• Carrara, das weiße Gold

    May 20 in Italy ⋅ ⛅ 16 °C

    Die Marmorbrüche von Carrara sind seit der römischen Antike ein weltweit bedeutendes Abbaugebiet für weißen Marmor. In etwa 150 aktiven Steinbrüchen werden jährlich rund eine bis anderthalb Millionen Tonnen gewonnen. Moderne Diamantseilsägen und Kettensägen erlauben das Heraustrennen tonnenschwerer Rohblöcke; historisch markant war der Abbau eines 300 Tonnen schweren Blocks für einen Obelisken in den 1920er Jahren. Mehr als die Hälfte der Rohblöcke wird nach China exportiert, während veredelte Produkte vor allem in die USA und in den Nahen Osten gehen. Berühmte Künstler wie Michelangelo nutzten Carrara-Marmor für Meisterwerke, doch nur ein kleiner Teil des abgebauten Marmosr dient der Kunst; ein Großteil fließt in die Bauindustrie oder wird industriell zu Calciumcarbonat verarbeitet, findet sich anschließend in Produkten wie Kunststoffen und Zahnpasta oder wird als Dekomaterial etwa in Marmor-Agglomeraten verwendet.
    Wir machen die MarmoTour Michelangelo, um den einzigen unterirdischen Marmorbruch zu besichtigen, bei dem der Abbau nicht wie üblich in Stufen im Freien, sondern im Berginneren stattfindet. 1955 erwarb die Familie Dell'Amico die Lizenz und führte hier einen Neuanfang durch; sie erkannte, dass der Abbau unter Tage den weißen Marmor vor Wettereinflüssen schützt und neue Möglichkeiten eröffnet. Ab 1963 erschloss Carlo Dell'Amico die enormen unterirdischen Räume mithilfe der Tunnel der alten Marmorbahn. Gefördert wird ausschließlich Material für Künstler und nur in solchen Mengen, dass auch künftige Generationen noch vom Abbau leben können. Das Team besteht aus vier Personen; sogar der Sohn des Gründers, obwohl im Rentenalter und sehr wohlhabend, arbeitet täglich mit, etwa um Wasser vom Boden zu entfernen und es für Besucher sicherer zu machen. Die Preise für Marmor variieren stark nach Qualität: etwa 500 bis 10.000 € pro Tonne; einzelne Blöcke wiegen meist rund 25 Tonnen, sodass ein besonders reiner Calcatta-Block für Künstler bis zu einer Viertel Million Euro kosten kann.
    Zusammen mit einer Schulklasse und drei Kleinbussen geht es in den alten Stollen. Angekommen teilen wir uns auf, bekommen eine deutschsprachige Führerin und haben quasi eine Privattour. Wir befinden uns im Herzen des Monte Torrione, 400 Meter Berg sind noch über uns. Die touristische Sparte des Abbaus führt Francesca Dell'Amico, sie wuchs in der Familie der Steinbrucharbeiter auf und entwickelte eine tiefe Leidenschaft für die Geschichte und Kultur der Berge. Ihre Familie ist seit Generationen mit dem Abbau vertraut. Francesca Dell'Amico hauchte dem stillgelegten Stollen neues Leben ein, indem sie ihn für Besucher öffnete. Die Führung bietet einen detaillierten Einblick in den gesamten Prozess der Marmorgewinnung, den beschwerlichen Transport der Vergangenheit und die Bewahrung dieser jahrtausendealten Tradition. Im Inneren des Berges hat die Familie vom Urban-Art-Künstler Ozmo ein riesiges Wandbild erstellen lassen, die Erschaffung Adams.
    Der Marmorabbau im Carrara-Gebiet dürfte schon zu der Zeit der Etrusker begonnen haben. Die Römer beschleunigten den Abbau des Marmors stark, besonders zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. Spuren des antiken Anbaus wurden im Laufe der Zeit in über zwanzig Steinbrüchen in den Becken Colonnata, Miseglia und Torano gefunden. Bei der Weiterfahrt machen wir auch einen kurzen Stopp an einer dieser Stellen, hier finden sich noch ein paar Marmorblöcke aus römischen Zeiten.
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