Bale Mountains
February 3, 2015 in Ethiopia
Während des zweiten Weltkriegs hatten die faschistischen Italiener das Land zwar für kurze Zeit erobert, wurden aber zum Ende des Krieges wieder vertrieben. „Wir sind das einzige Volk Afrikas, das die weissen Besatzer selbst aus dem Land verjagen konnte!“ betont der junge Äthiopier nun. „...Mit Hilfe der Briten“, wagt Russell eine kleine Korrektur. Doch das findet bei den Umstehenden keine weitere Beachtung. Mit der Vertreibung der Italiener erlangte Äthiopien zwar seine Freiheit wieder, doch seinen Meeranschluss verlor es für immer an Eritrea. Die Quelle allen Reichtums, der Seehandel mit dem Weihrauchland Jemen versiegte. Eine knapp zwanzig jährige sozialistische Militärdiktatur zog auf und das Land versank in bitterer Armut. Ist es dieser Hintergrund, der immer noch die Verachtung aller Fremden im Land nährt und die fliegenden Steine erklärt? Bei unserem fröhlichen Small Talk wird eine weitere Runde mit dem Stock fällig. Ivo kommt von der Nachtplatzsuche zurück. Er hält die Daumen hoch. Wir können im Garten eines Hauses übernachten. Der Besitzer ist Polizist und hat ein AK-47.
Am nächsten Tag geht es in steilen Serpentinen über 1500 Höhenmeter in die Nilschlucht hinunter. Auf dem Grund überspannt eine elegante Hängebrücke den Fluss, gebaut und finanziert von den Japanern. Im vergangenen Jahrzehnt hat Äthiopien im Schnitt drei Billionen Dollar pro Jahr an Entwicklungshilfe erhalten.
Und das Land braucht sie zweifellos, denn seine Probleme sind vielfältig: Chronische Nahrungsmittelknappheit wegen der fehlenden Landwirtschaftsreform und regelmässigen Dürreperioden, eine Analphabetenrate von über 64% und damit eine ungenügende technische Bildung der Erwachsenen, kein Zugang zu sauberem Trinkwasser, AIDS, eine der schlechtesten Gesundheitsversorgungen der Welt. Dazu schrecken Korruption und ein willkürliches Rechtssystem ausländische Investoren ab. Doch je länger wir hier unterwegs sind, desto mehr bekommen wir den Eindruck, dass absolut nichts koordiniert wird. Jede Organisation macht, was ihr gerade in den Sinn kommt, Geld wird ohne Gegenleistung mit vollen Händen verteilt. Und so reimen wir uns dann den zweiten Teil der äthiopischen Unfreundlichkeit zusammen. Das dauernde „give me, give me, give me...“, die überteuerten Faranjipreise, das Selbstverständnis mit dem der Geldfluss aus den „developed countries“ in Empfang genommen wird. Doch zum Glück gibt es auch Organisationen, die sich über Nachhaltigkeit Gedanken machen. Helvetas bringt zum Beispiel in Hilfsprojekten ausgebildete Hängebrückenbauer von Nepal hierher, um das Know How weiterzugeben.
Nach drei Wochen Spiessrutenlauf versuchen wir dem Land nochmals eine Chance zu geben. Wir stellen unsere Fahrräder ein und machen uns auf zu einem fünftägigen Trekking durch die Bale Mountains, dem letzten Rückzugsort der vom Aussterben bedrohten äthiopischen Wölfe. Und der UNESCO Nationalpark wird auch für uns zu einem Rückzugsort.
Bis auf viertausend Meter hinauf führt uns der Weg, in eine einsame Landschaft aus kargen Hochebenen, klaren Bächen und kleinen Seen, die ans schwedische Fjäll erinnert. Wir durchqueren weite Lobelienwälder, streifen durch Wacholdergebüsch und an silbrig glänzenden Steinbrechpolstern vorüber. Am Abend sammeln wir wilden Oregano, um die Pasta zu verfeinern und geniessen den funkelnden Sternenhimmel, bevor uns die Kälte ins Zelt treibt. Die Ruhe in der Natur tut uns gut und so gelingt es uns, die letzten fünfhundert Kilometer im Land mit frischer Kraft anzugehen.
Im Omo Tal scheint die Zeit weiter angestaut und zur Ruhe gekommen zu sein. Frauen in gegerbter Lederkleidung und Tierfellen wandern auf der Strasse, mit blossen Brüsten und Hälsen, die unter schweren Muschelketten verschwinden. Wir begegnen Männern mit kunstvollen Frisuren, Zierringen und Schmucknarben. Doch auch hier klafft ein Riss im Zeitsprung.
Die Region ist längst vom Tourismus entdeckt worden. Es grassiert eine Menschensafari in ihrer hässlichsten Form. Raus aus dem Jeep, Geld fliegt, die Kamera rattert und schon geht es ab ins nächste Dorf. Da machen wir nicht mit. Unsere Bilder haben wir uns noch nie erkauft. Ohne Erlaubnis und mit einer Zoomlinse auf dem Kasten machen wir keine Porträts. Nur ein einziges Foto wird uns geschenkt. Doch es reicht, um unsere Hoffnung zu wecken. Die alten Nomadenstämme hier leben verstreut im Grenzland. Vielleicht warten auf unserem weiteren Weg noch Begegnungen mit diesen Menschen auf uns, hinter denen wir stehen können. Dem Turkana See entlang verlassen wir Äthiopien. Eine einsame Staub- und Sandwüste liegt vor uns, heisse und anstrengende Tage, ein kleines Stück Kenia und dann – Uganda...In Omorate erhalten wir den Ausreisestempel. Auf dem Papier werden wir wieder acht Jahre älter, doch gerade jetzt fühlen wir uns um Jahrzehnte gealtert. Äthiopien hat uns erschöpft. Wir freuen uns, wieder in einer anderen Welt unterwegs zu sein, wo wir Menschen freundschaftlich gegenübertreten können, wo wir darauf zählen können, dass uns geholfen wird, wenn es nötig ist. Äthiopien hat uns gelehrt, solche Momente auch in Zukunft nie als selbstverständlich hinzunehmen.Read more





