Kolyma Highway
April 9, 2014 in Russia
Die russische Republik Sacha ist knapp so gross wie Indien. Ihre Hauptstadt, an den Ufern der Lena gelegen, ist die kälteste Stadt der Welt. Im Dezember und Januar steigt das Thermometer tagsüber kaum über -45 Grad. Die grossen sowjetischen Plattenbauten stehen auf massiven Betonstelzen, um den Permafrostboden nicht aufzutauen. Jetzt Anfangs März ist es bloss noch minus fünfzehn. Am Abend laden uns Andrei und Gavriel, zwei russische Ärzte im Hotel zu einem Vanilleeis ein, und als wir am nächsten Nachmittag über den Leninplatz schlendern, sehen wir Teenager, die im Sweatshirt die warmen Sonnenstrahlen geniessen. Es könnte irgendwo in Asien sein, in Korea oder der Mongolei. Die Sacha sind ein Volk mit Turkwurzeln. Sie haben helle Haut, dunkle Haare, feine Gesichtszüge mit schräggestellten Augen und flachen Nasen. Sie sprechen eine kehlige Sprache voller Üs und Ös. Auch ihre Traditionen haben wenig mit Russland zu tun. Zäune mit windzerzausten Stoffbändern an den Rayongrenzen, grosse geschnitzte Holzpfähle, das Pferd als heiliges Symbol. Erbe der alten Naturreligion.
Auf dem Schild am Dorfeingang von Üchügei steht neben dem Pferd ein Rentier. Ewenen, die Rentiernomaden, machen mit 3% nur noch einen kleinen Teil der Bevölkerung aus. Sie sind der Grund, weshalb wir einen Abstecher von der Hauptstrasse in das Gebiet rund um Omjakon machen. Mit dem Schneemobil fährt uns Kyrril hinaus zu seinem Vater Fiodr. Der Sechzigjährige ist Ewene, lebt noch wie früher das ganze Jahr in einem Zelt in der Wildnis. Er folgt den Wanderbewegungen seiner Herde, schützt die Rentiere vor hungrigen Wölfen, lebt von und mit ihnen. Im Wachstuchzelt liegen Rentierfelle am Boden, ein kleiner Eisenofen bollert neben dem Eingang vor Hitze. Es riecht nach Harz und Fichtennadeln. Fiodr schenkt Tee in Blechtassen aus und widmet sich dann wieder seinem Kreuzworträtsel. Ab und zu schaut er auf, dreht ein paar Knöpfe an seinem Radio, wirft ein neues Holzscheit in die Glut, während von draussen das Getrampel von mehreren Hundert Rentieren hereindringt.
Am zweiten Nachmittag fangen die beiden mit dem Lasso Rentiere ein und spannen sie vor einen Birkenholzschlitten. Die Rückreise erfolgt traditionell... Die Schlittenrennen, die wir eine Woche später am alljährlichen Fest miterleben, haben dann nur noch wenig mit gemütlichem Jingle Bells zu tun. Voller Stolz zeigen die Ewenen ihr Können im Lassowurf, Rentierreiten und Schlittenfahren. Der Schnee stiebt, die Zungen der Rentiere hängen fast bis auf den Boden und mehr als ein Fahrer wird in der Kurve vom Schlitten gefegt. Doch es lohnt sich: Den Gewinner erwartet ein brandneuer Quad.
In der Republik Sacha schlummern Bodenschätze in Milliardenhöhe. Seit Stalins Gulagzeit wird hier Gold geschürft. Zuerst von den Strafgefangenen, mit nichts anderem als „einer Brechstange, einer Spitzhake, einer Schaufel und einem Löffel“. Damit wurden Sprenglöcher in den Permafrostboden getrieben, den man danach bis in eine Tiefe von drei Metern wegsprengte. Im Frühjahr schossen dann die Gebirgsbäche voller Schmelzwasser mitten durch die so blossgelegten Goldfelder. Die Arbeit der Goldwäscher begann. Auch heute verlässt das Gebiet jährlich um die dreissig Tonnen Gold. Auf dem Weltmarkt des Diamantenabbaus ist Sacha führend. Russland ist Europas grösster Öl- und Gaslieferant. Die ergiebigsten Vorkommen lagern hier in Ostsibirien. All diese Bodenschätze liegen eigentlich auf Ewenenland, doch die Urbevölkerung profitiert davon nichts. Das Gegenteil ist der Fall, ihre natürlichen Weidegründe werden immer mehr eingeschränkt und gehen durch die Umweltverschmutzung kaputt. Kilometerweit radeln wir durch Flusstäler, welche aussehen, als wären sie von einer Kolonie Riesenmaulwürfe umgepflügt worden. Vor unseren Augen spielt sich das bekannte Drama im Kampf um Rohstoffe ab. Tradition und Fortschritt, Umwelt gegen Wirtschaft, Macht und Ohnmacht.
Juri, der Meterologe in der Meteostanzia von Deliankur zögert, als wir ihn nach Leuten in Ozernoe fragen: „...njet, liudi njeto“ meint er, obwohl, ein bewohntes Haus habe es schon noch, er wisse aber nicht, ob wir dort übernachten können. Da es erst vier Uhr ist und die Sonne jetzt im April bis neun scheint, beschliessen wir, die dreissig Kilometer noch zu fahren. Ozernoe stellt sich als einer der vielen unheimlichen Geisterorte heraus, die wir auf dem Kolyma-Highway immer wieder durchradeln. Zwangsansiedlungen aus der Sowjetzeit, die nach dem Zusammenbruch aufgegeben wurden, Minenstädte, die nach der Ausbeutung ihre Daseinsberechtigung verloren haben. Doch da hören wir einen Hund bellen. Am Fluss unten, versteckt hinter ein paar Bäumen, finden wir eine kleine Hütte mit rauchendem Schornstein. Breite Holzskis mit Lederschlaufen, ein rostiges Schneemobil samt Schlitten stehen davor. Ein älterer Mann mit ewenischen Gesichtszügen öffnet uns die Tür zu einer Räuberhöhle.
Die Decke und Wände sind vom Rauch geschwärzt, die Fensterscheiben fast blind. Vier weitere Männer in unterschiedlichem Alter tauchen aus dem Nebenraum auf. Wir trinken Tee, fragen nach Rentieren, da wir uns nur diese als Lebensgrundlage vorstellen können. Nein, Rentiere gäbe es hier seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion keine mehr. Wie verheerend das Ende der UdSSR für diese Aussenposten gewesen sein muss. Von einem Tag auf den anderen haben die Leute ihre Arbeit in den Sowchosen, den staatlichen Landwirtschaftsbetrieben verloren. Die Menschen waren wieder zur Selbstversorgung gezwungen, etwas das ihnen in den Jahrzehnten davor vollkommen ausgetrieben wurde. Wir finden nicht heraus, wovon die Männer heute leben. Goldwaschen? Jagen? Spät fährt ein alter Lada vor. Ein weiterer Mann kommt hinzu. Er hat Zucker aus dem hundert Kilometer weit entfernten Laden mitgebracht. Natürlich hat auch er noch Platz. In der Kälte wird hier niemand stehen gelassen, das wissen wir inzwischen. Auch wir wurden in den letzten Wochen immer wieder eingeladen, erhielten Essen und Unterkunft, ohne dass man unser Geld annahm. Heute wird's allerdings wirklich eng. Wir schlafen in der quadratmetergrossen Küche auf dem lehmgestampften Boden. Um Mitternacht bringt uns der Hund einen Knochen.Read more





