Expedition Nordkap!
December 15, 2024 in Norway ⋅ 🌬 -6 °C
Liebe Leute,
seit gut drei Wochen lebe ich nun ganz am obersten Zipfel Norwegens. Hier herrscht gerade die Polarnacht!! Die Sonne hat allen bereits Ende November "Auf Wiedersehen" gesagt und kehrt erst Ende Januar zurück.
Ich bin am 27. November angekommen und sozusagen direkt in die Dunkelheit gereist. Mir war das ehrlich gesagt zunächst nicht ganz bewusst....
.....also das mit der Dunkelheit 🙈.
Vielmehr wunderte ich mich über die vielen Bemerkungen meiner Gegenüber diesbezüglich: "Ist es da nicht so lange dunkel und kalt?" 🤔😅. Natürlich WUSSTE ich, dass es dort oben KALT und DUNKEL sein würde. Aber vielleicht kennst du das auch: Manche Dinge weiß man THEORETISCH, hat sie aber (noch) nicht so riiiiiiiiichtig emotional gespürt. So war das bei mir. Der Groschen ist erst auf dem Weg von Berlin nach Tromsø gefallen. Im Flugzeug wurde mir plötzlich ganz anders. Zum einen, weil ich viel zu dick angezogen war 😅🥵. Zum anderen, weil mir im vollen Flugzeug und unter schlechtem Kunstlicht plötzlich bewusst wurde, dass die Dunkelheit jetzt bleiben wird 😵. Ich brauche eben erst die Erfahrung um Dinge zu realisieren. Das bringt mich manchmal in interessante Situation (wirklich so! Ich mag es, wenn ich plötzlich eine Herausforderung spüre auch wenn es zunächst mit unangenehmen Empfindungen einhergeht. Meistens wird es dann richtig spannend 😜).
Gut. Ich bin nach einem Zwischenstopp in Tromsø am nächsten morgen nach Lakselv geflogen. Dort gibt es einen kleinen Regionalflughafen, der ca. 3h Busfahrt von meinem Zielort Honningsvåg (å=o) entfernt liegt. Honningsvåg und das Nordkapp liegen auf einer Insel, die mit einem 6km langen und 200m tiefen (!!😳!!) Unterwassertunnel mit dem Festland verbunden ist. Magerøya (ø=ö), so heißt die Insel. Übersetzt bedeutet das so viel wie "karge Landschaft" - klingt viel versprechend, oder? 😄 Von der Größe her ist sie vergleichbar mit Ibiza - nur kälter und ohne Palmen. Deshalb nennt man sie hier auch das arktische Ibiza 😄.
🌴🌞🌅🏝️ vs. 🌬️🌊🌫️☃️❄️
Bäume gibt es hier allerdings nicht. Gestern habe ich einen in der Stadt gesehen. Wenn man Bäume oder Sträucher findet, dann wurden die -von den Menschen die hier wohnen- aufwendig aufgezogen. Die Baumgrenze liegt nämlich 75 km weiter südlich, denn wir befinden uns hier in der arktischen Tundra zwischen 70 und 71 Grad nördlicher Breite - sprich weit über dem Polarkreis! 🥶🥶🥶. Aber sooooo kalt wird es hier nicht. Dank des Golfstroms der an Norwegens Küste entlang fließt, dabei die Luft erwärmt und uns im Winter durchschnittlich bei -4 Grad lässt. Anders ist es im Inland. 235 km weiter südlich liegt Karajok - eine wichtige Stadt der indigenen Bevölkerung. Ihr kennt sie: die Samen. Viele Rentierzüchterfamilien überwintern dort, weil es dort Vegetation und somit Futter für die Tiere gibt. Allerdings kann es da bis zu knackige -40/-50 Grad kalt werden. ❄️☃️❄️
Warum bin ich hier? Der Grund für meine Ignoranz der Dunkelheit gegenüber liegt in meiner Motivation hierherzukommen. Also nicht die Angst, sondern die Begeisterung und das Interesse sind meine Antreiber. Der nördlichste Teil Norwegens liegt in einem Bezirk namens Finnmark und ist ungefähr so groß wie die Schweiz. Allerdings hat die Schweiz 8,9 Mio Einwohner*innen und die Finnmark nur 75.000. Zum Vergleich: in der Schweiz leben 217 Menschen pro km2. Hier in der Finnmark nur 1,5 Personen. Ich glaube das verdeutlicht wie speziell es hier oben ist. Aufgrund der harten Bedingungen gibt es jedoch unter den Menschen einen anderen Sinn für Gemeinschaft und eine besondere Beziehung zur Natur. Man spürt sie hier stärker. Man ist sich bewusst, dass sie diejenige ist, die über uns Menschen bestimmt. Man muss sich nach ihr richten und sie respektieren. Besonders im Winter bedeutet das viel Geduld und Demut aufzubringen.
Ich habe Lust dieses natürliche Leben zu "erleben" - deshalb bin ich hier.
Honningsvåg hat 2300 Einwohner*innen und gillt als nördlichste Stadt Europas. Auf der Insel gibt es noch vier kleine Fischerdörfer mit 30-50 Menschen und ein verlassenes Dorf, das nicht mit dem Straßennetz verbunden ist. Will man einkaufen, dann kommt man nach Honningsvåg. Wir haben 3 Supermärkte und 2 (manchmal auch 3) Bars sowie ein Sportgeschäft. Auch eine kleine Arztpraxis mit 6 Ärzt*innen, einen Friseur und zwei Cafés. Die örtliche Polizei hat Dienstags und Freitags von 10:00-14:00 auf. Eigentlich braucht man sie hier nicht. Man lässt seine Haustüren hier sorgar unabgeschlossen. Samstag abend fährt die Polizei die Gegend ab um zu schauen, dass es auch alle vom Pub bis nach hause geschafft haben und keiner irgendwo betrunken im Schnee liegt 😄.
Unterhaltung gibt es im Kino, das drei mal die Woche einen Film zeigt und im Kulturhaus, wo sich einmal im Monat alle zur "open stage" - also zur offenen Bühne - treffen. Dann singen und musizieren junge und alte Menschen mit unterschiedlichen Niveau und haben Spaß zusammen. Es fühlt sich an wie eine große Familie. Man unterstützt sich, hilft sich, kommt auf einen Kaffee oder Tee vorbei, nimmt sich Zeit, wenn man sich auf der Straße begegnet.
Schön! Einfach nur schön 😊!
Will man shoppen fährt man 205km - also 3 bis 4 Studen bis nach Alta - da wohnen 12.000 Menschen - ein Shopping-Paradies im Vergleich zu Honningsvåg 😄. Wir haben hier keine gerade verlaufenden Autobahnen sondern schwungvolle Straßen mit einer maximalen Höchstgeschwindigkeit von 80km/h und daher dauert es alles ein bisschen länger. Allerdings ist die eine Straße die dorthin führt im Winter oft geschlossen. Die aufeinandertreffenden warmen und kalten Luftströme hier oben führen nämlich dazu, dass es viel stürmt. Vor allem die plötzlichen und sehr starken Böhen führen dazu, dass die Busse dann einfach umkippen. Das will man möglichst vermeiden 😀. Deshalb fallen meine Touren auch oft aus - dann haben wir sozusagen "sturmfrei" 😉. Auch ein starker Schneefall führt dazu, dass es manchmal unmöglich ist die Straße freizuhalten. Man fährt dann zu bestimmten Abfahrtszeiten hinter einem Schneepflug im Konvoi hintereinander her.
Zurück zum Lebensgefühl hier oben: auf Norwegisch gibt es ein Wort für diese Form des "seins". Es heißt "koselig" - nicht zu verwechseln mit dem englischen Wort "cozy" (=gemütlich). Koselig bedeutet viel mehr. Es ist eine Lebensart die die harten Bedingungen hier erträglich macht. Sie integriert Menschen und schafft eine warme und einladende Atmosphäre. Ja, dazu gehört auch das man es sich drinnen gemütlich macht, die Lichter Tag und Nacht anlässt und es einfach generell ruhiger angeht - sich auf das einfache besinnt und sich draußen bewegt.
Die reizarme Umgebung, das reduzierte Angebot und die offenen Menschen wirken unheimlich entlastend. Mir wird hier bewusst wie überflutet wir in unseren Breiten von Informationen und Angeboten sind, wie überlastet wir unser vermeintlich so gut "organisiertes" Leben leben. Und das witzige daran ist, wir finden das auch noch normal 🫣🤭😄!
Ich erinnere mich an eine Situation, als ich in Berlin mit der S-Bahn auf dem Weg zum Flughafen war. Drei Familien mit kleinen Kindern saßen/standen mir mit ihren Kinderwagen in der Reihe gegenüber. Die etwas größeren Kids sichtlich müde...die kleinen am Nörgeln. In der unüberhörbaren Unterhaltung ging es die ganze Zeit um Termine und wer, wann, mit wem, wohin fährt.
"Nein, da kann Justus nicht, da hat er Handball. Danach gehen wir noch zusammen uns Kino. Wie wäre es am Mittwoch?"
"Das ist bei uns schlecht weil Nina da zum Schwimmen geht, aber Montag wäre gut"
"Mmm, ne da kommt Nils mit zu Max und wir wollten dann zum Kletterpark"
"Ah Kletterpark, wo ist der? Ist der gut? Da könnten wir auch mal hin. Ich weiß nur nicht wann. Die ganzen Wochen sind schon verplant"
🤯🤯🤯
Der Wortwechsel der jungen Familien verlief auch wie im Schnelldurchlauf. Es fühlte sich einfach nur gehetzt an.
Ganz anders ist es hier.
Niemand muss hier schnell nirgendwohin. Die Kinder werden auch nicht durch U-Bahnstationen zu irgendwelchen Terminen gezerrt, sondern gehen nach der Schule rodeln (natürlich ohne Eltern 😄). Die ganze Atmosphäre ist einfach entspannter.
Die Touristen die hierher kommen sind über die Lebensweise ziemlich erstaunt und manchmal auch belustigt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst kein entspanntes Leben vorstellen können oder es heimlich als faul werten um ihre jahrelange gestresste Lebensweise zu rechtfertigen. Naja, just saying! Es geht auch anders. Aber jeder entscheidet selbst ob er in den Strudel springt 🌀🌀🌀😵
🤷.
Übrigens ist es natürlich nicht immer die ganze Zeit dunkel wie ihr auf den Fotos sehen könnt. Stattdessen haben wir bei guten Verhältnissen ein Tageslicht zwischen 10:00 und 14:00 Uhr - wie man es zur Morgendämmerung kennt. Allerdings schafft die Sonne es nicht über die Horizontlinie sondern strahlt - von 3 Grad unterhalb der Linie - die Atmosphäre an. Bei Wolkenfreiheit führt das zu einem unglaublich schönen Farbenspiel.
Die Tage werden noch bis kurz vor Weihnachten immer kürzer. Das ist ja auch der Grund warum wir überhaupt Weihnachten feiern. Es ist ursprünglich die Rückkehr des Lichtes. Denn nach Weihnachten werden die Tage wieder länger bis die Sonne es Ende Januar sogar wieder für ein paar Minuten über die Horizontlinie schafft. Von Mitte Mai bis Ende Juli geht sie dann gar nicht mehr unter. Das ist dann der Gegenspieler zur Polarnacht - nämlich die Mitternachtssonne.
🌞🌞🌞🌞
Wenn man die Menschen hier fragt, was sie bevorzugen, dann stimmen viele für die Polarnacht. Einfach weil man dann gut schlafen kann 🤭. Durch das ständige Licht im Sommer produziert der Körper wenig Melatonin (das ist das Hormon was uns müde macht). Die Leute sind dann energiegeladen und aktiv, schlafen wenig und verlieren das Gefühl für die Zeit. Im Winter ist es dann eben anders herum. Viel Melatonin führt dazu, dass man natürlicherweise nicht so richtig wach ist oder weniger Energie hat, wenn man sich hängen lässt. Aber mittlerweile gibt es ja auch Tageslichtlampen und Vitamin D was dabei helfen kann, einen guten Tagesrhythmus zu finden. Die Bewegung draußen oder das gemeinsame Sporteln in Vereinen spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Man stellt auch nicht die gleichen Anforderungen an sich oder an andere Menschen wie im Sommer. Die Winterzeit wird als natürliche Ruhezeit respektiert. Es wird weniger gearbeitet, es ist weniger zu tun aber dafür nimmt man sich Zeit für gute Gesellschaft und Familie. Man lebt vielmehr im Einklang mit den natürlichen Zyklen.
Nein, es ist nicht langweilig hier. Ganz im Gegenteil. Man trifft die Menschen die man kennengelernt hat auch wieder, was ich sehr angenehm finde. Es gibt auch ab und zu Veranstaltungen und man findet sich gerne in netter Runde zusammen ohne Wochen vorher einen Termin auszumachen 😄. Es ist Platz für Spontanität und Inspiration. Menschen engagieren sich in Vereinen oder kreieren zusammen Neues. Es gibt Kunst, Musik und Zeit von einander zu lernen.
Und dann ist da noch Jürgen aus Passau - er kam 1971 hierher. Da war er 20 Jahre alt. Eine spannende Lebensgeschichte von der ich euch beim nächsten Mal erzählen werde!
Macht es euch schön "koselig"!
Eine schöne Weihnachtszeit und warme Grüße vom Nordkap 💗Read more





















