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  • Day3

    Die einstige Hauptstadt Jugoslawiens

    October 21, 2017 in Serbia ⋅ 🌙 13 °C

    Obwohl Belgrad auf eine fast zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann, befassten wir uns auf der geführten Stadttour vor allem mit den letzten knapp hundert Jahren. Die Römer hatten jedoch bereits an diesem strategischen Punkt zwischen den Flüssen Save und Donau zwischenzeitlich zehntausend Soldaten stationiert. Eine grosse steinerne Festung hoch über dem Ort, wo die beiden Flüsse zusammenkommen, verdeutlicht diese strategische Bedeutung noch heute.

    Die Entstehung des kommunistischen Staates Jugoslawiens aus den sieben Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Kosovo sowie Serbien unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg sowie dessen blutiger Zerfall gegen Ende des letzten Jahrtausends bilden eine einzigartige Epoche in Europa, die sogar in mehreren Museen der ehemaligen Hauptstadt aufgearbeitet worden ist. Dass diese Aufarbeitung jedoch noch nicht überall gleich gut erfolgt ist, merkten wir als sich unser mitgereister Kollege aus Bosnien bei der Erklärung durch unsere Stadtführerin Nina plötzlich in eine intensivere Diskussion verstrickte, insbesondere ob Kosovo nun Teil von Serbien sei oder eben nicht.

    Der Staat Jugoslawien ist ganz stark mit einer Person verbunden, der alleine ein ganzes Museum gewidmet ist, dem Jahrzehntelang regierenden Staatschef Josip Broz Tito. Er führte das Land vom zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tode 1980, auf den dann kurz darauf der Zerfall des Staates folgte. Aus dem ehemaligen Königreich Jugoslawien entstand unter ihm ein kommunistischer Staat, der sich jedoch im Gegensatz zu den anderen osteuropäischen Ländern erfolgreich von Stalin und der Sowjetunion distanzierte und in der Welt nach dem 2. Weltkrieg eine eigene Rolle spielte. Tito war eine Person die sich gerne auf der Weltbühne bewegte, das Museum war voller Geschenke, die der Vielreiser von seinen unzähligen Besuchen in fast allen Ländern der Welt mit nach Hause brachte. Seine Beerdigung war dann auch ein Aufmarsch von Staatsvertretern aus aller Welt, wie es die Geschichte wohl noch nie gesehen hat. Ganz im Stile der grossen Machthaber, lies er sich in einem imposanten Marmorsarkophag begraben, der in der Mitte seines Museums liegt.

    Das dunkelste Kapitel der jugoslawischen Geschichte war auch optisch immer noch gut erkennbar, als wir mit dem Bus an einem komplett zerschossenen mehrstöckigen Haus mitten im Stadtzentrum vorbeifuhren und uns daran erinnerte, dass hier vor 19 Jahren ein schlimmer Bürgerkrieg tobte. Der Wohnblock sei gleichzeitig ein Mahnmal, weil es damals von der NATO mit Uranmunition, also quasi Nuklearwaffen beschossen worden sei. Die Gegend sei heute noch radioaktiv verstrahlt und es habe in der Region zu einem massiven Anstieg an Krebserkrankungen geführt, führte Nina weiter aus.

    Belgrad hat die meisten zerstörten Gebäude wieder aufgebaut und in der aufstrebenden Stadt mit zwischenzeitlich 1.7 Mio. Einwohnern wird intensiv weiter gebaut. Mitten in der Stadt wird sogar eine riesen grosser neuer Dom erstellt, der für 10'000 Leute Platz bieten soll und zeigt, dass die im Kommunismus verbotene Religion wieder gelebt werden darf und heute primär im serbisch-orthodoxen Glauben praktiziert wird. Dass auf dieser teilweise bereits abgeschlossene Baustelle ein grosses Transparent des Geldgebers dieses Bauwerks, dem russischen Gazprom-Konzern hängt, spricht für sich. Das serbische und russische Volk sind eng miteinander verbunden und haben immer wieder die Nähe gesucht. Diese Verbundenheit zeigte sich auch in der kyrillischen Schrift, die in der Verfassung als offizielle Schrift verankert ist und bei vielen Gebäudebeschriftungen zu sehen ist. Dass aber auch die lateinische Schrift gleichwertig daneben eingesetzt wird, zeigt, dass Serbien oder damals Jugoslawien immer den eigenen Weg gegangen ist, zwischen der westlichen und östlichen Welt…

    Und auch ich gehe meinen Weg weiter, westwärts nach Hause. Das war’s von meiner Berichterstattung aus dieser interessanten Stadt. Danke für dein Interesse. Bis zum nächsten Trip!
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