• Tag 9 Kautokeino - Nordkap

    2. juli 2024, Norge ⋅ ☁️ 11 °C

    Leute, Leute, ich sag’s euch ich hab so viele Mückenstiche. Die Jucken ganz furchtbar und auf dem Kopf sind richtige Beulen geworden. Das gute am Helm ist, dass ich nicht kratzen kann und das Jucken so richtig schön genieße. Ich hab zwar den Gardinenhut, aber ich hab festgestellt, dass der oben Lüftungsklappen hat und bei diesen Lüftungsklappen ist nur ein grobmaschiges Netz. Da gehen die Moskitos rein und stechen und saugen mich fast blutleer. Mistdinger, elendige.
    Ich fand den Campingplatz (15€) eigentlich ganz nett, ja gut okay Moskitos. Er war ziemlich nah an der Straße und jedesmal dachte ich, ein LKW fährt durch mein Zelt wenn der 40 Tonner auf der Straße vorbei rollte. Nach dem aufstehen habe ich gleich mein Müsli geschnappt und bin in die kleine Küche. Da konnte man wenigstens in Ruhe frühstücken. Die paar Moskitos waren übersichtlich und man konnte sie gut erschlagen. Im Zusammenpacken bin ich jetzt mittlerweile schon ein Weltmeister geworden. Es geht alles schon ziemlich flugs in die Koffer rein, das Zelt in die eine Rolle, die restlichen Sachen in die andere Rolle und gleich ist alles verschnürt und verpackt auf dem Motorrad. Auf geht’s Richtung Alta, zwischendurch habe ich an einem Rastplatz angehalten und von dort die Moskitoaufzuchtfarmen fotografiert. Es ist unvorstellbar, wie viel Mücken hier rumfliegen. Zu was sind diese Drecksviecher eigentlich gut ? Zurück zum Rastplatz, bei einer Banane habe ich immer wieder versucht, den Namen vom Rastplatz flüssig auszusprechen: Kautokeinovassdraget . Irgendwann ist es auch gegangen und ich war mit der Banane fertig. Noch schnell was trinken, aufsatteln und weiter Richtung Alta.
    Hier ist die ganze Strecke auf 80 km/h begrenzt, aber ich werde immer schneller. Irgendwie zieht es mich an das Nordkap und ich möchte auch keine Übernachtung mehr machen. Die Straße ist gerade und frei. Eigentlich könnte man aufdrehen, doch wenn man hier in Norwegen ein paar Stundenkilometer über die erlaubte Geschwindigkeit fährt, kann man wahrscheinlich gleich sein Haus zu Hause verkaufen, damit man die Strafe bezahlen kann.
    Man kommt von den Bergen etwa in einer Höhe von 350 m und fährt durch eine Schlucht, eine sehr kurvige Straße hinab bis auf Meereshöhe. Die Straße war vor mir frei und ich habe mich so richtig schön durch die Kurve geschlängelt. Durch das lange geradeaus fahren in Schweden sind die Reifen auch schon ein bisschen eckig geworden, so tut jede Kurve gut die Flanken der Reifen ein bisschen abzufahren.
    In Alta angekommen, muss ich tanken und etwas wärmeres anziehen. Ich habe einen Rollkragenpullover und eine Jogginghose aus Schurwolle die ich unten drunter ziehen will. Genau das ist das Problem unten drunter. Ich mach an einer Tankstelle erst mal richtig Striptease und zieh mich aus, lass die Hosen runter und kann meine warme Jogginghose über die lange Unterhose, die ich eh schon an hatte anziehen. Ich hüpfe in meinen Motorradhose rein und ich sehe Leute vorbeigehen. Die Leute schauen mir zu und lachen und heben den Daumen. Mir macht das nix aus, weil hier kennt mich ja keiner. Den extra Pullover noch drüber, noch ein bisschen Benzin in die Elise und weiter geht’s Richtung Nordkap. Hab ich schon erwähnt, dass das Nordkap irgendwie zieht. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zo schnell werde. Immer wieder muss ich den Tacho kontrollieren. Die erlaubte Geschwindigkeit überschreite ich zwischendurch. Bei einer kleinen Pause Google ich ein bisschen nach Übernachtungsmöglichkeiten und frag mich, ob ich vorab irgendwo anrufen soll oder einfach irgendwo aufschlag. Bevor ich jetzt alle möglichen Campingplätze nach Hütten abtelefoniere, denke ich mir, ich fahr lieber zu und frag dann vor Ort. Auf einmal kommt es mir, Sacklzement, das wird jetzt arg kalt. Ich friere besonders an den Füßen, damit es ein bisschen besser wird, zieh ich die Regenüberschuhe über meine Stiefel. Schaut irgendwie komisch aus, hält aber ein bisschen wärmer. Das mit den kalten Füßen hab ich schon herausgefunden. Das Problem ist, dass ich in den Stiefeln das schwitzen anfange und dadurch wird der Stiefel feucht und durch den Fahrtwind wird es richtig kühl. Da hilft nur eins zwischendurch Socken wechseln. Ich hab die guten Schurwollsocken dabei, die sollten eigentlich warm halten und auch Feuchtigkeit aufnehmen. Aber irgendwie bleibt die Feuchtigkeit durch die Membran im Stiefel. Ist ja auch fast einleuchtend. Wenn kein Wasser von außen nach innen kommen soll. Dann kommt das Wasser von innen nach außen auch nicht richtig.
    Ab Olderfjord, wird es richtig zapfig und man braucht schon einen Willen um das durchzustehen. 7 Grad und die Frisur sitzt. Ich habe zwischendurch das weinen angefangen, so überwältigt war ich von der Stimmung und vor diesem Erlebnis bald am nördlichsten Punkt vom europäischen Festland zu stehen. Das wollte ich schon seit einiger Zeit. Und dass ich es für mich schaffe.
    Aber noch härter ist es mit dem Fahrrad. Ab Alta habe ich ganz viele Fahrradfahrer gesehen, die gut bepackt sich auch auf den Weg zum Nordkap machen.
    Ich schlängle mich die Küste entlang. Es ist eine sehr karge Gegend. Ich glaub ich hab keinen einzigen Busch gesehen. Wenn, sind nur Gräser und irgendwelche Moose die hier wachsen. Die Rentiere laufen über die Straße von links nach rechts und gucken nicht ob ein Auto, Wohnmobil oder Motorrad kommt. Man muss immer bremsbereit sein, weil die Viecher unvermittelt die Richtung ändern und teilweise auf dich zutraben.
    Irgendwo zwischendrin hab ich noch mal getankt, weil ich nicht gewusst habe, ob ich nicht doch den Weg wieder zurückfahren muss, falls ich keine Unterkunft bekomme.
    Mensch ich sage euch, die Norweger können Tunnel bauen. Da geht doch glatt das letzte Tunnel 212 Meter unter dem Meer durch und ist knapp 7 Kilometer lang. Bei uns hätten sie irgend ein Wurm, Käfer oder Ameise gefunden und den Bau verhindert. Am ersten Campingplatz angekommen, frage ich nach einer Hütte, ja klar sie haben noch eine exklusive frei für 260 €. Die ganzen anderen kleinen Hütten sind schon vor Wochen reserviert worden. Ich habe mich mit der netten hübschen Norwegerin unterhalten, ob sie mir einen Tipp geben kann, bei wem ich denn noch fragen kann. Sie hat dann gemeint, wenn man eh alleine unterwegs ist, ist Hotel das beste und billigste. Die Hütten sind teilweise für bis zu sechs Leute, d.h. wenn man sich die 260 € aufteilt ist es dann für die einzelne Person nicht mehr so viel. Aber wo bekomme ich jetzt die fünf anderen her. Von euch wollte ja keiner mit. Ich bin dann zu dem Hotel Scandic Nordkapp und hab gefragt, ob sie mir denn Asyl geben. Ich würde Ihnen auch bisschen Geld für ein Zimmer da lassen. Gesagt, getan, Zimmer reserviert und ein viertelstündchen in der Lobby aufgewärmt. An der Rezeption nach dem Wetter für den Nachmittag und Abend gefragt, weil man sich hier vielleicht besser auskennt mit dem kommen und gehen der Wolken und Nebel. Der nette junge Mann meinte, lieber heute wie morgen, lieber jetzt wie später. Okay, dann jetzt und nicht später.
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