• Zu Fuß unterwegs (2) - Dorf Ichar

    July 1, 2023 in India ⋅ ☀️ 8 °C

    Ich begebe mich auf die Weiterreise... laufe viel zu spät los und es ist heiß 😪. Der Weg führt heute auf einer Straße entlang und so entscheide ich mich nach einer Stunde per Anhalter bis nach Raru zu fahren. Von dort aus soll es einen "Wanderpfad" geben. In Raru gibt es auch eine - von einem Deutschen gesponserte - Schule von der viele Menschen aus den umliegenden Dörfern mir achtungsvoll erzählen.

    Wie es sich herausstellt, hat sich der Trekking Pfad auch schon zu einer sandigen befahrbaren Jeep Piste verwandelt. Ich laufe los und begegne die erste Zeit niemanden. Es ist nett. Ich laufe unter hervorstehenden Felsen am Fluss entlang. Ein tolles Panorama.

    Dann die erste "Baustelle". D.h. viele Männer u.a. auch aus anderen indischen Staaten (meist aus ärmeren Verhältnissen) stehen am Straßenrand mit Spaten in der Hand. In den Sommermonaten gibt es regelrechte Straßenarbeiter Camps hier in den Bergen. Die Menschen übernachten mehrere Monate in Zelten und sorgen dafür, dass die sandigen Straßen befahrbar bleiben. Die ersten Menschen, die ich - nun zu Fuß unterwegs - treffe, sind vom freudigen Schlag und ich muss für ein paar Selfies herhalten 😄. Aber bei so vielen Männern ist mir doch mulmig zumute... Nicht alle sind super aufgeschlossen und rufen freudestrahlend "jolley" ("Hallo" auf Ladakhi).

    Ich bin froh endlich das Dorf in der Ferne zu sehen. Es ist grün ein kleiner Bach lädt zu einer Pause ein. Ich suche im Dorfkern nach einer Unterkunft. Mit der Kommunikation ist das manchmal gar nicht so einfach. Manche Menschen sind entweder zu schüchtern (oder vielleicht auch beschämt?) mit mir zu sprechen und so verlaufen die ersten Gesprächsversuche im Nichts 🤷. Man geht dann einfach seiner Tätigkeit nach und sagt vielleicht noch "No"🤔😄. Diese Verhaltensweise ist für mich natürlich erstmal irritierend und hinterlässt Fragezeichen in meinem Kopf. In Situationen in denen ich nach dem Weg fragen muss ( und gefühlt mein Leben von dem richtigen Pfad abhängt 😄) ist das besonders frustrierend. Akzeptanz der Umstände ohne sie zu verstehen, kann ich hier jedenfalls gut üben 😅. Das ist schließlich auch Meditation 🙂😉.

    Dann treffe ich auf einen netten Herren der mir eine Familie empfiehlt, die neuerdings einen Homestay anbietet. Die zwei Mädels und ein kleiner Junge laden mich zu sich ins Wohn- und Esszimmer (das vielleicht auch als Schafzimmer dient) ein und bieten mir Tee an. Die Mutter ist gerade nicht da. Der Vater spricht kaum Englisch und demnach grüßt er mich auch nicht zurück. Er verzieht keine Miene als er mich sieht, obwohl ich auf Ladakhi grüße. So kann eine Begegnung hier auch schon öfter mal vorkommen. Das darf man nicht persönlich nehmen. Später treffe ich ihn zusammen mit einem Englisch sprechenden jungen Mann. Wir sprechen kurz über dies und dass und dann erkenne ich auch sein freundliches Gesicht. Die Mädels müssen raus die Felder bewässern und ich schaue mir währenddessen das Dorf an und spreche mit dem zahnlosen Nachbarn der im selbstgebauten Webstuhl sitzt und an einer Decke arbeitet. Er bietet mir Tee an und reicht mir seine benutzte Tasse.

    Das Zuhause der Familie ist sehr basal. Zum Duschen gehen die Schwestern zu einer benachbarten Freundin, weil sie selber keinen Raum dafür haben. Ein Kanister und eine Schüssel stehen auf der Terrasse. Fließendes Wasser gibt es im Dorfzentrum an einer kleinen Quelle, die direkt in einen Teich mündet (durch den die Yaks am Abend getrieben werden und in dem so manche(r) seine Wäsche wäscht). Man schleppt Kanister hin und her und schwatzt an der Wasserstelle, während man wartet bis man an der Reihe ist, seine Kanister zu füllen.

    Hygiene scheint mir ein Thema...😅.

    Mir ist immer noch ein Rätsel wie der Ablauf des Toilettegangs hier ist... eine Trockentoilette bedeutet kein Wasser (und übrigens für die meisten kein Klopapier oder besser gesagt Zeitungspapier). Gleichzeitig ist die einzige Möglichkeit sich die Hände zu säubern oben im Haus am Kanister, der mal voll und mal leer ist. Der Hintern kann also nur mit der trockenen Hand gesäubert werden, denn Wasser, wie in anderen indischen Badezimmern gibt es hier ja nicht 🤔. Danach muss man dann eben schauen..😁🫣

    Gekocht wird in einem dunklen Raum - hier gibt es auch kein Wasser - abgewaschen wird an der oben genannten Stelle auf der Terrasse. Abendbrot gibt es meist nach 22:00 Uhr. Der witzige Großvater, der öfter mal vorbei schaut, hat schon ein wenig Chang (lokales alkoholisches Getränk) intus als er zum Essen kommt. Er schläft im Wohn-Schlaf-Esszimmer ein. Der Vater, so glaube ich, ist dem Chang nicht abgeneigt. Die große Schwester kocht und versorgt alle. Alkohol wird in den Dörfern oft getrunken. Man sieht mal hier mal da eine leere indische Whisky Flasche auf so manchen Fensterbrettern stehen. Ob das Deko ist oder ob man die Flaschen einfach vegisst, weiß ich nicht.

    Ichar wirkt etwas verschlafen - als würde etwas am alten Spirit fehlen. Die jüngere Schwester sitzt, wie unsere Jugendlichen viel am Handy. Es gibt eine recht neu gebaute Schule und ein "Hostel" (so nennt man hier die Unterkünfte für die Schülerinnen, die aus den umliegenden Dörfern kommen). Die Gompa ist unaufgeräumt und leicht verfallen. Hier und da wird was neu gebaut.

    Ich entschließe mich, trotz des schönen Ausblicks auf das Dorf, der reizvollen Natur und der bezaubernden Buddha Statue, am nächsten Tag weiter zu ziehen.

    Nächster Stop das Dorf Enmu! (So zumindest der Plan...)
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