• Und jedem Anfang

    August 1, 2023 in Kyrgyzstan ⋅ ☁️ 18 °C

    Und jedem Anfang wohnt ein Leiden inne. So ähnlich wäre wohl Hermann Hesses berühmte Zeile ausgefallen, hätte er sie auf dem Fahrrad geschrieben, am Kaldamo Pass in Kirgistan, bei 30 Grad, im Staub und mit zwei Kindern im Schlepptau. Nach zwei Monaten Reisepause sind wir so unfit wie letzten Sommer, als wir zu unserer ersten Fahrt mit unseren Zwillingen aufgebrochen sind. Doch die Motivation ist hoch. Schnell hatte uns nach der Rückkehr aus Marokko der Alltag wieder im Griff. Zehn Wochen Metro, Boulot, Dodo. Oder wie Hesse es weiter dichtet: "Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen, Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen." So packen wir unsere dritte Reiseetappe an. Die Luft um uns wird klarer, der Staub bleibt unten im Tal hängen, 3000 Meter, hier ist es kühler. Blumenmatten und Bergbäche. Ach, Kirgistan: Schon das dritte Mal durchradeln wir nun dieses Land. Vor zwölf Jahren waren wir das erste Mal hier, im Herbst. Damals haben wir geschrieben: "Schweizer Nationalpark, tagelang. Glasklare Bergseen, wilde Täler, Tannenwald. Die Sonne treibt das Harz aus den Stämmen, es duftet nach Heimat." Auch diesmal fühlen wir uns rasch heimisch. Und als wir nach den ersten zwei Wochen zum Song Köl hochkurbeln, diesem blauen Wunder, eingerahmt von hohen Bergpässen und dunklen Gewitterwolken, haben sich auch unsere Muskeln wieder daran erinnert, wie das Pedaltreten geht. Wir geniessen es, unterwegs zu sein und unsere Kinder draussen spielen zu sehen. Mit dem, was es hat: Schlamm, Steine, Blumen und Äste. Sie scheinen damit glücklich zu sein. Und wir sind es auch. Die Anfangs Wehwehchen? Vergessen! Wir sind zurückgekehrt in den Reisemodus. Aufgebrochen, im Anfang noch. "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne." Wie recht er doch hatte, der Hesse. Man muss Gedichte ja nicht gerade dann schreiben, wenn der Weg am steilsten ist.Read more