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  • Day15

    Der letzte Zar Russlands

    June 2, 2017 in Russia ⋅ ⛅ 22 °C

    «Den Konjunktiv gibt es nicht in der Geschichte» - mit diesen Worten, in denen eine gewisse Melancholie unüberhörbar mitschwang, schloss Irina den fast fünfstündigen Rundgang durch Jekaterinburg und verschiedener Gedenkstätten vor der Stadt, wo wir heute der Geschichte des letzten Zaren Russlands, Nikolaj II, nachgingen. Wenn der erste Weltkrieg nicht gewesen wäre, hätte Russland heute vielleicht immer noch ihre Monarchie, wollte sie uns damit sagen, denn viele Russen trauern dieser Zeit nach, als der beliebte Zar das Grossreich noch führte.

    Die Geschichte des Zarentums hat in Jekaterinburg ihr tragisches Ende gefunden, als in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli 1918 die gesamte Zarenfamilie, Nikolaj II, seine Frau Alexandra, sowie die fünf Kinder Aleksej, Olga, Tatjana, Marija und Anastasia im Keller ihres Hauses, wo sie im Arrest waren, von den Bolschewiken heimtückisch erschossen wurden - zusammen mit ihren ergebenen nächsten Dienern, die eigentlich hätten fliehen dürfen, aber nicht von der Seite der Familie wichen und mit ihr in den Tod gingen. Die Geschichte des letzten Zaren ist aber auch stark mit der russischen orthodoxen Kirche verbunden, Nikolaj II und seine ganze Familie gelten als Märtyrer, sind inzwischen heiliggesprochen worden und zieren die zentralen Ikonen in jeder der vielen neu erbauten Kirchen. Da wo die Zarenfamilie den Tod fand, steht heute die grösste, von weitem sichtbare, wunderschöne «Kirche des Blutes», mit dessen Erbauung die russische Bevölkerung Sühne leisten wollte für das Verbrechen, das sie am Zaren und damit indirekt an Gott begangen hatten.

    Unser Rundgang hatte jedoch am Morgen etwa 40 Kilometer ausserhalb von Jekaterinburg begonnen, wo die sterblichen Überreste der Familie damals in aller Eile wegen der heranrückenden weissen Armee in einer Grube verscharrt worden waren, erst 1978 aufgrund der Öffnung des Staatsarchives und den gefunden Aufzeichnungen zu diesem Ereignis lokalisiert werden konnte und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des damit wieder erlaubten Praktizierens des Glaubens, ein Männerkloster erbaut worden ist, das heute einen bedeutenden Wallfahrtsort darstellt.

    Als ich mit Irina eine der vielen Holzkirchen des Klosters betrete und mich dabei automatisch bekreuzige, errege ich offenbar die Aufmerksamkeit eines der Aufsicht haltenden jungen Mönche, der sofort unterbruchlos, mit einer für eine Kirche nicht angemessenen Lautstärke auf mich einzureden beginnt und erst durch Irina mit den Worten, ich sei «halt» Katholik gestoppt werden kann. Überraschend freundlich, mit einem wohl leicht schlechten Gewissen, aufgrund meiner perplexen Reaktion, zeigte er mir dann wie ich die Finger gemäss orthodoxem Ritual korrekt hätte zusammenführen sollen und ermahnte mich zu mehr Ruhe und Gelassenheit im Leben, da ich das Bekreuzigen offenbar zu schnell vollzogen habe.

    Weil gerade das bedeutende Pfingstfest bevorsteht, sind alle Kirchen mit wunderschönen grün leuchtenden Birkenzweigen als Zeichen des Heiligen Geistes ausgeschmückt. Die auf dem Gelände und in den Kirchen überall vorhandene Symbolik, wie beispielsweise die 7 (statt normalerweise 3) Kirchentürme als Erinnerung an die 7 Mitglieder der Zarenfamilie oder die 23 Treppenstufe hinauf zur Kirche des Blutes als Bezug zur 23-jähigen Herrschaft des Zaren und den 23 Stufen, die in den Keller des Hauses führten, liessen die mit der Geschichte des Regenten bis ins Detail bewanderte Irina bei diesem Rundgang natürlich aus dem Vollen schöpfen, und wir realisierten gar nicht, dass wir ja gar kein Mittagessen eingenommen hatten, was dann anschliessend mit einem üppigen, usbekischen Essen jedoch mehr als kompensiert wurde, und mit einem ausgedehnten Abendspaziergang durch diese faszinierende Stadt seinerseits wieder kompensiert werden musste.
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