• Herr Ozeanpianist
März – Apr. 2025

Von Tokio nach Los Angeles

Freundlich lächelnd Klavierspielen zu können, das öffnet mir mal wieder die Tür für Abenteuer fernab dessen, wo sich mein Leben sonst so abspielt. 5 Wochen geht's erst rund um Japan und dann über Hawaii nach Los Angeles. Weiterlesen
  • Beginn der Reise
    8. März 2025

    Ab nach Tokio

    8.–9. März in Japan ⋅ ☀️ 5 °C

    Es ist Samstag Mittag, ich stehe am BER in der kurzen Schlange des Check-In-Schalters von Qatar Airways und kann mich nicht erinnern, schon mal zu so einer entspannten Tageszeit Richtung Schiff aufgebrochen zu sein.

    Nun beginnt sie also wieder, die Zeit der zwei Uhrzeiten auf dem Sperrbildschirm und der zwei Herzen in der Brust:
    Mein Familienherz, das die Tage bis zum Wiedersehen zählt und mein Entdeckerherz, das schon ganz vorfreudig dem Moment entgegenpocht, wenn der Fernsehturm unter der Wolkendecke verschwindet.

    Sieben Wochen werd ich diesmal weg sein.
    Einmal die ganze Welt umrunden, immer gen Osten. Das erste Drittel der Strecke wird rasend schnell gehen - schon in 18 Stunden steige ich in Tokio aus dem Flugzeug.
    Danach geht es deutlich gemächlicher weiter.

    Der Rahmen ist gesetzt, seit anderthalb Jahren ist der Blocker „Schiff Tokio —> LA“ im Kalender. Jetzt soll Stück für Stück, Tag für Tag ein Abenteuer daraus werden.

    Dass Langstrecke in der Holzklasse eng und unbequem ist, wenn man größer als eins-fünfzig ist, muss hier nicht extra ausgebreitet werden. Die drei Stunden nächtlicher Aufenthalt in Doha tun mir gut. Ich laufe mich so richtig müde - in der Hoffnung, auf dem zweiten Flug ein bisschen schlafen zu können. Tatsächlich klappt das sogar für ein paar Stündchen, nachdem ich mir "Oppenheimer" angeschaut hab. Ein Film, der mich schon in wenigen Tagen nochmal so richtig einholen wird.

    Als wir in Tokio landen, geht die Sonne gerade unter. Seltsam, dass das hier vormittags passiert, denkt mein Körper. Das werden matschige Tage werden jetzt, aber das gehört ja irgendwie auch dazu.
    Alles ist wie immer sehr gut organisiert, schon eine knappe Stunde später bin ich auf meinem Hotelzimmer. Highlight: Die japanische Toilette. Was ist das denn bitte!?
    Nach intensivem Studium der Bedienungsanleitung muss ich natürlich alle Knöpfe mal ausprobieren. Uh! Oh? Aaah!😊

    Da morgen bereits um 7 Uhr der Shuttlebus zum Schiff geht, leg ich mich dann recht bald aufs Ohr. Getting ready for Embarkation Day.
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  • Werde von diesem freundlichen Herren an Bord begrüßt.😉Vorfreude, gleich geht's los

    Im fremden Wigwam

    10. März in Japan ⋅ ☀️ 12 °C

    Huch, so viele Leute stehen hier mit ihren Koffern in der Lobby? Wollen die auch alle aufs Schiff? Und die reden ja so lustig, was ist das? Aah, Wien! Klarer Fall:
    Die Bordband steigt neu auf.

    Traditionell ist dieses Gewerk fest in österreichischer Hand. Das war schon vor zehn Jahren so, als ich zum ersten Mal dabei war. "Mei, i hob mei Üb-Schalldämpforn zu Haus vergessn!" Klingt es aus der Busreihe hinter mir. Hihi.

    So früh zum Schiff loszufahren ist ungewöhnlich, aber als klar wird, dass der Hafen noch rund 80(!) Kilometer entfernt ist, macht das wiederum Sinn.

    Tokio - das sind eigentlich sechs Städte, die aufeinander zugewachsen sind im Laufe der Zeit und nun einen riesigen Ballungsraum bilden. So richtig was sehen von der größten Stadt der Welt kann ich nicht, außer sehr viele Autobahnen und rot-weiß-lackierte Strommasten.

    Bei letzteren sticht dem Nerd sofort die aufwendige Bauweise ins Auge. Brücken, Gebäude, Masten - alles ist hier so konstruiert, dass es im Bedarfsfall fröhlich vor sich hinschwingen kann. Im erdbebenreichsten Land der Welt sicher eine gute Idee.
    Ich bin echt nicht scharf darauf, eins zu erleben, aber wenn ich es mir aussuchen könnte, dann lieber hier als anderswo.

    Während ich also auf der gut zweistündigen Fahrt durch die montägliche Rush Hour noch gespannt aus dem Fenster gucken und Eindrücke dieser fremden Welt sammeln kann, ist es mit Betreten des Schiffes schlagartig vorbei mit der Besinnlichkeit.

    Da das ja irgendwie jedes Mal so ist, hab ich mir diesmal den Arbeitsauftrag erteilt, genau zu checken, wann und warum dieser Tag mich eigentlich so stresst.

    Und hey, ganz ohne emotionale Lupe und Familienaufstellung bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es einfach mal kacke ist, wenn du nach exakt vier Stunden an Bord schon rausgeputzt am Klavier sitzen und die aufsteigenden Gäste bedudeln sollst, dein Vorgänger aber die Kabine noch gar nicht geräumt hat, sodass du dich nirgends umziehen kannst.
    Darüber hinaus: Egal, nach welcher totsicheren Youtube-Methode du deine Oberhemden in Deutschland in den Koffer komplimentierst, sie sehen nach Ankunft immer aus wie das Gesicht der späten Mutter Teresa.
    Also musst du auch erstmal noch die Crew Laundry finden, um dein Hemd zu bügeln.

    Kommt auf die To-Do-Liste, denn erstmal musst du deine Rettungsweste abholen und dir vom Safety Officer auf einer anderthalbstündigen Runde durchs Schiff nochmal erklären lassen, wo die Rettungsboote sind (Spoiler Alert: Deck 8) und dass der Arm ab ist, wenn du ihn in eine sich schließende Watertight Door hältst.
    Mal im ernst, hat das echt schon mal jemand gemacht? Ich meine, das Ding blinkt, piept und bewegt sich ohnehin nur, wenn du vorher auf der Brücke angerufen und um Erlaubnis gefragt hast.

    Noch anderthalb Stunden bis die Gäste vom Flughafen ankommen und ich sie mit Klaviermusik begrüßen soll. Mein Vorgänger ist zwar jetzt weg, die Kabine aber noch hart verwohnt und .. ich formuliere es mal so .. klar als fremdes Territorium markiert - egal, welchen Sinn ich befrage.

    Kein Vorwurf, auf diesen sechs Quadratmetern haust man halt hier an Bord und meinem Nachfolger wird es bestimmt ähnlich gehen, falls zwischen meiner Abfahrt und seiner Ankunft nicht die chemische Grundreinigung steht, die ich Freund wie Feind in dieser Situation wünsche.

    Und die Reinigung steht auch irgendwann bei meiner Kabine an, nur - ihr ahnt es - jetzt gerade irgendwie nicht. Ich ziehe mich also notgedrungen in diesem fremden Wigwam um und stelle anschließend meine Koffer wieder auf den Gang, damit der Generalsanierung während meiner Abwesenheit nichts im Wege steht.

    Die folgenden Stunden verbringe ich fröhlich lächelnd am Flügel. So lange wie heute werd ich höchstens noch einmal spielen, wenn in 17 Tagen die nächsten Gäste aufsteigen.

    .. oder natürlich, wenn das Schiff seeehr langsam sinken sollte, was der Bordpianist ja traditionell musikalisch untermalt. 😉

    Als alle an Bord sind, fackeln wir auch gar nicht lange: Leinen los, dreimal irre lautes Blöken des Schiffshorns (muss das wirklich sein?) und dann gleiten wir sanft aus dem Hafenbecken.

    In den vor uns liegenden zwei Wochen werden wir zahlreiche Häfen in Japan und Südkorea anlaufen, ehe wir dann hier in Tokio neue Gäste an Bord nehmen und den Pazifik überqueren.
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  • Tag auf See

    11. März, Philippine Sea ⋅ 🌙 17 °C

    Einen Vorteil hatte der ereignisreiche Aufstiegstag gestern:
    Ich hab geschlafen wie ein Baby.
    Gleich morgens um neun gibt es heute einen Crew-Drill. Da wir in wenigen Wochen in die USA einreisen und die Behörden dort bekannt sind für ihre strikten Kontrollen, gibt es in den kommenden Tagen mehr Übungen an Bord als sonst. Für mich gibt es da immer nicht so viel zu tun, aber anwesend sein und höchst hilfsbereit aussehen muss ich.
    Das kann ich.

    Anschließend höre ich mir im Theater die Vorstellung aller Landausflüge dieser Reise an. Von den Expeditionsschiffen kenne ich es ja, dass man als Crew auch Ausflüge begleiten kann. Ich bin jetzt erstmal davon ausgegangen, dass das auf diesem größeren Schiff nicht so ohne weiteres möglich sein wird, aber zu meinem Glück gibt es auch hier im Büro der Touristik eine Wunschliste, in die man sich eintragen kann.

    Da das Schiff maximal ausgelastet ist, weil diese Japan-Reise in der Coronazeit ausgefallen ist und nun sowohl Gäste an Bord sind, die das nachholen als auch solche, die erst kürzlich auf die Idee gekommen sind, dass das hier spannend sein könnte, werde ich von der Touristik dankbar empfangen.

    Bis zu 18 Ausflüge laufen in den nächsten Wochen parallel am Tag und sie haben gar nicht die (Wo-)Manpower, überall jemanden aus ihren Reihen mitzuschicken.

    Und so verbringe ich den verbleibenden Tag mit Rumrennen auf'm Laufband, über Ausflugswünsche nachdenken und natürlich auch ein bisschen mit Klavierspielen.
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  • berühmter Holztempel hinter berühmter Steinmauer
    7 Japaner buddeln ein LochPianistenregel #1Rrrr!Auch ne schöne Naseab auf die Arbeit - Arbeitsweg: 42 Sekundender Lotse geleitet uns wieder raus aus'm Hafen

    Der Tempel von Himeji

    12. März in Japan ⋅ ☀️ 17 °C

    Ein nicht ganz unbedeutender Vorzug des Arbeitens auf diesen Luxusschiffen ist zweifelsohne das leckere Essen.
    Da das Schiff ja aber aus allen Nähten platzt, gab es an meinem geliebten Embarkation Day zwischendurch auch noch die Ansage vom Cruise Director, dass alle Musiker doch bitte in den kommenden zwei Wochen wie der Rest der Crew im Maschinenraum rohe Kartoffeln essen sollen.

    .. naja, ganz so schlimm ist es nicht, aber vom Fünfsterneplus-Buffet zu eher unterdurchschnittlichem Kantinenessen in der Crew Mess, das hat schon eine gewisse Fallhöhe.

    Und so steht beim ersten Hafen der Reise heute nicht nur auf meinem Zettel, zu Fuß die Gegend zu erkunden und ein paar schöne Fotos zu machen, sondern auch, mir ein bisschen japanisches Fertigessen zu besorgen, um den Kühlschrank meiner Kombüse zu füllen.

    Der Shuttlebus vom Hafen wirft uns direkt am Bahnhof des Städtchens raus. Der ist erstaunlich groß, weil er im Grunde aus zwei Bahnhöfen besteht: Einer für den normalen Bummelzugverkehr und parallel dazu der separate Bahnhof für den Shinghansen, den berühmten japanischen Schnellzug.

    Sehen kann man den leider nicht von hier unten, da er im Bahnhofsbereich liebevoll ummantelt und auch sonst auf hohen Stelzen durch die Gegend jagt.

    Och schade.
    Der Teil von mir, der mal ein paar Semester Verkehrswesen studiert hat und sich für derlei nerdigen Kram interessiert, hätte schon gern mal einen Shinghansen gesehen.

    Dafür höre ich immerhin just in dem Moment einen durchrauschen, als ich die Gleise unterquere. Woa, wie ein Düsenjet klingt das!

    Dass meine kindliche Freude darüber von den umstehenden Japanern nicht geteilt wird, macht mir gar nichts aus. Ich hab einen echten Shinghansen gehört, Leute! Was soll denn jetzt noch kommen im Leben? Ich kann doch eigentlich direkt wieder nach Hause fliegen.😉

    Während ich jenseits des Bahnhofs einmal um den berühmten weißen Holztempel schlendere, für den die Stadt Himeji bekannt ist, wage ich ein paar tollkühne Gedanken:

    Es ist jetzt noch nicht mal 11. Ich muss erst zur Tea Time um 16 Uhr wieder am Flügel sitzen und so tun, als würde ich Chopin spielen.
    Wenn ich jetzt mal eben mit dem Schnellzug in die Nachbarstadt und zurück düse, das sollte doch .. das könnte doch eigentlich...

    Und so stehe ich wenig später wieder in der Bahnhofshalle am Fahrkartenautomaten. Ich sehe wohl deutlicher hilfloser aus, als ich mich in meiner Abenteuerlust fühle, denn nach wenigen Augenblicken kommt eine sehr freundliche Bahnhofsangestellte und hilft mir beim Lösen der Tickets.

    Ein bisschen lachen muss sie schon, als ich ihr zu verstehen gebe, dass ich wirklich nur eine Station in die eine Richtung und dann sofort wieder zurück will.
    Aber schließlich halte ich für umgerechnet 16 Euro zwei kleine Papierstreifen in der Hand, die mir Zugang zum separaten Highspeed-Train-Terminal gewähren sollen.

    Auch so eine Art Tempel, denke ich.
    Drei Rolltreppen später stehe ich fasziniert auf dem Bahnsteig.

    Wie ich es schon vom Schnellbahnsystem in Taiwan kenne, sind die Bahnhöfe rechts und links der eigentlichen Strecke angeordnet, so wie Raststätten auf einer Autobahn. Züge, die nicht halten, donnern also nicht direkt am Bahnsteig, sondern in vollem Tempo auf den Mittelgleisen vorbei. Was für ein Spektakel!

    Meine Reise in dem schnabeligen Ungetüm, das innen eher wie ein Flugzeug anmutet mit seinen kleinen runden Fenstern, dauert dann zwar nur jeweils 9 Minuten, diesen Tiefflug durch die japanische Hügellandschaft genieße ich aber in vollen Zügen (haha), mit klopfendem Herzen und breitem Grinsen.

    Mit Klebereis-Tütchen in allen erdenklichen Geschmackssorten im Rucksack geht es dann überpünktlich zurück aufs Schiff.

    "Na, wie fandest du es in der Stadt? Toller Tempel, ne?"
    "Absolut beeindruckender Tempel. Wie die das konstruiert haben, krass."

    ..dass wir von völlig unterschiedlichen "Tempeln" sprechen, muss ja keiner wissen. 😊
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  • Schiff mal von oben, ganz ohne DrohneFinde den BaumOsaka gewinnt sicher nicht den Preis für die grünste StadtMmmmittag!😊viele Menschen auf Fahrrädern unterwegsMondwein

    Drill unterm Riesenrad

    13. März in Japan ⋅ ☀️ 17 °C

    In der Regel fährt das Schiff nachts von einer Destination zur nächsten und legt dann in den Morgenstunden an.
    Ein Vorgang, den ich beim besten Willen nicht verpassen kann, da ich quasi direkt über’m Bugstrahlruder schlafe.
    Und wenn das Teil angeworfen wird, um das Schiff seitlich an die Pier zu schieben, wackelt meine ganze Bude, obwohl ich hier (anders als auf den Expeditionsschiffen) auf Deck 7 und somit relativ weit oben wohne. Sogar ein hübsches kleines Bullauge Richtung Bug schmückt meine vier Wände. So sehe ich als allererster, wenn wir einen Eisberg rammen, yeah!

    Vom Anlegemanöver tüchtig durchgeschüttelt, trete ich auf den kleinen Crewbalkon, der direkt vor meiner Kabine liegt und krieg erstmal einen ziemlichen Schreck, weil fast direkt über meinem Kopf die Gondeln eines mächtigen Riesenrads hängen. Auch sonst sieht es hier ziemlich bunt und lebhaft aus. Willkommen in Osaka, der drittgrößten Stadt Japans.

    Zeitlich limitiert in meinen Erkundungen durch den Arbeitsbeginn um 16 Uhr, versuche ich morgens immer recht früh von Bord zu kommen. An der Gangway werde ich jedoch zurückgewiesen.

    "Nice try, pianist.. Heute proben wir den General Alarm im Hafen. Da kannst du nicht einfach rausgehen." Verächtlicher Blick.

    Natürlich hatte ich das am Aushang gelesen, aber da dort nur was von "drill for remaining crew on board" stand, dachte ich, dass ich mich einfach vorher aus dem Staub machen und eben nicht "remaining crew on board" sondern "exploring ocean pianist on shore leave" sein könnte.
    Falsch gedacht.

    Bei einem Notfallszenario im Hafen können natürlich nur diejenigen Crewmitglieder helfen, die nicht gerade Apfelsaft im nächsten Supermarkt einkaufen sind. Mindestens 126 von 370 müssen das zu jedem Zeitpunkt sein. .. also an Bord, nicht Apfelsaft einkaufen. Proben müssen diesen Ernstfall heut aber alle.
    Ist ja auch logisch irgendwie.

    Bis der "Verletzte" endlich die Gangway hinuntergetragen ist, stehe ich mit meiner Rettungsweste unterm Riesenrad, zwischen den ebenfalls rettungsbewesteten Kollegen von Bordband und Fitnessstudio. Im Ernstfall wird’s in meinem Rettungsboot gute Mucke und Stretching vom Feinsten geben, so viel ist sicher.

    Als ich mich schließlich auf den Weg in die Stadt machen kann, ist es schon kurz vor zwölf.
    Bis ins eigentliche Zentrum von Osaka zu laufen, das werd ich jetzt nicht mehr schaffen. Daher besteige ich zunächst das Riesenrad vor der Haustür, um mir aus 110m Höhe mal einen Eindruck zu verschaffen, in welcher Richtung es besonders nett aussieht, ehe ich mich durch die Straßen der näheren Umgebung tragen lasse.

    Ich mag es total, mich an jeder Häuserecke neu zu entscheiden, wo es mich gerade hinzieht. Dabei gibt es eigentlich in jeder Himmelsrichtung Dinge zu entdecken - und seien es nur die aberwitzigen Hochstraßen, die sich quer durch die Stadt und um sich selbst winden.

    Mir fällt auf, dass es außerordentlich viele Fahrräder zu geben scheint. Besonders für ältere Menschen ist das anscheinend das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Vielleicht auch ein Teil des Geheimnisses, warum die Lebenserwartung in Japan so hoch ist?

    Da Osaka auf Meeresniveau liegt und wenige echte Erhebungen hat, ist die Stadt bei Tsunamis besonders verwundbar. Daher stehen im ganzen Stadtgebiet Schilder, in welche Richtung man sich bei Ertönen des Alarms begeben soll, um ein sicheres und vor allem hohes Gebäude zu finden.

    Ich stelle mir vor, wie hunderttausende Menschen versuchen, sich in wenige Gebäude zu drängen und denke lieber an etwas anderes. Immerhin hat man zwischen Erdbeben und Tsunami 114 Minuten Zeit. Da schaffe ich doch wohl, mich in meinem Flügel an Bord zu verkriechen.

    Die dreieckigen Klebereis-Klumpen, die ich mir in Himeji gekauft hatte, haben sich als erstaunlich leckere Snacks erwiesen, sodass ich mir auf dem Weg zurück zum Schiff auf jeden Fall Nachschub besorgen will. Ohne die Beschränkungen beim Essen an Bord hätte ich die wohl gar nicht für mich entdeckt. Hat doch alles auch sein Gutes.

    Nach knapp 15km in den Beinen bin ich zurück auf'm Schiff und sinne beim Klavierspielen noch ein bisschen darüber nach, was ich heute alles sehen, erfahren, lernen durfte.

    Schiffsglücklich trink ich zum Feierabend noch ein Gläschen Rotwein in der Sansibar (in die ich eigentlich gerade auch nicht darf, weil volles Schiff, aber das weiß ich zum Glück nicht😉) und schaue der blinkenden Großstadt beim Kleinerwerden zu.
    What a life.
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  • Schmeisst den Ozeanpianisten raus!

    14. März, Philippine Sea ⋅ 🌧 14 °C

    Ich spiele hier in der Regel täglich dreimal eine Stunde Klavier. Dabei überlege ich mir vorher grob, welche Lieder/Stücke/Melodien ich streifen will - quasi meine Setlist ohne feste Reihenfolge - und dann spiele ich mich da so durch.

    Normalerweise klappt das echt gut.
    Gestern Abend wollte das allerdings plötzlich so gar nicht mehr funktionieren.

    Es gibt ja so Momente, da klappen selbst die einfachsten Abläufe nicht mehr. Und wenn es in den langen 60 Minuten des letzten Sets eine 50/50-Chance gab, welcher Akkord der nächste, welcher folgende Melodieton der richtige sein könnte, so lag ich mit beeindruckender Konsequenz daneben.

    Inmitten meiner Kakophonie kam dann auch noch der Pianist der Bordband vorbeigeschlendert. Wahrscheinlich ist er anschließend direkt auf seine Kabine gejoggt und hat einen Brandbrief an die Reederei in Hamburg verfasst, dass der Ozeanpianist ja mal gar nichts kann und im nächsten Hafen doch besser ersetzt werden sollte.

    Mit diesem etwas unguten Gefühl bin ich also gestern Abend in meiner Koje verschwunden und hab mich von den Wellen in den Schlaf wiegen lassen.

    Heute, am Seetag, sieht die Welt schon wieder besser aus und ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass dieses Tal wohl hin und wieder durchschritten werden muss und es anderen womöglich auch so geht. Trotzdem schnappe ich mir meine Kopfhörer und gehe in den Rauchersalon auf Deck 4.
    Denn dort steht ein E-Piano, das zu Übungszwecken genutzt werden kann, während alte Herren in schweren Ledersesseln an ihren Cohibas rumpulen.

    In diesem Falle gefährdet Üben tatsächlich die Gesundheit, tut mir mental aber sehr gut, weil doch ein paar der hart vermissten basic skills zurückgekommen zu sein scheinen.

    Und so bereite ich meine Sets heute noch ein bisschen gewissenhafter vor als sonst, und während unser Schiff über den offenen Pazifik gen Süden zum nächsten Hafen schaukelt, spiele ich den Leuten feinste Klaviermusik an die Ohren.

    Ha, Bandpianist! Guck mal, Melodie im Bass und geile Chords drüber. Jetzt hast du deinen Brief gestern ganz umsonst geschrieben.
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  • Friedensdenkmal "Atomic Bomb Dome"
    über dieser Brücke explodierte die Atombombe in etwa 600m Höhe

    Hiroshima

    15. März in Japan ⋅ ☀️ 8 °C

    Hiroshima. Vier Silben, die mich erschaudern lassen - erst recht, nachdem "Oppenheimer" auf dem Hinflug mein rudimentäres Wissen rund um das Manhattan Project nochmal aufgefrischt hat.

    Ich hab mir oft versucht, vorzustellen, wie es in Hiroshima wohl aussieht. Vor meinem geistigen Auge verschwammen dann die typischen Bilder, die kurz nach dem Abwurf der Atombombe 1945 entstanden sind - fensterlose Häusergerippe, menschenleeres Chaos - mit modernen Museumsbauten.
    In jedem Fall aber war das Hiroshima meiner Fantasie ein einziges Mahnmal, ein Fingerzeig der Schrecklichkeit, wohin man auch schaut.

    Nun, das echte Hiroshima ist so gar nichts davon.

    Klar, es gibt den Friedenspark und die Ruine der Internationalen Handelskammer, die nicht wieder aufgebaut wurde und als "Atomic Bomb Dome" mahnend am Ufer des Flusses steht.

    Tatsächlich ein gruseliger Anblick.

    Ansonsten aber scheint das Thema Atombombenabwurf in dieser eher durchschnittlich hübschen japanischen Großstadt echt kein Thema zu sein.

    Warum das so ist, das beschäftigt mich all die Stunden, die ich durch die Straßen laufe.
    Vielleicht - so Theorie 1 - ist die Vernichtung von 70.000 Menschen innerhalb einer Sekunde (nochmal 100.000 binnen eines Jahres und unzähligen weiteren durch Spätfolgen bis zum heutigen Tag) ein so unvorstellbares Ereignis, dass es schier nicht auszuhalten ist, sich das immer vor Augen zu halten.

    Möglicherweise fehlt auch schlicht die emotionale Bindung zu den Opfern, wenn ganze Generationen ausgelöscht sind und "neue" Menschen im Nichts einen gesellschaftlichen Neuanfang wagen müssen?

    Auch hat es vielleicht mit der japanischen Mentalität zu tun, Gefühle wie Trauer und Verwundbarkeit nicht offen zur Schau zu stellen und der Welt eher zu zeigen, dass aus den Trümmern des alten Hiroshima ein neues, größeres, besseres entstanden ist.

    Was auch immer es ist, es ist für mich irgendwie seltsam. Und so stehe ich auf der Rolltreppe zur unterirdischen Mall, alles piepst und blinkt und ich bin von diesem unbekümmerten Vibrieren womöglich noch mehr betroffen, als wenn ich den Ort so museumsmäßig-selbstreflektiert vorgefunden hätte, wie ich ihn mir vorher erdacht hatte.

    Vor dem Stand mit den dampfenden Dumplings setze ich mich mal kurz auf eine Bank. Dieser Kloß in meinem Bauch, das ist eine echte, tiefe Traurigkeit.
    Ich trauere um Frauen, Männer, Kinder, Tiere. Um Pläne, Träume, Visionen, um die kleinen familiären Rituale und langjährigen Traditionen, die innerhalb eines Augenblicks für immer ausgelöscht worden sind.

    So absurd mir Schilder wie "Starbuck's Hiroshima" oder "Hiroshima Super Sushi" vorkommen, so sehr weiß ich auch, dass die Welt sich mittlerweile 80 Jahre weitergedreht hat und es meine ganz persönliche Engstirnigkeit ist, hier eine Stadt erwartet zu haben, die sich vorwiegend über den 6. August 1945 definiert.

    Nein, Hiroshima 2025 steht vor allem dafür, was es aus seinem Schicksal gemacht hat - wie so viele andere Orte auf der Welt auch.

    Während ich zurück zum Schiff laufe, denke ich kopfschüttelnd an die aktuelle Diskussion über die nukleare Aufrüstung in Europa.
    Gestatten, Homo sapiens, einzige Spezies, die die beeindruckende Fähigkeit entwickelt hat, sich selbst und den gesamten Planeten auszulöschen. Guck mal: Bumm.

    Außerdem versuche ich, hier im Linksverkehr nicht von einem Auto überfahren zu werden. Weil - so meine Überlegung - wenn meine Enkel irgendwann erzählen, dass ihr Großvater in Hiroshima ums Leben gekommen ist, dann müssen sie immer dazusagen, dass es nicht bei DEM Hiroshima passiert ist sondern bisschen später.
    Das will ich ihnen ersparen.
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  • Kanmon-Brückeder Bürgermeister von TempaiMönch bereitet sich auf unsere Unterweisung vorLöwe, der lange nicht Zähne geputzt hat

    Ausflug mit Überraschungen

    16. März in Japan ⋅ ☀️ 11 °C

    Auf dem Weg zum nächsten Hafen passieren wir nachts eine spannende nautische Wegmarke. Die Kanmon-Straße an der schmalsten Stelle der Hayatomo-Meerenge ist eine nur 600m breite Durchfahrt, welche die beiden Hauptinseln Honshū und Kyūshū voneinander trennt. Überspannt von der imposanten Kanmon-Hängebrücke mit ihren 141m hohen Pylonen.

    Ich bin zwar am nächsten Tag auf meinem ersten Gäste-Ausflug eingeteilt und kann nicht bis 2 Uhr gespannt an Deck stehen, wache aber zufällig zur rechten Zeit auf, um wenigstens ein Foto durch mein Bullauge zu schiessen.

    Der nächste Morgen beginnt kalt und nass, ohne Aussicht auf Besserung. Da im Mittelpunkt des Ausflugs die "Erlebnis-Wanderung auf den Mount Tempai" steht, bin ich doch sehr froh, meine Regenklamotten eingepackt zu haben. Auch wasserfeste Schuhe hab ich für solche Zwecke eigentlich dabei. Der eine von beiden gibt mir aber bereits nach der ersten Pfütze zu verstehen, dass er das nicht so ernst nimmt. So muss ich heut also nicht nur nach den Gästen, sondern auch genau auf den Weg schauen, weil sich meine linke Socke sonst bei jedem Schritt ins Nasse mit feinstem japanischen Wasser vollsaugt.

    Auch wenn davon auszugehen ist, dass sich die Ausflugsbegleitung nicht groß von der unterscheidet, die ich auf anderen Schiffen bereits erproben konnte, bin ich doch ein wenig aufgeregt. Denn das Touristik-Team hier kennt mich noch nicht und wenn ich nach dem heutigen Tag noch auf weitere Ausflüge mit will, sollte ich hier einen guten Eindruck hinterlassen.

    So stehe ich also überpünktlich mit meiner ausgedruckten Namensliste vor Bus Nummer 10, spreche mit Yuki - unserem lokalen Guide - den Ablauf durch und warte auf die 26 Gäste, die diesen Trip gebucht haben.

    Nach etwa 30-minütiger Fahrt erreichen wir den Wanderparkplatz am Fuße des Hügelchens. Dort erwartet uns schon eine kleine Delegation mit bunten Fahnen, inklusive fein rausgeputztem Bürgermeister. Der kann gar nicht glauben, dass eine Gruppe von Touristen aus dem fernen Deutschland ausgerechnet in sein Örtchen kommt.

    Fukuoka, so erklärt unser Guide später, ist für Japan-Besucher im absoluten Nirgendwo. Erst recht dieses Dorf außerhalb der Stadt hier. Weiter westlich als Hiroshima kommen die Touristen in der Regel nicht.

    Der Bürgermeister gibt sich präsidial, schüttelt Hände und stellt Fragen. Das ist alles sehr rührend und wertschätzend, gleichzeitig aber auch etwas unpraktisch, denn es nieselt und die Gruppe würde sich gern in Bewegung setzen.

    Daraus wird aber erstmal nichts. Yuki kündigt strahlend eine grooße Überraschung an: Wir dürfen vor der Wanderung noch den ältesten Tempel des Ortes besichtigen. "Wow!" - die passende Emotion liefert er am Ende der Ankündigung direkt mit.

    Nun haben die Gäste in den vergangenen acht Tagen allerdings schon so viele Tempel gesehen, dass der ganz große Jubel ausbleibt.

    Dennoch folgen wir den Fahnenträgern, die uns weihevoll zum Eingang des Tempels geleiten. Warte, das soll der Tempel sein? Erinnert mich doch eher an einen Bungalow aus Ostzeiten. Und tatsächlich - "Überraschung!" - ist das NICHT der Tempel, sondern erstmal der Pavillon für die rituellen Teezeremonien, den wir noch VOR dem Tempel besuchen dürfen.

    Das Häuschen ist zu einer Seite offen und gibt den Blick frei auf einen kleinen Teich. Wir sollen uns gründlich die Schuhe reinigen und uns dann alle dort hineinsetzen.

    Ich sehe vor meinem geistigen Auge schon den ersten Opi in den Teich plumpsen, weil die Massen vom Eingang nachschieben.
    Eng aneinandergekuschelt sitzen wir an einer Art Tisch und ich antizipiere bereits hellsichtig die nächste Überraschung: Tee für alle!

    Und tatsächlich schiebt sich eine zierliche Frau zwischen Gruppe und Teich und erklärt feierlich, dass dies hier der Ort ist, wo es normalerweise Tee gibt.
    Punkt. Stille.
    Dann bittet sie uns freundlich wieder raus aus'm Haus.

    Witzigster Ausflug meiner Schiffskarriere bisher, denke ich schmunzelnd, dabei hatte ich den buddhistischen Obermönch noch gar nicht auf der Rechnung, der uns nun vor dem wirklich sehr schönen Tempel empfängt und eine kleine Rede hält, die Yuki für uns ins Englische übersetzt.

    So langsam beginne ich auf die Uhr zu schielen. Die Entertainment Managerin hatte zwar keine Einwände, dass ich mit auf Ausflüge gehe, aber natürlich immer unter der Prämisse, dass ich um 16 Uhr wieder an meinem eigentlichen Arbeitsplatz sitze und Klavier spiele. Ich schaue mich vorsichtig um. Weit und breit kein anderer Tempel zu sehen. Puh.

    Die Zeit der großen Überraschungen ist aber noch nicht vorbei: Wir werden in ein Nebengelass geführt, in dem sich eine Art Klassenzimmer mit aufgereihten Zweiertischen befindet.

    Der Ortsgeistliche ist vorerst verschwunden. Als alle an ihren Schulbänken sitzen, gleitet vorn jedoch eine Schiebetür auf und er ist wieder da. Stellt sich nochmals vor und erzählt, wie er 1989 für ein paar Wochen in Frankfurt/Main gelebt hat.

    Dabei lässt er dem armen Yuki praktisch keine Übersetzungspausen, sodass der sich diese immer mit einem lachenden "Ähhhh" erkämpfen muss. Ich kann bald nicht mehr, das ist so irre komisch alles!

    Schließlich schreitet der Mönch zum Whiteboard und legt so richtig los. "Also Leute, der Buddhismus im Allgemeinen, ..."
    Pfeile, Dreiecke, Kreise...
    Yuki sieht meinen mahnenden Blick zur Uhr und berührt den wasserfall-artig dozierenden Diener Buddhas sanft am Arm, sodass dieser - ich meine etwas beleidigt - den Stift zur Seite legt und uns einen guten Aufstieg auf den Berg wünscht, der dann auch tatsächlich beginnt und so ereignislos und flott vonstatten geht, dass es hier nicht weiter ausgebreitet werden muss.

    Erheitert und pünktlich zurück auf'm Kahn denke ich beim Klavierspielen noch ein bisschen an den putzigen Mönch, der mich in seiner Art doch sehr an meinen alten Chef aus Kirchenmusiker-Zeiten erinnert hat.
    Ihm zu Ehren verpacke ich heut ein paar Kirchenlieder in kleine Pop-Pakete und lasse sie durchs Schiff hallen.
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  • Zurück in Busan

    17. März in Südkorea ⋅ ☁️ 5 °C

    Die Nacht haben wir mal wieder genutzt, um Strecke zu machen.
    Bei auffrischendem Wind sind wir im Wienerwalzerschritt einmal quer über's Gelbe Meer getanzt und haben soeben in Busan/Südkorea festgemacht.

    Erneut begleite ich einen Ausflug und komme so in den Genuss, mir die beeindruckende Hafenstadt mal genauer anschauen zu können.

    Ich war hier tatsächlich schon mal, auch wenn das fast 25 Jahre her ist: Mit dem Schulchor bei der Chor-Olympiade. Das war auch aufregend, aber eher wegen der dreieinhalb Chor-Mädchen, in die ich damals heimlich verknallt war. Möglicherweise hab ich auch deswegen so gut wie keine Erinnerungen an diese Stadt.😉

    Daher höre ich gespannt auf das, was unsere Guidin (Guiderine? Guidella?) Mia uns auf den Busfahrten zwischen den einzelnen Stopps so alles erzählt.

    Südkorea hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte quasi aus dem Nichts zur zehntgrößten Wirtschaftsnation der Welt entwickelt, und das praktisch ohne eigene Rohstoffe. Alles, wirklich alles muss importiert werden. Bis auf Reis.
    Der Schlüssel zum Erfolg:
    Bildung, Bildung, Bildung.

    Angefangen, erzählt Mia stolz, hat es mit den Haaren.
    In den bitterarmen Jahren nach dem Koreakrieg hat ihre Mutter - wie viele andere Frauen auch - ihre abgeschnittene Haare nicht einfach weggeworfen. Viel zu wertvoll war diese tiefschwarze Pracht, um die viele Menschen auf der ganzen Welt die Asiaten beneiden.

    Haar für Haar wurden in mühevoller Handarbeit Perücken gefertigt, die in die ganze Welt, vor allem in die USA exportiert wurden. Der Beginn des Aufstiegs.

    Das Heimatland von Samsung, LG, Kia, Hyundai und vielen anderen Tech-Giganten hat eine Alphabetisierungsrate von über 99%, erlebt momentan gar eine "doctor's crisis", wie Mia es nennt.
    Fast 40% der höchstausgebildeten Menschen im Land findet keinen Job.
    Ja, cool, du hast einen Doktortitel, aber alle anderen Bewerberinnen auch. Ciao.

    (Zahlen und Fakten - das sei hier mal kurz gesagt - gebe ich höchst unjournalistisch einfach so weiter, wie sie an mich herangetragen wurden. Lasst mich gern Wissen, wenn grober Unfug dabei ist.)

    Generell ist die Zufriedenheit der Menschen im Land gedämpft, Tendenz weiter abnehmend. Der Präsident hat ein Amtenthebungsverfahren am Hals und die ohnehin hohe Selbstmordrate ist in den vergangen Jahren weiter gestiegen, weil viele junge Menschen mit Hoffnungen in die großen Städte kommen, dort dann aber keine Arbeitsperspektive vorfinden und daran verzweifeln.

    Auch die jüngsten wirtschaftlichen Verwerfungen mit den USA - Stichwort Exportzölle - verschärfen dieses Problem zusätzlich.

    Während ich Mias gebrochenem Englisch zuhöre, sehe ich staunend auf über 400 Meter hohe Wolkenkratzer, gigantische Schiffswerften, Hängebrücken und später dann auf die vielen kleinen bunten Häuser an den Berghängen, die mich an die Häuser in Valparaiso erinnern.

    Als Nordkorea 1950 überraschend den Süden überfiel, flüchteten viele hier in den äußersten Südosten der Halbinsel.

    Die, die schon vorher hier lebten, fanden das eher blöd und untersagten den Geflüchteten die Ansiedlung auf den relativ ebenen Flächen des Stadtgebiets. So mussten die Vertriebenen ihre Behausungen hier am unwegsamen Stadtrand errichten.

    Heute ist das Provisorium von damals UNESCO-Weltkulturerbe, Touristenmagnet und ganzer Stolz der Stadt.

    Die Neuankömmlinge von damals sind mittlerweile allerdings so alt, dass sie in diesen schwer zugänglichen Häusern mit steilen Treppen nicht mehr ohne Weiteres leben können, und so plant die Regierung wohl schon eine ganze Weile, anderswo ein "behindertengerechtes" Dorf zu bauen und diese Leute umzusiedeln.

    Die weiteren Stops taugen für Eindrücke und Fotos, aber weniger für Mehrwert hier.

    Mit ein paar neuen Reissnack-Varianten im Rucksack gehe ich die Gangway hoch und hoffe inständig, dass die Jungs sie mir bei der obligatorischen Handgepäckkontrolle nicht direkt wieder abnehmen, denn das Mitbringen verarbeiteter Lebensmittel an Bord ist verboten.

    Fast 90 Jahre alt werden Frauen hier im Durchschnitt übrigens, Männer immerhin 87. Und die essen morgens, mittags und abends Reis. Quasi so wie ich.😊
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  • Wind trägt alle Pläne fort

    18. März in Südkorea ⋅ 🌬 5 °C

    Dieser Tag lässt sich im Grunde in einem Satz zusammenfassen: Starker Wind verhindert das Anlaufen des sehr ungeschützt liegenden Hafens von Jeju, somit entfällt unser Besuch dort und wir fahren direkt weiter die Küste hoch.

    Tatsächlich - so raunt es inoffiziell in der Crew - wäre es wohl noch möglich gewesen, in den Hafen hineinzukommen. Aber: Bei Windstärke 9 gibt dir keine Hafenbehörde eine Freigabe, wieder in See zu stechen. Im schlimmsten Falle wären wir für unbestimmte Zeit festgesetzt worden und hätten viel mehr als nur diesen einen Hafen auslassen müssen.

    So schaue ich mir heute also keinen großen Vulkankrater an, sondern nutze den freien Vormittag zum Wäschewaschen, Sportmachen und Tagebuchschreiben, ehe ich mich wie gewohnt um 16 Uhr ans Klavier setze.

    Heute schaukelt es doch schon etwas mehr als sonst. Ich muss hin und wieder mal von den Tasten aufschauen und mir ein bisschen Horizont suchen, um meinem Gleichgewichtssinn zu versichern, dass alle Sinne noch im selben Boot sitzen.

    Je mehr Welle, desto betont gelassener stolpern die Kellner zwischen den Gästen hin und her. "Ach, das ist doch noch gar nichts! So lange wir nicht alle Stühle festbinden, spricht hier keiner von Seegang, Verehrteste."
    Große Augen beim Gast, Abgang Kellner.

    Ich mag das nicht. Sag doch den Leuten, dass das schon ganz ordentlich Bewegung ist gerade. Von mir aus kannst du dann ja nachschieben, dass damals vor Grönland deine Kaffeetassen von selbst zu den Gästen geflogen sind, während du im Superman-Kostüm an der Siebträgermaschine standest.

    Während tagsüber die Stimmung ob des ausgefallenen Hafens tatsächlich etwas verhaltener ist auf'm Dampfer, hilft dann am Abend der gute alte Alkohol den Botox-gebügelten dabei, auch die seewetterlichen Sorgenfalten zu glätten.

    Auch ich hab in der zweiten und dritten Runde viel Spaß an den Tasten, weil ich in der langen Sichtachse jenseits meines Flügels den einen oder anderen lustigen Ausfallschritt beobachten darf.
    Ich spiele heut vorwiegend Seemannslieder und entdecke dabei, wieviel Pfeifen im Walde hinter manch fröhlicher Melodie steckt.

    Heimlich streue ich auch ein bisschen "Titanic" ein, aber nur in Dur und als Walzer, damit sich niemand fürchtet.
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  • Incheon bei EbbeIncheon MemorialGebrauchte gehen per Schiff nach Russland oder Afrikariesige neue Stadtteile, kaum MenschenSinpo MarketAndenken an die Landing Operation in der ganzen StadtUps, wer wohnt denn hier?ein paar Kinder gibt's dann doch ..Unser Guide Veronica, Mitte 60 (😱)

    „We just hate them.“

    19. März in Südkorea ⋅ ☁️ 6 °C

    Die Schaukelei des Vortages ist vergessen, wir liegen in Incheon im Hafen, sogar Overnight bis morgen Abend.
    Der gewaltige Tidenhub von mehr als neun Metern legt hier an der Küste zeitweilig alles trocken. Ein Anblick, der mit kleinen Fischerbooten in der Bretagne aber irgendwie netter aussieht, finde ich.

    Damit im wichtigsten Hafen des Landes davon unabhängig operiert werden kann, trennen ihn gigantische Schleusen vom Ozean ab und garantieren 24/7 vierzehn Meter Wasser unterm Kiel.

    Heut hab ich wieder einen Ausflug gefangen. Veronica - die wahrscheinlich (wie Mia im letzten Hafen auch) in Wirklichkeit ganz anders heißt, nur einfach keinen Bock darauf hat, Ausländern vierzehn Mal ihren Namen zu nennen - empfängt mich schon lächelnd vor dem Schiff.

    Die Beschreibung meines Ausflugs liest sich recht entspannt, mit dem Bus zu vier Sehenswürdigkeiten, jeweils etwas Aufenthalt, dann schon wieder zurück zum Schiff. Wahrscheinlich ist auch genau deswegen gästemäßig so gut wie alles, was nicht mehr richtig krauchen kann, heut auf meinem Trip dabei.

    Zunächst machen wir an einem riesigen Mahnmal-Museumskomplex halt. Hier wird uns in einem gigantischen Kinosaal ein kurzer Film über den Koreakrieg im Allgemeinen und die "Operation Chromite" im Speziellen gezeigt und mir wird mal wieder vor Augen geführt, wie wenig ich über all das weiß.

    Nachdem Nordkorea - hochgerüstet von den kommunistischen Verbündeten - den Süden überfallen und fast die gesamte Halbinsel unter seine Kontrolle gebracht hatte, haben die Südkoreaner - gestützt von den Amerikanern und 36 weiteren Nationen - genau hier in Incheon zum Gegenschlag ausgeholt, der letztlich die Wende im Krieg brachte und zum heutigen status quo der entmilitarisierten Zone entlang des 38. Breitengrades geführt hat.

    In einer gewaltigen Operation und unter haarsträubenden Verlusten auf beiden Seiten landeten hier am 15. August 1950 die alliierten Kräfte vom Wasser aus, befreiten in den Tagen darauf Seoul und schnitten den nach Süden vorgedrungenen Nordkoreanern die Versorgungslinien ab. Ein Großteil der Eingeschlossenen kam nicht mehr lebend von der Halbinsel hinunter.

    Anders als in Hiroshima sieht man hier an jeder Straßenecke kupferne Soldaten, die das Ufer erklimmen oder dem leitenden Marshall der US Streitkräfte glücklich die Hände schütteln.
    Also eine ganz andere Erinnerungskultur, die hier gepflegt wird.
    Propaganda, möchte ich fast sagen.

    Und auch unsere Veronica redet offen hasserfüllt von den Nordkoreanern. "We hate them, we really hate them. They get lots of tax money from us and send spies, lots of spies in the country and we never know what comes next."

    Im letzten Jahr schickte Nordkorea hunderte Ballons mit - Entschuldigung - Scheisse gen Süden. Getrocknete Exkremente von Mensch und Tier. Veronica berichtet lebhaft, wie die Regierung strengstens untersagte, Ballons abzuschiessen oder sich ihnen zu nähern, wenn diese von selbst landeten. Zu groß war die Angst, dass diese "Geschenke" aus dem Norden biochemische Substanzen enthalten könnten.

    Ich erinnere mich, dass diese Aktion es auch bis in die Nachrichten in Deutschland geschafft hatte. Neu für mich ist allerdings, dass dies die nordkoreanische Antwort darauf war, dass Südkoreaner bei entgegengesetzter Windrichtung seit vielen Jahren Ballons in den Norden schicken.

    Diese enthalten immer das gleiche:

    Einen kleinen Sack Reis, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass der Empfänger Hunger leidet.

    Eine Dollarnote, weil dieses Stück Papier einen außerordentlichen Gegenwert hat dort drüben.

    Und schließlich einen Internet-USB-Stick. Denn nichts ist gefährlicher für das Regime, als wenn die Bevölkerung freien Zugang zu Informationen bekommt.

    Wir sind hier nur wenige Kilometer von der nordkoreanischen Grenze entfernt, über unseren Köpfen ziehen immer wieder mit Waffen bestückte Hubschrauber vorbei.

    Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, entzögen die USA dem Süden ihre schützende Hand. Tatsächlich wird mir erst in diesem Moment so richtig bewusst, wie heiß dieser Konflikt eigentlich ist, immer wieder neu genährt durch die langen Arme der beiden politischen Weltsysteme. Wobei, kann man eigentlich noch von zwei klaren Seiten sprechen gerade?

    Gleichzeitig rührt sich auch die Verbindung zu meiner eigenen Vergangenheit.
    Auch hier leben Menschen nur ein paar Kilometer voneinander entfernt, die eigentlich zusammengehören. Viele Jahrtausende zusammengehörten und nun seit ein paar Generationen mit gegenseitigem Hass aufgeladen werden. Immer noch ein Wimpernschlag, verglichen mit der Geschichte, die sie verbindet.

    Heute wünscht man sich offen die Vernichtung des anderen.

    Ich erzähle Veronica, dass ich die ersten Jahre meines Lebens im geteilten Berlin verbracht habe und frage, ob es auch in ihr die Hoffnung oder überhaupt den Wunsch gibt, dass Korea irgendwann wieder ein Land ist.
    "No. We can never trust them. We just hate them."

    Die weiteren Stationen des Ausflugs sind leichter verdaulich. Wir besuchen ein Stadtviertel, was vor fünfzehn Jahren noch gar nicht da war und jetzt Vorzeigeprojekt für ökologisch nachhaltiges Bauen ist. Riesige Häuser, breite Straßen, aber kaum Menschen.

    Tatsächlich hat Südkorea ein echtes Nachwuchsproblem. Die Geburtenrate liegt bei 0,7. Junge Leute wollen viel Geld verdienen und es dann auch für sich ausgeben. Teure Autos, Schönheits-OPs, üppige Apartments - das steht alles hoch im Kurs hier.

    Sich nicht festlegen, keine langfristige Verantwortung übernehmen in unsicheren Zeiten - alles Themen, die wir in Europa ja auch kennen. Nur: Hier ist die Generationen-Verantwortung noch viel tiefer kulturell und im System verankert als bei uns - ganz selbstverständlich teilen sich Kinder und Enkel die Pflege und finanzielle Unterstützung ihrer Eltern und Großeltern, wenn diese nicht mehr arbeiten können.

    Wer kümmert sich um die, die keine Kinder haben, wenn es der Staat nicht im ausreichenden Maße tut?

    Abschließend schmeissen wir uns noch ins bunte Treiben des lokalen Marktes, bevor es zurück in unsere heile Welt geht. Wieder viel zum Nachsinnen für mich während meiner „Arbeit“.

    Erstes Stück heute am Klavier: Leningrad von Billy Joel.
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  • schwer was los am HafenWas? Ich hab das bestellt? .... und das auch noch? Das muss ein Versehen sein.😉Chinatown vormittags - nix los.. wo Tradition auf Moderne trifftÄhm, was genau verkauft ihr hier?🤔Hinterhof auf südkoreanischHafenidylle

    Viele Wege führen nach Seoul

    20. März in Südkorea ⋅ ☁️ 11 °C

    Schnell die Gangway runter, in 2 Minuten fährt der Shuttlebus in die Innenstadt von Incheon!

    Incheon - quasi das Potsdam von Seoul (nur dass hier 3,6 Mio. Menschen leben und in Seoul knapp 10 Mio.) - hab ich mir ja gestern schon etwas anschauen können.

    Deswegen will ich heute in die pulsierende Hauptstadt, ehe ich um vier wieder bei Herrn Steinway und seinen Söhnen sitzen muss.

    Staunend vor dem 555m hohen Lotte World Tower stehen? Vielleicht sogar auf die Aussichtsplattform hochfahren? Oder doch eher den Gyeongbokgung-Palast?
    Mittag essen auf dem berühmten Streetfood-Markt Myeongdong?
    I have options.

    Shuttlebus bekommen, puh.
    Aber Moment, der fährt gar nicht bis in die Innenstadt, sondern nur bis zum Ausgang des Hafengeländes?
    Na gut.
    Fahr ich halt bis dort und laufe die verbleibenden anderthalb Kilometer bis zur Metro.
    Ganz schön laut hier an der sechsspurigen Straße vor dem Hafengelände.
    Schwer beladene Lastwagen, soweit das Auge reicht. Google Maps funktioniert hier nicht richtig, aber ich weiß, dass ich der Straße einfach folgen muss. Dem Fußweg ist das aber egal, der hört einfach auf.
    Na gut.
    Muss ich irgendwie auf die andere Straßenseite kommen.
    Die Lücke da müsste, .. nee, doch nicht, ah, doch vielleicht noch vor dem schiefen LKW mit den gestapelten Autos, jep - geschafft.
    Kinder: Nicht nachmachen.

    Da vorn die Metrostation.
    79 Stufen hinunter in die blank geleckte Marmorhalle und zum Ticket-Automaten.
    Was?
    Man kann Fahrkarten hier nur bar mit südkoreanischen Won kaufen?
    Na gut.
    79 Stufen wieder hoch, laufe ich die zwei Kilometer zum Regionalbahnhof halt auch noch. Da wird man ja wohl Tickets bekommen.

    Bahnhofshalle, das sieht gut aus.
    Ganz ganz viele Ticket-Automaten stehen da rum. Aber … die sehen ja alle genauso old school aus wie eben schon in der Metrostation? In dem Land, aus dem die smartesten Gadgets bei mir zu Hause kommen, ernsthaft?
    Na gut.
    Muss ich mir halt einen Geldautomaten suchen. Da drüben über die Ampel blinkt direkt einer, perfekt.
    Piep piep piep piep.
    Card not valid, no withdrawal.
    Diese Information wird unterlegt mit leichten Mozart-Klängen.
    Na gut.
    Wird ja noch mehr Automaten geben hier.
    Da, 300m den Berg hoch zum Beispiel. Uff.
    Piep piep piep piep.
    Incorrect PIN number, no withdrawal.
    What?
    Nochmal.
    Incorrect PIN number, no withdrawal.
    Na gut.
    Ich bin mir zwar 110%ig sicher mit meinem PIN, aber ich kann ihn ja eben in der Bank-App nochmal überprüfen. Check.
    Einmal versuche ich es noch.
    Piep piep piep piep.
    Nix.
    Das Ding kann Mozart spielen, mir aber kein Geld geben.
    Schuster, bleib bei deinen Leisten, ey!

    Dann vielleicht mal in einer richtigen Bank?
    Fünf Minuten später stehe ich in einer Filiale.
    Der Automat sieht fancy aus. Ich hab ein gutes Gefühl. Ich brauche nur ein paar tausend Won für ein Ticket hin und zurück. Das sind umgerechnet nicht mal 8 Euro.
    Piep piep piep piep.
    Das sieht gut aus.
    Das sieht seeehr gut aus.
    Wieviel tausend Won?
    Na den kleinsten Betrag, Kollege.
    Ich verlasse heute Abend das Land und meine Pläne, nach Südkorea zurückzukehren, sind gelinde gesagt vage.
    Mozart.
    4 Dollar fee?
    Na gut.
    4 Dollar fee.
    Mozart.
    Meine schlaue Uhr vibriert am Handgelenk, ein gutes Zeichen. Jetzt sagt mir meine Bank sicher, dass ich Geld abgehoben hab.
    Seoul, viel Zeit bleibt uns nicht, aber ich werde in wenigen Augenblicken endlich zum Bahnhof hechten, Scheine in einen Automaten schieben und in dein Herz hineinfahren.
    Denkste.

    „Lieber Kunde, Geldabbuchungen sind in Südkorea erst ab 50,- EUR möglich.
    Vorgang abgebrochen.“

    Naaa gut.

    Die Aussicht, ab sofort mit mehreren Kilo Won-Scheinen im Gepäck herumzureisen, die ich mir dann zu Hause an die Wand kleben kann .. das ist es mir nicht wert.

    Dann halt nicht, Seoul. Da gehören ja auch immer zwei dazu, und ich kann mir echt nicht vorwerfen, mich nicht bemüht zu haben.

    So wird aus "schnell schnell nach Seoul" ganz plötzlich"entspannt entspannt zurück zum Schiff".
    Ich lustwandele durch die Gassen von China Town, stolpere über ein süßes kleines Café, in dem ich ausgiebig frühstücke, schlendere schließlich noch in Zeitlupe durch einen riesigen Supermarkt und decke mich mit allerlei Sachen ein, von denen ich absolut keine Ahnung hab, was es sein könnte, die aber lecker aussehen.

    Am Ende komme ich überpünktlich und buddhamäßig in mir ruhend wieder am Schiff an. Vielleicht war das genau das, was ich heut gebraucht hab?
    Soulfood statt Seoul.
    Fühlt sich auf jeden Fall so an.
    Weiterlesen

  • Berg, defekt. Qualmt schon den ganzen Tag
    Kabel-Idylledie Sojasoßen-AuswahlSieht schon ein bisschen nach Hawaii aus hierHeut schmeckt der Kuchen nach'm Spielen besonders gutDie suchen mich, schnell weg! .. ach nee, ich bin ja gar nicht 42.😉1A Desktop-Hintergrund wird heut vor'm Schiff vorbeigezogenIm Land der aufgehenden Sonne geht in China die Sonne unter

    69 Minuten Kagoshima

    23. März, East China Sea ⋅ ☁️ 20 °C

    Nach den zwei Tagen vor den Toren von Seoul geht es für uns nun wieder Richtung Süden. Anders als auf dem Hinweg ruht die See nun derartig, dass ich manchmal vergesse, dass wir gar nicht mehr an der Pier liegen.

    Nach anderthalb Seetagen haben wir die koreanische Halbinsel hinter uns gelassen und fahren gerade in die Bucht von Kagoshima ein, das ganz im Süden von Japan liegt.

    Die 750km näher dran am Äquator machen sich direkt bemerkbar, der Hafen ist von Palmen gesäumt und die Sonne lacht uns fröhlich an, während sie uns heimtückisch durch den Wind getarnt die oberste Hautschicht wegbrutzelt.

    Heute ist es wieder ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit für mich. Gegen 13 Uhr sollen die Behörden das Schiff freigegeben haben, sodass der Landgang möglich ist, 16 Uhr muss ich wie immer spielen.

    Als ich zehn nach eins mit Sonnenbrille und Rucksack zur Gangway will, staut es sich schon bis ins Atrium. Der Kapitän entschuldigt sich gerade per Durchsage für das sehr sorgfältige Vorgehen der japanischen Einreisebeamten und deutet an, dass es wohl noch eine Stunde dauern wird, ehe die ersten Gäste an Land können.

    Na super, das war's dann wohl mit meinem kleinen Erkundungsspaziergang hier. Denn "guests first" in allen Belangen an Bord bedeutet natürlich auch, dass ich erst die Gangway passieren werde, wenn dort kein Andrang vom zahlenden Publikum mehr herrscht.

    Also setze ich mich auf den Balkon vor meiner Hütte und schaue auf die große Wiese jenseits des Hafens, auf der Fußball gespielt wird. Viele junge Leute hier, wie schön. Und alle ein bisschen entspannter als ihre Landsleute im Norden, hab ich das Gefühl.

    Im Hintergrund ein schöner Berg, der aber kaputt zu sein scheint. Qualmt schon den ganzen Vormittag. Sakurajima, offensichtlich wirklich ein aktiver Vulkan, wie mir Wikipedia verrät.

    Mittlerweile ist es 14:30 Uhr. Noch anderthalb Stunden, bis ich rausgeputzt an der Werkbank sitzen muss.
    Probier ich es nochmal?
    Wenigstens ein paar Schritte rund um den Hafen wären schon schön.

    Und tatsächlich komme ich jetzt ohne Probleme vom Schiff runter. Schon fünf Minuten später bin ich durch die Passkontrolle durch und voller Tatendrang, mir so viel wie möglich von diesem Ort zu erschließen.

    Da hinten gibt's eine schöne Brücke, von dort hat man bestimmt eine tolle Aussicht!
    Dafür muss ich aber um die halbe Bucht rum, mmh. Wird sportlich, aber ein bisschen Bewegung vor meiner sitzenden Tätigkeit tut sicher gut.

    Und so unterbiete ich meinen bisherigen Rekord, was Geh-Minuten pro Kilometer betrifft, fotografiere ohne anzuhalten, tackle Crewmitglieder mit mehr Zeit aus'm Weg und bin schweißgebadet, aber glücklich und mit neuen kleinen Juwelen des japanischen Einzelhandels im Rucksack wieder auf meiner Bude.

    Duschen, rin in' Anzug, nochmal durchatmen und dann hoch ins Belvedere - dem Café des Schiffes oben auf Deck 9, von wo man stets eine schöne Aussicht auf das Geschehen rund ums Schiff hat und wo ich immer meine erste Stunde am Tag spiele.

    15:59 Uhr, ich bin da, auch drei Kellnerinnen und Kellner stehen rum. Gäste gibt's allerdings keine. Denn die sind ja alle an Land. Ein bisschen ärgere ich mich schon über diese planerische Fehlleistung mit Ansage. Soviel Hektik für einen relativ sinnlosen Einsatz.

    Andererseits ist es immer wieder eine gute Erdung für Herrn Flügel am Flügel, denn schließlich bin ich ja zum Arbeiten hier und nicht zum persönlichen Vergnügen, auch wenn ich davon die eine oder andere randvolle Tüte mitgehen lasse.

    Und so bade ich etwas in Es-Dur und fühle mich wie ein ganz kleines Rädchen im Schiffs-Uhrwerk - gar noch ein bisschen kleiner als auf den Expeditionsschiffen, wo in solchen Fällen mal eben auf kurzem Dienstwege entschieden worden wäre, dass das mit dem Klavierspielen jetzt irgendwie auch Quatsch ist, so ganz ohne Menschen.
    Hier, auf dem größten Schiff der Flotte (aber immer noch winzig im Vergleich zu den Riesenpötten von Mein Schiff und Co), geht so eine Entscheidung über einige Schreibtische, wie ich in den kommenden Tagen noch deutlicher zu spüren bekommen werde.

    Und so unterhalte ich mich (unter sporadischem Tastendrücken) nett mit dem Rest der zum Warten verdonnerten Anwesenden, bis schließlich kurz vor Ende der Stunde doch noch eine Handvoll Gäste auf Kaffee und Kuchen vorbeischaut und ich wieder richtig spiele. Macht schon mehr Spaß, wenn es für Leute ist, und seien es auch nur ein paar.
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  • Katalog ..
    So langsam geht es los, die diesjährige Kirschblüte werden wir aber um 2 Tage verpassenkein Kiefernwald in Brandenburg muss sich hinter diesem UNESCO-Weltkulturerbe versteckenvs. Realitätder schöne Hintern (unseres Schiffes, links im Bild)DHL-Autos sieht man hier lustigerweise echt oftordentlich was zu sehen heute durch mein Guckloch

    Am Fuße des Fuji

    24. März in Japan ⋅ ☁️ 18 °C

    Die Teilnahme am vorerst letzten Ausflug dieser Reise hab ich mir aktiv gewünscht. Wir sind wieder mitten in Japan angekommen und werden mit lautem K-Pop (oder J-Pop?) vom Hafengebäude aus beschallt. Nicht so meins, vor allem nicht in der Lautstärke.

    Shimizu heißt die Stadt, die am Fuße des berühmtesten Bergs von Japan liegt und Touristen aus aller Welt anzieht. Mit uns im Hafen ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff mit ungefähr fünfmal so vielen Gästen an Bord. Wir werden uns im Verlauf des Tages immer mal wieder gegenseitig im Weg rumstehen. Wie schön, dass das in den vergangenen zwei Wochen nie der Fall war.

    Ich bin wieder pünktlich vor meinem Bus und hab Zeit, mich Tokiko vorzustellen und mit ihr ein bisschen zu quatschen. Sie spricht ganz gut deutsch und erzählt mir, dass sie im letzten Jahr zwei Bücher über Schubert ins Japanische übersetzt hat. Überhaupt liebt man hier die klassische deutsche Musik.
    (Erinnerungen an die Geldautomaten in Südkorea kommen hoch😉)

    Und deutsche Märchen erst! Die Gebrüder Grimm kennt hier jedes Kind.
    Auch die "Drei kleinen Schweinchen" sind hier bekannt, wobei die Japaner es wohl höchst befremdlich finden, dass stets der oder die Jüngste alle anderen an Cleverness überbietet. In einer japanischen Version, so sagt Tokiko schmunzelnd, wäre das dritte Schweinchen, das sein Haus aus Stein gebaut hat, der absolute Trottel der Geschichte.

    Der Ausflug soll - nach einem kurzen Stopp in einem Museum - zu einem besonders schönen Kiefernwald gehen, durch den man an den schwarz-sandigen Strand der Bucht spazieren und einen wunderbaren Ausblick auf den nahen Mount Fuji haben soll.

    Okay, der Fuji, ein 3700m hoher Berg, was soll daran denn jetzt so besonders sein?, könnte man fragen.
    Da ist ja gefühlt jeder zweite Hügel in den Alpen höher.

    Tatsächlich liegt die Faszination für mich vor allem darin, dass das Ding so vereinzelt in der Gegend rumsteht, wie eine Sandburg, von Lava alle paar Jahrtausende schön symmetrisch etwas höhergekleckert.

    In freudiger Erwartung dieses Tages hab ich schon im Vorfeld immer mal auf die Wetteraussichten geschaut. Blauer Himmel, morgens, mittags, abends. Perfekt.
    Das mit den Vorhersagen ist ja aber immer so eine Sache, und so hat mich heute morgen eine dicke Wolkenschicht durch mein Bullauge angelacht.

    Auch Tokiko hält es für sehr unwahrscheinlich, dass wir die ikonische Berg-Silhouette heute zu Gesicht bekommen.

    Im Museum sind holzgedruckte Landschaftsbilder aus der Edo-Epoche ausgestellt, die mich nicht so catchen. Viel mehr begeistern mich die Wolkenlücken am Himmel. Das sieht guuut aus!
    Die Richtung stimmt, jetzt muss es nur noch ein bisschen weiter im Norden aufreißen für den unvergesslichen Spaziergang am Panoramastrand.

    Und während wir wieder alle im Bus sitzen, erhasche ich tatsächlich einen kurzen Blick auf die majestätische weiße Krone, bevor diese wieder hinter dicken Wolken verschwindet.

    Anfänger hätten in diesem Moment ein Foto geschossen. Ich gehe allerdings fest davon aus, dass bei Ankunft am Strand alle Wolken weggeblasen und die Aussicht noch viel besser sein wird als das bisschen Berg durch die Busscheibe hier.

    "Bus" - so erklärt Tokiko gerade - bedeutet im Japanischen übrigens "äußerst hässliche Frau". Gelächter.

    Natürlich sieht man am Strand kein bisschen Fuji mehr. Nicht mal äußerst hässliche Frauen. Hängende Köpfe, auch bei den fünf Bussen des amerikanischen Schiffes, die dort zeitgleich mit uns ausgekippt wurden. Immerhin hängt am Parkplatz ein Foto, welchen Ausblick man verpasst hat.

    Zurück am Schiff knallt die Sonne wieder unerbittlich vom blauen Himmel. Nur da vorn, und exakt NUR da, wo der berühmte Fujiyama thront, hängen dicke Wolken wie ein überdimensionaler Sichtschutz.

    Als wir gegen 20 Uhr die Leinen losmachen, setzt der Wettergott noch einen drauf und lässt es gehörig krachen auf‘m Wasser.

    Für den Blick auf den Fuji muss ich wohl doch nochmal wiederkommen irgendwann. Oder googeln, möglicherweise hat ihn ja schon mal jemand vor mir fotografiert.😉
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  • Tokiko

    "Es zieht!"

    26. März in Japan ⋅ 🌬 26 °C

    Eine kleine Anekdote unserer Begleiterin in Shimizu fand ich so putzig, dass ich sie hier gern nochmal wiedergebe.

    Als Tokiko noch eine junge Studentin und "arm wie der Kirchenmaus" war, konnte sie sich etwas Geld hinzuverdienen, indem sie in Japan tourende Orchester als Übersetzerin begleitet hat.

    Einmal war Karajan mit den Berliner Philharmonikern da. Deutsche Orchester in Japan, großes Ding.

    Alles läuft ganz gut, bis zum vorletzten Konzert. Schon zu Beginn der Probe kommt der Konzertmeister auf sie zu. "Es zieht!"
    Es zieht. Ah ja.
    Es zieht?
    Wer zieht?
    Tokiko kann sich keinen Reim darauf machen, aber schon kurze Zeit später steht ein Schwall Holzbläser vor ihr, schon etwas energischer.
    "Hier zieht es! ES. ZIEHT.
    Da, auf der Bühne.
    Tun Sie doch was!"

    Auch Tokikos Kolleginnen, die bereits auf diesen unhaltbaren Zustand angesprochen worden sind, schauen ratlos drein.
    Was soll das nur bedeuten? Sie können weit und breit nichts gezogenes entdecken.

    Anspielprobe, nun betritt Karajan in den Saal. Und auch der Maestro ist not amused.
    „Wenn das hier weiter so zieht, dann dirigiere ich nicht!"

    Jetzt ist die Not natürlich groß. Das Konzert will man auf keinen Fall aufs Spiel setzen, aber wie um alles in der Welt soll man "es" denn vom Ziehen abhalten?

    Schließlich erbarmt sich jemand aus dem Orchester und umschreibt den Umstand des unangenehm wehenden Luftzugs.

    Jetzt ist man einen Schritt weiter, aber irgendwie auch noch so ratlos wie zuvor, denn: Keine Japanerin, kein Japaner kann irgendein unangenehmes Lüftchen spüren auf der Bühne.

    Die zweite Geige ist schon ganz krank vor Sorge und hat sich einen dicken Schal um den Hals gewickelt.

    Der japanische Tourmanager entscheidet kurzerhand: Ein Vorhang muss her!
    Und so wird mühevoll die gesamte Rückseite der Bühne verhängt. Lieber ein bisschen mehr als zu wenig - wer weiß, wo „es“ sonst wieder mit dem Geziehe anfängt.

    Ein Kraftakt, doch pünktlich zum Konzert ist alles luftdicht verrammelt. Das Publikum staunt und auch Karajan deutet den Daumen nach oben, als er ans Pult schreitet.
    „Es zieht nicht mehr.“

    Abend gerettet, und während die ersten Töne Beethoven erklingen, fällt bei Tokiko und ihren Kolleginnen hinter der Bühne die Anspannung ab.

    Wen oder was die Deutschen da genau ziehen gespürt haben?
    Tokiko weiß es bis heute nicht.
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  • Blick vom Landmark Tower in Yokohamawo krieg ich dieses Schild her?menschenleere Straßen um kurz nach fünfZugführer tragen weiße Handschuheder Tokio Towerdie berühmte Shibuya-KreuzungYokohama, deutlich steriler und grünerBye bye Land

    Der frühe Flügel fängt die Stadt

    26. März in Japan ⋅ ☁️ 24 °C

    Der letzte Hafen unserer Japan-Rundfahrt ist erreicht. Yokohama mit seiner vom eindrucksvollen Landmark Tower dominierten Skyline liegt nur wenige Gehminuten vom Schiff entfernt und ich nutze mal wieder mein Zeitfenster vor der Tea Time, um mich etwas umzuschauen.

    Vorbei am riesigen Vergnügungspark und mit dem viertschnellsten Fahrstuhl der Welt hoch in den Sky Garden des Towers.
    Schöne Rundumsicht, aber bis ins 30km entfernte Zentrum von Tokio kann man nicht schauen. Zu diesig.

    Da heute wieder ein fast leeres Schiff zu erwarten ist am Nachmittag, die Touristik aber händeringend Leute zur Begleitung von Ausflügen suchte, hatte ich bei der Entertainment Managerin schon mit zwei Tagen Vorlauf vorsichtig angefragt, ob ich denn vielleicht lieber auf einen Ausflug mitfahren sollte, anstatt im leeren Belvedere am Flügel zu sitzen.

    Die ersten beiden Hierarchie-Ebenen über mir hatten nichts dagegen. Der General Manager konnte sich aber nicht durchringen zu dieser weitreichenden Entscheidung.
    Naja, macht nichts, dachte ich mir. Wir liegen ja anderthalb Tage hier im Hafen von Yokohama, da der eigentlich "Bettenwechsel" erst am nächsten Tag stattfindet.
    Dann schnuppere ich eben morgen Vormittag ein bisschen Tokio-Luft.

    Doch auch diesen Plan macht die duty mir rasch zunichte: „Wir erwarten die ersten Gäste gegen 13:00 Uhr, du bist bitte 12:45 Uhr stand-by.“

    Zwölfuhrfünfundvierzig!?
    Allein, um nach Tokio rein und wieder zurückzufahren brauche ich schon knapp drei Stunden.

    Und so sitze ich nun doch etwas geknickt am Klavier, während zweieinhalb Opis ihren Tee trinken.
    Liege ich gerade zum zweiten Mal innerhalb von vierzehn Tagen vor dieser aufregenden Stadt, der größten Stadt der Welt, und kann sie mir nicht anschauen? Wie bescheuert ist das denn! Man ist ja nun wirklich nicht alle Tage in der Gegend hier.
    Da muss doch irgendwie noch was gehen.

    Und so schmiede ich gedanklich schon Plan C, während ich "I am Sailing" spiele.

    "Hey ChatGPT, ich muss bis 22 Uhr auf meinem Dampfer Klavier spielen, danach könnte ich mir Tokio anschauen. Leider bin ich aber im Hafen von Yokohama. Empfiehl mir mal bitte was.

    ChatGPT empfiehlt und Tokio bei Nacht klingt wirklich toll, allerdings ist die unverrückbare Grenze aller Varianten der letzte Zug zurück nach Yokohama um 0:30 Uhr - wenn ich nicht für 100,- EUR Taxi fahren will.
    Will ich nicht.
    Mmh.
    Eine Idee hab ich noch, quasi Plan D:

    Nach dem letzten Ton am Klavier verschwinde ich direkt ins Bett und stehe um 4:50 Uhr wieder auf. Es beginnt gerade zu dämmern und die Nightwatch an der Gangway reibt sich die Augen, wer so bekloppt ist, morgens um fünf das Schiff zu verlassen.

    Gestatten, ich.

    Die Straßen sind herrlich leer. Eine kleine Mondsichel steht zwischen den Wolkenkratzern und ich bin unterwegs zum Bahnhof von Yokohama.

    Das mit den Tickets klappt nicht viel besser als in Südkorea, die ersten zwei Stationen muss ich schwarzfahren, aber dann werde ich gebeten, mein Handy an einen kleinen NFC-Chip zu halten, die Schranke schwingt auf und alle lächeln zufrieden. Ich auch, denn was auch immer der Chip in meinem Handy bewirkt hat, Geld von meinem Konto geht nicht ab. Und so werden sich meine Fahrtkosten nach Tokio und zurück heute auf insgesamt null Komma null Yen summieren.

    Es ist kurz vor sechs, als ich im Regionalzug nach Tokio sitze. Leider hab ich den erwischt, der an jeder zweiten Station zehn Minuten Pause macht, um die Expresszüge vorbeizulassen. Der Fahrer steigt immer aus und macht Stretch-Übungen. Lustig, aber auch etwas zeitaufwendig, schließlich muss ich gegen zwölf wieder zurück am Schiff sein.

    Wenn der Zug dann doch mal fährt, schaue ich staunend aus dem Fenster.
    Lustig sieht das aus. Ich stelle mir SimCity auf meinem 486er PC aus den 90ern vor, das sich aufgehängt hat und nicht mehr aufhört, die gleichen Häuserblocks in alle Richtungen zu produzieren.

    Kurz nach sieben steige ich in Shinagawa aus der Bahn. Von hier sind es noch knapp fünf Kilometer zum Tokio Tower, den ich als ersten Fixpunkt erkoren hab. Eine schöne Strecke zu Fuß.

    Ehrlicherweise sieht Tokio - zumindest der kleine Ausschnitt, den ich heute gesehen haben werde - exakt so aus wie die anderen japanischen Städte. Hochstraßen durchschneiden Häuserblöcke, wie Spielzeugautos anmutende PKWs stehen penibel im 90° Winkel vor sehr schmalen Häusern, alte Männer kehren mit noch älteren Reisigbesen die Straße ..
    Nur, dass diese Stadt hier einfach gar nicht mehr aufhört - egal, wohin man schaut.

    Der rot-weiße Tokio Tower - dem Eiffelturm nachempfunden - ist jetzt keine Schönheit, aber sein primärer Zweck ist es ja auch nicht, Ozeanpianisten-Touristen aus Deutschland zu gefallen, sondern Radio- und Fernsehsignale zu übertragen.

    Ich bin gut in der Zeit und so richtig warmgelaufen jetzt, sodass ich mich kurzerhand entschließe, weiter bis nach Shibuya zu laufen. An der ikonischen Kreuzung, wo alle Fußgänger zur gleichen Zeit und diagonal über die Straße gehen, verweile ich ein paar Minuten und schaue mir das Treiben an.

    Es ist kurz nach acht und so langsam erwacht die Stadt. Läden haben zumeist noch zu, aber die eine oder andere Schuluniform schlurft schon durch die Straßen. Und natürlich sehr sehr viele Menschen in schwarzen Anzügen. Bis zu 100 Stunden pro Woche arbeiten die Leute hier. Überstunden werden nicht bezahlt und gelten als "Geschenk an die Firma, um den Erfolg zu sichern". 28 Urlaubstage, davon kann man hier nur träumen.

    Gewerkschaften kämpfen seit Jahren gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft - mit ersten kleineren Erfolgen - aber noch immer arbeiten sich viel zu viele Japanerinnen und Japaner buchstäblich zu Tode.
    Sich bereitwillig unterordnen, das Individuelle zurückstellen, um dem höheren Zweck der Gesellschaft zu dienen, dabei stets lächeln und sich die enorme Belastung bloß nicht anmerken lassen .. it comes with a price tag.

    Anderseits stehe ich immer wieder an roten Ampeln, dicht an dicht in riesigen Blasen von Menschen, und es ist mucksmäuschenstill. Das ist mir wiederum so unfassbar sympathisch. Können wir das nicht auch in Deutschland einführen? Klappe halten by default. Reden nur dann, wenn es wirklich was Wichtiges zu sagen gibt. Und dann gerne so leise, dass nicht die ganze Straße beschallt wird.

    Um kurz vor neun hab ich schon 18.000 Schritte gemacht und gönne mir einen frisch gepressten Orangensaft. Die Sonne hat sich inzwischen soweit erhoben, dass sie mir immer öfter mit ihrer wohligen Wärme zwischen den Wolkenkratzern zublinzelt.

    Und während ich schon langsam daran denke, wie ich wieder zurück nach Yokohama komme, kann ich mich gar nicht satt sehen an der Art und Weise, wie die Menschen hier miteinander umgehen.

    Meine Frau, die schon mal in Japan war, hatte mir im Vorfeld der Reise lächelnd prophezeit, dass es mir hier gefallen würde. Und natürlich hat sie mal wieder Recht. Dieses "Hey, ich will dir nicht im Weg rumstehen, geh du ruhig zuerst, ich bin für dich da, wenn du eine Frage hast, aber ansonsten lasse ich dich in Ruhe und lächle einfach - oh, darf ich noch den Griff deines Einkaufswagens desinfizieren, bevor du ihn benutzt?" - das ist irgendwie voll mein Ding.

    Nicht, dass ich dem immer entsprechen könnte, aber diese Mentalität ist viel näher dran an dem, wie ich gern mit meinem Umfeld interagiere als das, was ich auf anderen Reisen erfahren habe oder auch zu Hause in Deutschland erlebe, wo oft das Recht des Lautesten zu gelten scheint und die Freiheit des anderen erst dann als verletzt gilt, wenn dieser sich offen beschwert.

    Rücksichtnahme, Höflichkeit, Bescheidenheit - es fängt ja bei mir an.
    Und während ich gerade durch die vermutlich einzige vermüllte Straße dieser Stadt laufe, die mir ihre noch lauwarme Geschichte der vergangenen Partynacht erzählt, nehme ich mir fest vor, ein Stück dieser japanischen Tugenden mitzunehmen in meinen Berliner Alltag.

    Am Bahnsteig B7 reihe ich mich in die Schlange derer ein, die sich für Wagen 4 der nächsten Bahn bewerben. Tatsächlich bewahrt mich ein sehr netter Mann davor, wieder in den Bummelzug zu steigen, der exakt genauso heißt wie der Schnellzug, nur dass hier nicht ganz klein "Limited Express" draufsteht.

    Und so bin ich um kurz nach zehn schon wieder ganz beruhigt in Laufdistanz zum Schiff, decke mich ein letztes Mal bei FamilyMart mit Kleinigkeiten ein und nehme durch die Straßen von Yokohama bummelnd Abschied von diesem Teil der Tour - von Japan, von Asien.

    Wenn heute Abend die Skyline am Horizont verschwindet, werden wir für acht Tage kein Land sehen. Jetzt beginnt der abenteuerliche Teil der Reise.
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  • Kopfkino

    26. März, North Pacific Ocean ⋅ 🌬 18 °C

    Es ist kurz vor 22 Uhr.
    Da, wo die Bucht von Tokio in den offenen Pazifik übergeht, hopst der Lotse auf das eng an unsere Backbordseite geschmiegte Boot der japanischen Hafenbehörde, das genau vor den Fenstern auf- und abwippt, hinter denen ich gerade meine letzten Töne am Klavier spiele.

    Für manche an Bord beginnt jetzt die wohl eintönigste Zeit. Für andere ist es an Aufregung kaum zu überbieten. Ich tendiere zur letzteren Gruppe.

    Während wir in den vergangenen Wochen ständig die Fahrtrichtung geändert haben, fahren wir ab sofort felsenfest in eine Richtung, Kurs 94°.

    Ich hab großes Vertrauen in unser schwimmendes Dorf hier, ein bisschen Kopfkino gibt's heute trotzdem vor dem Einschlafen.

    Was, wenn jetzt zu Hause irgendwas sein sollte, was mich das Unterfangen hier ganz dringend abbrechen lassen will? Normalerweise relativ zeitnah realisierbar, im nächsten Hafen runter vom Schiff, irgendwie zum nächsten Flughafen und ab nach Berlin. Zwei Tage, wenn es schlecht läuft drei.

    Jetzt in diesem Moment, in dem ich die Decke meines Doppelstockbetts anstarre, wären es wohl mindestens 12 Tage. Denn zwischen Tokio, das jetzt gerade im Rückspiegel verschwindet und unserem nächsten Hafen auf Hawaii ist einfach mal nix als Wasser.

    6351 Kilometer - also acht Tage, ohne dass wir auch nur an einer einzigen Insel vorbeikommen würden. Dieses tolle Foto von der "Rückseite" der Erde, wo kein Land zu sehen ist? Da fahren wir jetzt einmal quer rüber.
    Wie krass ist das denn bitte!?
    Was für ein Privileg, was für ein Abenteuer!

    Vorfreudiges Kribbeln kommt zurück.
    Na geht doch.

    Ach nee, warte, hier ist noch ein Hirn-Fachangestellter aus der Abteilung Drehbuch, der bitte dringend seine Idee für einen Horrorfilm pitchen will:

    "Hey Doc, ich hab so komische Pusteln am Arm."
    "Na sowas, da waren heut schon drei andere aus der Crew bei mir. Warst du gestern etwa auch draußen in Tokio?"

    Sechs Tage später zieht ein seelenloses Geisterschiff über den Pazifik.
    Kurs 94°.
    Abspann.

    Abspann jetzt auch bei meiner Fahrt im "Was wäre, wenn?"-Karussel.
    Einmal tief durchatmen.
    Du bist einfach ein bisschen aufgeregt.
    Wär ja auch doof, wenn nicht.
    Wird schon alles gut gehen.

    Außerdem hab ich doch jetzt noch eine viel wichtigere Aufgabe als Klavierspielen hier an Bord: Anscheinend hab ich meinem lieben Schwiegerpapa in den vergangenen Jahren oft genug das Blaue vom (Meeres-) Himmel vorgeschwärmt, wenn wir zusammen an seiner Feuerschale gesessen und in den Nachthimmel geguckt haben, sodass der hier jetzt zusammen mit seiner Schwester in Tokio aufgestiegen ist und wir den Rest dieses Abenteuers zusammen bestreiten.

    Wenn ich den nicht wieder heil mit nach Hause bringe, krieg ich mächtig Ärger!
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  • der Stille Ozean macht heut seinem Namen alle EhreHatta PauseAch ja, Crew Drill war heut auchWenn am Horizont nix zu sehen ist, muss er Essen posten.

    Der doppelte Samstag

    29. März, North Pacific Ocean ⋅ ⛅ 18 °C

    Das spannende am Reisen sind ja oft die kleinen Kuriositäten, die man fast beiläufig einsammelt. Eine dieser Perlen steht unmittelbar bevor, denn da wir in der kommenden Nacht die Datumsgrenze passieren, komme ich zum ersten und wahrscheinlich einzigen Mal im Leben in den Genuss, mal zwei Samstage hintereinander zu erleben.

    Bevor jemand neidisch wird - in Wahrheit bekomme ich natürlich keine einzige Lebenssekunde hinzugeschenkt, denn dieser nun auf einen Schlag gutgeschriebene Tag wird mir schon die ganze Reise lang immer wieder scheibchenweise abgenommen.
    Aber lustig ist es trotzdem.

    Während ich auf der bisherigen Etappe meinen Liebsten zu Hause weit (und immer weiter) voraus war, schnippst das nun ab morgen ins absolute Gegenteil und ich hinke vierzehn Stunden hinterher, denn just in dieser Nacht wird in Deutschland ja auch noch auf Sommerzeit umgestellt.
    Sonst wäre es ja zu einfach.

    Wenn gerade keine Zeit für Kurvendiskussion ist, halte ich mich an die Faustregel:
    Wenn bei mir Tag ist, ist zu Hause Nacht.

    Mmh, was macht man denn mit so einem "geschenkten" Tag?

    Wird meine schlaue Uhr am Handgelenk explodieren, weil ich 37 von 24 möglichen Stehstunden erreiche?

    Sollte ich versuchen, den Rekord zu brechen, wieviel Schokolade ein Mensch jemals an einem 29. März gegessen hat, oder bin ich dann nur noch mit Schokolade brechen beschäftigt?

    Kurz hab ich auch drüber nachgedacht, morgen exakt die gleichen Songs am Klavier zu spielen wie heute, aber das Leben ist zu kurz für solche musikalischen Dummheiten - abgesehen davon, dass ich schon wenige Momente später nicht mehr weiß, was ich da gerade zusammengespielt hab.

    Und so werde ich diesen zweiten 29. März einfach als das annehmen, was er ist:

    Ein perfekter Tag, um sich auch über die anderen 364 geschenkten Tage dieses Jahres zu freuen.
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  • überall Paparazzi 😉
    der Himmel sieht eigentlich sehr friedlich ausalles voller Salz

    Matroschka-Gefühle

    30. März, North Pacific Ocean ⋅ 🌬 19 °C

    Heute ist Tag fünf auf dem Meer.
    Letzte Nacht war sozusagen Bergfest.

    Wenn ich mir in den letzten anderthalb Jahren diesen eher wasserlastigen Teil der Reise ausgemalt habe, so bin ich schon irgendwie davon ausgegangen, dass man hin und wieder mal ein Zeichen der Zivilisation sehen würde.

    Ein Tanker am Horizont, ein Flugzeug am Himmel.
    Mmh.
    Wenigstens alle paar Tage mal?
    Nix.
    Ach nee warte, vorgestern hab ich eine Plastiktüte gesehen.

    Es gibt hier wirklich nur unsere kleine schwimmende Welt inmitten dieser lebensfeindlichen Umgebung.
    (Zumindest für meine Spezies)

    Das macht mir lustige Matroschka-Gefühle.
    Klitzekleiner Ozeanpianist auf kleinem weißen "Planeten" inmitten unwirtlicher Unendlichkeit, das ganze auf großem blauen Planeten inmitten noch viel unwirtlicherer Unendlichkeit. So fühle ich mich gerade doppelt eingepackt und irgendwie auch geborgen.

    Japan, Kamtschatka, Alaska, Papua Neu-Guinea, Hawaii - die rettenden Ufer in alle Himmelsrichtungen sind gerade mindestens 3000 Kilometer entfernt. Der Meeresboden im Schnitt immerhin nur fünf, aber da will man ja irgendwie auch nicht hin.

    So in der Mitte des größten Ozeans der Welt zu sein, das ist einschüchternd und erhaben zugleich. Erst recht, wenn wie heute fünf Meter hohen Wellen krachend an den Bug des Schiffes schlagen und alles mit feiner Gischt überziehen. Der Wind pfeift seine endlose Melodie und mir klebt von den paar Minuten an Deck schon so viel Meersalz auf der Haut, dass kein Kannibale mehr nachwürzen müsste.

    Umso bizarrer die Momente, wenn ab und an meine Uhr vibriert, weil mein Sohn mehr Bildschirmzeit anfordert oder die schlaue Waschmaschine zu Hause fertig ist. Dieses Internetz ist schon eine verblüffende Erfindung.

    Moment mal, warum ist denn das Balkonlicht zu Hause an, mitten in der Nacht?
    Ich mach das mal aus.
    Klick. 😊
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  • gesetzlich vorgeschriebene Pause nach 60 Minuten Klavierspielen 🤷🏻‍♂️
    ich und mein überdimensionaler Schaukelstuhlfast biblisch, nach sechs Tagen besuchen uns die ersten Vögel von den Hawaiianischen Inselnmit dem Schwiegerpapa hab ich schon oft Sterne geguckt, aber hier noch nie

    Entschleunigen Sie bitte vielmals

    1. April, North Pacific Ocean ⋅ 🌬 24 °C

    Seit einer Woche gurken wir nun quer über den größten Ozean unseres Planeten, der die gesamte Landfläche der Erde locker in sich aufnehmen könnte.

    Gerade hab ich den Punkt meiner Reise passiert, an dem ich am weitesten von zu Hause entfernt bin.
    Würde ich ein Gummiband zwischen mir und meinen Liebsten spannen, es läge gerade exakt über dem Nordpol.
    Schnips.

    Nach anderthalb Tagen Dauerwelle hat sich das Blau um uns herum merklich beruhigt und auch ich werd lustigerweise gerade von Tag zu Tag weniger wach.

    Mag daran liegen, dass wir hier ständig an der Uhr drehen und die Tage dann nur 23 Stunden haben. Meine Klavierspielzeiten sind ja ohnehin sieben Tage die Woche gleich, sodass sich Wochentagsgefühle schon vor langer Zeit verabschiedet haben.

    Aber während es in Japan fast jeden Morgen etwas neues zu entdecken gab an Land, unterscheiden sich hier auf'm Wasser nun auch die Vormittage kaum voneinander.

    Hier mal ein kleiner Vortrag zu Flora und Fauna, da mal ein bisschen Sport, ansonsten lesen, sonnen, essen, schlafen, aufs Meer gucken.
    Man hat es nicht leicht.

    Wie muss das erst sein, auf einem Containerschiff monatelang um die Welt zu fahren, wo Buffet und Unterhaltungsprogramm ja nochmal leicht ausgedünnt sind im Vergleich zu meinem Boot hier?

    Der Teil von mir meldet sich, dem lange genug eingetrichtert wurde, dass ein Tag, an dem man nichts geschafft hat, kein guter Tag gewesen sein kann.
    Mmh.
    Ich könnte Wäsche waschen.
    Oder mich an den Computer setzen und eine der zahlreichen Sachen machen, die ich mir explizit zum Arbeiten mit aufs Schiff genommen hab.

    Na gut, SO langweilig ist mir ja nun auch nicht.

    Ich könnte eine Rasendünger-Firma gründen, deren einziges Produkt "THE OTHER SIDE" heißt und großflächig mit "The grass is always greener on THE OTHER SIDE!" werben.
    Aber dann würde ich da den Rest des Lebens drüber kichern und meine Frau den Rest des Lebens mit den Augen rollen, das führt ja auch zu nichts.

    Und so versuche ich, einfach mal anzunehmen, dass ich hier und jetzt entschleunigt durch die Tage gleiten darf, so wie das Schiff gerade ganz langsam übers Meer zieht.
    Halt die Klappe, produktiver Stefan!

    In zwei Tagen sind wir auf Hawaii, da wird es mehr zu tun und zu gucken geben, als ich mir gerade vorstellen kann. Alles hat seine Zeit.
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  • Lava-Kleckerspur auf dem Grund des PazifiksNapali-KüsteWalheimatEinfahrt nach Honolulu von meinem Lieblingsplatznach dem Klavierspielen noch ein bisschen an Deck gestanden

    Ha Why?

    3. April in den USA ⋅ ☁️ 22 °C

    Land in Sicht! Und was für eine Sicht.
    Für den Blick auf die schroffen Klippen an der Küste von Kaua'i hat sich der achteinhalbtägige Cliffhanger auf jeden Fall gelohnt!

    Aber warum ist hier denn jetzt eigentlich dieses Hawaii, mittendrin im Pazifik und tausende Kilometer weit weg vom Festland?
    .. oder wie man verkürzt fragen könnte, wenn man sich dank zweier Kinder offiziell für Dad Jokes qualifiziert:
    Ha Why?

    Ich weiß das natürlich seit Neuestem und werde es einmal kurz höchst unwissenschaftlich zusammenfassen:

    Genau hier, wo die acht Hauptinseln es aus'm Wasser geschafft haben (und tausende als Unterwasserberge ihr Dasein fristen), gibt's eine ziemlich poröse Stelle im Erdmantel, einen sogenannten Hotspot. Und an dieser durchgescheuerten Stelle drückt sich seit ein paar Millionen Jahren immer mal wieder flüssiges Gestein aus dem Erdinneren nach oben, sucht sich seinen Weg durch die darüberliegende Pazifische Platte, betreibt aktiven Vulkanismus und lässt Land entstehen, wo vorher keins war.

    Viele Millionen Jahre ging das recht unbemerkt vonstatten, mittlerweile stehen Menschen aus allen Ecken der Welt staunend davor und machen Fotos.

    Während diese kaputte Stelle im Erdmantel immer am selben Punkt verbleibt, schiebt sich die darüberliegende Pazifische Platte Jahr für Jahr ein paar Zentimeter Richtung links oben. Und so sieht man quasi genau in Richtung der Plattenverschiebung eine hübsche Kleckerspur des Hotspots auf der Weltkarte, wobei die nordwestlichsten Vulkankegel die ältesten und schon viele Millionen Jahre inaktiv sind.

    Nur die Vulkane auf Big Island, der Hauptinsel von Hawaii, sind noch aktiv, weil genau unter dieser jüngsten und südlichsten Insel eben gerade der erwähnte Hotspot liegt.

    Während der Mauna Loa und der Kilauea ihre Lava direkt auf die Insel spucken und sie damit immer weiter vergrößern, reicht der Vulkan Loihi südlich von Big Island momentan erst knapp einen Kilometer unter die Wasseroberfläche. In 50.000 Jahren, so die Prognosen, wird auch er die Sonne sehen und entweder eine neunte Insel bilden oder mit Big Island zusammenwachsen.

    Muss ich wohl nochmal wiederkommen dann und Fotos schießen.

    Aber jetzt erstmal Kaua’i.
    An dieser ältesten Insel ganz im Osten fahren wir heute Morgen "nur" vorbei. Es geht ungefähr anderthalb Stunden an der berühmten Napali-Küste entlang, deren schroffe Lavafelsen sich bis zu 1200 Meter in die Höhe schrauben. Das sieht schon mal toll aus, auch wenn wettermäßig noch Luft nach oben ist an diesem wolkenverhangenen Tag.

    Statt des blauen Himmels schickt Mutter Natur zum allgemeinen Entzücken jedoch eine kleine Buckelwal-Familie zwischen uns und der Küste entlang, quasi als Ausgleich.
    Mit Mühe verhindert der Kapitän, dass das Schiff umkippt, weil alle an die gleiche Reling stürzen. 😉
    Es ist aber auch ein faszinierender Anblick.
    Am Blas ist immer wieder gut zu erkennen, wo sich die beeindruckenden Riesen gerade befinden.

    Zur Mittagszeit befinden wir uns dann schon auf Kurs nach O'ahu, der nächsten Insel entlang des Hawaiianischen Archipels, auf der auch die Hauptstadt Honolulu liegt.

    Nach den Tagen der Abgeschiedenheit ist es ganz seltsam, am Nachmittag wieder Flugzeuge (und was für welche!) über unsere Köpfe ziehen zu sehen, während sich die Skyline von Honolulu mit ihren vielen Hochhäusern schon von weitem abzeichnet.

    Da heute alles im Zeichen der US-amerikanischen Einreisekontrolle steht, bespiele ich von meinen drei Standard-Slots am Klavier nur einen einzigen.

    Kurz nachdem wir an der Pier festgezurrt worden sind, sitzen schon zwanzig Grenzbeamte dort, wo es normalerweise Kaffee und Kuchen gibt. Mit strenger Miene kontrollieren sie Pässe, nehmen Fingerabdrücke und machen Fotos von allem, was kreucht und fleucht auf'm Schiff.

    Als sie schließlich fertig sind und das Schiff für den Landgang freigeben, muss ich mich schon langsam ans Klavier setzen. So beobachte ich, wie Gäste (und später auch die Crew) sich nach den neun Seetagen in freudiger Erwartung ins Nachtleben von Honolulu stürzen. Das fällt für mich heute aus, aber natürlich hab ich längst einen Plan ausgeheckt, wie ich möglichst viel Honolulu mitnehmen kann, bevor das Schiff in gut 24 Stunden wieder ablegt.

    Der morgige Tag wird mein Schlitzohr-Meisterstück werden. 😉
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  • Waikiki Beach
    Ich will auch ein Hochzeitsfoto mit lauter fremden badenden Menschen drauf!beeindruckender SonnenaufgangI got thisTaubenmannhier wurden Teile von Fluch der Karibik gedrehtSandy Beach - gefährlichster Strand der Insel wegen der Strömungenbraucht jemand ein Hawaii-Hemd?😉dieses satte tropische Grün - duftet so, wie es aussiehtGoodbye HonoluluAbgang Straßen-Gang

    Honolulu

    4. April in den USA ⋅ ☁️ 25 °C

    Im Cruiseplan - eine riesige Tabelle im 3x-A3-Format, die jeder am Anfang der Reise ausgedruckt bekommt - hebt sich der heutige Tag durch einen dicken roten Vormittag vor:
    GENERAL DRILL US COAST GUARD!

    Bedeutet, dass Beamte der amerikanischen Küstenwache an Bord kommen und sich mal janz jenau zeigen lassen, wie gut wir uns hier im Notfall an die internationalen Verordnungen halten.

    Schon auf früheren Reisen wurde mit geweiteten Augen und angsterfülltem Blick von diesen Inspektionen gesprochen und auch hier ist die Anspannung spürbar.
    Bloß nichts falsch machen, den Behörden keine Angriffsfläche bieten, weil das sonst sehr unangenehm werden kann.

    In dem Wissen, dass auch einzelne Crewmitglieder willkürlich rausgepickt und zu sicherheitsrelevanten Vorgängen befragt werden, wurden wir in den letzten Drills schon gezielt mit solchen Fragen auf diese Situation vorbereitet.

    Nun konnte ich ja schon gestern Abend nicht raus und muss auch heute um 16 Uhr wieder spielen (Spoiler: wieder mal ohne Gäste), sodass ich wenig Lust verspüre, bis nach dem Drill gegen 12 Uhr an Bord zu bleiben und dann nur kurz durch die nähere Umgebung zu hetzen - abgesehen davon, dass ich auch nicht scharf darauf bin, der Coast Guard zu erklären, wie man eine Rettungsinsel korrekt zu Wasser lässt.

    Also habe ich die Touristik schon drei Tage vorher gefragt, ob ich nicht auf einen Ausflug mitfahren kann an diesem Vormittag. Eigentlich ist kein Bedarf, aber weil die mich glaub ich mögen, darf ich als zusätzliche Begleitung mit auf den Bus.

    Jackpot, denn während die übrige Crew morgens das Schiff bis nach dem Drill nicht verlassen darf, ist mein Status jetzt "excused" und das hilft mir dabei, die volle Packung Honolulu mitzunehmen.

    Honolulu, erster Teil.

    Wie schon in Tokio stehe ich abartig früh auf, um vor der eigentlichen Ausflugsbegleitung noch ein bisschen auf eigene Faust unterwegs zu sein.
    Ich habe mir einen vielversprechenden Aussichtspunkt auf einem Berg ausgeguckt, zu dem ich mich ubern lassen will, um dort den Sonnenaufgang anzuschauen und danach gemütlich zurück zum Schiff zu wandern. Die anschließende Tour mit dem Sightseeing-Bus wäre dann ein schöner Kontrast, hab ich mir überlegt.

    Kurz vor sechs sitze ich im Uber, noch zwanzig Minuten bis zum Sonnenaufgang, aber kaum Verkehr, das müsste genau klappen. Auch das Wetter scheint mitzuspielen, vereinzelte Wolken zeichnen sich vor einem immer blauer werdenden Himmel ab.

    Allerdings nicht mehr, als wir die Küste verlassen und hoch auf die Vulkanberge fahren. Mein sehr netter Fahrer rät mir unterdessen davon ab, den Berg anschließend wieder hinunterzulaufen, weil ich da einige Kilometer auf dem Freeway-Seitenstreifen unterwegs wäre.
    Mmh. Gut, muss ich mir halt wieder ein Taxi rufen, wenn ich da oben genug gesehen hab.

    Als es dann eine knappe Meile vor dem Ziel allerdings anfängt, wie aus Eimern zu gießen, muss ich einsehen, dass das mit mir und dem Sonnenaufgang heute wohl nicht so richtig klappen wird. Ich hopse am Lookout kurz raus, genieße neun Sekunden lang die Aussicht auf Berge und Wolken um mich herum und steige pitschnass zurück zu meinem Uberfahrer ins Auto, der mich schmunzelt wieder runter an die Küste bringt. Einmal nach Waikiki, bitte.

    Zum Glück sind hier Tag und Nacht 25 Grad und die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass man ohnehin nur maximal halbtrocken ist - egal, ob es regnet oder nicht.

    Waikiki ist das Stadtviertel mit dem berühmten Surferstrand, an dem der Bus nachher zwar auch noch vorbeikommt, aber ich will dort gern in Ruhe ein bisschen verweilen und wenigstens die sieben Kilometer von dort zurück zum Schiff laufen, wenn es schon aus den Bergen nicht geklappt hat. Schließlich muss ich ja auf meine 10.000 Schritte kommen heute.

    So schlendere ich also um kurz vor sieben schon durch den feinen Sand und staune, wieviele Menschen hier um diese Zeit unterwegs sind. Surferinnen und Surfer, soweit das Auge reicht.
    Surfen wurde ja angeblich hier erfunden, weil die Wellen auf Hawaii so perfekt sind. In Waikiki rollen sie schon kraftvoll an den Strand, an der Nordseite der Insel gibt es aber die berühmt-berüchtigten Big Waves, die unzählige YouTube-Kanäle füllen.

    So richtig kriegt mich dieser Strand nicht (bin Ostsee-verwöhnt) und auch die betont lässigen, übertrieben sportlichen Menschen mit ihren Vintage-Brettern über den Köpfen sind spürbar aus einem anderen Holz geschnitzt als ich.

    Entlang der Küste reiht sich nun erstmal Nobelhotel an Nobelhotel und ich muss bestimmt zwanzig Minuten gehen, ehe ich nicht mehr durch Touristenblasen laufe. Am Ala Moana Beach Park endlich hab ich sie alle hinter mir gelassen. Hier joggen und surfen die Einheimischen, außerhalb des Wassers weniger elegant unterwegs, dafür um so mehr in den Wellen.

    Auch viele Obdachlose haben in diesem Park ihre Zeltplane über ihr Hab und Gut gespannt und mir wird gerade klar, dass ich in Japan keinen einzigen Menschen gesehen habe, der auf der Straße leben muss.

    Der Rest des Rückwegs verläuft recht ereignislos und so bin ich ganz schön durchgeschwitzt um halb neun zurück am Schiff - perfekt, um noch kurz zu duschen und mir ein kleines Müsli-Frühstück zu gönnen, ehe ich die Gangway wieder runtergehe
    ("I'm excused, Sir.") und mich zu meinem Bus begebe.

    Honolulu, zweiter Teil.

    Heute stehe ich nicht mit Lollipop und Liste vor dem Bus, denn in den USA ist es uns Crewmitgliedern strengstens untersagt, außerhalb des Schiffes irgendwelche Tätigkeiten auszuführen. Ich bin heute wirklich nur als Ansprechpartner für Notfälle dabei. Mega.

    Ich muss gestehen, dass ich mir die einzelnen Stops des Busses im Vorfeld nicht genau angeschaut habe, und als mir zum Ende der schönen Inselrundfahrt die Gegend plötzlich sehr bekannt vorkommt, muss ich schon ein bisschen lachen.

    Immerhin regnet es jetzt nicht mehr in Strömen am Nu'uanu Pali Lookout, zu dem ich mich heute schon mal für 45 Dollar hab chauffieren lassen - natürlich ohne zu wissen, dass ich hier mittags nochmal deutlich kostengünstiger vorbeikommen würde.
    Irgendwie fail, aber andererseits auch lustig.

    Pünktlich zur Tea Time sitze ich müde aber glücklich am Flügel. Natürlich ist wieder kein Gast da. Absolut verständlich, denn wer nach acht Tagen auf'm Pazifik nicht die Gelegenheit nutzt, das Weite zu suchen, der muss schon triftige Gründe haben.

    So feixe ich ein bisschen mit denen, die mir in den letzten vier Wochen schon recht vertraut geworden sind in den Kaffeestunden und träume mich heute mal durch die Kreuztonarten - und in Gedanken schon mal in den tiefen Schlaf, der mich heute Abend sicher überfallen wird, wenn das Schiff zur nächsten Insel schaukelt.
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  • üppig bewachsene Vulkanbergewilde Hühner, immer und überallJust me and my Spuren im SandDa oben wohnt Mauidieses Foto hat mein "wasserdichtes" Handy 6h lahmgelegtes ist jetzt kein wirklich feiner Sand, wenn Ostsee der Goldstandard istauf dem Rückweg nix los in der MesserstraßeNa wer hat denn hier seinen Einkaufswagen vergessen?

    Maui

    5. April in den USA ⋅ ☀️ 26 °C

    Maui? Kenn ich.
    Halloo?
    Ich hab zwei Kinder im besten Disney-Alter!
    Der freundliche Halbgott von nebenan mit den wandernden Tattoos auf dem Oberkörper. Heute ist der Tag, an dem ich zum ersten mal "seine" Insel betreten darf.

    Maui ist die drittgrößte der Haiwaii-Inseln und der erste Blick aus meinem Bullauge ist schon mal vielversprechend - Vulkan mit Kopf in den Wolken, ansonsten blauer Himmel.

    Ehrlich gesagt dachte ich bisher, dass die Insel Maui eben eine Insel ist und der muskelbepackte Typ aus dem Film damit nicht viel zu tun hat.
    Aber da hatte ich mal wieder grandios wenig Ahnung, denn der beste Kumpel von Vaiana ist mehr als nur ein Leinwand-Held. Er wird von den Einwohnern hier auf Maui wirklich als Halbgott verehrt, wohnt da oben auf dem Vulkan und ist immer für einen Spaß zu haben.

    Wer hat die Sonne eingefangen und ein bisschen näher an die Insel rangezogen, damit die Wäsche der Mama schneller trocknet? Maui.
    Wer hat den Himmel ein Stück nach oben geschoben, damit die Menschen bequem aufrecht gehen können? Genau.
    "Maui hat das für uns gemacht." sagt unser Guide Ka'ili schmunzelnd.
    "You're welcome!"

    Den Maui-Halbgott-Charakter bei Vaiana haben also keine findigen Autoren bei Disney geformt sondern eine gut 1800 Jahre alte Kultur. Wieder was gelernt.

    Aber damit nicht genug: Der Film - den ich mir nach der Reise unbedingt nochmal anschauen will - erzählt im Grunde die Geschichte derer, die sich dereinst auf den Weg hierher gemacht haben.

    Die Hawaii-Inseln wurden in drei Wellen besiedelt. Die mutigsten (und muskelbepacktesten) Entdeckerinnen und Entdecker aus dem Südpazifik - heute Französisch Polynesien - haben in meisterhaft konstruierten Doppelrumpf-Booten die Wellen besiegt und ihren Weg zu diesen Inseln gefunden.

    Hawaii, das zwar auf der Nordhalbkugel liegt, durch die ethnische Herkunft seiner indigenen Bevölkerung aber zu den Südseeinseln zählt, ist mehr als 4000 Kilometer von Fidschi, Samoa und Co entfernt, von wo aus die mutigen Abenteurer erstmals im zweiten Jahrhundert hierher aufbrachen.

    Menschen leben hier also erst seit ungefähr 1800 Jahren. Das ist quasi nix im Vergleich zum Rest der Welt. In Afrika, der Wiege der Menschheit, laufen „wir“ seit 150.000 Jahren durch die Gegend und in Europa gibt es uns auch schon ungefähr 45.000 Jahre.

    Die Strömung des Pazifiks ließ die Wagemutigen nach mehreren Monaten genau hier ankommen. Rückkehr ausgeschlossen, denn gegen die Winde wieder gen Süden rudern? Das wird nix - Muskeln hin oder her.

    Unsere Expertin für Landeskunde hat die Tage erzählt, dass es auf den Inseln hier eine sehr lebendige Erinnerungskultur gibt, die versucht, die Umstände der Besiedlung genau zu ergründen. Vor wenigen Jahren wurde eins der historischen Boote nachgebaut und auf den Kurs gebracht, den die Entdecker damals nahmen. Natürlich mit Netz und doppeltem Boden, denn im Falle des Kenterns hätten die Frauen und Männer, die sich auf die Spuren ihrer Vorfahren begaben, nur rüber zum Begleitboot schwimmen müssen.

    Das war aber nicht nötig, denn die Expedition kam heil auf Hawaii an und so wurde tatsächlich der Beweis erbracht, dass man diese irre Strecke wirklich in Kanus überwinden kann, die mit Kokosnussfasern zusammengebunden sind.

    Ich werde heute in kein Kanu steigen, hab aber mal wieder einen Ausflug gefangen, der mich in einem Kühlschrank-kalten Bus in eine unverschämt beeindruckende Schlucht bringt.

    Zum ersten Mal machen sich im Zusammenhang mit Hawaii Wow-Gefühle breit.
    Schroffe, zerklüftete Vulkan-Klippen ragen in den Himmel hoch, in ein grünes Kleid gehüllt. Und was für ein Kleid!

    Wie vor zwei Jahren in Ecuador und Kolumbien erschlägt mich der Regenwald fast - so viel Grün, so viel Gezirpe und Geraschel.
    Ich stelle mir vor, wie Maui sich die Flora & Fauna-Menükarte hat bringen lassen und grinsend "Jep, einmal das alles bitte, genau in der Reihenfolge" gesagt hat.

    Der zweite Stopp ist eher Kaffeefahrt, obwohl sich "Besuch einer Macadamia- und Zuckerrohr-Plantage mit Führung über die Farm" eigentlich sehr nice angehört hat. Aber wegen eines Trauerfalls bei den Besitzern muss die Führung leider ausfallen. Das war schon am morgen klar und wurde den Gästen auch kommuniziert, kein Problem.

    Was sich allerdings erst vor Ort rausstellt: Keine geführte Tour über die Plantage heißt Plantage betreten verboten. So hängen meine Schäfchen und ich 60 Minuten vor, in und hinter dem an Frechheit kaum zu überbietenden Souvenirshop ab (Pfund Kaffee 42 Dollar).

    Als Ausgleich gibt es dann noch einen zusätzlichen Stopp an einem berühmten Walbeobachtungsstrand, an dem man in der Walbeobachtungssaison sicher auch unvergessliche Walbeobachtungsmomente erleben kann. Denn vor der Küste von Maui tummeln sich die majestätischen Tiere bevorzugt ab Oktober, um noch mehr Wale zu machen.

    In dieser Saison haben Freiwillige wochenlang an genau diesem Strand gesessen und über 2200 vorbeiziehende Wale gezählt. Und da Wale nachts selten beleuchtet sind, werden es sicher noch ein paar mehr gewesen sein.

    Die letzten haben sich wohl allerdings vor ungefähr drei Wochen wieder auf den Weg zurück vor die Küste Alaskas gemacht, um sich dort den Bauch vollzuschlagen, fügt unser Guide kleinlaut an.

    Ein dünnes bisschen Hoffnung weht dennoch durch den Bus, ein Kollege Wal könnte seine Abfahrt deutlich verpasst haben und genau in dem Moment pirouettenspringend über den Horizont jubeln, wenn wir gerade acht Minuten lang aufs Wasser starren.
    Es bleibt eine Hoffnung.

    Ich bin mal wieder froh, dass ich Vormittage wie diese hier einfach geschenkt bekomme, denn wenn ich dafür viel Geld bezahlt hätte, wäre ich doch eher verärgert gewesen. Und so finde ich im Tour Report, den ich anschließend immer verfassen muss, auch ein paar deutliche Worte hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnisses.

    Als der Bus um 12:30 Uhr wieder vor dem Schiff steht, tickt die Uhr für den Herrn Ozeanpianisten schon langsam wieder.
    Zum Glück hab ich mich aber penibel auf diesen Moment vorbereitet: Die Badehose ist bereits im Rucksack und der Weg zum nächstgelegenen Strand im Handy gespeichert, sodass ich gar nicht erst zurück aufs Schiff, sondern direkt wieder raus aus dem Hafengelände gehe.

    Hellgrün schimmernder Pazifik an palmigem Sandstrand, das sieht so verlockend aus, dass ich da heute unbedingt mal rein muss.

    Zum Glück ist in diesem Falle nicht der Weg das Ziel, denn ich muss erst an der örtlichen Kläranlage vorbei und dann eine Straße entlang, wo Menschen in nicht mehr fahrtauglichen Autos wohnen und mich eher grimmig als freundlich anschauen. Ungefähr dort, wo sich gerade zwei Zahnlose gegenseitig bewundernd ihre Unterarm-langen Messer zeigen, eile ich Augenkontakt vermeidend an den Strand hinunter.

    Hier unten wimmelt es von Kite-Surfern und der Wind bläst mich fast um.
    Egal, ich will da jetzt rein!
    Wenn man irgendwo von einem Hai gefressen wird, dann wohl an den Stränden von Maui, hab ich gestern gelesen, aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Wenn die Kitesurfer da draußen alle plötzlich verschwinden sollten, werde ich aus dem Wasser rausgehen, nehm ich mir fest vor.

    Eine völlig unbegründete Exit-Strategie, denn wenn mich hier irgendwas umbringt, dann diese Mörderwellen! Fiese Kameraden, erst umschubsen und dann direkt mit sich ins Meer ziehen. Eieiei, das kenn ich aber anders aus Zinnowitz.

    Und so ist mein erster Pazifik-Durst recht schnell wieder gestillt (Salzgehalt: Bis über beide Ohren!), nachdem ich anderthalb Armlängen vom Ufer entfernt drei meiner "steh auf, fall wieder hin"-Übungen absolviert habe.

    Na gut, geh ich mal ein bisschen am Strand entlang. Und siehe da, in der nächsten Bucht wartet eine astreine Lagune auf mich. Die Wellen regen sich an den vorgelagerten Vulkanbrocken ab und was bei mir ankommt, ist schon eher Ostsee.
    "Taugt schon als Sehnsuchtsort, dieses Hawaii" denke ich mir, als ich mit Blick auf Palmen links und hohe Wellen vor schroffen Felsen rechts bei 28° vor mich hinplätschere.

    Google Maps ist unterdessen unerbittlich: Zurück zum Schiff entweder wieder durch die Messerstraße oder eine Stunde fünfzehn rund ums Vogelschutzgebiet.
    Dafür fehlen mir Zeit und Bock, und so bin ich beim Verlassen des Strandes auf Sprinten vorbereitet, komme aber gemäßigten Schrittes wieder an der Wagenburg vorbei und bis zur Kläranlage. Der Wind hat aber mittlerweile gedreht und zwingt mich dann doch noch zu einem kleinen Sprint.

    Zurück am Schiff spiele ich heute den Soundtrack von Vaiana hoch und runter - zumindest das, woran ich mich grob erinnern kann.

    Maui.
    Cooler Typ mit noch coolerer Insel!
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  • Road Trip Feeling
    Akaka FallsHach..Waipi'o Valley - wie Rügen auf SteroidenBischof Nikolaus am Wegesrand? Ach nee, nur eine Palme.Pech gehabt und Glück gehabtKölner Dom - Hawaii StyleIf you're in doubt, stay out!selbst die Sonne kommt hier kaum durch

    Roadtrip-Gefühle

    6. April in den USA ⋅ ⛅ 25 °C

    "Wir brauchen dich morgen leider nicht, tut mir echt leid!! Trauriger Smiley, Gehirnrausguck-Smiley, noch irgendein Smiley"

    Kristina von der Touristik hat gleich geantwortet auf meine Frage, ob ich auf der letzten und größten Hawaii-Insel morgen eigentlich auch einen Ausflug begleiten soll.

    Insgeheim hatte ich darauf gehofft, denn so kann ich den Tag komplett nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten, ehe um 16 Uhr das Murmeltier grüßt.

    Fast als Erster bin ich vom Schiff runter und sitze schon drei Minuten später im Uber, das mich zum Flughafen bringt. Dort chartere ich mir einen Helikopter...
    Nein, natürlich nicht!
    Aber ein Mietwagen darf's heute mal sein für den feinen Herrn.

    Auch das klappt alles reibungslos, und so sitze ich bereits um kurz nach neun in meinem mietwagentypisch weißen Ami-Schlitten und bewundere all die Knöpfe und Hebel.

    Wenn ich das hier in ein paar Jahren nochmal lesen sollte, wird das folgende bestimmt putzig und wahnsinnig gestrig klingen. Dennoch: ChatGPT ist echt ne Wucht und hat mir auf dieser Reise schon so manches mal richtig tolle Dienste geleistet.

    "Hey, ich bin am Flughafen von Hilo auf Big Island und habe fünfeinhalb Stunden Zeit, mir die Insel anzugucken. Ich hab keinen Bock auf Menschen, dafür aber auf atemberaubende Natur. Was empfiehlst du mir?"

    "Heut ist ein perfekter Tag dafür und der Flughafen von Hilo ein wirklich guter Ausgangsort. Das wird sicher toll! Ich habe vier Vorschläge für dich. Fahr zuerst dort hin, weil da das Licht morgens schöner ist. Und falls du unterwegs Lust auf einen lokalen Mittagssnack bekommst, mache einen Stop bei Two Ladies Kitchen und probiere die legendären Mochis dort. Soll ich dir eine Route mit allen Zwischenstopps für Google Maps erstellen?"

    Zwölf Sekunden später halte ich eine Route in den Händen, die wirklich vielsprechend klingt und mich heute das eine oder andere mal staunend viel zu viele Fotos schiessen lassen wird.

    Ach ChatGPT, also mich hast du ja schon ziemlich von dir überzeugt.

    Ja, ich weiß, es ist auch cool, nur mit Straßenatlas umherzuirren oder sich ganz ohne Karte einfach treiben zu lassen. Mag ich auch echt, aber für meine engen Zeitfenster und den Wunsch, das Maximum rauszuholen, ist KI hier gerade echt ein Segen.

    Hey, hast du das gehört, KI? Ich hab dich gelobt im Jahr 2025. Jetzt komm zurück zu meinem Käfig und gib mir was zu Essen!

    Am ersten Stopp erwartet mich der 135m hohe Akaka-Wasserfall.
    .. und leider auch ein Reisebus, aus dem gerade in Zeitlupe die ersten Zombies von unserem Schiff rauspurzeln.

    Ich schaffe es gerade noch, mich freundlich lächelnd vor die Gruppe zu zwängen, bevor es auf den schmalen Baumwipfelpfad Richtung Wasserfall geht.
    "War das nicht gerade der Pianist?"
    Nee, war er nicht.
    Heute bin ich einfach nur ein fremder Typ mit Sonnenbrille, Frau von und zu. Und Hüftgelenk-Stau kann ich gerade auf gar keinen Fall gebrauchen. Hatte ich nicht gesagt, dass ich keine Menschen will, Chatti?
    Daran müssen wir noch arbeiten.

    Die stark beleibte Amerikanerin am Einlass wünscht mir viel Spaß auf dem Rundweg und stellt mir in Aussicht, ihn in ungefähr 35 Minuten absolvieren zu können. Als ich 18 Minuten später wieder vor ihr stehe, staunt sie nicht schlecht. Dabei hab ich davon noch mindestens fünf vor dem beachtlichen Wasserfall gestanden und mich daran erfreut, wie die Sonne ihm einen Regenbogen-Bart malt.

    Keine Frage, es ist mein erklärtes Ziel, irgendwann auch 35 Minuten für so einen Weg zu brauchen, schließlich will ich steinalt werden. Aber bis dahin genieße ich es, die Treppen hoch- und runterfliegen zu können, wie es mir beliebt.

    Die Route führt mich weiter Richtung Norden, immer die Küste entlang. Rechts blitzt das unendliche Blau des Pazifiks durch die Zedern, links begleitet mich dichter Regenwald an steilen Hängen.

    Besonders beeindruckend sind die tief eingeschnittenen Täler, die der Highway immer mal wieder mit abenteuerlich anmutenden Brücken überquert.

    Am Waipi'o Valley Lookout, laut Chatti einem der "dramatischsten" Aussichtspunkte der ganzen Insel, erwartet mich ein toller Blick auf die steilen Klippen entlang der Küstenlinie. Hier stehe ich ein paar Minuten einfach nur so rum und lasse die gewaltigen Dimensionen auf mich wirken. Der schwarze Sandstrand da unten, die Wellen, die von hier oben wie in Zeitlupe aussehen, die gigantische Steilküste - wie Rügen auf Steroiden.
    Es ist wirklich atemberaubend schön hier.

    Am Laupāhoehoe Beach Park stehe ich dann schließlich auf den zerklüfteten Lava-Würsten, die hier einst ins Wasser geflossen sind und lasse mir die Gischt der abartig hohen Wellen ins Gesicht schlagen.

    Kaum Touristen, dafür ein paar einheimische Familien mit Kindern, die gerade ihr Mittagessen grillen. Und ein paar Hippies ohne Kinder, dafür mit Gitarre in der Hängematte. Sieht alles sehr entspannt aus.

    Ich hab meine Badesachen dabei, aber an Baden ist hier auf gar keinen Fall zu denken. "Strong current! If you're in doubt, stay out!" steht überall auf riesigen Schildern.

    Ich bin nicht mal ansatzweise "in doubt", nachdem mich die vergleichsweise kleinen Wellen auf der letzten Insel ja schon mächtig geärgert haben.

    Und so cruise ich den Highway 19 wieder Richtung Süden, nehme links und rechts immer mal einen Lookout oder eine Scenic Route mit, muss einmal auch wenden, weil ein riesiger Baum auf die Straße geplumst ist und lasse mir von meiner neuen besten Freundin noch eine kleine Wanderung empfehlen, damit ich heute nicht nur auf meinem Hintern gesessen haben werde.

    Vor dreizehn Jahren bin ich mal sieben Wochen lang ziemlich genau so mit nem Campervan durch Australien gefahren. Nur ich und mein Auto - sehen, staunen und ganz viel Freiheit. Meine kleine Spritztour heute erinnert mich sehr an diese Zeit - mit dem kleinen Unterschied, dass meine Freiheit heute um 16 Uhr vorerst wieder endet.

    Und so gönne ich mir nach der kleinen Wanderung durch den Regenwald noch einen Besuch im riesigen Supermarkt, um meine Vorräte wieder etwas aufzufüllen. Denn ab morgen Mittag steht der zweite Teil unserer Pazifiküberquerung an.
    Fünf Seetage trennen uns dann noch von Los Angeles, dem Ziel unserer Reise.

    Schon am Klavier sitzend übergebe ich den Autoschlüssel an meinen Schwiegervater, der gerade von seinem geführten Ausflug zurückkommt und nun die Insel auch noch etwas auf eigene Faust erkunden will.

    Das Auto ist bis morgen früh noch meins und wird die Nacht über hoffentlich brav vor den Toren des Hafengeländes auf mich warten.

    .. denn der eigentlich Hauptgrund, überhaupt ein Auto gemietet zu haben, der kommt erst noch.
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  • Mauna Kea wirft riesigen Schattenauf den Hügel da gegenüber wollte ich irrtümlicherweise zuersthinter dem Wolkensee der Mauna Loaauch auf dem Rückweg quasi nix los am Bergspannend, wie sich hier Leben den Weg durch die Steine bahnthat mich gut hoch und wieder runter gebrachtdefiniere WeiteSchluss mit Sonne, ab in die WolkendeckeFundstück beim Zurückwandern zum Schiff mittags

    Auf dem höchsten Berg der Welt

    7. April in den USA ⋅ ☀️ 14 °C

    Der Wecker klingelt, es ist 3:52 Uhr.
    Boah.
    Mach ich das wirklich?
    Okay, ich mach das.
    Wasserflasche, Müsliriegel, Powerbank - check.
    Festes Schuhwerk, Jacke (wo ist die nochmal?) - check.
    Handschuhe, Mütze, Schal - check.

    Um 4:04 Uhr starte ich den Motor meines Mietwagens.
    32 Meilen, 45 Minuten, sagt das Navi.

    Zehn Minuten später verschwinden die letzten Lichter der Stadt im Rückspiegel. Pechschwarze Nacht in die Richtung, in die ich fahre. Da wohnt absolut niemand. Hier gibt's nur den Highway, mein Auto und mich.

    So fangen ganz hässliche Filme an und ich geb zu, dass ich gestern beim Einschlafen keine Schwierigkeiten hatte, mir genauestens auszumalen, was bei diesem Teil meines Plans alles schieflaufen könnte.

    Tut es aber nicht.

    Wenn ich irgendwo zum Sonnenaufgang hinfahren will, fängt es unterwegs an zu regnen, das hat auf dieser Reise ja schon Tradition.
    Diesmal macht mir das hektische Hin und Her meiner Scheibenwischer aber nichts aus. Ich weiß ja, dass das alles nur eine Phase ist.

    "Hey Siri, wie hoch bin ich gerade?"
    "864 Meter."

    Der Saddle Road ist eine 1A geteerte Landstraße, die schnurstracks an der unteren, noch sehr sanften Flanke des Mauna Kea hochführt.
    Wie schon beim Fujiyama in Japan haben auch hier rund eine Million Jahre Lava-Kleckerei zu dieser typischen Kegelform geführt.

    Der Regen wird zwar weniger, dafür kann ich kaum noch 100 Meter weit sehen. Erst recht nicht mit dem automatischen Fernlicht, was sich partout nicht ausschalten lässt und mir hübsch die weiße Wand anstrahlt. Ätzend!
    Als ich gerade ernsthaft überlege, deswegen mal kurz anzuhalten, lichtet sich der Nebel plötzlich.

    "Hey Siri, wie hoch bin ich gerade?"
    "1412 Meter."

    Sehr gut. Während ich langsam oben aus der Wolkendecke herausfahre, funkeln mich schon die ersten Sterne an.
    Wow, das sieht ja schon mal toll aus.

    Auf ungefähr 2000 Metern Höhe biege ich rechts vom Saddle Road ab, der im weiteren Verlauf zwischen dem Mauna Kea und dem Mauna Loa - den beiden Vulkan-Geschwistern, die diese Insel maßgeblich geformt haben (und nach wie vor formen) - wieder bergab an die Südküste führt.
    Ich will aber nicht an die Südküste.
    Ich will noch weiter nach oben.

    Die Straße ist nun deutlich steiler. Mein GMC Terrain jault ganz schön rum, aber er hat es ja bald geschafft. Noch 8 Meilen bis zu meinem Ziel.

    Während auf der Saddle Road hin und wieder noch Autos unterwegs waren, bin ich nun wirklich allein. Riesige gelbe Schilder an der Straße warnen mich:
    "Altitude sickness can be fatal. Don't go any further if you have health conditions or witness any signs of nausea."

    Körper, allet schick?
    Allet schick.

    "Hey Siri, wie hoch bin ich gerade?"
    "2712 Meter."

    Dann muss ich ja gleich da sein.
    Tatsächlich kommt nun rechterhand ein Parkplatz in Sicht, auf dem schon einige Autos mit laufendem Motor stehen.

    Für die ist das hier nur ein Zwischenstopp. Sie wollen sich mit ihren offroad-tauglichen Jeeps ein paar Minuten an die Höhe gewöhnen (empfohlen sind mindestens 30), ehe sie die Schotterpiste weiter bis zum Gipfel fahren, 4205 Meter über dem Meeresspiegel.

    Obwohl mein Mietwagen auch Allradantrieb hat, wurde ich von der freundlichen Dame bei der Fahrzeugübergabe gestern explizit darauf hingewiesen, dass man mit ihren Autos maximal bis genau zu diesem Parkplatz hier fahren darf, und daran will ich mich auch halten.

    6 Grad draußen, geht ja eigentlich.
    Trotzdem packe ich Schal, Mütze und Handschuh in meinen Rucksack, bevor ich aussteige.

    Es ist 4:56 Uhr. Die zahlreichen gut gemeinten Aussteige-Lichter meines Autos sind endlich erloschen. Ich stehe auf dem vollkommen unbeleuchteten Parkplatz, lege den Kopf in den Nacken und bekomme die Gänsehaut meines Lebens. Über mir die Milchstraße, gesäumt von unfassbar vielen Sternen, Flecken und Nebeln, die ich noch nie so am Nachthimmel gesehen habe.

    Am liebsten würd ich noch ein bisschen so stehenbleiben, aber im Osten, von wo die Venus mich freudig anstrahlt, dämmert es schon etwas.

    Ich hab keine Zeit zu verlieren, denn was jetzt kommt, ist etwas tricky. Da ich nicht genau weiß, wie lange ich für den knappen Kilometer Fußweg durchs Vulkangeröll brauchen werde, mache ich mich lieber auf den Weg, auch wenn bis zum Sonnenaufgang noch über eine Stunde Zeit ist.

    ChatGPT - wer sonst? - hat mir einen kleinen Berg unweit des Parkplatzes empfohlen, von dem ich eine freie Sicht Richtung Osten haben soll.

    Es ist so krass dunkel.
    Meine Handytaschenlampe nützt mir wirklich nur, wenn ich sie fast auf Kniehöhe Richtung Boden halte. Liegt sicher auch daran, dass das poröse Lavazeug alles an Licht schluckt, was nicht bei drei auf‘m Baum ist.

    Während ich KI-befohlen zunächst die steile Straße, die ich vor wenigen Minuten hochgefahren bin, wieder ein Stück hinunterlaufe, halte ich nach einem alten Trafohäuschen Ausschau.

    Leider kann ich partout nichts entdecken, was anders aussieht als Lavastein. Die angekündigten 400 Meter bergab hab ich auch locker schon hinter mir gelassen.
    Mmh, erstmal anhalten, hier stimmt was nicht.

    Einmal stehengeblieben, wird mir bewusst, wie still es um mich herum ist. Es weht kein Lüftchen und die Jeeps sind mittlerweile weiter Richtung Gipfel gefahren.
    Hier zirpt auch nix, außer mein Tinnitus. Das ist so gruselig und schön zugleich, dass ich das erstmal ein paar Momente lang auskosten muss.

    Zum Glück hab ich hier oben erstaunlich gutes Netz, und so frage ich bei Chatti Allwissend nochmal nach. "Hey, ich finde den Einstieg zu dem Hügel nicht, den du mir empfohlen hast. Kannst du mir noch ein paar Tipps geben?"

    Und siehe da, ich hab auf der falschen Seite gesucht - quasi Richtung Sonne, während mein Berg westlich der Straße liegt.

    Also gut, die steile Straße wieder ein Stück hoch und dann links über das Vulkangeröll-Feld.
    Knirsch, knirsch.
    Ich fühl mich fit, aber mein Herz pumpt wie verrückt, weil in der dünnen Luft hier oben nicht die gewohnte Menge an Sauerstoff unterwegs ist im Körper.

    Dafür bin ich jetzt offensichtlich in die richtige Richtung unterwegs, denn irgendwann sehe ich tatsächlich die Kontur des Trafohäuschens und muss nun nur noch die gut 120 Meter auf meinen persönlichen Mini-Vulkan raufkraxeln.

    Oben angekommen setze ich mich auf einen großen Stein, schnaufe erstmal durch und schaue auf die wattige Wolkendecke da unten, die von Osten schon deutlich angedämmert wird.

    Und während mein Herz langsam wieder runterkommt, sehe ich zwei Taschenlampenlichter meinen Hügel hinaufkommen.

    Freundlich-überraschtes Hallo, als die beiden oben sind, denn es handelt sich witzigerweise um Frau Schiffs-DJ und noch ein Crewmitglied von unserem Kahn, die sich anscheinend auch extra ein Auto besorgt haben.

    Der Hügel ist aber groß genug für uns drei und ich bin froh, dass sie offensichtlich genauso wenig das Gespräch suchen wie ich.

    Hier jetzt zu beschreiben, wie die Sonne aufgegangen ist, wäre ein bisschen Quatsch, aber ich kann sagen, dass ich in der guten Stunde dem Drang nur mühevoll Widerstehen konnte, die sich ständig ändernden Lichtverhältnisse immerzu auf Fotos festzuhalten.

    Von Minute zu Minute sehe ich mehr von dem, was um mich herum ist.

    Ein großer und unzählige kleine Vulkankrater im Süden. Im Norden der 4205 Meter hohe Gipfel des Mauna Kea, welcher kurz nach Sonnenaufgang einen gigantischen Schatten an den Himmel im Westen projiziert.
    Und im Osten die dicke Wolkendecke, unter der sich der Pazifik und unser Schiff versteckt.

    Erst als die anderen beiden längst wieder weg sind, nehme ich mir nochmal ganz bewusst zehn Minuten ohne Fotografiererei, hole meinen Fertigkaffee aus'm Rucksack, der seit Tokio in meinem Kühlschrank gewohnt hat und lass die Augen in die Ferne schweifen.

    Wie schön kann eine Aussicht eigentlich sein?

    Während ich um 3:52 Uhr noch ganz kurz überlegt hatte, ob ich das wirklich tun sollte, bin ich nun richtig froh, genau hier auf meinem kleinen Hügel an der Flanke des höchsten Bergs der Welt zu stehen, diesen Morgen mit allen Sinnen aufzusaugen und hoffentlich in eine Erinnerung zu verwandeln, die mich zukünftig immer mal wieder unverhofft zum Lächeln bringen wird.

    Moment mal, höchster Berg?
    Tatsächlich ja. Zumindest insofern, als dass zu den gut 4000 Metern über'm Meeresspiegel knapp 6000 bis zum Meeresboden hinzukommen. Das Ding ist also über zehn Kilometer hoch und hat am Meeresgrund einen Durchmesser von mehr als 300 Kilometern.

    Let that sink in!
    Apropos: Jüngste Berechnungen haben ergeben, dass der Mauna Kea aufgrund seines unglaublichen Gewichts die Pazifische Platte unter sich um ungefähr sieben weitere Kilometer eingedrückt hat.

    Hey, so gesehen war ich von den 17.000 Metern, die der Berg insgesamt hoch ist, immerhin auf 15.600 Metern - und das ganz ohne Sauerstoffgerät. 😉

    Oh, schon so viel geschrieben.
    Waren das schon 160 Zeichen?

    Na gut, um den Rahmen hier nicht völlig zu sprengen, muss dann halt hinten runterfallen, wie ich auf dem Rückweg durch bizarre Lava-Landschaften gefahren und schließlich von oben wieder in die Wolkendecke eingetaucht bin, ehe ich das Auto pünktlich am Airport abgegeben und mich KI-gestützt zu einem wellengeschützten Badestrand hab ubern lassen. Das wäre an anderen Tagen für sich genommen schon Erlebnis genug gewesen.

    Zu verdanken hab ich Idee zu der Aktion übrigens - neben noch viel essentielleren Dingen in meinem Leben - meinem Schwiegerpapa, der mir einige Tage zuvor strahlend von dem geheimen Sonnenaufgangs-Ausflug auf den Gipfel des Mauna Kea erzählt hat, der in keinem Katalog steht und für den er sich hat auf die Warteliste schreiben lassen.

    Natürlich hab ich daraufhin sofort meine Fühler ausgestreckt und gecheckt, ob ich da nicht auch irgendwie mit kann, aber der Andrang auf die zwölf Plätze war schon unter den Gästen so groß, dass nicht im Traum daran zu denken war, dort als Crew einen Platz zu bekommen.

    So entstand der Plan, selbst ein Auto zu mieten und meinen Schwiegerpapa dort oben zum Sonnenaufgang zu überraschen.

    Am Ende war er dann tatsächlich oben auf dem Gipfel und ich wie beschrieben ja „nur“ auf knapp 3000 Metern, aber dennoch wird dieser Morgen sicher etwas sein, woran wir uns gern gemeinsam erinnern werden.

    Und Hand aufs Herz:
    In Stille und allein auf halber Höhe versus in lustiger Gesellschaft von zwölf bunt zusammengewürfelten Menschen oben auf dem Gipfel - wer mich kennt, der weiß, dass es besser nicht hätte laufen können für mich.
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