wir im Wesentlichen drei Aufgaben. Wir mussten die Überreste vom Genaker, welche noch im Mast hingen, runter holen. Dazu mussten wir das Genaker auslegen, trocknen und den Schaden begutachten und reparieren. Und wir mussten uns Fischbrötchen organisieren. Was soll ich sagen - wir haben alles geschafft. Doch zuerst gab es den Anleger :)
    Ich kurbelte Markus im Seemannsstuhl in den Mast. Dann legten wir das Genaker am Hafen aus, um es zu trocknen. Wie der Zufall es so wollte, kam Jonas, ein gelernter Segelmacher, vorbei und flickte uns unser Genaker. Zwischenzeitlich holte ich die Fischbrötchen. Ein ereignisreicher Tag ging gelungen zu Ende und ich freute mich auf die nächste Etappe.
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