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  • Day15

    Den Dritten das Brot

    August 23, 2019 in Romania ⋅ ☁️ 24 °C

    (Bert) Unsere heutige Fahrt von Drobeta - Turnu Severin nach Timisoara führt uns in die Banat-Region. Neben den Siebenbürgern waren die Banater- bzw. Donauschwaben die zweite große deutschstämmige Einwanderungsgruppe nach Rumänien. Allerdings fand die Umsiedlung viel später statt, so etwa ab 1700. Österreich-Ungarn hatte das Gebiet vom Osmanischen Bereich übernommen und ein Interesse daran, die neue Provinz wirtschaftlich zu entwickeln. Da kamen die häufig aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Umsiedler gerade recht. Der überlieferte Spruch „den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot“ lässt ahnen, mit welche Härten dieser Prozess verbunden gewesen sein muß.

    Genausowenig wie die Siebenbürger spielen heute die Banaterschwaben noch eine Rolle in Rumänien. Lediglich ein deutsches Theater fällt uns in Timesoara auf. Ein stärkeren Eindruck hinterlässt - neben den bunten Schirmen in einer Fußgängerzone - die Catedrala Mitropolitana Ortodoxa, zumal die Gläubigen tatsächlich das tun, was ich zuvor gelesen hatte: sie beten nicht nur, sondern berühren alle Bildnisse und Skulpturen. Eine für unsere Gewohnheiten sehr haptische Religionsauffassung.

    Schade ist, dass das Museum der Revolution samstags bereits um 14 Uhr schließt (und sonntags gar nicht öffnet), denn wir hätten gerne mehr darüber erfahren, wie es eigentlich zum Sturz des stalinistisch-kommunistischen Ceaucesu 1989 kam - zumal die Bewegung stark von Timesoara ausging.

    So in unserem Geschichtsdrang gestoppt, wenden wir uns Banalerem zu und beobachten zwei Mädels, die an zentraler Stelle und in grellen Outfits vermutlich für Instagram posieren. Dennoch ist uns bewußt, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu mehr Likes führt, als wir jemals für alle unsere Reise-Footprints zusammen bekommen werden. Erkenntnis des Tages: Social Media ist ungerecht.

    Die Fahrt in die drittgrößte Stadt Rumäniens führt uns im Übrigen lange Zeit am Donauufer entlang. Landschaftlich erinnert das Ganze an den Donaudurchbruch bei Kehlheim, nur in groß (der Fluß ist hier viel breiter) und lang (wir folgen fast 2 Stunden bzw. 100 km schön schwingenden Uferkurven). Der Durchbruch hier wird "Eisernes Tor" genannt, und wenn wir auf die andere Flussseite schauen, dann sehen wir Serbien.

    Noch ein kleiner Fotonachtrag zu gestern (Drobeta): Das wirklich schöne Theater sowie der weniger schöne Brunnen befinden sich in unmittelbarer Nähe und bilden einen merkwürdigen Kontrast. Noch merkwürdiger ist, dass in Rumänien Eltern abends gerne ihre Kinder in kleinen Elektroautos auf zentralen Plätzen umherfahren (lassen). Kompliment im Übrigen an die Marketingabteilungen in München, Ingolstadt und Stuttgart: Wenigstens hier von Tesla keine Spur.

    Last not least: Norbert hat sein Portemonnaie wieder, Iliana und Domian haben es im Quartier in Moisei gefunden und einen Umschlag mit kompletten Inhalt an unser Hotel in Timesoara geschickt. Soviel zum Thema Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft in Rumänien.

    Und noch ein interessanter Link, der die europäische Problematik zwischen armen und reichen Ländern beleuchtet:
    https://www.spiegel.de/politik/ausland/rumaenien-die-einsamen-kinder-rumaenischer-arbeitsmigranten-a-1273465.html
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