• Chongqing - Eine vertikale Megacity

    Apr 14–19 in China ⋅ ☀️ 26 °C

    Die flächenmäßig größte Stadt der Welt habe ich mir in Google Maps gespeichert, direkt nachdem ich beim ZDF eine Sendung über Megacities gesehen hatte.
    Damals, also 2022, war noch nicht einmal die Idee zu einer mehrwöchige Reise durch China geboren. Es war nur ein Marker, nach dem Motto: Wenn wir mal in der Nähe sein sollten…

    Und nun sind wir hier.
    Die Zugfahrt von Chengdu dauert mit einem G-Zug 1:31h. Eine halbe Fahrstunde später spuckt uns das Taxi am Fuße des 50-Stöckers aus. Ein vertikales Konglomerat aus Hotels. Alle teilen sich den gleichen Tower.
    Die Lobby des Hotels Maiyue befindet sich in der 44.Etage. Und die ist imposant - riesig und sehr spacig.

    Der Check-in entwickelt sich zu einer kleinen Geduldsprobe. Wir haben ein Zimmer mit 270-Grad-Ausblick gebucht. Was wir bekommen: ein ganz normales Eckzimmer.

    Wir erklären freundlich, dass wir unter „270 Grad“ eigentlich einen Blick in drei Richtungen verstehen. Man nickt – und bringt uns … in exakt dasselbe Zimmer, nur eine Etage höher. Hm 🤔

    Ich rufe die Bilder von Trip.com auf. Darauf zu sehen ist nicht nur das imposante Raffles City Chongqing, sondern auch der spektakuläre Zusammenfluss von Jialing River und Yangtze. Genau das wollen wir sehen.

    Endlich versteht man uns. Wir werden in die 49.Etage gebracht. Höher geht es übrigens nicht. Ein weiteres Eckzimmer mit bodentiefen Fenstern wird uns gezeigt. Es sei aber ein „Family Room“ heisst es. Ja das ist uns egal, wie man es nennt. Das nehmen wir!
    Auch wenn es etwas kleiner zu sein scheint. Uns ist die Aussicht wichtig.

    Nun haben wir wieder dazugelernt: Ein Zimmer mit einer 270-Grad-Aussicht kann auch ein schnödes Eckzimmer sein.
    Aber das Thema ist noch nicht beendet. Wir sollen die Reservierung stornieren und neu buchen.
    Warum - das kann keiner sachlich erklären. Aber das „englischsprachige Personal“ - wie es immer so schön heißt - ist nicht wirklich englischsprachig. Man verwendet einfach einen Übersetzter. Und der ist nicht immer fähig das auszudrücken, wie es ein Mensch könnte. Da meldet sich diesbezüglich prompt Trip.com bei mir. Per Chat. Wir erklären, dass uns bei Umbuchungen Gebühren entstehen und wir deshalb nicht stornieren werden. Für die „gesamten Unannehmlichkeiten“ entschuldigt man sich mit Points auf dem Trip-Konto im Wert von etwa 32€.
    Nun. Welche Unannehmlichkeiten man genau meint, wissen wir letztendlich nicht. Wir sind vollauf zufrieden. Die Aussicht ist mega 😎

    Den restlichen Tag verbringen wir bei einer ersten Stipvisite unserer nahen Umgebung, die sich sogar als das Zentrum der Megacity erweist. Wir sind wieder einmal begeistert.

    Fünf Nächte sind gebucht. Das heißt wir haben vier volle Tage zur Verfügung. Leider wache ich am nächsten Morgen mit einem schönen fetten grippalen Infekt auf. Anderthab Tage verbringe ich vollkommen schlapp und praktisch die Tage verschlafend im Bett. Rainer besorgt neue Medikamente und erkundet ein wenig die andere Seite der Stadt. Die, die nicht ganz so instagrammable ist.

    Am Abend des zweiten Tages wagen wir noch eine kleine Runde, damit mein Kreislauf wieder in Schwung kommt. Aus der „kleinen Runde“ werden am Ende gut fünf Kilometer. Natürlich immer schön die Hügel hoch – und wieder runter.

    Denn Chongqing gilt nicht umsonst als Bergstadt. Ein bisschen wie Portofino, wo die Häuser am Hang kleben.
    Nur wird das Konzept einfach weiter gedacht:
    Der Bergkamm bildet so etwas wie die Basis. Und alles, was darunter liegt, wird architektonisch „aufgefüllt“: Man nimmt die Höhendifferenz – und setzt einfach noch die ganz normale chinesische Hochhaus-Höhe obendrauf.

    Klingt abstrakt? Ist es auch.

    Wir machen uns auf den Weg zum Kuixing Building. Hier wird das Prinzip sehr deutlich. Wir stehen auf einem großen Platz, umgeben von ganz normalem Alltagsleben. Aber dieser Platz ist gleichzeitig das Dach eines mehrstöckigen Gebäudes.

    Als wir über eine Brücke zum nächsten Platz gehen, öffnet sich unter uns eine rund zwanzig Stockwerke tiefe „Schlucht“. Und das Absurde: Selbst dort unten haben die Gebäude noch längst nicht ihre volle Höhe erreicht. Da kommen locker noch einmal dreißig Etagen obendrauf.

    Unweigerlich schießt mir eine Frage durch den Kopf: Gibt es hier eigentlich Erdbeben?
    Ja. Leichte Erdbeben gibt es hier öfter. Leicht heißt etwa in einer Stärke von etwa 3 bis 4. Die Stadt verfügt aber über ein modernes Erdbebenwarnsystem. Chongqings Hochhäuser sind grundsätzlich für Erdbeben der Stärke 6-7 ausgelegt.
    Klingt beruhigend.

    Es ist schon beeindruckend wie Menschen Städte bauen. Die Höhenunterschiede auf diese Art auszugleichen - das haben wir noch nie gesehen. Uns bleibt es überlassen, wie wir das tun. Von Vorteil sind die vielen , vielen Rolltreppen in der Stadt.
    Die Cleveren – also wir 😉 – nutzen natürlich auch so oft wie möglich die Aufzüge in den Gebäuden.

    Aber ganz entkommt man der Sache nicht. Am Ende warten doch immer wieder Treppen, die man selbst hinauf- oder hinabsteigen muss.

    Am vorletzten Tag machen wir einen Ausflug ins nahgelegene Wulong. Für diese Naturschönheit gibt es aber einen gesonderten Footprint.

    Eine ganz besondere Treppe wird am letzten Tag in Chongqing zu unserem Fotomotiv.
    Das Wetter könnte nicht besser sein: dunkelblauer Himmel, Sonne und angenehme 25 Grad.

    Südlich unseres Hotels befindet sich ein großes Großhandelsgebiet für Kleidung und Schuhe. Hier kann aber auch jeder ganz normal einkaufen. Es ist Samstag und entsprechend ist extrem viel los.

    Und wieder geht es plötzlich sechs oder mehr Etagen in die Tiefe. Überall Geschäfte, ein Stand neben dem anderen. Und alles muss ständig versorgt werden.
    Genau hier kommt unsere „Fototreppe“ ins Spiel. Rainer hat sie zwei Tage zuvor entdeckt.

    Hier wird Ware permanent hoch- und runtertransportiert. Meist von Männern älteren Semesters, die die Lasten entweder händisch oder mit einer Bambusstange treppauf und treppab tragen.

    Rainer probiert sich kurz selbst als Träger – besteht den Test allerdings nur für wenige Sekunden 😉

    Wir erkunden weiter das Gebiet. Oben in einer achten Etage finden wir einen kleinen Platz. Dort bleiben wir eine Weile stehen und beobachten dieses wortlose und perfekt eingespielte System der Warenverteilung: Einer bringt die Ware und stellt sie einfach ab. Eine Frau sortiert die Tüten in entsprechender Ordnung und beschriftet sie. Irgendwann kommt wieder ein Träger und bringt die Ware zum Ziel. Ganz ohne Diskussionen. Ganz ohne Planung. Ganz ohne viel Tamtam.

    Es ist nicht nur faszinierend. Es erklärt auch, wie eine nahezu blitzschnelle Versorgung der Händler mit fehlender Ware überhaupt funktionieren kann.

    Was hier letztendlich gehandelt wird, ist preislich kaum noch ernsthaft einzuordnen. Eine Bluse oder eine Hose wechselt hier für rund 4 € den Besitzer.
    Dasselbe Teil würde ich zum Beispiel bei TK Maxx in den USA vielleicht für 19 bis 39 US-Dollar finden und würde
    Mich über diesen Preis freuen. Bei H&M in Deutschland würde es sicher für etwa 59 € zu kaufen geben. Und im „besseren Geschäft“ vermutlich wesentlich mehr. Das Ganze gibt mir doch sehr zu denken.

    Den restlichen Tag genießen wir das Treiben in den Straßen westlich unseres Hotels. Da wo die Glitzerwelt und modernen Hochhäuser das Stadtbild prägen.

    Am Abend lassen wir uns erneut das Abendessen vom Roboter bringen. Für einen Restaurantbesuch bleibt keine Zeit mehr, wir waren einfach zu lange unterwegs. Denn 20:30 Uhr beginnt eine Drohnenshow, die wir direkt aus den Fenstern unseres Hotels sehen können.
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