• Der frühe Flügel fängt die Stadt

    March 26, 2025 in Japan ⋅ ☁️ 24 °C

    Der letzte Hafen unserer Japan-Rundfahrt ist erreicht. Yokohama mit seiner vom eindrucksvollen Landmark Tower dominierten Skyline liegt nur wenige Gehminuten vom Schiff entfernt und ich nutze mal wieder mein Zeitfenster vor der Tea Time, um mich etwas umzuschauen.

    Vorbei am riesigen Vergnügungspark und mit dem viertschnellsten Fahrstuhl der Welt hoch in den Sky Garden des Towers.
    Schöne Rundumsicht, aber bis ins 30km entfernte Zentrum von Tokio kann man nicht schauen. Zu diesig.

    Da heute wieder ein fast leeres Schiff zu erwarten ist am Nachmittag, die Touristik aber händeringend Leute zur Begleitung von Ausflügen suchte, hatte ich bei der Entertainment Managerin schon mit zwei Tagen Vorlauf vorsichtig angefragt, ob ich denn vielleicht lieber auf einen Ausflug mitfahren sollte, anstatt im leeren Belvedere am Flügel zu sitzen.

    Die ersten beiden Hierarchie-Ebenen über mir hatten nichts dagegen. Der General Manager konnte sich aber nicht durchringen zu dieser weitreichenden Entscheidung.
    Naja, macht nichts, dachte ich mir. Wir liegen ja anderthalb Tage hier im Hafen von Yokohama, da der eigentlich "Bettenwechsel" erst am nächsten Tag stattfindet.
    Dann schnuppere ich eben morgen Vormittag ein bisschen Tokio-Luft.

    Doch auch diesen Plan macht die duty mir rasch zunichte: „Wir erwarten die ersten Gäste gegen 13:00 Uhr, du bist bitte 12:45 Uhr stand-by.“

    Zwölfuhrfünfundvierzig!?
    Allein, um nach Tokio rein und wieder zurückzufahren brauche ich schon knapp drei Stunden.

    Und so sitze ich nun doch etwas geknickt am Klavier, während zweieinhalb Opis ihren Tee trinken.
    Liege ich gerade zum zweiten Mal innerhalb von vierzehn Tagen vor dieser aufregenden Stadt, der größten Stadt der Welt, und kann sie mir nicht anschauen? Wie bescheuert ist das denn! Man ist ja nun wirklich nicht alle Tage in der Gegend hier.
    Da muss doch irgendwie noch was gehen.

    Und so schmiede ich gedanklich schon Plan C, während ich "I am Sailing" spiele.

    "Hey ChatGPT, ich muss bis 22 Uhr auf meinem Dampfer Klavier spielen, danach könnte ich mir Tokio anschauen. Leider bin ich aber im Hafen von Yokohama. Empfiehl mir mal bitte was.

    ChatGPT empfiehlt und Tokio bei Nacht klingt wirklich toll, allerdings ist die unverrückbare Grenze aller Varianten der letzte Zug zurück nach Yokohama um 0:30 Uhr - wenn ich nicht für 100,- EUR Taxi fahren will.
    Will ich nicht.
    Mmh.
    Eine Idee hab ich noch, quasi Plan D:

    Nach dem letzten Ton am Klavier verschwinde ich direkt ins Bett und stehe um 4:50 Uhr wieder auf. Es beginnt gerade zu dämmern und die Nightwatch an der Gangway reibt sich die Augen, wer so bekloppt ist, morgens um fünf das Schiff zu verlassen.

    Gestatten, ich.

    Die Straßen sind herrlich leer. Eine kleine Mondsichel steht zwischen den Wolkenkratzern und ich bin unterwegs zum Bahnhof von Yokohama.

    Das mit den Tickets klappt nicht viel besser als in Südkorea, die ersten zwei Stationen muss ich schwarzfahren, aber dann werde ich gebeten, mein Handy an einen kleinen NFC-Chip zu halten, die Schranke schwingt auf und alle lächeln zufrieden. Ich auch, denn was auch immer der Chip in meinem Handy bewirkt hat, Geld von meinem Konto geht nicht ab. Und so werden sich meine Fahrtkosten nach Tokio und zurück heute auf insgesamt null Komma null Yen summieren.

    Es ist kurz vor sechs, als ich im Regionalzug nach Tokio sitze. Leider hab ich den erwischt, der an jeder zweiten Station zehn Minuten Pause macht, um die Expresszüge vorbeizulassen. Der Fahrer steigt immer aus und macht Stretch-Übungen. Lustig, aber auch etwas zeitaufwendig, schließlich muss ich gegen zwölf wieder zurück am Schiff sein.

    Wenn der Zug dann doch mal fährt, schaue ich staunend aus dem Fenster.
    Lustig sieht das aus. Ich stelle mir SimCity auf meinem 486er PC aus den 90ern vor, das sich aufgehängt hat und nicht mehr aufhört, die gleichen Häuserblocks in alle Richtungen zu produzieren.

    Kurz nach sieben steige ich in Shinagawa aus der Bahn. Von hier sind es noch knapp fünf Kilometer zum Tokio Tower, den ich als ersten Fixpunkt erkoren hab. Eine schöne Strecke zu Fuß.

    Ehrlicherweise sieht Tokio - zumindest der kleine Ausschnitt, den ich heute gesehen haben werde - exakt so aus wie die anderen japanischen Städte. Hochstraßen durchschneiden Häuserblöcke, wie Spielzeugautos anmutende PKWs stehen penibel im 90° Winkel vor sehr schmalen Häusern, alte Männer kehren mit noch älteren Reisigbesen die Straße ..
    Nur, dass diese Stadt hier einfach gar nicht mehr aufhört - egal, wohin man schaut.

    Der rot-weiße Tokio Tower - dem Eiffelturm nachempfunden - ist jetzt keine Schönheit, aber sein primärer Zweck ist es ja auch nicht, Ozeanpianisten-Touristen aus Deutschland zu gefallen, sondern Radio- und Fernsehsignale zu übertragen.

    Ich bin gut in der Zeit und so richtig warmgelaufen jetzt, sodass ich mich kurzerhand entschließe, weiter bis nach Shibuya zu laufen. An der ikonischen Kreuzung, wo alle Fußgänger zur gleichen Zeit und diagonal über die Straße gehen, verweile ich ein paar Minuten und schaue mir das Treiben an.

    Es ist kurz nach acht und so langsam erwacht die Stadt. Läden haben zumeist noch zu, aber die eine oder andere Schuluniform schlurft schon durch die Straßen. Und natürlich sehr sehr viele Menschen in schwarzen Anzügen. Bis zu 100 Stunden pro Woche arbeiten die Leute hier. Überstunden werden nicht bezahlt und gelten als "Geschenk an die Firma, um den Erfolg zu sichern". 28 Urlaubstage, davon kann man hier nur träumen.

    Gewerkschaften kämpfen seit Jahren gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft - mit ersten kleineren Erfolgen - aber noch immer arbeiten sich viel zu viele Japanerinnen und Japaner buchstäblich zu Tode.
    Sich bereitwillig unterordnen, das Individuelle zurückstellen, um dem höheren Zweck der Gesellschaft zu dienen, dabei stets lächeln und sich die enorme Belastung bloß nicht anmerken lassen .. it comes with a price tag.

    Anderseits stehe ich immer wieder an roten Ampeln, dicht an dicht in riesigen Blasen von Menschen, und es ist mucksmäuschenstill. Das ist mir wiederum so unfassbar sympathisch. Können wir das nicht auch in Deutschland einführen? Klappe halten by default. Reden nur dann, wenn es wirklich was Wichtiges zu sagen gibt. Und dann gerne so leise, dass nicht die ganze Straße beschallt wird.

    Um kurz vor neun hab ich schon 18.000 Schritte gemacht und gönne mir einen frisch gepressten Orangensaft. Die Sonne hat sich inzwischen soweit erhoben, dass sie mir immer öfter mit ihrer wohligen Wärme zwischen den Wolkenkratzern zublinzelt.

    Und während ich schon langsam daran denke, wie ich wieder zurück nach Yokohama komme, kann ich mich gar nicht satt sehen an der Art und Weise, wie die Menschen hier miteinander umgehen.

    Meine Frau, die schon mal in Japan war, hatte mir im Vorfeld der Reise lächelnd prophezeit, dass es mir hier gefallen würde. Und natürlich hat sie mal wieder Recht. Dieses "Hey, ich will dir nicht im Weg rumstehen, geh du ruhig zuerst, ich bin für dich da, wenn du eine Frage hast, aber ansonsten lasse ich dich in Ruhe und lächle einfach - oh, darf ich noch den Griff deines Einkaufswagens desinfizieren, bevor du ihn benutzt?" - das ist irgendwie voll mein Ding.

    Nicht, dass ich dem immer entsprechen könnte, aber diese Mentalität ist viel näher dran an dem, wie ich gern mit meinem Umfeld interagiere als das, was ich auf anderen Reisen erfahren habe oder auch zu Hause in Deutschland erlebe, wo oft das Recht des Lautesten zu gelten scheint und die Freiheit des anderen erst dann als verletzt gilt, wenn dieser sich offen beschwert.

    Rücksichtnahme, Höflichkeit, Bescheidenheit - es fängt ja bei mir an.
    Und während ich gerade durch die vermutlich einzige vermüllte Straße dieser Stadt laufe, die mir ihre noch lauwarme Geschichte der vergangenen Partynacht erzählt, nehme ich mir fest vor, ein Stück dieser japanischen Tugenden mitzunehmen in meinen Berliner Alltag.

    Am Bahnsteig B7 reihe ich mich in die Schlange derer ein, die sich für Wagen 4 der nächsten Bahn bewerben. Tatsächlich bewahrt mich ein sehr netter Mann davor, wieder in den Bummelzug zu steigen, der exakt genauso heißt wie der Schnellzug, nur dass hier nicht ganz klein "Limited Express" draufsteht.

    Und so bin ich um kurz nach zehn schon wieder ganz beruhigt in Laufdistanz zum Schiff, decke mich ein letztes Mal bei FamilyMart mit Kleinigkeiten ein und nehme durch die Straßen von Yokohama bummelnd Abschied von diesem Teil der Tour - von Japan, von Asien.

    Wenn heute Abend die Skyline am Horizont verschwindet, werden wir für acht Tage kein Land sehen. Jetzt beginnt der abenteuerliche Teil der Reise.
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