• Life in Norway: Auf der Insel

    7 ottobre 2024, Norvegia ⋅ ☁️ 10 °C

    Was ist typisch für Norwegen? In Norwegen hat (fast) jede*r ein Boot und eine abgelegene Hütte am Fjord oder in den Bergen 🏞️🛥️ !!

    Quelle: eigene Erhebung durch Gespräche und visuelle Wahrnehmung von akkumulierten Bootsanlegestellen in der Region 🤓🇳🇴!

    (Bisher hatten allerdings meine norwegischen Kontakte "nur" die Hütte auf dem Berg. Jetzt lerne ich das Inselleben kennen - viel Spaß beim Lesen!)

    Zu dritt sitzen wir, entgegen der norwegischen Norm, nicht in einem e-Auto, sondern in einem alten Handwerkerwagen. Ich kann mich kaum bewegen, weil ein Nerv oder Muskel seit gestern meinen gesamten unteren Rücken blockiert. Die Tour zur Insel will ich mir aber nicht nehmen lassen. Martin (ü70) und bereits vier Herzinfarkte hinter sich, sitzt am Steuer. Nachdem er das Auto zweimal absaufen lassen hat, frage ich mich einen Moment lang ob es eine gute Idee ist, dass er fährt. Dann schaue ich Jan an, der neben mir sitzt und grinse über die bizarre Situation.

    "Shit happens" sagt Martin.

    Anmerkung: seit ein paar Tagen wohne ich in einem "Workaway". Das sind Familien oder Gemeinschaften, die Unterkunft und Verpflegung gegen Unterstützung (=work) anbieten. Jan und ich sind zuzusagen "Workawayer" bei Martin und Jorunn - einem norwegischen Pärchen aus Salhus im Norden von Bergen. UND sie sind Insel- und Bootbesitzer - so wie es sich für Norweger*innen gehört 😜.

    Weiter geht's:

    Bis auf ein: "Die buten Farben der Bäume sind schön!" verläuft die meiste Zeit der Fahrt schweigend. Wo wir schonmal bei Stereotypen sind: Martin ist eher der genügsame und wortkarge Typ Norweger.

    Nach 35 min. Fahrt kommen wir an eine kleine Bootsanlegestelle. Als Martin das Boot anschaltet, stinkt es ordentlich nach Diesel. Die Rauchwolke bläst in unsere Gesichter und lässt erst nach 15 min Fahrt nach. Echte norwegische Fjordidylle! 😄.

    Dennoch, die 25 minütige Bootstour zur Insel hat sich gelohnt. Es gibt hier genau zwei Häuser. Eins gehört Martin und Jorunn und das andere dem Nachbarn und seiner Schaafherde.

    Das Haus ist ein schönes altes skanidinavisches Holzhaus und steht auf einer Anhöhe mit Blick über die grüne Landschaft bis auf den Fjord. Die Kaschmir Ziegen, Hühner, Schafe und die Hauskatze begrüßen uns neugierig. Nach einem Rundgang auf der Insel lädt uns Martin ein, das kleine Motorboot eigenständig zu nutzen, um die Gegend vom Wasser aus zu erkunden und um zu angeln. "Don't go too far" - das ist alles was er uns mitgibt. Das Vertrauen das er uns schenkt, beeindruckt mich.

    Jan und ich nehmen das kleine Boot und versuchen unterwegs halbherzig zu angeln. Das Herumsausen mit dem Boot ist einfach zu verlockend 😜. Währenddessen sehen wir zwei Seeadler auf einer anderen Insel sitzen und stolz davon fliegen als ein anderes Motorboot näher kommt. Was für eine Show diese mächtigen, scheuen und so seltenen Tiere fliegen zu sehen 🦅🦅!

    Am Abend kommt der Nachbar vorbei und bringt eingefrohrenes Wild. Jorunn bittet ihn herein und alle machen es sich in der alten Stube gemütlich. Die Wände der Stube existieren seit 1700. Der Nachbar und Martin sind Cousins. Beide sind in den 50ern und 60ern hier auf der Insel aufgewachsen. Nach den etwas rassistischen Bemerkungen gegenüber dem Wandel der Welt, ändert sich das Gespräch und es wird plötzlich wunderbar unterhaltsam! Im Gegensatz zu seinem Cousin Martin scheint er gerne und viel zu erzählen!

    Heute wurde die Schafherde von ihm und seinem Helfer von einer Seite der Insel zu anderen getrieben. Sie sollten müde werden sodass sie eins fangen, ins Boot führen und verkaufen können. Nach dem zehnten Versuch sagte einer der beiden älteren Männern völlig außer Puste..."Ok, sie werden jetzt schon langsamer. Noch zweimal, dann bekommen entweder die Schafe oder einer von uns einen Herzinfarkt". Wir lachen laut. 🐑🐏🐑🐏

    Martin sitzt zurückhaltend in seinem Sessel. Ich frage mich ob der Besuch in seinem Sinne ist. Man kann ihn so schlecht lesen wie ich finde... Naja, der Gast plaudert jedenfalls fröhlich weiter und auch Martin muss so manches mal schmunzeln.

    Ich teile meine Pläne, den Winter im Norden Norwegens zu verbringen.
    "Ohhh! Ich war 9 Monate da oben während meiner Armeezeit. Das kälteste was ich erlebt habe waren -44 C. Wir sind 10 Tage mit Ski unter den Füßen und unserem Gepäck auf dem Rücken unterwegs gewesen."

    Er stellt nach wie sie sich erschöpft durch den Schnee kämpften.

    "Am Abend haben wir dann unser Mannschaftszelt mit einem Ofen in der Mitte aufgestellt. In der Nacht wenn alle schliefen, ging das Feuer langsam aus und wir wachten mit nassen Beinen und Frost im Gesicht auf. Wenn du auf die Toilette musstest, dann bliebt dir nichts anderes übrig, als raus zu gehen. Dort war ein Ast zwischen zwei Bäumen geklemmt auf dem du dich -mit dem Hintern rüber hängend- platzieren musstest um dein Geschäft zu erledigen."

    Er stellt die Szene wieder sehr bildhaft nach ...😄

    "Wenn du danach dann wieder aufgestanden bist, blieb die Haut am Ast kleben - angefrohren."

    Alle lachen.

    "Some people liked it - me not very much."

    Wir alle lachen wieder.

    Es herrscht eine heitere Stimmung seit dem der kleine, rundliche und kahlköpfige Mann dazugekommen ist. Er wohnt in Oslo ist mit einer Frau aus Polen verheiratet und kommt alle zwei Wochen auf die Insel. Nachdem er erzählte, dass er vor kurzem in Danzig war, fragen ich ihn nach kulturellen Unterschieden zwischen Polen und Norwegen. Er antwortet: "Die Polen trinken immer - auch an Wochentagen. Wir, die Norweger, trinken nur am Wochenende - aber insgesamt ganauso viel." 🤭

    Mich interessiert das Leben der Leute und die die Vergangenheit .

    "Wie war das Leben hier früher? frage ich.

    Er sagt: "Früher hat unser Vater Geld mit Eier und Schafen verdient. Wir hatten 500 Hühner aber kaum Geld um ordentliches Futter zu kaufen. Also haben wir die Netze ins Wasser geworfen, den gefangenen Fisch in einem großen Pott gekocht und dann den Hühnern gegeben. Wenn die zuviel davon bekommen haben, schmeckten die Eier nach Fisch. Wir mussten aufpassen, dass wir eine gute Mischung aus Hühnerfutter und Fisch herstellen wenn wir die Eier weiterhin verkaufen wollten 😜."

    "Wir haben auch Tümmler gejagt (eine Walart die dem Delphin äußerlich sehr ähnelt). Heute darf man das nicht mehr aber manchmal verfangen sie sich in unseren Fischernetzen und dann essen wir sie trotzdem. Ich esse eigentlich alles was frisch ist. Hier ist das sehr einfach. Du kannst einfach fischen gehen. Ich esse fast jeden Tag Krabben - wie ein König. Früher gab es im Winter hier auch Pinguine. Ich erinnere mich, dass wir mal 36 Stück gefangen haben. Die Haut ist sehr weich, wir machten daraus unsere Kissen und aßen das Fleisch. Seevögel schmecken übrigens richtig gut, anders als die, die an Land leben. Komorane zum Beispiel sind sehr lecker." Er schwärmt bei dem Gedanken daran. Selbst Otter haben wir wegen des Fells gejagt und das Fleisch hat Mama dann zubereitet - wäre ja schade drum gewesen.🐧🦦🐬🐟🦀🦪

    😳 Interessant oder?😅

    Norwegen war lange Zeit ein armes Land. Das erklärt einiges. Erst als Ende der 70er Jahre das schwarze Gold (=Öl) vor der Westküste gefunden wurde, änderte sich das langsam aber stetig.

    Unklar war bei den Drillarbeiten zunächst noch wo genau die Grenze zwischen Norwegen und Dänemark verläuft. Unser Gast erzählt: "Der Beauftragte trank gerne einen über den Durst. Als sie die Route abfuhren teilte er den Norwegern Pi mal Daumen ihr Land zu (sagen wir mal, er war etwas ungenau). Darunter auch das Territorium wo später ein großer Teil des Öls gefundenen wurde." - Glück für Norwegen, Pech für Dänemark.

    Er fuhr fort: "Mit Schweden gab es staatliche Verhandlungen um ein Teil des Gebietes gegen Unternehmensanteile von Volvo einzutauschen. Schweden zog das Angebot zurück, weil sie dachten es wäre vielleicht doch kein guter Deal. Wenn die gewusst hätten..."

    Wir lachten wieder.

    Ob die Geschichten stimmen?
    Vielleicht 🙂.
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