• Zu Fuß unterwegs (1) - Dorf Pibcha

    June 27, 2023 in India ⋅ ☁️ 11 °C

    Stell dir vor du bist alleine auf einem lokalen Pfad im Himalaya unterwegs - zu Fuß. An deinem ersten Tag jeweils ca. 2 Stunden vom vorherigen und vom nächsten Dorf entfernt, siehst plötzlich eine Fußspur die entweder vom Yeti oder definitiv von einem Bären stammt. Was sind in diesem Moment wohl deine Gedanken?

    Meine waren folgende:

    Zu erst:
    😅😱😅😱😅😱😅

    ..dann: Welche Verteilungs- bzw. Abschreckungsmittel habe ich eigentlich?

    ... Wanderstöcke! 😄

    ...und wieder:
    😅😱😅😱😅😱😅😱😅

    Naja, ich habs überlebt. Nicht weil ich eine besonders gute Bärenflüsterin bin, sondern weil die lieben Tiere angeblich nur abends "runter" und in richtig Dorf kommen. Am Tage halten sich die Riesen wohl lieber in den höheren Gegenden auf - wie ich später erfahre.

    Nichtsdestotrotz einmal Ausflug in die Panikzone bitte 😜. Ohnmacht ist wohl das unangenehmste Gefühl überhaupt.

    Ich bin die nächsten Tage zu Fuß unterwegs. Mir ist klar das man es leichter und angenehmer haben könnte. Zum Beispiel indem man mit dem Taxi zu dem Pilgerziel Phugtal Monastery fährt, zwei Tage da bleibt und zurück in die Zivilisation fährt.

    Ich will mich bewusst dem Unbekannten und damit auch den Ängsten stellen. Warum? Weil ein zu langer Aufenthalt in der Komfortzone Ängste wachsen lässt, wie ich selber an mir beobachte, wenn ich mich mit meinem 10 Jahre jüngeren ich vergleiche. Also los. Mein homestay Familie in Padum gibt mir gute Tips für die Route an die Hand. Ziel ist Phugtal Gompa - ein Felsenkloster mit Meditationshöhle, die von dem berühmten Guru Rinproche besetzt gewesen sein soll.

    Nach der oben geschilderten Erfahrungen und einigen vorausgegangenen Zweifeln an meinem Vorhaben, erreiche ich erleichtert das erste Dorf 💪. Ich frage nach einem Platz zum Schlafen und werde von einer Familie aufgenommen. Die Tochter ist 14 Jahre alt und spricht etwas Englisch. Ihr Vater, der von der Arme pensioniert ist, auch. Die Familie hat 5 Kinder - 3 Jungs in den zwanzigern und noch ein 3 jährige Nachzüglerin. Die Mutter ist drei Jahre älter als ich. Sie haben Ziegen, Schafe und Kühe und bauen das Gemüse selber an.

    Ich entscheide mich mehr als nur einen Tag zu bleiben. In den nächsten Tagen findet hier eine buddhistische Hochzeit statt. Außerdem habe ich Lust mir das Kloster auf der anderen Seite des Flusses abzusehen und mir Zeit zu nehmen um auf die umliegenden Berge zu klettern. Die Gompa (Kloster) ist auf einem riesigen Felsen gebaut. Als ich ankomme, feiert man des Gurus Geburtstag mit Gesängen und ich nutze die Zeit für die innere Einkehr. Danach darf ich mit den Mönchen Mittagessen und wir tauschen ein paar lockere Worte.

    Auf der anderen Seite der Gompa ist eine Höhle zu sehen, die mit einer Menschen gemachten aber ungemauerten Steinwand zu einem Einsiedlerhäuschen umfunktioniert wurde. Hier verbrachten Mönche (Lamas), unterschiedlich viel Zeit in Solitud. Mein Gesprächspartner fügt hinzu: "Nobody is living there right now
    You can stay there for a few days and practise. No problem." Ich erinnere mich an die Bärenspur und frage: "and what about the bears?" Er winkt ab und sagt: "they are only on the other side of the river". 🤨

    Naja jeder erzählt hier eben was anderes. Ob das mit dem "die kommen nur am Abend hier runter" auch anzuzweifeln ist?🤔 Ich entscheide mich dafür es zu glauben um meinen Reise beruhigt weiter führen zu können 😁 🫣. Darüber hinaus hat meine Gastfamilie noch nie einen gesehen.

    Ich bleibe drei Tage. An zwei davon findet die buddhistische Hochzeit statt. Die Rituale, Gesänge und Zeremonien sind total anders als bei den Hindus. Mich erinnern vor allem die Gesänge und das Auftreten der Menschen an Schamanen. Die Bön Kultur die hier verbreitet war, bevor der Buddhismus einzog, ist ja auch eine schamanistische Kultur. Viele der Bräuche und Praktiken würden vom tibetischen Buddhismus in gewisserweise übernommen. Mein Gastvater in Padum hat mir dazu ein gutes Buch empfohlen: von der ersten und einzigen europäischen Frau die als Lama gekürt wurde und die höchstpersönlich von "seiner Heiligkeit" - dem Dalai Lamah gelernt hat. (Titel: Magic and Mystics in Tibet).

    Die Braut hat übrigens die ganze Zeit laut geweint, weil sie nun ins 14 km entfernte Dorf ziehen wird, wo ihr Ehemann zuhause ist. Auch die alten Dorfdamen haben so die eine oder andere Träne vergossen, denn der Abschied fällt vielen schwer. Vielleicht ist es auch die Erinnerung an die eigene Hochzeit und dem Verlassen des gewohnten Heimatortes und der Familie. Man darf nicht vergessen, dass die meisten Leute hier nicht so mobil unterwegs sind und 14km können schon eine Entfernung hier in den Bergen sein. Interessant ist auch, dass man die Braut gar nicht richtig sieht. Die Gäste geben Geschenke zusammen mit Segnungen in Form von weißen Tüchern, die man ihr dann umhängt. Somit entsteht der Eindruck, dass die Dame ein wandelnder haufen weißer Wäsche ist ☺️.

    Während der Hochzeit waren auch die Mönche der Gompa von Bardan, die ich am Tag zuvor besucht habe, anwesend. Ich habe jetzt neben dem von Muddi und Vaddi bei meiner Geburt gegebenen (christlichen) Namen und dem in Rishikesh während der Sannyasin Zeremonie verliehenen Hindu Namen auch einen buddhistischen Namen ☺️. Letzterer wurde mir von "Head Lama" (also vom Obermönch) der Gompa gegeben nachdem ich einige Zeit mit ihnen in innerer Einkehr verbracht habe. .

    Das ist doch eine schöne Aussage des Universums oder? Am Ende gehören wir eben alle zusammen. Ich bin also Christ, Hindu, Buddhist und habe in Padum meine muslimische Gastfamilie 😄🧡🌍. Aham brahmasmi - alles ist eins. Ich bin alles und alles ist ich, sagen schon die uralten vedischen Texte (...das ist Yoga).

    Die Mönchgesänge (tibetische Gebetsrezitationen) und die dazugehörigen Trommel-, Glocken- und Zimbeltöne sind übrigens sehr Trance fördernd. Eine Meditation in dieser Atmosphäre kann schon etwas besonderes sein.

    Auf ins nächste Dorf!
    Read more