• Day4
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  • Day3

    Obwohl Belgrad auf eine fast zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann, befassten wir uns auf der geführten Stadttour vor allem mit den letzten knapp hundert Jahren. Die Römer hatten jedoch bereits an diesem strategischen Punkt zwischen den Flüssen Save und Donau zwischenzeitlich zehntausend Soldaten stationiert. Eine grosse steinerne Festung hoch über dem Ort, wo die beiden Flüsse zusammenkommen, verdeutlicht diese strategische Bedeutung noch heute.

    Die Entstehung des kommunistischen Staates Jugoslawiens aus den sieben Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Kosovo sowie Serbien unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg sowie dessen blutiger Zerfall gegen Ende des letzten Jahrtausends bilden eine einzigartige Epoche in Europa, die sogar in mehreren Museen der ehemaligen Hauptstadt aufgearbeitet worden ist. Dass diese Aufarbeitung jedoch noch nicht überall gleich gut erfolgt ist, merkten wir als sich unser mitgereister Kollege aus Bosnien bei der Erklärung durch unsere Stadtführerin Nina plötzlich in eine intensivere Diskussion verstrickte, insbesondere ob Kosovo nun Teil von Serbien sei oder eben nicht.

    Der Staat Jugoslawien ist ganz stark mit einer Person verbunden, der alleine ein ganzes Museum gewidmet ist, dem Jahrzehntelang regierenden Staatschef Josip Broz Tito. Er führte das Land vom zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tode 1980, auf den dann kurz darauf der Zerfall des Staates folgte. Aus dem ehemaligen Königreich Jugoslawien entstand unter ihm ein kommunistischer Staat, der sich jedoch im Gegensatz zu den anderen osteuropäischen Ländern erfolgreich von Stalin und der Sowjetunion distanzierte und in der Welt nach dem 2. Weltkrieg eine eigene Rolle spielte. Tito war eine Person die sich gerne auf der Weltbühne bewegte, das Museum war voller Geschenke, die der Vielreiser von seinen unzähligen Besuchen in fast allen Ländern der Welt mit nach Hause brachte. Seine Beerdigung war dann auch ein Aufmarsch von Staatsvertretern aus aller Welt, wie es die Geschichte wohl noch nie gesehen hat. Ganz im Stile der grossen Machthaber, lies er sich in einem imposanten Marmorsarkophag begraben, der in der Mitte seines Museums liegt.

    Das dunkelste Kapitel der jugoslawischen Geschichte war auch optisch immer noch gut erkennbar, als wir mit dem Bus an einem komplett zerschossenen mehrstöckigen Haus mitten im Stadtzentrum vorbeifuhren und uns daran erinnerte, dass hier vor 19 Jahren ein schlimmer Bürgerkrieg tobte. Der Wohnblock sei gleichzeitig ein Mahnmal, weil es damals von der NATO mit Uranmunition, also quasi Nuklearwaffen beschossen worden sei. Die Gegend sei heute noch radioaktiv verstrahlt und es habe in der Region zu einem massiven Anstieg an Krebserkrankungen geführt, führte Nina weiter aus.

    Belgrad hat die meisten zerstörten Gebäude wieder aufgebaut und in der aufstrebenden Stadt mit zwischenzeitlich 1.7 Mio. Einwohnern wird intensiv weiter gebaut. Mitten in der Stadt wird sogar eine riesen grosser neuer Dom erstellt, der für 10'000 Leute Platz bieten soll und zeigt, dass die im Kommunismus verbotene Religion wieder gelebt werden darf und heute primär im serbisch-orthodoxen Glauben praktiziert wird. Dass auf dieser teilweise bereits abgeschlossene Baustelle ein grosses Transparent des Geldgebers dieses Bauwerks, dem russischen Gazprom-Konzern hängt, spricht für sich. Das serbische und russische Volk sind eng miteinander verbunden und haben immer wieder die Nähe gesucht. Diese Verbundenheit zeigte sich auch in der kyrillischen Schrift, die in der Verfassung als offizielle Schrift verankert ist und bei vielen Gebäudebeschriftungen zu sehen ist. Dass aber auch die lateinische Schrift gleichwertig daneben eingesetzt wird, zeigt, dass Serbien oder damals Jugoslawien immer den eigenen Weg gegangen ist, zwischen der westlichen und östlichen Welt…

    Und auch ich gehe meinen Weg weiter, westwärts nach Hause. Das war’s von meiner Berichterstattung aus dieser interessanten Stadt. Danke für dein Interesse. Bis zum nächsten Trip!
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  • Day2

    Bevor ich morgen dann Belgrad auskundschaften kann, stand heute aber erst noch ein Arbeitstag auf dem Programm. Das Treffen war als offener Austausch von Startups aus dem Portfolio eines Schweizer Business Angels und Investoren aufgesetzt. Die Lokation, wo mich das Taxi an diesem herrlichen Herbsttag hinbrachte, überwältigte mich sogleich. Kein steriles Hochhaus-Sitzungszimmer, sondern ein trendiges Clublokal am Fluss Save, der wenige hundert Meter danach in die Donau mündet. Das kubische Gebäude aus rostigem Eisen erinnerte mich dann sogleich an meine Heimat Murten, mit dem Monolithen von der Landesausstellung von 2002 und den leider nur noch vereinzelt vorhandenen Blechstücken.

    Vom Innern war die gegenüberliegende Flussseite mit der Altstadt und der imposanten Festung, wo die beiden Flüsse dann zusammenfliessen, zu erkennen. Keine einfache Aufgabe, bei so einem Ausblick immer konzentriert den Referenten zu folgen, zumal dann auch noch riesige Transportschiffe und Segeljachten direkt vorbeizogen. Dafür waren dann die vielen Pausen für den persönlichen Austausch auf der Terrasse schon etwas besser geeignet…

    Im Stile der TV-Sendung „Höhle der Löwen“ präsentierten die Jungunternehmer in 5-Minuten-Pitches ihre Businessideen, die sie mit viel und unverkennbarer Passion verfolgten. Teilweise war es schon ihr zweites oder drittes Unternehmen, das sie aufbauten. Aber ich schreibe ja einen Reiseblog und nicht ein Managementbuch, weshalb ich es hiermit belasse mit den Ausführungen zur Startupkonferenz.

    Eine Pausendiskussion mit einem lokalen Investor führte mich dann aber wieder zum Thema des Vorabends (siehe Blog von gestern), was ich hier noch erwähnen möchte. In Serbien hat es aus kommunistischer Zeit sehr viele ausgezeichnete (Informatik-)Ingenieure, das wurde gefördert, während Wirtschaftswissenschafter eher eine knappe „Spezie“ sind. Einer der anwesenden Startups aus der Schweiz hatte entsprechend seine ganze Entwicklung nach Belgrad verlegt. Das Lohnniveau, das etwa um Faktor 10 kleiner ist und das Potential der Fachkräfte waren die Motivatoren dafür. Und da wäre nun die Öffnung mit der Personenfreizügigkeit wieder ein Risiko, dass diese Leute – wie es die Erfahrung vom Nachbarland Kroatien gezeigt hat – im grösseren Stil abwandern und dieser Standortvorteil verschwindet.

    Der gemütliche Marsch zurück zum Hotel am Abend eröffnete mir dann einen ersten Blick in die wunderschöne Altstadt und weckte die Vorfreude, Belgrad dann schon noch einen ganzen Sightseeing-Tag zu widmen.
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  • Day1

    Vor ein paar Wochen bin ich für eine Konferenz von verschiedenen Startup-Unternehmen nach Belgrad eingeladen worden. Da ich selber gerade eine Idee aushecke und noch nie in einem Land des früheren Jugoslawien war, bot dies nun die ideale Gelegenheit, der Hauptstadt Serbiens einen (kurzen) Besuch abzustatten und einen weiteren Flecken auf meiner Europakarte der besuchten Länder zu markieren.

    Vom Hörsaal an der Hochschule St. Gallen, wo ich den Tag hindurch noch über Herausforderungen von Startups unterrichtete, ging es gleich Richtung Flughafen Zürich. In meinem Kopf war Serbien ein „typisches europäisches Land“, wie unsere Nachbarländer auch, und so schenkte ich der Vorbereitung nicht besonders viel Aufmerksamkeit, realisierte dann aber auf dem Flughafen gleich, dass ich da schon noch ein paar Bildungslücken habe und nicht mehr ganz à-jour bin.

    Schnell noch ein bisschen Bargeld holen. Euros sind es scheinbar nicht, sondern RSD war auf der Tafel des Wechselschalters zu lesen. Und so fragte ich meine Unkenntnis verbergend nach „Devisen für Serbien“ und bekam darauf ein paar tausend „Serbische Dinare“ ausgehändigt. Nach dem Einchecken ging‘s dann zum Gate D. „Wieso muss ich eigentlich durch den Zoll und erhalte gar einen weiteren Stempel in meinen Pass“, fragte ich die Beamtin erstaunt, die mich daraufhin fast ein bisschen auslachte. „Darüber haben Sie doch abgestimmt“. Ach so, die Schengenraum-Erweiterung. Und als ich nach der Landung meine Mails nicht abrufen kann, weil ich auf meinem Mobile nur ein Datenpaket für den EU-Raum aktiviert habe, realisiere ich, dass ich auch hier von einer falschen Annahme ausgegangen bin, Serbien gehört auch nicht zur EU!

    Höchste Zeit mich auch politisch wieder auf den neusten Stand zu bringen: Serbien möchte offensichtlich schon lange gerne der EU und dem Schengenraum beitreten, aber die Kriegsverbrechen in den 90er-Jahren und die vorerst fehlende Kooperation mit dem Tribunal in Den Haag führte zum Veto einiger EU Staaten. Zwischenzeitlich, nach der Auslieferung der schlimmsten Kriegsverbrecher, sind die Verhandlungen mit der EU in Gang bekommen und Serbien hofft gemäss Wikipedia, 2020 in die EU aufgenommen zu werden. Ob das alle so sehen? Mein Taxifahrer, der mich vom Flughafen ins Hotel fuhr, sicher nicht. „Brüssel isch Mafia“, wiederholte er mindestens fünf Mal auf der fünfzehnminütigen Fahrt ins Stadtzentrum, in fast perfektem Schweizerdeutsch, gelernt in seinen zwei Jahren als Saisonier auf der Klewenalp, in dem Hotel, wo ich kürzlich übernachtete. Die Welt ist klein!
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  • Day18

    Das wunderschöne Sommerwetter der letzten Wochen hat auch seine Schattenseiten. Aufgrund der grossen Hitze und Trockenheit ist die Situation im Gebirge für Hochtouren einiges gefährlicher geworden. Für den Aufstieg zum Mont Blanc über die Normalroute wurde vom Präfekt von Haut Savoyen sogar eine Warnung veröffentlicht, da es zu vermehrten Steinschlägen gekommen sei und sich die Situation noch weiter akzentuieren könnte in den nächsten Tagen. Vor der Besteigung wird abgeraten oder zu erhöhter Vorsicht aufgerufen, wobei man gerade beim Risiko des Steinschlages wenig in den "eigenen Händen" hat. Und als ob es noch einer makabren Bestätigung bedarft hätte, erreichte uns gleichentags die Meldung des tödlichen Unfalls eines erfahrenen Schweizer Bergeisteigers am Mont Blanc. Sicherheit geht hier nun vor!

    Stattdessen steht nun vom 20.-23.7. in den italienischen Alpen ein Klettertraining in Eis und Fels auf dem Programm... Schadet nie!

    Siehe auch den spannenden Bericht unter: http://ow.ly/5vuI30dKKWP

    Das Bild stammt von der letzten Tour zur Zumsteinspitze (4563 müM), mit Blick Richtung Mont Blanc und zeigt das Matterhorn mal von der "Rückseite".
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  • Day1

    Mein nächstes Abenteuer steht bevor: Vom 17. bis zum 21.7.2017 eine Hochtour mit Ziel Mont Blanc. Nach den 7 südlichsten Viertausender der Alpen im Jahre 2015 stand der Mont Blanc schon lange auf meiner Wunschliste und dieses Jahr soll es nun soweit sein.

    Der faszinierende Berg ist klettertechnisch nicht allzu schwierig zu erklimmen. Die Herausforderungen werden eher bei der Höhe und der Ausdauer liegen. Die eigentliche Tour zum Gipfel am 20.7. (Ausweichdatum bei schlechtem Wetter 21.7.) wird sich gemäss Planung auf etwa 12 Stunden belaufen. Und so ist momentan vor allem Konditionstraining angesagt 😅

    Wikipedia: Der Mont Blanc [mõˈblɑ̃] (auch Montblanc, italienisch Monte Bianco [ˌmonteˈbi̯aŋko], übersetzt ‚weißer Berg‘) zwischen Frankreich und Italien ist mit 4810 m Höhe der höchste Berg der Alpen und der EU. Ob dieser oder der Elbrus (5642 m) im russischen Kaukasus der höchste Berg Europas ist, hängt von der Definition der innereurasischen Grenze ab.
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  • Day19

    Meine Reise endet mit diesem letzten Blogeintrag. Dankbar und glücklich über das Erlebte auf dieser so faszinierenden und gut verlaufenen Reise bin ich 18 Tage nach meinem Abflug heute wieder in Zürich eingetroffen, und es braucht nun gar keine weiteren Worte mehr, ausser einem Dankeschön an euch alle für das Interesse an meinen Blog und die vielen positiven Reaktionen dazu, sowie einem ganz grossen «Thank you» an meine vier Freunde Amanda, Kersty, John und Chris aus Australien, mit denen ich dieses tolle Erlebnis teilen durfte: We had a great time together and I will miss you...Read more

  • Day18

    Vielleicht sind es die vielen spannenden Agentenromane aus seinem Umfeld, die ich gelesen habe oder die Kindheitserinnerungen an den kalten Krieg, wo er für mich immer gleichbedeutend war, mit dem wohl am strengsten bewachten Ort der Welt und dem Machtzentrum der Sowjetunion, die für mich auch heute noch den Kreml mit einer geheimnisvollen Aura belegen. Längst ist er jedoch zu einer touristischen Attraktion jedes Moskaubesuchs geworden. Seit dem Tode Stalins in den Fünfzigerjahren kommt man nach dem Passieren von ein paar normalen Security-Checks, wie sie heute in der Welt ja fast überall üblich sind, problemlos hinter die fast zweieinhalb Kilometer langen Mauern, welche diesen von den Zaren erbauten Regierungssitz umgeben.

    Heute ist es nur noch der Amtssitz des russischen Präsidenten, den man mit etwas Distanz begutachten muss. Alle übrigen Gebäude sind für die Bevölkerung geöffnet und laden zum Besuch ein. Vladimir Putin arbeite jedoch lieber in seiner Datscha (den russischen Ferienhäuser in den Wäldern ausserhalb der Stadt), was ein Geschenk sei, wie unsere Führerin beim Rundgang durch den Kreml erklärt, denn so würden die Strassen nicht wie bei den früheren Präsidenten täglich gesperrt, wenn er zur oder von der Arbeit heimfahre und damit das morgen- und abendliche Verkehrschaos in der Stadt verstärkt.

    Nebst den vielen Kathedralen und dem riesigen Kremlpalast, den man aus dem Fernsehen von den kommunistischen Parteitagen mit den tausenden von Parteifunktionären noch kennt, ist es vor allem die Rüstkammer, wo sich ein Besuch lohnt. Es ist eine Schatzsammlung aus einem halben Jahrtausend der russischen Geschichte. Kleider, Schmuck oder Möbel; alles immer mit Gold und Edelsteinen aus der ganzen Welt verziert, mit denen die Fürsten und Zaren ihren enormen Reichtum demonstrieren, präsentieren sich in den Hallen und sind alle mit irgendwelchen spannenden Anekdoten belegt. Wie etwa die wunderschöne aus einem südeuropäischen Königreich geschenkte Kutsche mit den kunstvollen Schnitzereien, deren Herstellung wohl tausende von Stunden Arbeit verschlang, jedoch zum Wenden einen so grossen Radius beanspruchte, dass sie völlig unpraktisch war und nie zum Einsatz kam. Wahrscheinlich ging es aber auch weniger darum, als um das Präsentieren dieses Schmuckstücks, war es scheinbar zu Zarenzeiten üblich, jedes Geschenk mit einem doppelt so teuren zu verdanken.

    Nachdem die Russen in den letzten zwanzig Jahren schrittweise die Erinnerungen an die siebzig Jahre Kommunismus haben verschwinden lassen, Städte wie Leningrad, Stalingrad, usw. wieder umbenannten, Hammer und Sichel oder die UdSSR-Schriftzüge von den Gebäuden und Denkmälern verschwanden, begann sich wieder eine sehr reiche Oberschicht zu bilden, welche sich der Reichtümer dieses Landes zu bedienen begann. Der Prunkt im am Nachmittag noch besuchten berühmten Luxuskaufhaus Gum mit allen teuren Labeln aus der ganzen Welt, das unmittelbar an den Roten Platz angrenzt und die Vielzahl der dort vorfahrenden schwarzen Luxuslimousinen lassen den Gedanken aufkommen, dass sich in Russland der Kreis der Geschichte somit offenbar wieder geschlossen hat.
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  • Day17

    Nach 7964 Kilometern auf Schiene, einer letzten Nacht im Bett des Schlafwagens, wo um vier Uhr morgens bereits die Sonne durch das Fenster hinein blinzelte, trafen wir auf die Minute genau in Moskau ein.

    Schon eine Stunde ausserhalb dieser Grossstadt reihte sich Hochhaus an Hochhaus, gebaut im typischen, schnörkellos schlichten Stil des Kommunismus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Es war damals kein Wohneigentum der darin lebenden Bevölkerung, der Staat hatte sie erstellt und teilte ihr die Wohnungen zu, welche dann höchstens innerhalb der Familien weitergegeben werden konnten, ansonsten aber wieder an den Staat zurück gingen für die Nächsten auf der Warteliste. Erst in den Neunzigerjahren, mit dem Zerfall des Kommunismus in der Sowjetunion wurde das Privateigentum für Wohnraum eingeführt. 12 Millionen Menschen leben heute offiziell in Moskau, 14 Millionen sind es scheinbar inoffiziell.

    Welch ein Kontrast zu diesen grau-beigen, quadratischen, mehrfach nebeneinander kopierten Wohnblocks dann im Stadtzentrum. Für die riesige unverkennbare Kremlanlage, die plötzlich vor uns auftauchte, und mit ihren mächtigen roten Mauern und Türmen, hoch über dem der Stadt den Namen gebenden Flusses Moscow, einen überwältigenden Anblick bot, zeichneten italienische Architekten verantwortlich. Diese waren aufgrund einer damals geschickt eingefädelten Ehepolitik der Zarendynastie ins Land gekommen und bauten diesen bekannten Befestigungsring um den Regierungssitz.

    Gleich daneben, in einem noch grösseren Kontrast zur im Vergleich dazu richtig trostlos erscheinenden Architektur des Kommunismus, die Basilius Kathedrale, mit den bekannten Zwiebelkopftürmen in den leuchtenden Farben blau, grün und weiss. Auch wenn zwischendurch noch Gottesdienste in einem der Türme stattfinden, wird dieses Wahrzeichen von Moskau heute vor allem als Museum für die Ikonenmalerei Russlands verwendet. Es hatte für mich etwas Ehrfürchtiges, am frühen Morgen des Pfingstsonntages durch die so wunderschön ausgeschmückten Hallen der Kathedrale zu laufen und die farbenstark gestalteten, goldig leuchtenden Bilder der Märtyrer und Heiligen auf mich wirken zu lassen.

    Als dritter Architekturstil fielen mir auf der nachmittäglichen Stadtrundfahrt noch die Bauten Stalins auf, der es liebte auf allen Gebäuden noch irgendwelchen Statuen oder Verschnörkelungen zu platzieren. Dieser tyrannisch herrschende Regierungschef, der durch seine politischen Säuberungen soviel Leid über Russland brachte, aber trotzdem immer noch eine Beliebtheit zu geniessen scheint, leitete grosse Bauprogramme in Moskau, um in dieser so schnell wachsenden Stadt, viel Wohnraum zu schaffen.

    Der Übergang mag nun etwas abrupt sein: Auch Staatspräsident Vladimir Putin lässt gegenwärtig in Moskau überall die Baumaschinen auffahren. Die grossen Boulevards werden über Kilometer neu belegt, die öffentlichen Plätze saniert und nebst der Basilius Kathedrale entsteht gar eine neue, riesige Parkanlage. Ein Bauprogramm, das jedoch exakt heute in einem Jahr fertig sein muss, denn dann startet in Russland die Fussball-WM 2018 und für diesen Prestigeanlass putzt sich das Land gerade unübersehbar heraus, nicht nur in Moskau.
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  • Day16

    Das rund 2500 Kilometer lange Uralgebirge ist geografisch die Grenze zwischen Europa und Asien und erstreckt sich von der kalten Tundra im Norden über die Taiga bis zur Wüstensteppe im Süden. Nachdem ich ja gestern schon mal einen Fuss über die Grenze gesetzt hatte, ging es heute vom auf der asiatischen Seite des Urals liegende Jekaterinburg aus definitiv westwärts, zum Ziel meiner Reise, der russischen Hauptstadt Moskau, über eine Distanz von exakt 1668 Eisenbahnkilometer, mit einer letzten Übernachtung im Zug. Meine Erwartungen an das Uralgebirge waren jedoch zu hoch, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Knapp 500 Meter über Meer lagen die Hügel, über welche die das Gebirge durchquerenden Trasses der Eisenbahn führten, und dabei vom Zug aus kaum auszumachen.

    Die vor 300 Mio. Jahren entstandenen Berge waren mal rund 7000 Meter hoch, doch die Verwitterung hatte zwischenzeitlich Schicht um Schicht abgetragen und dadurch die Erze und Mineralien zu Tage gefördert, für die das Gebirge seine Bekanntschaft erlangt hat. Die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung dieser weltweit einzigartigen Mineralienvorkommnisse basiert auf dem Aufeinandertreffen der beiden kontinentalen Platten von Europa und Asien und den damit verbundenen zahlreichen vulkanischen Akivitäten, wo jeweils Magma als Ursprungsmaterial für die unterschiedlichen Gesteinsbildungen freigesetzt worden war.

    Zarenexpertin Irina, die mich beim Ausflug ins Ural-"Gebirge" begleitete, kannte noch eine alternative, nicht auf geologischen Theorien basierende Begründung für die enorme Edelsteinvorkommnisse: Als nämlich der liebe Gott die Erde erschuf und die Edelsteine auf der Welt gleichmässig verteilen wollte, flog er mit den Schätzen in der Hand über Sibirien. Dabei sei ihm so kalt geworden, dass er die Hände in seine Hosentaschen stecken musste und kurzerhand über dem Ural alle Steine auf einmal runterfallen liess. Eine weitere alte, schöne Geschichte aus der Bevölkerung, wie sie uns in den letzten zehn Tagen in Russland immer wieder begegnet sind.

    Als Abschiedsgeschenk überreichte mir Irina dann auf dem Bahnhof von Jekaterinburg noch einen kleinen Jaspinstein, der mir auf meiner weiteren Reise durch Russland Schutz und Glück bringen möge. Um diesen Schutz sollte ich schon eine Stunden später dankbar sein, als vier sturzbetrunkene, äusserst aufdringliche Russen in mein Abteil stürzten, mit einem "gut Freund" auf die Schulter klopftend mich in ihren Kreis zogen und dann um jeden Preis an der "Wodkaparty" teilhaben lassen wollten. Nach einer zur Hälfte im Abteil verschütteten Flasche zogen sie es aber glücklicherweise vor, ihren Rausch erstmal etwas auszuschlafen, begleitet von einem unüberhörbaren Schnarchen (siehe Video).
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  • Day15

    «Den Konjunktiv gibt es nicht in der Geschichte» - mit diesen Worten, in denen eine gewisse Melancholie unüberhörbar mitschwang, schloss Irina den fast fünfstündigen Rundgang durch Jekaterinburg und verschiedener Gedenkstätten vor der Stadt, wo wir heute der Geschichte des letzten Zaren Russlands, Nikolaj II, nachgingen. Wenn der erste Weltkrieg nicht gewesen wäre, hätte Russland heute vielleicht immer noch ihre Monarchie, wollte sie uns damit sagen, denn viele Russen trauern dieser Zeit nach, als der beliebte Zar das Grossreich noch führte.

    Die Geschichte des Zarentums hat in Jekaterinburg ihr tragisches Ende gefunden, als in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli 1918 die gesamte Zarenfamilie, Nikolaj II, seine Frau Alexandra, sowie die fünf Kinder Aleksej, Olga, Tatjana, Marija und Anastasia im Keller ihres Hauses, wo sie im Arrest waren, von den Bolschewiken heimtückisch erschossen wurden - zusammen mit ihren ergebenen nächsten Dienern, die eigentlich hätten fliehen dürfen, aber nicht von der Seite der Familie wichen und mit ihr in den Tod gingen. Die Geschichte des letzten Zaren ist aber auch stark mit der russischen orthodoxen Kirche verbunden, Nikolaj II und seine ganze Familie gelten als Märtyrer, sind inzwischen heiliggesprochen worden und zieren die zentralen Ikonen in jeder der vielen neu erbauten Kirchen. Da wo die Zarenfamilie den Tod fand, steht heute die grösste, von weitem sichtbare, wunderschöne «Kirche des Blutes», mit dessen Erbauung die russische Bevölkerung Sühne leisten wollte für das Verbrechen, das sie am Zaren und damit indirekt an Gott begangen hatten.

    Unser Rundgang hatte jedoch am Morgen etwa 40 Kilometer ausserhalb von Jekaterinburg begonnen, wo die sterblichen Überreste der Familie damals in aller Eile wegen der heranrückenden weissen Armee in einer Grube verscharrt worden waren, erst 1978 aufgrund der Öffnung des Staatsarchives und den gefunden Aufzeichnungen zu diesem Ereignis lokalisiert werden konnte und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des damit wieder erlaubten Praktizierens des Glaubens, ein Männerkloster erbaut worden ist, das heute einen bedeutenden Wallfahrtsort darstellt.

    Als ich mit Irina eine der vielen Holzkirchen des Klosters betrete und mich dabei automatisch bekreuzige, errege ich offenbar die Aufmerksamkeit eines der Aufsicht haltenden jungen Mönche, der sofort unterbruchlos, mit einer für eine Kirche nicht angemessenen Lautstärke auf mich einzureden beginnt und erst durch Irina mit den Worten, ich sei «halt» Katholik gestoppt werden kann. Überraschend freundlich, mit einem wohl leicht schlechten Gewissen, aufgrund meiner perplexen Reaktion, zeigte er mir dann wie ich die Finger gemäss orthodoxem Ritual korrekt hätte zusammenführen sollen und ermahnte mich zu mehr Ruhe und Gelassenheit im Leben, da ich das Bekreuzigen offenbar zu schnell vollzogen habe.

    Weil gerade das bedeutende Pfingstfest bevorsteht, sind alle Kirchen mit wunderschönen grün leuchtenden Birkenzweigen als Zeichen des Heiligen Geistes ausgeschmückt. Die auf dem Gelände und in den Kirchen überall vorhandene Symbolik, wie beispielsweise die 7 (statt normalerweise 3) Kirchentürme als Erinnerung an die 7 Mitglieder der Zarenfamilie oder die 23 Treppenstufe hinauf zur Kirche des Blutes als Bezug zur 23-jähigen Herrschaft des Zaren und den 23 Stufen, die in den Keller des Hauses führten, liessen die mit der Geschichte des Regenten bis ins Detail bewanderte Irina bei diesem Rundgang natürlich aus dem Vollen schöpfen, und wir realisierten gar nicht, dass wir ja gar kein Mittagessen eingenommen hatten, was dann anschliessend mit einem üppigen, usbekischen Essen jedoch mehr als kompensiert wurde, und mit einem ausgedehnten Abendspaziergang durch diese faszinierende Stadt seinerseits wieder kompensiert werden musste.
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