• Magadan

    April 25, 2014 in Russia ⋅ ⛅ -1 °C

    Es taut. Der Eispanzer der Strasse bricht auf, hinterlässt Matsch, Dreck und Wasser, das nicht versickern kann. Noch 500 km bis Magadan. Wir beginnen zu zählen, Kilometerschilder werden zu Jahreszahlen. Wir versuchen sie mit Russlands Vergangenheit zu verbinden, mit dem Resultat, dass wir nun auch noch gedanklich im Schlamm wühlen. Erstaunlich, aber wir haben keinen Schimmer, was da vor 500 Jahren im grössten Land der Welt so vor sich ging. Erst als 100km vor Magadan der Asphalt beginnt, kommt die Sache langsam ins Rollen und wir können mit ein paar unrühmlichen Daten aufwarten – Sturz des Zaren 1917(km) – Stalin 1927(km) – Tschernobyl 1986(km)...alles negative Ereignisse. Je weiter wir uns der Gegenwart nähern, desto hartnäckiger tauchen sie auf. Plötzlich scheinen wir ganz viel über dieses Land zu wissen. Dunkle Vergangenheit, eine gescheiterte Weltmacht, unberechenbar...

    Der 2000km Pfosten saust vorbei. Ihm entsteigt das Schreckgespenst Putin. Die Angst vor seinem Energie- Imperium und vor dessen Abhängigkeit geistert durch die westlichen Medien. 2011(km), Russland blockiert die Sanktionen gegen Syrien. 2012(km), Pussy Riot wird eingelocht. 2013(km), Putin gründet eine neue staatliche Nachrichtenagentur mit Zielpublikum Ausland, setzt ihr den Scharfmacher Dmitri Kisseljow an die Spitze und von nun basteln die Medien im Westen und Osten hemmungslos an der weltpolitischen Meinungsfratze. 2014(km), in der Ukraine knallts, Russland wird von der Welt verachtet – und wir radeln durch Sibirien. Unsere Erinnerungen sind voll mit herzlichen Begegnungen. Menschen, die in einem der härtesten Landstriche der Welt leben, haben ihr Zuhause und ihre Geschichten mit uns geteilt. Zweieinhalbtausend Kilometer sind wir durch Wildnis geradelt, deren unvorstellbare Grösse und raue Schönheit uns jeden Tag aufs neue überwältigt hat. Wieder einmal sind wir erstaunt, wie anders ein Land sein kann, von dem man zu wissen glaubt, wie es ist. 2025km, der Kolyma-Highway mündet in die Ochotsk See.

    Heute sind wir von Magadans Zentrum auf den Hügel hochgefahren, auf dem die Maske der Trauer steht. Ein Denkmal an die sibirischen Sträflinge. Ein steinernes Gesicht, das aus dem linken Auge Menschenköpfe weint. Es schaut zum Meer. Erste Plusgrade haben das Eis in der Bucht zum Schmelzen gebracht. Nur am Ostrand hält es sich noch hartnäckig. Weit draussen glitzern Wellenkämme. Möwen schreien. Dann ist es wieder still.
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