Von Jinka nach Surma
Jul 19–22, 2024 in Ethiopia ⋅ ☁️ 26 °C
Heute steige ich wieder in den Flieger von Ethiopian Airlines. Es ist ein Inlandsflug, der mich in ca. einer Stunde nach Jinka, einer Stadt im Omo-Tal, bringen soll. Die Maschine startet und landet pünktlich. Am frühen Nachmittag werde ich von meinem Guide Amanuel und dem Fahrer Buchee am Flughafen in Jinka abgeholt. Gemeinsam wollen wir an diesem Tag noch Turmi, eine belebte Stadt im Omo-Tal und Ausgangspunkt zu den Ethnien des Tales, erreichen. Allerdings scheint es etwas an der Organisation zu hapern. Zuerst darf ich Amanuel die Dollar für die nächsten
4 Tage abgeben, dann geht’s zum Geldwechseln zur Bank und anschließend werden alle Tankstellen abgefahren, in der Hoffnung eine zu finden, die Treibstoff für den Wagen hat. Fehlanzeige. Benzin ist in Äthiopien gerade Mangelware, so dass die Beiden erst in der nächst größeren Stadt auf dem Schwarzmarkt fündig werden und stolze USD 2 pro Liter hinblättern müssen, was etwa doppelt soviel ist, wie der reguläre Preis an der Zapfsäule. Ich bin erleichtert, als der Wagen endlich betankt ist und es weitergeht.
Gegen Abend kommen wir in der Stadt Turmi an, wo ich von Amanuel in der Buka-Lodge einquartiert werde. Es ist eine gute Unterkunft, die auch andere Reisende aus der westlichen Welt besuchen. Wo Buchee und Amanuel übernachten, weiß ich nicht. Besprochen ist, dass sie mich am nächsten Morgen um 5 Uhr für die Weiterfahrt abholen werden.
Gesagt, getan. Am nächsten Tag starten wir zu früher Stunde zu Viert, nun ist auch noch ein Koch an Bord, die Fahrt zum Suri-Tribe. Angeblich dauert es einen ganzen Tag, um im nordwestlichen Teil des Omotals anzukommen. Zum Frühstück halten wir auf einem Campingplatz im Omo-Nationalpark, wo sich herausstellt, dass sich meine Mahlzeit auf
5 Ananasscheiben beschränkt. Zusätzlich zur Ananas hat mein Guide noch eine Wassermelone im Auto. Das war’s. Die 3 halten für ihr eigenes Frühstück in einer kleinen Stadt und gönnen sich Injera mit jeder Menge Schaffleisch. Dementsprechende Gerüche herrschten anschließend im Auto vor 😫. Amanuel beauftragte den Koch in der nächsten Ortschaft wenigstens Brot (ist in Äthiopien in der Regel Hefebrot) und ein paar Bananen zu kaufen, womit ich in den nächsten Tagen meinen Hunger stillen konnte und einer möglichen Magen-Darm-Infektion vorbeugen konnte.
Gegen Nachmittag erreichten wir das Gebiet des Suritribes, was sich im ersten Moment etwas befremdlich anfühlte. Die Männer kehrten nochmals für lokales Essen ein und ich wurde von den Menschen, die seltener Touristen sahen, begutachtet. In der Kleinstadt versuchen die Suris naturbelassenen Honig und andere Erzeugnisse aus der eigenen Landwirtschaft zu verkaufen. Ich war gespannt, was ich ab jetzt noch alles bestaunen durfte. Die Fahrt ging weiter und Buchee begann auf einmal wie ein Henker auf einer unbefestigten Straße zu rasen. Ich denke, dass es etwa 120 km/h auf dem Tacho waren. Es war unheimlich. Als ich meinen Guide dann fragte, warum der Fahrer mich derart in Gefahr bringe, meinte er, dass wir gerade kriminelles Gebiet durchquert hätten. Nicht selten würden hier Autos beschossen und überfallen. Es würde nochmals ein ähnlicher Drive zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Wieder standen mir 1000 Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Warum erhielt ich diese Information erst im Nachhinein? Ich nahm es hin und versuchte ruhig zu bleiben. Es war bereits Nachmittag und angeblich sollten wir bald ankommen. Da Buchee in der Regel auf Feldwegen fahren musste, dauerte alles entsprechend lange. Für einen Zwischenstopp hielten wir nochmals in einem Dorf, wo gerade Tella, das lokale, traditionelle Bier getrunken wurde. Die Dorfgemeinschaft freute sich über den Besuch und ich wurde zum Tellatrinken eingeladen. Der Becher war alt und schmutzig, aber wen störte das in Äthiopien schon. Er musste nur seinen Zweck erfüllen und das tat er. Cheers 🍻.
Wir fuhren noch eine Weile weiter und erreichten gehen 16.30 Uhr Ortszeit unseren Campingplatz, nahe des Flusses und des Dorfes Surma. Nachdem die Zelte aufgeschlagen waren, gingen Amanuel und ich hinunter an den Fluss, wo die ersten Dorfbewohner (meist Kinder und Frauen) aufschlugen, die Gesichter mit Naturfarben aus Asche und abgeriebenen Steinen bemalt. Für jedes Foto gab ihnen mein Guide ein Trinkgeld. Das war hier so üblich und wurde stolz nach Hause gebracht, um sich von den Ersparnissen später weiteres Vieh zu kaufen. Die Suri leben übrigens weitestgehend von dem, was sie selber erzeugen. Ihr Vieh ist ihnen heilig. Auch gibt es bei den Suri keinen Kalender. Sie zählen die Tage anhand des Ab-und Zunehmen des Mondes. Geburtstage werden nicht registriert. Auch haben sie kein fließendes Wasser und keinen Strom. Ein traditionelles Leben im Einklang mit der Natur.
Nach dem Fotoshooting am Fluss ging es zum Abendessen und anschließend ins Zelt. Ein ereignisreicher Tag ging zu Ende und der nächste sollte folgen.
Ich stand mit dem Sonnenaufgang auf, denn Amanuel wollte mir eine besondere Tradition der männlichen Suri zeigen. Wir marschierten um etwa 6.30 Uhr morgens los zur Viehherde. Die Männer und Jungen waren bereits zahlreich vor Ort, um die Rinderherde zu hüten. Nachdem wir eintrafen, begannen sie, ihre nackten Körper mit Asche zu bemalen, bis dann schließlich ein junger Mann Pfeil und Bogen holte. Der Pfeil wurde dem Rind in den Hals geschossen und das fließende Blut in einer Schale aufgefangen. Die gut gefüllte Schale mit dem noch warmen Blut trank ein Suri-Mann vollends aus. Ein Brauch, der die Manneskraft steigern soll und angeblich macht die Blutentnahme auch das Rind widerstandsfähiger 🤷♀️.
Nach etwa einer Stunde liefen Amanuel und ich in Richtung Dorf, wo sich das Leben der Frauen und Kinder abspielte. Ich durfte in ein lokales Haus kriechen, wo sich nichts weiter befand, als eine Mutter, die gerade ihren Nachwuchs stillte. Hab und Gut gibt es nicht. Außer ein paar Ziegenfellen, auf denen geschlafen wird, konnte ich nichts entdecken. Die Frauen hatten sich mittlerweile für die Fotos schick gemacht. Es war wirklich beeindruckend und auch ein stückweit rührend, für eine kurze Zeit Teil einer so anderen Welt zu sein. Viele der Frauen trugen ihren Lippenteller, ein Relikt der Schönheit. Wenn die Suri Frau heiratet, beginnt sie, ihre Unterlippe mit einem Stab zu durchstechen und vergrößert den Einschnitt immer mehr, bis sie schließlich einen Lippenteller einsetzen kann. Sie büsst dabei auch 4 ihrer vorderen, unteren Schneidezähne ein.
ADCHALEE Suri !, was soviel heißt, wie
DANKE, dass ihr soviel von euch preisgegeben habt !
Am Abend sollte noch ein weiteres Highlight folgen. Einige Männer wuschen sich im Fluss (in Äthiopien übrigens recht alltäglich) und bemalten ihre Körper. Sie wollten den ledigen Stammesdamen damit imponieren. Dass ich Zuschauerin dieser Balz war, schien sie nicht zu stören.
Ich könnte noch Stunden von meinen Tagen bei den Suri berichten, wie meine Gefühle Karussell gefahren sind, wie ich wie die Suri auch, im Busch mein Geschäft erledigt habe, wie ich dem Stammesältesten die Hand geschüttelt habe oder wie ein bewaffneter Sicherheits-Surimann auf unserer Rückfahrt begann zu moderner Musik die Schultern zu schwingen. Ich bin noch immer gerührt, bewegt, beeindruckt und fasziniert, so etwas Besonderes gesehen und erlebt zu haben.
Am späten Nachmittag kommen wir nach einer nicht ungefährlichen Fahrt (es hatte im Süden Äthiopiens stark geregnet und die Feldwege, auf denen Buchee fuhr, waren rutschig) wieder in Turmi an. Vom Schlafen im Zelt ging es für mich zurück in die Lodge 🛖. Surma und die Suri hatte ich nun endgültig hinter mir gelassen.Read more












Traveler
Wooow...Du bist das mutigste weibliche ,, Wesen ,, daß ich ,, kenne,,Respekt ...Pass auf Dich auf & viel Spaß weiterhin...🙏
Travelerdem kann ich nur zustimmen! Ich empfinde Dich wirklich auch sehr mutig! Ich wünsche Dir viele schöne Augenblicke und dass Du gut beschützt wirst auf all Deinen Reisen
TravelerDanke ❣️