• Kopfkino

    26. maaliskuuta 2025, North Pacific Ocean ⋅ 🌬 18 °C

    Es ist kurz vor 22 Uhr.
    Da, wo die Bucht von Tokio in den offenen Pazifik übergeht, hopst der Lotse auf das eng an unsere Backbordseite geschmiegte Boot der japanischen Hafenbehörde, das genau vor den Fenstern auf- und abwippt, hinter denen ich gerade meine letzten Töne am Klavier spiele.

    Für manche an Bord beginnt jetzt die wohl eintönigste Zeit. Für andere ist es an Aufregung kaum zu überbieten. Ich tendiere zur letzteren Gruppe.

    Während wir in den vergangenen Wochen ständig die Fahrtrichtung geändert haben, fahren wir ab sofort felsenfest in eine Richtung, Kurs 94°.

    Ich hab großes Vertrauen in unser schwimmendes Dorf hier, ein bisschen Kopfkino gibt's heute trotzdem vor dem Einschlafen.

    Was, wenn jetzt zu Hause irgendwas sein sollte, was mich das Unterfangen hier ganz dringend abbrechen lassen will? Normalerweise relativ zeitnah realisierbar, im nächsten Hafen runter vom Schiff, irgendwie zum nächsten Flughafen und ab nach Berlin. Zwei Tage, wenn es schlecht läuft drei.

    Jetzt in diesem Moment, in dem ich die Decke meines Doppelstockbetts anstarre, wären es wohl mindestens 12 Tage. Denn zwischen Tokio, das jetzt gerade im Rückspiegel verschwindet und unserem nächsten Hafen auf Hawaii ist einfach mal nix als Wasser.

    6351 Kilometer - also acht Tage, ohne dass wir auch nur an einer einzigen Insel vorbeikommen würden. Dieses tolle Foto von der "Rückseite" der Erde, wo kein Land zu sehen ist? Da fahren wir jetzt einmal quer rüber.
    Wie krass ist das denn bitte!?
    Was für ein Privileg, was für ein Abenteuer!

    Vorfreudiges Kribbeln kommt zurück.
    Na geht doch.

    Ach nee, warte, hier ist noch ein Hirn-Fachangestellter aus der Abteilung Drehbuch, der bitte dringend seine Idee für einen Horrorfilm pitchen will:

    "Hey Doc, ich hab so komische Pusteln am Arm."
    "Na sowas, da waren heut schon drei andere aus der Crew bei mir. Warst du gestern etwa auch draußen in Tokio?"

    Sechs Tage später zieht ein seelenloses Geisterschiff über den Pazifik.
    Kurs 94°.
    Abspann.

    Abspann jetzt auch bei meiner Fahrt im "Was wäre, wenn?"-Karussel.
    Einmal tief durchatmen.
    Du bist einfach ein bisschen aufgeregt.
    Wär ja auch doof, wenn nicht.
    Wird schon alles gut gehen.

    Außerdem hab ich doch jetzt noch eine viel wichtigere Aufgabe als Klavierspielen hier an Bord: Anscheinend hab ich meinem lieben Schwiegerpapa in den vergangenen Jahren oft genug das Blaue vom (Meeres-) Himmel vorgeschwärmt, wenn wir zusammen an seiner Feuerschale gesessen und in den Nachthimmel geguckt haben, sodass der hier jetzt zusammen mit seiner Schwester in Tokio aufgestiegen ist und wir den Rest dieses Abenteuers zusammen bestreiten.

    Wenn ich den nicht wieder heil mit nach Hause bringe, krieg ich mächtig Ärger!
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