Im fremden Wigwam
10. marts 2025, Japan ⋅ ☀️ 12 °C
Huch, so viele Leute stehen hier mit ihren Koffern in der Lobby? Wollen die auch alle aufs Schiff? Und die reden ja so lustig, was ist das? Aah, Wien! Klarer Fall:
Die Bordband steigt neu auf.
Traditionell ist dieses Gewerk fest in österreichischer Hand. Das war schon vor zehn Jahren so, als ich zum ersten Mal dabei war. "Mei, i hob mei Üb-Schalldämpforn zu Haus vergessn!" Klingt es aus der Busreihe hinter mir. Hihi.
So früh zum Schiff loszufahren ist ungewöhnlich, aber als klar wird, dass der Hafen noch rund 80(!) Kilometer entfernt ist, macht das wiederum Sinn.
Tokio - das sind eigentlich sechs Städte, die aufeinander zugewachsen sind im Laufe der Zeit und nun einen riesigen Ballungsraum bilden. So richtig was sehen von der größten Stadt der Welt kann ich nicht, außer sehr viele Autobahnen und rot-weiß-lackierte Strommasten.
Bei letzteren sticht dem Nerd sofort die aufwendige Bauweise ins Auge. Brücken, Gebäude, Masten - alles ist hier so konstruiert, dass es im Bedarfsfall fröhlich vor sich hinschwingen kann. Im erdbebenreichsten Land der Welt sicher eine gute Idee.
Ich bin echt nicht scharf darauf, eins zu erleben, aber wenn ich es mir aussuchen könnte, dann lieber hier als anderswo.
Während ich also auf der gut zweistündigen Fahrt durch die montägliche Rush Hour noch gespannt aus dem Fenster gucken und Eindrücke dieser fremden Welt sammeln kann, ist es mit Betreten des Schiffes schlagartig vorbei mit der Besinnlichkeit.
Da das ja irgendwie jedes Mal so ist, hab ich mir diesmal den Arbeitsauftrag erteilt, genau zu checken, wann und warum dieser Tag mich eigentlich so stresst.
Und hey, ganz ohne emotionale Lupe und Familienaufstellung bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es einfach mal kacke ist, wenn du nach exakt vier Stunden an Bord schon rausgeputzt am Klavier sitzen und die aufsteigenden Gäste bedudeln sollst, dein Vorgänger aber die Kabine noch gar nicht geräumt hat, sodass du dich nirgends umziehen kannst.
Darüber hinaus: Egal, nach welcher totsicheren Youtube-Methode du deine Oberhemden in Deutschland in den Koffer komplimentierst, sie sehen nach Ankunft immer aus wie das Gesicht der späten Mutter Teresa.
Also musst du auch erstmal noch die Crew Laundry finden, um dein Hemd zu bügeln.
Kommt auf die To-Do-Liste, denn erstmal musst du deine Rettungsweste abholen und dir vom Safety Officer auf einer anderthalbstündigen Runde durchs Schiff nochmal erklären lassen, wo die Rettungsboote sind (Spoiler Alert: Deck 8) und dass der Arm ab ist, wenn du ihn in eine sich schließende Watertight Door hältst.
Mal im ernst, hat das echt schon mal jemand gemacht? Ich meine, das Ding blinkt, piept und bewegt sich ohnehin nur, wenn du vorher auf der Brücke angerufen und um Erlaubnis gefragt hast.
Noch anderthalb Stunden bis die Gäste vom Flughafen ankommen und ich sie mit Klaviermusik begrüßen soll. Mein Vorgänger ist zwar jetzt weg, die Kabine aber noch hart verwohnt und .. ich formuliere es mal so .. klar als fremdes Territorium markiert - egal, welchen Sinn ich befrage.
Kein Vorwurf, auf diesen sechs Quadratmetern haust man halt hier an Bord und meinem Nachfolger wird es bestimmt ähnlich gehen, falls zwischen meiner Abfahrt und seiner Ankunft nicht die chemische Grundreinigung steht, die ich Freund wie Feind in dieser Situation wünsche.
Und die Reinigung steht auch irgendwann bei meiner Kabine an, nur - ihr ahnt es - jetzt gerade irgendwie nicht. Ich ziehe mich also notgedrungen in diesem fremden Wigwam um und stelle anschließend meine Koffer wieder auf den Gang, damit der Generalsanierung während meiner Abwesenheit nichts im Wege steht.
Die folgenden Stunden verbringe ich fröhlich lächelnd am Flügel. So lange wie heute werd ich höchstens noch einmal spielen, wenn in 17 Tagen die nächsten Gäste aufsteigen.
.. oder natürlich, wenn das Schiff seeehr langsam sinken sollte, was der Bordpianist ja traditionell musikalisch untermalt. 😉
Als alle an Bord sind, fackeln wir auch gar nicht lange: Leinen los, dreimal irre lautes Blöken des Schiffshorns (muss das wirklich sein?) und dann gleiten wir sanft aus dem Hafenbecken.
In den vor uns liegenden zwei Wochen werden wir zahlreiche Häfen in Japan und Südkorea anlaufen, ehe wir dann hier in Tokio neue Gäste an Bord nehmen und den Pazifik überqueren.Læs mere





RejsendeÄh nein…bitte mit Flügel aufs Rettungsboot und dort spielen…im Fall der Fälle.
Oh, ich liebe das Schiffshorn! [Elisabeth]