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  • Day112

    Liebe auf den zweiten Blick

    April 19, 2019 in Chile ⋅ ⛅ 14 °C

    „Como te llamas? De donde eres? Quantos anos tienes?“ ... Diese Fragen prägen die letzten Tage meinen Vormittag und werden von mir täglich in mehr oder weniger vollständigen und korrekten Sätzen beantwortet. Wer hätte gedacht, dass ich in meinem Alter nochmal die Schulbank drücken werde, Vokabeln lernen muss und Verben durchkonjugiere. Meine Befürchtung als „Opa“ zwischen feierwütigen Teenagern und frühen 20ern in der Klasse zu sitzen wird zum Glück schnell verworfen und ich finde mich in meiner Klasse im Umkreis einer ganz vielfältigen „Studentengruppe“ wieder: Sergey ist Programmierer aus der Ukraine, Mitte 40 und arbeitet seit einiger Zeit in Santiago, Andrew ist Anfang 40 und aus England und wegen seiner Freundin nach Santiago gezogen, Barbara ist gerade 30 geworden und aus Brasilien. Ich bin also gar nicht mal der Älteste und fühle mich gleich umso wohler... 🙂 Die Gruppe ist motiviert, nett und aufgeschlossen. Das Gleiche gilt für die Lehrer. Christian, ein langhaariger chilenischer Rocker, der nebenbei auch Bücher schreibt, weiß Stimmung im Unterricht zu machen und uns immer wieder auch für die kleinsten Erfolge zu motivieren. Ich habe das gute Gefühl, mit der Schule die richtige Wahl getroffen zu haben. Abgesehen vom guten Unterricht ist auch das Schulgebäude einladend gestaltet mit schönem sonnigen Innenhof, Tischtennisplatte und Kaffeeecke. Am Nachmittag werden stets Aktivitäten angeboten wie Stadttouren durch Santiagos Viertel, Koch- und Weinabende, Tanzkurse, usw., so dass ich mich schnell integrieren kann und die Möglichkeit erhalte von den Professoren und anderen Studenten wertvolle Informationen über Chile, die Sprache, die Kultur, das Essen, das Nachtleben und andere möglichen Aktivitäten zu erhalten. Alle Aktivitäten werden übrigens von einer äußerst dynamischen und temperamentvollen Chilenin organisiert (ein Typ wie man ihn sich bei einer Südamerikanerin halt so vorstellt), die uns jeden morgen mit einem lauten „Hey Chicos!“ begrüßt. Ihr doch recht dominantes aber trotzdem sympathisches Auftreten macht es da äußerst schwer, die Teilnahme an einer Aktivität auszuschlagen 😉

    Mein Unterricht endet stets gegen 13 Uhr und abgesehen von den Hausaufgaben habe ich sonst am Nachmittag keine Pflichten zu erfüllen und kann die Zeit nutzen, Santiago noch etwas besser kennenzulernen. Inzwischen entwickele ich auch so etwas wie Routine, wenn es um die alltäglichen Dinge des Lebens geht, wie Einkaufen, Metro nehmen, Kaffee bestellen, etc. und all das, was in den ersten Tagen in diesem „fremden“ Land noch so viel Kraft gekostet hat, empfinde ich nun als selbstverständlich. Das erlaubt mir auch, Santiago aus einer anderen Perspektive als in den ersten Tagen zu betrachten und die vielen schönen Seiten Santiagos besser wahrzunehmen. Mir gefällt inzwischen das quirlige Treiben auf der Straße (auch wenn der Verkehr teilweise leider sehr sehr laut ist), überall sitzen junge Leute in den vielen kleinen Parks und Grünflächen, um die Sonne zu genießen und zu entspannen (viel geraucht wird in Chile auch noch, Tabak und auch so anderes Getreide... 😉), die Lokale sind bis spät in den Abend gut gefüllt (die meisten essen hier nicht vor 20 oder 21 Uhr), zwischen den grauen und tristen Hochhäusern liegen immer wieder auch ruhige beschauliche Viertel, die zum Verweilen einladen (wie zum Beispiel das schöne Barrio Italia mit seinen vielen italienischen Boutiquen, Restaurants und Eisdielen) und natürlich hat auch Santiago wie eigentlich jede Großstadt seine symbolische Sehenswürdigkeiten, die es zu bestaunen gilt (wie den Plaza del Armas mit seinen pompösen Palästen und Amtsgebäuden). Und auch abends fühle ich mich inzwischen deutlich wohler und sicherer, wenn ich durch die dunklen Straßen laufe, als noch am ersten Tag. Es ist halt doch so, dass alles was fremd ist, erstmal verunsichert und Bedenken erzeugt, die eigentlich völlig unberechtigt sind. Zum Ende der Woche hin lerne ich Santiago langsam immer mehr zu lieben. Es ist eine Liebe auf den zweiten Blick, vielleicht nicht die ganz große Liebe, aber zumindest eine Stadt, die ich jedem weiterempfehlen würde, der Chile besucht, und in die ich auch selbst jederzeit zurückkehren würde, wenn sich wieder die Gelegenheit ergeben sollte.

    Ich merke aber auch, dass mich die Tage in Santiago durchaus anstrengen. So viele Eindrücke, neue Leute und dann ununterbrochen im Umfeld einer Sprache, von der ich leider immer noch nur Bruchteile verstehen kann. Das schlaucht und abends falle ich meist geschafft ins Bett. Für wilde ausgelassene Feiern im Nachtleben von Santiago fehlt mir dann schlicht die Energie (zumal das Nachtleben hier auch erst um 24 Uhr startet und meist bis 5 Uhr morgens anhält). Inzwischen bin ich auch in meiner neuen Unterkunft eingezogen, ein kleines Zimmer in der Wohnung einer ca. 50-jährigem Chilenin. Das Zimmer ist sehr einfach, aber dafür günstig und ich habe alles was ich brauche und fühle mich auch soweit recht wohl. Zudem ist meine „Gastmama“ sehr freundlich, tauscht sich mit mir immer wieder zwischendurch in einem Mix aus Deutsch, Englisch und Spanisch mit mir aus und verschreibt mir sogar ein paar Medikamente als sie mich nachts husten hört (sie ist Ärztin). Kein Wunder, dass ich mich erkältet habe, denn nachts wird es inzwischen richtig kalt (bin ich nicht mehr gewohnt) und eine Heizung gibt es in meinem Zimmer leider nicht, so dass ich mich nachts unter mehrere Decken flüchten muss.

    Wir könnten sicherlich noch viele Tage in Santiago verbringen, ohne dass wirklich Langeweile aufkommen würde, aber es zieht uns weiter. Am Freitag geht es nach Vina Del Mar, einem Küstenort ca. 2h von Santiago entfernt, der deutlich kleiner und etwas entspannter als die Hauptstadt sein soll. Hier werde ich dann auch meine spanischen Sprachkünste für eine weitere Woche fortsetzen. Irgendwie freue ich mich auch schon darauf, dem Großstadtdschungel erstmal den Rücken zu kehren, das Meer wiederzusehen und auch wieder mit Susi ein gemeinsames Apartment teilen zu können. Ich bin gespannt, was uns die nächste Woche an weiteren Erlebnissen bescheren wird...
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