• Gibellina - die Ambivalenz der Kunst

    January 18 in Italy ⋅ ☁️ 11 °C

    Kunst spielt ja zumeist - oder gar originär? - mit Ambivalenzen. Ein Stuhl ist nicht einfach ein Stuhl und eine Toilettenschüssel schon gar nicht. Und ein Haufen Fett in einer Ecke ist beileibe nicht bloss ein Fettfleck. Letzteres gar juristisch beglaubigt. Aber auch über die Rolle der Kunst selbst kann man ganz schön ambivalente Gefühle entwickeln.

    Eindeutig und ohne jede Ambivalenz steht fest, dass das Bergdorf Gibellina vecchia (und viele weitere Dörfer im Belice-Tal) in der Nacht vom 14./15.Januar 1968 von einem gewaltigen Erdbeben zerstört worden ist und unzählige Menschen dabei ihr Leben verloren hatten.

    Gibellina wurde nicht wieder aufgebaut. Statt dessen wurde der leidtragenden Bevölkerung in der Ebene unten die völlig neue (Retorten-)Stadt Gibellina Nova hingestellt. Eine Stadt vom Reißbrett, als "Gesamtkunstwerk" konzipiert, mit zahlreiche Plätzen und Parks, geprägt von Kunstwerken an fast jeder Ecke.

    Das visionäre Projekt nach dem Vorbild englischer Gartenstädte sei weitgehend dem staunenswerten Einsatz des linken Bürgermeisters Ludovico Corrao zu verdanken, der während 25 Jahren dieser Gemeinde vorstand. (Wikipedia) Gewiss sehr mutig und ambitiös gedacht, doch ob da nicht an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei geplant wurde?

    Unser Eindruck einer ziemlich "töteligen" Stadt ohne wirkliches Leben, den wir bereits vor sechs Jahren mitnahmen, hat sich nicht wirklich verändert. Immer noch stehen zahlreiche Gebäude leer, ist das gross angelegte Theater eine Bauruine und viele der Kunstwerke und Skulpturen wirken eher ungepflegt.
    Dass Gibellina zur ersten italienischen Hauptstadt für zeitgenössische Kunst 2026 gekürt wurde, lässt mich hier jedenfalls eher an Marketing denn an Kunst denken.

    Einen guten Eindruck dieser Ambivalenz vermittelt der Artikel von Diana Artus "Gibellina - zwischen Utopie und Desaster" in der Architektur-Publikation "baunetzwoche#556".
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