Baikal
March 3, 2014 in Russia ⋅ ☁️ -9 °C
Eine Welle rollt Richtung Ufer, unterirdisch. Das Wasser schwabbt an die dicke Eisdecke, löst ein dumpfes Grollen aus. Scharfe Knalle, die sich netzartig ausbreiten. Plötzlich beginnt die grosse Spalte wenige Meter neben uns zu leben. Ein Knirschen, wie zwei Stahlbleche, die aneinander reiben. In Zeitlupentempo schiebt sich eine dicke Eisplatte über die andere, türmt sich mehr als einen Meter hoch auf. Fasziniert, mit einem flauen Gefühl im Magen schauen wir zu. Dann ist es wieder still.
Als wir am Abend Wladimir, dem alten Holzfäller davon erzählen, nickt er bloss. „Äto Baikal“, meint er, „das ist „ER“. Für die Einheimischen ist der Baikal mehr als ein See. Er bringt Leben und nimmt Leben. Wenn sie von ihm sprechen, dann oft in der dritten Person. Auch wir merken in den nächsten Tagen, in denen wir den gefrorenen Baikal von Süden nach Norden hoch radeln, dass wir uns seiner Magie nicht verschliessen können. Wenn wir zum Überqueren einer schwierigen Presseiszone laut vor uns hin fluchen, entschuldigen wir uns innerlich unverzüglich dafür: „Verzeih, es war nicht so gemeint.“ Auf der Olkhon Insel sind wir mit Igor verabredet, einem erfahrenen Eisjeepfahrer. Er markiert uns die aktuellen grossen Spalten auf der Karte, gibt uns Tipps, wo und wie wir diese überqueren können. Beim Pokoyniki Cape hält sein Finger sekundenlang auf der Karte inne. „Hier solltet ihr nicht anhalten“, meint er knapp. Später hören wir Geschichten über Visionen, über seltsame Stimmen in der Luft. Eine Legende von ungeklärten Todesfällen in einem nahen buriatischen Dorf wird erzählt. Der Baikal ist der älteste See der Erde. Er hütet viele Geheimnisse.
Wir haben das Wummern des Eises noch im Ohr, als wir in einem Liegewagen auf der Baikal-Amur Magistrale mehr als tausend Kilometer Richtung Nordosten fahren, zum Startpunkt des legendären Kolyma Highways, der einzigen Piste durch den äussersten Zipfel Sibiriens. Wir fahren „Platzkart“, teilen uns den Wagen mit raubeinigen Strassen- und Minenarbeitern, die auf dem Weg zu ihrem neunmonatigen Arbeitseinsatz sind. Teilweise mehr als fünftausend Kilometer von zu Hause entfernt, drei Viertel des Jahres weg von Frau und Kindern. Oleg aus Weissrussland, der im unteren Bett schläft, zeigt uns am nächsten Morgen Fotos von seiner Familie, eine hübsche Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm und einem blonden Mädchen im Schulalter an der Hand. Der Waggon ist völlig überheizt, es stinkt nach Instantnudeln, nach Schweiss und nach über den Abschied hinweg tröstendem Wodka. Und trotzdem sind wir dankbar dafür, nicht so unterwegs sein zu müssen, wie die Strafgefangenen siebzig Jahre vor uns. Der Kolyma-Highway trägt einen Übernamen – the road of bones, die Strasse der Knochen. Millionen wurden während Stalins Säuberungen in die Gulags von Jakutien und Magadan deportiert, Hunderttausende sind beim Bau der Strasse in den Sümpfen und Wäldern Ostsibiriens gestorben. „Nur wenige waren schuldig, die meisten zu Unrecht verbannt“ steht auf einer Gedenktafel am Strassenrand.Read more
























