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  • Day12

    Stadtbummel mit Ludmilla

    May 30, 2017 in Russia ⋅ ☁️ 16 °C

    Bevor am Abend kilometermässig die Königsetappe meiner Reise, die 52 Stunden dauernde Fahrt nach Jekaterinburg, am Fusse des Urals, quer durch drei Zeitzonen starten würde, stand heute nun noch der Besuch der Stadt Irkutsk an, wo wir vor zwei Tagen, von der Mongolei her kommend, eingetroffen waren.

    Ludmilla, eine 50-jährige Deutschlehrerin aus Irkutsk wollte mich dabei begleiten und holte mich dazu am Morgen vor dem Gasthaus in Listwijanka ab, wo wir die zwei Tage nächtigten. Auf dem Weg in die Stadt wollte sie mir als Kontrast zum Stadtleben erst noch aufzeigen, wie die in der Landwirtschaft tätige Mehrheit der Bevölkerung in dieser fordernden Landschaft Sibiriens (über-)lebt. Jetzt, Ende Mai, nachdem es letzte Woche nochmals einigen Schnee gageben hatte, können die Felder erst langsam bestellt werden, und rein statistisch ist der Sommer, wo die Nahrungsmittel für den harten Winter eingeholt werden müssen, in 69 Tagen bereits wieder vorbei. Es war beeindruckend zu sehen, welch raffinierte Techniken und Verhaltensweisen sich die Menschen in den abgeschiedenen Dörfern über die Jahrhunderte aneigneten hatten, um der unwirtlichen Natur in der langen, sehr kalten Jahreszeit zu trotzen.

    Irkutsk dagegen entwickelte sich nach dem Erlangen des Stadtrechts um 1600 schnell zu einer blühenden Handelsstadt und zum "Tor Russlands nach Asien", wo die Handelsbeziehungen mit der Mongolei und China intensiv gepflegt wurden. Ebenso treffend ist auch die zweite, weit verbreitete Bezeichnung "Paris von Sibirien", wie ich auf dem Stadtbummel rasch feststellen konnte, begegneten uns doch immer wieder wunderschöne Gebäude, erstellt in unerschiedlichsten, aus der ganzen Welt mitgebrachten und teilweise adaptierten Baustilen. Und Ludmilla wusste zu jedem Gebäude, allen Plätzen oder Statuen eine spannende Anekdote zu erzählen. Sie schwärmte unüberhörbar von ihrem Sibirien und träumte laut von einem Europa von Lissabon bis Vladivostok, als wir etwas über die politische Situation in Russland zu plaudern begannen.

    Ludmilla wuchs zu Zeiten des Kommunismus in Irkutsk auf, eignete sich ihr Deutsch dann in der ehemaligen DDR an, wurde Lehrerin, trat aber nie der Einheitspartei bei. Sie sei dankbar, dass sie heute ihren starken, christlich orthodoxen Glauben praktizieren dürfe, was ja zu Zeiten der Sowjetunion verboten war. Als Zeitzeugnis zeigte sie mir eine wunderschöne, mit eindrücklichen Ikonen und aufgemalten Märtyerbildern verzierte orthodoxe Kirche, die im Kommunismus fast ein Jahrhundert lang in eine Bäckerei umfunktioniert worden war. Und was denkt Ludmilla über Putin? "Wissen Sie Herr Guido, Russland mit seinen über 250 so verschiedenen Völkern braucht eine starke Hand an der Spitze, um das Land zusammen zu halten", entgegnete sie auf meine mit einem wohl leicht kritischen Unterton belegte Frage.

    Ich hätte noch stundenlang mit dieser von Wissen sprudelnden Frau reden und durch die faszinierende Stadt flanieren können, aber Züge warten ja bekanntlich nicht, und so begleitete sie mich noch zum Bahnsteig wo mein Zug schon bereit stand, um Punkt 18:22 Irkutsk zu verlassen.
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