• Zeitlos

    January 6, 2015 in Sudan

    Und plötzlich ist das Unterwegssein mit einer anderen Zeitmessung nicht weiter ein Gedankenspiel, kein „was wäre, wenn...“ mehr, sondern Realität. Mit dem Überqueren der äthiopischen Grenze werden wir auf einen Schlag acht Jahre jünger. Im Land gilt der koptische Kalender mit dreizehn Monaten pro Jahr und somit betreten wir das Land statt am 1. Januar 2015 am 23. Tahsas 2007. Doch die ersten Tage im äthiopischen Hochland zeigen uns eine Welt, die weit mehr als nur acht Jahre in der Vergangenheit zu liegen scheint...

    Goldgelbe Felder erstrecken sich über die hügeligen Höhenzüge. Kleine Siedlungen aus braunen, lehmverputzten Rundhäusern kauern sich in die Talmulden. Die halben Amphoren auf den Dächern werden ihrer Aufgabe als Feuerabzug nicht ganz gerecht. Rauch drückt durchs Stroh, der als grauer Schleier über die Strasse zieht und die Umgebung in ein kontrastarmes Licht taucht. Könnte man die Zeit hier wirklich anhalten, ergäben sich verblichene Standbilder, bereit, als Erinnerungsfotos an ein vergangenes Zeitalter über den Kaminsims gehängt zu werden. Aber da ist der unverkennbar süsslich beissende Geruch von verbranntem Kuhdung, die rhythmischen Bewegungen der Tagelöhner, die in Reihen auf dem Boden knien und mit der Sichel die riesigen Felder abarbeiten und die Szenen beleben. Ochsen laufen im Kreis, dreschen die Ähren zu Stroh. Ein goldener Schleier fliegt hoch in die Luft, der Wind bläst das unnütze Spreu nach Westen. Zurück bleibt ein Häufchen kleiner, brauner Körner. Tef, eine endemische Getreideart und Grundlage für das Nationalgericht Injera, ein saures, weiches Fladenbrot. Acht Jahre in der Zeit zurück? Nein, wohl eher achthundert. Als wäre ein Geschichtsbuch zum Leben erwacht, Kapitelüberschrift: Ackerbau im Mittelalter.

    Doch unvermittelt wird das Buch zugeklappt, mit einem einzigen Wort. Eine leise hohe Kinderstimme, verzerrt und fordernd schreit sie über die Felder: „Mooooonnnneeeeeyyyy!“ Wie ein Echo pflanzt sie sich fort, von einem Dutzend anderer Kinder aufgenommen und sich uns rasch nähernd: „You, you, you...money, money, money.“ Dazwischen gibt es auch weniger gängige Einwürfe. Faranji (Ausländer), Abba (Vater), Heiland, und ab und zu ein verlorenes Welcome, gefolgt von einem überflüssigen Fuck you! Durchs ganze Land verfolgen uns die Stimmen, vom kleinen Kacker, der es ja nicht besser wissen kann, bis zum Erwachsenen, der es eigentlich besser wissen sollte. In den Steigungen grabschen sie nach unseren Sachen, ab und zu fliegt auch ein Stein. Wir haben es gewusst. Fahrradfahrer haben fast nur Schlechtes über das Land zu berichten. Doch zur Zeit ist es für Reisende der einzige Weg, der relativ sicher nach Süden führt. Wir müssen da durch.

    Am Abend stoppen wir in einem kleinen Ort. Innerhalb von Sekunden versammeln sich mindestens fünfzig Neugierige um uns. Eigentlich wie immer, wenn wir irgendwo kurz anhalten. Hundert starrende Augen, mindestens die Hälfte davon von diesen unverschämten Knirpsen. Wir sind müde und möchten eigentlich nur noch möglichst rasch einen sicheren Übernachtungsplatz finden. Während sich Ivo auf die Suche nach dem Lehrer macht, halten Russell und ich die Stellung.

    Einer der Männer beginnt ein Gespräch. Wie es uns in Äthiopien gefalle, will er wissen. Ein kurzer Moment betretener Stille. Nach einem Tag Hetze und Anmache fällt es nicht gerade leicht, über das Land zu schwärmen. Schliesslich rühmen wir die schöne Landschaft und den herrlichen Kaffee. Ja, der Kaffee ist wirklich nicht zu toppen! Jeden Morgen starten wir mit zwei Tassen davon. In jedem noch so kleinen Ort wird er frisch zubereitet. Ein einfacher Unterstand, in der Mitte steht ein niedriger Tisch, der mit frischem Gras bedeckt ist und auf dem die weissen Kaffeeschalen ordentlich in Reih und Glied stehen. Eine Frau sitzt dahinter und fächelt mit einem Kartonstück die Glut in ihrem kleinen Blechofen an. In einer Pfanne mit langem Stiel beginnt sie die, aus dem äthiopischen Hochland stammenden Kaffeebohnen zu rösten. Würzig verteilt sich der Duft und wird über die Strasse davongetragen, als sie die Pfanne schüttelt und durch die Luft schwenkt. Danach zerstösst sie die Bohnen in einem Mörser zu Pulver und brüht dieses in einem Tonkrug auf. Ein Klümpchen Weihrauch wird verbrannt, zwei grosszügige Löffel Zucker in die Tasse gegeben und der Kaffee von hoch aus der Luft eingegossen. Ein brauner, schaumiger Strahl. Der Himmel auf Erden...

    Doch davon ist gerade nichts zu merken. Wir schmoren immer noch in der Hölle. Die Schlafplatzsuche zieht sich hin, die Menschenmenge rückt uns auf die Pelle. Ellbogen drücken in den Rücken, der Schweissgeruch nimmt zu. Auch unser Gesprächspartner hat jetzt genug. Er zieht einen Stock und geht auf die am nächsten Stehenden los. Die Menge flieht. Wir sind völlig perplex. Auf der einen Seite sehen wir jeden Tag, wie sich Erwachsene höflich und zuvorkommend begrüssen - ein respektvolles Händeschütteln, eine leichte Berührung mit der rechten Schulter - und dann wiederum gehen Erwachsene und Kinder mit Steinen und Stöcken aufeinander los.

    Nicht nur der Zeit scheinen wir hier fremd, sondern auch dem Umgang untereinander. Nachdem es um uns lichter geworden ist, setzt unser Gegenüber das Gespräch fort, als hätte es die Attacke nie gegeben. Erwartungsvoll fragt er, was wir noch über seine Heimat wissen. Nun, den weltbesten Kaffee haben wir bereits erwähnt. Die weltbesten Sprinter kommen als nächstes an die Reihe. Und da ist so vieles, was Äthiopien von den anderen Ländern Afrikas unterscheidet. Äthiopien hat nicht nur eine eigene Zeitrechnung, sondern auch eine eigene Schrift, es ist der Geburtsort der Rastafari Anhänger und das einzige Land Afrikas, das nie kolonialisiert wurde. Geblieben ist eine faszinierende kulturelle Vielfalt. Darauf sind die Menschen stolz.
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