Himalaya Trekking (Teil 1) - Langtang
15 aprile 2023, Nepal ⋅ ☁️ 11 °C
...eigentlich wollte ich ganz gemütlich die Natur und Dorfkultur erkunden - nur nix anstrengendes... eher pilgern oder so. Man empfahl mir einen 10 -Tagestrek im Langtang Nationalpark. Es ist eine Tour gelabelt als "easy" für Anfänger geeignet. Was soll ich sagen... außer dass die Nepalesen irre sind 😅.
Von Kathmandu aus startet unsere Tour mit dem Bus. Wenn ich "uns" sage dann meine ich meinen nepalesischen Bergführer und meinen neuen Kumpanen Steve aus England den ich in meiner Unterkunft kennengelernt habe.
Die Fahrt ist 112km lang und dauert 8,5 Stunden 😅. Nein, dass ist keine Besonderheit, sondern tatsächlich Teil des realistischen Zeitplans, den uns die Trekking Agentur gegeben hat. Grund dafür sind die Straßenverhältnisse, die Kurven und Berge und die unbestimmten Stops die gemacht werden um Menschen im nirgendwo einzuladen und raus zu lassen. Man lässt sich eben Zeit 😅.
Sudarashan unser Gastgeber in Kathmandu und Tour Organisator sagt über die Fahrtzeiten in Nepal folgendes: "Ich kann euch nicht sagen wie lange es dauern wird. Normalerweise würde ich sagen 6-8 Stunden...vorausgesetzt es passiert nichts. Aber in Nepal passiert meistens irgendetwas."
Nepalesische Musikvideos laufen auf dem Flachbildschirm über der Busfahrerkabine und zeigen Szenen in denen Mädchen- und Jungsgruppen - wie in den neunzigern Take That oder die Spice Girls - eifrig tanzen. Es dreht sich immer um die Eroberung schoner Mädchen durch machohafte Rosenkavaliere.
Die ohrenbetäubende Musik dröhnt aus den Boxen über uns und wir hüpfen unweigerlich im Takt der Musik auf und ab weil die Löcher in den Straßen so unfassbar groß sind. Irgendwann geht's bergauf - auch auf unbefestigten Straßen.
Mir wird übel als ich aus dem Fenster in die Tiefe schaue und den Straßenrand nicht mehr sehe weil wir so nah an der Kante fahren. Der Bus überholt einen anderen Bus mit viel Gehupe in einer Kurve. "Muss das denn sein?" denke ich laut und fasse mir nervös an die Stirn. So ist das eben. Naja, irgendwann habe ich mich an die Fahrweise gewöhnt, schaue begeistert auf Wasserfälle und Berge und
denke "Hut ab" wenn der Busfahrer wieder 20 cm vom Abgrund entfernt auf einer sandigen Straße um die Kurve rauscht.
Wir sind da. Meine Ohren schmerzen, ich fühle mich durchgeschüttelt und habe noch das leidende Geräusch eines Passagiers im Kopf, der sich die Hälfte der Fahrt übergeben hat. Morgen geht es los. Die erste Etappe. Ich sitze am Tisch esse Dal Bat (nepalesisches Gericht aus Reis, Linsensuppe und Gemüse - man sagt hier: "Dal Bat Power 24 hour" 😃💪) und frage mich wie ich die nächsten 10 Tage überstehen werde. Vielleicht hätte die 7 Tages Tour auch gereicht.. ich schüttle die Gedanken von mir und meditiere in meinem Zimmer. Wird schon.
Die ersten Tage geht es bergauf. Wir starten bei 1600m und sind am Tag drei auf 3800m! Ab 2500m tauchen bei manchen erste Symptome von Höhenkrankheit auf. In den Gasthäusern treffen wir interessante Menschen aus aller Welt und jeder Altersgruppe. Inspirierende Gespräche und je höher wir kommen desto mehr wächst das Gemeinschaftsgefühl.
Ich lerne Shai und Didi aus Israel kennen. Zwei fröhliche Männer um die 60. Shai erzählt mir von seinem Leben, welches er beruflich bedingt viel in Südostasien verbracht hat. Seine Frau ist Yogalehrerin und mag Trekking nicht
Er sagt sie beide seien sehr verschieden aber beide lassen den anderen seinen Freiraum. Er sagt wehmütig, dass er wenig zuhause war, als seine Kinder heran wuchsen, während seine Frau es liebte zuhause zu sein. Seine Frau macht ihm keine Vorwürfe. Im Gegenteil, er erzählt mir, dass sie ihm entgegnet: "Du wolltest ein Wow und Abenteuer und du hast ein Wow und Abenteuer Leben bekommen.
Wärst du dem nicht gefolgt, dann wärst du nicht der Mensch, den ich kenne und den ich liebe."
Ich bin berührt und inspiriert von seinen Erzählungen. Wir reden über Berufe, Sinn, glücklich sein, Familie und Reisen. Seine Mutter ist Holocaust überlebende. Er meinte sie und ihr Mann könnten mehr aus ihrem Leben machen als sie es tun. Ich fühle mich menschlich verbunden.
Wir ziehen weiter. Tibet ist nur ein paar Minuten entfernt. Die Kultur ist hier überall vertreten. In jedem Gasthaus steht ein buddhistischer Altar mit Fotos vom Dalai Lama.
Wir passieren unterschiedliche Vegetationszonen und ab 3400m wird es karger und kälter. Von buddhistischen Stupas schauen die gemalten Augen Buddhas auf uns herab. Ich erinnere mich an die Lehren der Vipassana Meditationstechnik: "Beobachten, einfach nur beobachten".
Es macht Sinn. Die Landschaft ist schwer. Es ist windig. Wir laufen bergauf. Im Schatten der massigen Berge um uns herum fühle ich mich wie ein Spielball der Natur. Unfähig gegen die Gegebenheiten etwas anzurichten. Hier muss man akzeptieren was kommt.
Die Leute leben in einfach ausgestatteten Häusern. Viele -aber nicht alle- haben einen Ofen im Haus. Nicht ohne Grund sagt man den Menschen aus dieser Region nach, sie seien besonders stark -körperlich aber vor allem auch geistig. Die Gorkhas - ein nepalesisches Regime von besonders harten Kämpfern- werden hier rekrutiert. Sie sind von internationalen Militäreinheiten gefürchtet. Die Briten besitzen übrigens das größte Gorkha Regime. Man kann die Gorkhas sozusagen für die Verteidigung seines Landes und der Interessen kaufen.
Die Wege ins nächste Dorf sind beschwerlich, die harten Kanten der massigen Berge umschließen das Tal in dem wir ankommen komplett. In der Unterkunft treffen wir wieder auf Didi und Shai. Es geht den beiden nicht besonders gut. Sie meinen es sei die Höhe die ihnen zu schaffen macht. Sie bleiben noch einen Tag länger. Morgen ist Didis Geburtstag. Im Dorf Langtang gibt es eine Bäckerei bei der er eine Torte besorgen will.
Wir ziehen weiter. Auf dem Weg fällt mir ein, dass ich Didis Geburtstag vergessen habe. Dabei hatte ich ihn noch am morgen gesehen. Es tut mir irgendwie leid. Wahrscheinlich werden wir uns nicht nochmal wiedersehen.
Wir kommen im nächsten Dorf an und besteigen den ersten Berg zum Sonnenuntergang. Der Pfad ist schmal, der Wind stark und unser Guide hat auf halber Strecke leine Lust mehr. Ich zögere. Mir ist mulmig. Es ist steil und sandig. Der Abstieg wird eine Rutschpartie.
Steve und ich laufen dennoch weiter. Mir begegnet die Angst. Ich schaue einfach nicht mehr nach unten, sondern konzentriere mich auf den nächsten Schritt. Oben angekommen: Wahnsinn! Ein Gefühl von Ruhe und Leichtigkeit überkommt mich. Ich fühle mich wie eine Feder, dennoch stabil. Der Abstieg ist leichter als gedacht. Ich bin froh die Angst überwunden zu haben und dies erleben zu dürfen.
Am nächsten morgen wird es ernst
Wir besteigen Tserko-Ri (4985m)
Ich beobachte mich während des Aufstiegs. Er zieht sich.... Die Qualität meiner Gedanken und Gefühle verändern sich alle paar Kilometer. Die Berglandschaft hier oben scheint ein Abbild der Ewigkeit zu sein. Das triggert irgendwie.
"Beobachten was ist und zu Wissen dass auch das vergehen wird" - ist meine Aufgabe in diesen Tagen. Ich beobachte Freude, Langeweile, Lustlosigkeit, Ängste, Euphorie, Demut, Dankbarkeit und Wut. Je steiler der Berg, desto stärker spüre ich meinen eigenen Widerstand. Solange bis die Akzeptanz ihn endlich auflöst und Demut und Hingabe an seine Stelle treten.
Dann wechselt es wieder.
Mir fließen Tränen der Erleichterung nachdem ich auf 4985m ankomme 🥲. Fünf Stunden lang lief ich in Mini-Schritten steil bergauf, kletterte über schneebedeckte Felsbrocken und mir wird klar, dass weitere 4 Stunden Abstieg auf mich warten 😪. Ich will nach Hause 😭!
Die Landschaft bleibt so gut wie unverändert. Karg, massig und weit. Es fühlt sich endlos an. Auch mein Widerstand kann daran nichts ändern. Der Blick von oben ist dennoch faszinierend. 6000er und 7000er umgeben uns mit schneebedeckten Dächern und Gletschern. Gleichzeitig habe ich Kopfschmerzen aufgrund der Höhe. Beim Abstieg nehme ich mir vor den Moment zu genießen.
"Ich glaube, ich mag Bergsteigen doch nicht und überhaupt...". Engstirnige Gedanken lassen mich zwischendurch wieder leiden. Mir wird bewusst, dass weitere Aufstiege im Programm enthalten sind und ich überlege mir, wie ich dies umgehen kann😁😆. Unten angekommen falle ich ins Bett 😴.
Am nächsten Tag fühle ich mich unerwartet fit. Wir ziehen weiter. Beim Mittagessen schaue ich auf das Bergdorf und sehe Yaks. Ich telefoniere mit Mama und schicke eine Sprachnachricht an Felix. Alles Leiden ist vergessen. Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf und finde alles faszinierend. Ich freue mich plötzlich auf die nächsten 4 Tage und bin tatsächlich neugierig auf den nächsten Berg 💪😃. Ich freue mich aber auch auf zuhause und auf meine Lieblingsmenschen ❤️.
Ihr seht, viele Gedanken und Gefühle sind hier im Wandel. Eine spannende Erfahrung so ein mehrtägiges Trekking!
😎 😵💫☺️🤩💪😪😴🥰🤪🥴☺️😌🥲🤔🙄😤😓😯🥶🥵😫🙏Leggi altro























💪🏼 [Peggy]