• Josephin Dahlenburg
  • Josephin Dahlenburg

Let's go Viking!

Anm.: der Ausdruck "go viking" bedeutet heute noch in Norwegen etwas Neues zu entdecken; an seine Grenzen gehen 😉 Read more
  • Trip start
    May 7, 2024

    🇳🇴 Norway Excursions 🇳🇴

    May 9, 2024 in Norway ⋅ ☁️ 10 °C

    Du: "Was machst du jetzt eigentlich beruflich?"
    Ich: "Ich mach ab Mai Reiseleitung in Bergen - also in Norwegen, nicht auf Rügen"
    Du: "Ah cool, dann kennst du dich da aus oder wie kommt das?"
    Ich: "Nein."
    Du: "🤔🤯"
    Ich: "🇸🇯😊🇸🇯"

    .... Snakker du norsk? Zu Deutsch: Schnackst du...äähm sprichst du Norwegisch? Litt - ein bisschen.

    Wer hätte gedacht, dass ich mal mit dem Autor diverser Reise- und Sprachführer über Norwegen in Halle an der Saale an einem Tisch sitzen und norwegisch lernen würde...naja, meistens reden wir allerdings über seine Erfahrungen mit Land und Leute ...und als Reiseleiter. Denn das möchte ich jetzt auch werden - Reiseleiterin. Warum? Ich glaube die Antwort lautet: einfach so! Und wie soll das gehen? und wie lange bleibst du? und was ist mit der Wohnung? und mit Felix? und mit Pipapo ? 🤯🤯🤯🤯

    "Ich muss mehr meinem Herzen folgen", sagt der vierjährige Sohn einer guten Freundin. Meistens wenn er etwas tun soll, was er nicht möchte, aber das könnte tatsächlich eine gute Antwort sein. Oder einfach: ein Experiment! Nehmen wir an das Leben ist dazu da, Dinge auszuprobieren. Man kann also nach dem "Trial and Error" Prinzip unterschiedliches erleben. Dazu fällt mir das Turmbau Experiment ein, bei dem u.a. Führungskräfte und Kindergartenkinder die Aufgabe hatten in kürzester Zeit einen größtmöglichen und stabilen Turm aus unterschiedlichen Bastelmaterialien zu bauen. Rate mal wer gewonnen hat? Richtig, die Kinder und warum? Weil sie einfach losgelegt haben ohne lang zu planen und dabei schnell gelernt haben was funktioniert und was nicht. Trial and Error!

    Die Angst vor dem Versagen oder vor dem Unbekannten hält so genannte erwachsene Menschen aus irgendeinem Grund davon ab diesem Prinzip weiterhin zu folgen. Vielleicht liegt es auch daran, dass man dem Verstand in unseren Breitengraden so viel Bedeutung beimisst. Kann bestimmt auch hilfreich sein. Aber manchmal ist das Chaos einfach charmanter ✨.

    Eine innere Stimme schreit jedenfalls nach 8 Monaten Indien und Nepal:

    "Bitte weiter spielen!!! Niiicht zurück ins Büro gehen 😩🥹!" .

    Die andere: "Was soll ich denn machen?"

    🤔🤩 "Natur ist gut... Norwegen hat viel Natur. Irgendwas mit Reisen könnte spannend sein..REISELEITUNG!"

    Ich habe da wirklich keine andere Wahl als ihr diesen Wunsch zu erfüllen, oder? 😅 Nun habe ich mich jedenfalls dazu entschlossen meinem Impuls zu vertrauen auch wenn (oder gerade weil?) er mich ins Ungewisse führt. Manchmal ist das gar nicht so einfach aber meistens lohnt es sich...

    Velkommen til Bergen! 🇳🇴
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  • Ohne Worte

    September 19, 2024 in Norway ⋅ ☀️ 16 °C

    Einfach mal ein paar Eindrücke der wunderschönen Natur in meiner unmittelbaren Umgebung 🙏🤩

  • Life in Norway: Auf der Insel

    October 7, 2024 in Norway ⋅ ☁️ 10 °C

    Was ist typisch für Norwegen? In Norwegen hat (fast) jede*r ein Boot und eine abgelegene Hütte am Fjord oder in den Bergen 🏞️🛥️ !!

    Quelle: eigene Erhebung durch Gespräche und visuelle Wahrnehmung von akkumulierten Bootsanlegestellen in der Region 🤓🇳🇴!

    (Bisher hatten allerdings meine norwegischen Kontakte "nur" die Hütte auf dem Berg. Jetzt lerne ich das Inselleben kennen - viel Spaß beim Lesen!)

    Zu dritt sitzen wir, entgegen der norwegischen Norm, nicht in einem e-Auto, sondern in einem alten Handwerkerwagen. Ich kann mich kaum bewegen, weil ein Nerv oder Muskel seit gestern meinen gesamten unteren Rücken blockiert. Die Tour zur Insel will ich mir aber nicht nehmen lassen. Martin (ü70) und bereits vier Herzinfarkte hinter sich, sitzt am Steuer. Nachdem er das Auto zweimal absaufen lassen hat, frage ich mich einen Moment lang ob es eine gute Idee ist, dass er fährt. Dann schaue ich Jan an, der neben mir sitzt und grinse über die bizarre Situation.

    "Shit happens" sagt Martin.

    Anmerkung: seit ein paar Tagen wohne ich in einem "Workaway". Das sind Familien oder Gemeinschaften, die Unterkunft und Verpflegung gegen Unterstützung (=work) anbieten. Jan und ich sind zuzusagen "Workawayer" bei Martin und Jorunn - einem norwegischen Pärchen aus Salhus im Norden von Bergen. UND sie sind Insel- und Bootbesitzer - so wie es sich für Norweger*innen gehört 😜.

    Weiter geht's:

    Bis auf ein: "Die buten Farben der Bäume sind schön!" verläuft die meiste Zeit der Fahrt schweigend. Wo wir schonmal bei Stereotypen sind: Martin ist eher der genügsame und wortkarge Typ Norweger.

    Nach 35 min. Fahrt kommen wir an eine kleine Bootsanlegestelle. Als Martin das Boot anschaltet, stinkt es ordentlich nach Diesel. Die Rauchwolke bläst in unsere Gesichter und lässt erst nach 15 min Fahrt nach. Echte norwegische Fjordidylle! 😄.

    Dennoch, die 25 minütige Bootstour zur Insel hat sich gelohnt. Es gibt hier genau zwei Häuser. Eins gehört Martin und Jorunn und das andere dem Nachbarn und seiner Schaafherde.

    Das Haus ist ein schönes altes skanidinavisches Holzhaus und steht auf einer Anhöhe mit Blick über die grüne Landschaft bis auf den Fjord. Die Kaschmir Ziegen, Hühner, Schafe und die Hauskatze begrüßen uns neugierig. Nach einem Rundgang auf der Insel lädt uns Martin ein, das kleine Motorboot eigenständig zu nutzen, um die Gegend vom Wasser aus zu erkunden und um zu angeln. "Don't go too far" - das ist alles was er uns mitgibt. Das Vertrauen das er uns schenkt, beeindruckt mich.

    Jan und ich nehmen das kleine Boot und versuchen unterwegs halbherzig zu angeln. Das Herumsausen mit dem Boot ist einfach zu verlockend 😜. Währenddessen sehen wir zwei Seeadler auf einer anderen Insel sitzen und stolz davon fliegen als ein anderes Motorboot näher kommt. Was für eine Show diese mächtigen, scheuen und so seltenen Tiere fliegen zu sehen 🦅🦅!

    Am Abend kommt der Nachbar vorbei und bringt eingefrohrenes Wild. Jorunn bittet ihn herein und alle machen es sich in der alten Stube gemütlich. Die Wände der Stube existieren seit 1700. Der Nachbar und Martin sind Cousins. Beide sind in den 50ern und 60ern hier auf der Insel aufgewachsen. Nach den etwas rassistischen Bemerkungen gegenüber dem Wandel der Welt, ändert sich das Gespräch und es wird plötzlich wunderbar unterhaltsam! Im Gegensatz zu seinem Cousin Martin scheint er gerne und viel zu erzählen!

    Heute wurde die Schafherde von ihm und seinem Helfer von einer Seite der Insel zu anderen getrieben. Sie sollten müde werden sodass sie eins fangen, ins Boot führen und verkaufen können. Nach dem zehnten Versuch sagte einer der beiden älteren Männern völlig außer Puste..."Ok, sie werden jetzt schon langsamer. Noch zweimal, dann bekommen entweder die Schafe oder einer von uns einen Herzinfarkt". Wir lachen laut. 🐑🐏🐑🐏

    Martin sitzt zurückhaltend in seinem Sessel. Ich frage mich ob der Besuch in seinem Sinne ist. Man kann ihn so schlecht lesen wie ich finde... Naja, der Gast plaudert jedenfalls fröhlich weiter und auch Martin muss so manches mal schmunzeln.

    Ich teile meine Pläne, den Winter im Norden Norwegens zu verbringen.
    "Ohhh! Ich war 9 Monate da oben während meiner Armeezeit. Das kälteste was ich erlebt habe waren -44 C. Wir sind 10 Tage mit Ski unter den Füßen und unserem Gepäck auf dem Rücken unterwegs gewesen."

    Er stellt nach wie sie sich erschöpft durch den Schnee kämpften.

    "Am Abend haben wir dann unser Mannschaftszelt mit einem Ofen in der Mitte aufgestellt. In der Nacht wenn alle schliefen, ging das Feuer langsam aus und wir wachten mit nassen Beinen und Frost im Gesicht auf. Wenn du auf die Toilette musstest, dann bliebt dir nichts anderes übrig, als raus zu gehen. Dort war ein Ast zwischen zwei Bäumen geklemmt auf dem du dich -mit dem Hintern rüber hängend- platzieren musstest um dein Geschäft zu erledigen."

    Er stellt die Szene wieder sehr bildhaft nach ...😄

    "Wenn du danach dann wieder aufgestanden bist, blieb die Haut am Ast kleben - angefrohren."

    Alle lachen.

    "Some people liked it - me not very much."

    Wir alle lachen wieder.

    Es herrscht eine heitere Stimmung seit dem der kleine, rundliche und kahlköpfige Mann dazugekommen ist. Er wohnt in Oslo ist mit einer Frau aus Polen verheiratet und kommt alle zwei Wochen auf die Insel. Nachdem er erzählte, dass er vor kurzem in Danzig war, fragen ich ihn nach kulturellen Unterschieden zwischen Polen und Norwegen. Er antwortet: "Die Polen trinken immer - auch an Wochentagen. Wir, die Norweger, trinken nur am Wochenende - aber insgesamt ganauso viel." 🤭

    Mich interessiert das Leben der Leute und die die Vergangenheit .

    "Wie war das Leben hier früher? frage ich.

    Er sagt: "Früher hat unser Vater Geld mit Eier und Schafen verdient. Wir hatten 500 Hühner aber kaum Geld um ordentliches Futter zu kaufen. Also haben wir die Netze ins Wasser geworfen, den gefangenen Fisch in einem großen Pott gekocht und dann den Hühnern gegeben. Wenn die zuviel davon bekommen haben, schmeckten die Eier nach Fisch. Wir mussten aufpassen, dass wir eine gute Mischung aus Hühnerfutter und Fisch herstellen wenn wir die Eier weiterhin verkaufen wollten 😜."

    "Wir haben auch Tümmler gejagt (eine Walart die dem Delphin äußerlich sehr ähnelt). Heute darf man das nicht mehr aber manchmal verfangen sie sich in unseren Fischernetzen und dann essen wir sie trotzdem. Ich esse eigentlich alles was frisch ist. Hier ist das sehr einfach. Du kannst einfach fischen gehen. Ich esse fast jeden Tag Krabben - wie ein König. Früher gab es im Winter hier auch Pinguine. Ich erinnere mich, dass wir mal 36 Stück gefangen haben. Die Haut ist sehr weich, wir machten daraus unsere Kissen und aßen das Fleisch. Seevögel schmecken übrigens richtig gut, anders als die, die an Land leben. Komorane zum Beispiel sind sehr lecker." Er schwärmt bei dem Gedanken daran. Selbst Otter haben wir wegen des Fells gejagt und das Fleisch hat Mama dann zubereitet - wäre ja schade drum gewesen.🐧🦦🐬🐟🦀🦪

    😳 Interessant oder?😅

    Norwegen war lange Zeit ein armes Land. Das erklärt einiges. Erst als Ende der 70er Jahre das schwarze Gold (=Öl) vor der Westküste gefunden wurde, änderte sich das langsam aber stetig.

    Unklar war bei den Drillarbeiten zunächst noch wo genau die Grenze zwischen Norwegen und Dänemark verläuft. Unser Gast erzählt: "Der Beauftragte trank gerne einen über den Durst. Als sie die Route abfuhren teilte er den Norwegern Pi mal Daumen ihr Land zu (sagen wir mal, er war etwas ungenau). Darunter auch das Territorium wo später ein großer Teil des Öls gefundenen wurde." - Glück für Norwegen, Pech für Dänemark.

    Er fuhr fort: "Mit Schweden gab es staatliche Verhandlungen um ein Teil des Gebietes gegen Unternehmensanteile von Volvo einzutauschen. Schweden zog das Angebot zurück, weil sie dachten es wäre vielleicht doch kein guter Deal. Wenn die gewusst hätten..."

    Wir lachten wieder.

    Ob die Geschichten stimmen?
    Vielleicht 🙂.
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  • Expedition Nordkap!

    December 15, 2024 in Norway ⋅ 🌬 -6 °C

    Liebe Leute,

    seit gut drei Wochen lebe ich nun ganz am obersten Zipfel Norwegens. Hier herrscht gerade die Polarnacht!! Die Sonne hat allen bereits Ende November "Auf Wiedersehen" gesagt und kehrt erst Ende Januar zurück.

    Ich bin am 27. November angekommen und sozusagen direkt in die Dunkelheit gereist. Mir war das ehrlich gesagt zunächst nicht ganz bewusst....
    .....also das mit der Dunkelheit 🙈.
    Vielmehr wunderte ich mich über die vielen Bemerkungen meiner Gegenüber diesbezüglich: "Ist es da nicht so lange dunkel und kalt?" 🤔😅. Natürlich WUSSTE ich, dass es dort oben KALT und DUNKEL sein würde. Aber vielleicht kennst du das auch: Manche Dinge weiß man THEORETISCH, hat sie aber (noch) nicht so riiiiiiiiichtig emotional gespürt. So war das bei mir. Der Groschen ist erst auf dem Weg von Berlin nach Tromsø gefallen. Im Flugzeug wurde mir plötzlich ganz anders. Zum einen, weil ich viel zu dick angezogen war 😅🥵. Zum anderen, weil mir im vollen Flugzeug und unter schlechtem Kunstlicht plötzlich bewusst wurde, dass die Dunkelheit jetzt bleiben wird 😵. Ich brauche eben erst die Erfahrung um Dinge zu realisieren. Das bringt mich manchmal in interessante Situation (wirklich so! Ich mag es, wenn ich plötzlich eine Herausforderung spüre auch wenn es zunächst mit unangenehmen Empfindungen einhergeht. Meistens wird es dann richtig spannend 😜).

    Gut. Ich bin nach einem Zwischenstopp in Tromsø am nächsten morgen nach Lakselv geflogen. Dort gibt es einen kleinen Regionalflughafen, der ca. 3h Busfahrt von meinem Zielort Honningsvåg (å=o) entfernt liegt. Honningsvåg und das Nordkapp liegen auf einer Insel, die mit einem 6km langen und 200m tiefen (!!😳!!) Unterwassertunnel mit dem Festland verbunden ist. Magerøya (ø=ö), so heißt die Insel. Übersetzt bedeutet das so viel wie "karge Landschaft" - klingt viel versprechend, oder? 😄 Von der Größe her ist sie vergleichbar mit Ibiza - nur kälter und ohne Palmen. Deshalb nennt man sie hier auch das arktische Ibiza 😄.

    🌴🌞🌅🏝️ vs. 🌬️🌊🌫️☃️❄️

    Bäume gibt es hier allerdings nicht. Gestern habe ich einen in der Stadt gesehen. Wenn man Bäume oder Sträucher findet, dann wurden die -von den Menschen die hier wohnen- aufwendig aufgezogen. Die Baumgrenze liegt nämlich 75 km weiter südlich, denn wir befinden uns hier in der arktischen Tundra zwischen 70 und 71 Grad nördlicher Breite - sprich weit über dem Polarkreis! 🥶🥶🥶. Aber sooooo kalt wird es hier nicht. Dank des Golfstroms der an Norwegens Küste entlang fließt, dabei die Luft erwärmt und uns im Winter durchschnittlich bei -4 Grad lässt. Anders ist es im Inland. 235 km weiter südlich liegt Karajok - eine wichtige Stadt der indigenen Bevölkerung. Ihr kennt sie: die Samen. Viele Rentierzüchterfamilien überwintern dort, weil es dort Vegetation und somit Futter für die Tiere gibt. Allerdings kann es da bis zu knackige -40/-50 Grad kalt werden. ❄️☃️❄️

    Warum bin ich hier? Der Grund für meine Ignoranz der Dunkelheit gegenüber liegt in meiner Motivation hierherzukommen. Also nicht die Angst, sondern die Begeisterung und das Interesse sind meine Antreiber. Der nördlichste Teil Norwegens liegt in einem Bezirk namens Finnmark und ist ungefähr so groß wie die Schweiz. Allerdings hat die Schweiz 8,9 Mio Einwohner*innen und die Finnmark nur 75.000. Zum Vergleich: in der Schweiz leben 217 Menschen pro km2. Hier in der Finnmark nur 1,5 Personen. Ich glaube das verdeutlicht wie speziell es hier oben ist. Aufgrund der harten Bedingungen gibt es jedoch unter den Menschen einen anderen Sinn für Gemeinschaft und eine besondere Beziehung zur Natur. Man spürt sie hier stärker. Man ist sich bewusst, dass sie diejenige ist, die über uns Menschen bestimmt. Man muss sich nach ihr richten und sie respektieren. Besonders im Winter bedeutet das viel Geduld und Demut aufzubringen.

    Ich habe Lust dieses natürliche Leben zu "erleben" - deshalb bin ich hier.

    Honningsvåg hat 2300 Einwohner*innen und gillt als nördlichste Stadt Europas. Auf der Insel gibt es noch vier kleine Fischerdörfer mit 30-50 Menschen und ein verlassenes Dorf, das nicht mit dem Straßennetz verbunden ist. Will man einkaufen, dann kommt man nach Honningsvåg. Wir haben 3 Supermärkte und 2 (manchmal auch 3) Bars sowie ein Sportgeschäft. Auch eine kleine Arztpraxis mit 6 Ärzt*innen, einen Friseur und zwei Cafés. Die örtliche Polizei hat Dienstags und Freitags von 10:00-14:00 auf. Eigentlich braucht man sie hier nicht. Man lässt seine Haustüren hier sorgar unabgeschlossen. Samstag abend fährt die Polizei die Gegend ab um zu schauen, dass es auch alle vom Pub bis nach hause geschafft haben und keiner irgendwo betrunken im Schnee liegt 😄.

    Unterhaltung gibt es im Kino, das drei mal die Woche einen Film zeigt und im Kulturhaus, wo sich einmal im Monat alle zur "open stage" - also zur offenen Bühne - treffen. Dann singen und musizieren junge und alte Menschen mit unterschiedlichen Niveau und haben Spaß zusammen. Es fühlt sich an wie eine große Familie. Man unterstützt sich, hilft sich, kommt auf einen Kaffee oder Tee vorbei, nimmt sich Zeit, wenn man sich auf der Straße begegnet.

    Schön! Einfach nur schön 😊!

    Will man shoppen fährt man 205km - also 3 bis 4 Studen bis nach Alta - da wohnen 12.000 Menschen - ein Shopping-Paradies im Vergleich zu Honningsvåg 😄. Wir haben hier keine gerade verlaufenden Autobahnen sondern schwungvolle Straßen mit einer maximalen Höchstgeschwindigkeit von 80km/h und daher dauert es alles ein bisschen länger. Allerdings ist die eine Straße die dorthin führt im Winter oft geschlossen. Die aufeinandertreffenden warmen und kalten Luftströme hier oben führen nämlich dazu, dass es viel stürmt. Vor allem die plötzlichen und sehr starken Böhen führen dazu, dass die Busse dann einfach umkippen. Das will man möglichst vermeiden 😀. Deshalb fallen meine Touren auch oft aus - dann haben wir sozusagen "sturmfrei" 😉. Auch ein starker Schneefall führt dazu, dass es manchmal unmöglich ist die Straße freizuhalten. Man fährt dann zu bestimmten Abfahrtszeiten hinter einem Schneepflug im Konvoi hintereinander her.

    Zurück zum Lebensgefühl hier oben: auf Norwegisch gibt es ein Wort für diese Form des "seins". Es heißt "koselig" - nicht zu verwechseln mit dem englischen Wort "cozy" (=gemütlich). Koselig bedeutet viel mehr. Es ist eine Lebensart die die harten Bedingungen hier erträglich macht. Sie integriert Menschen und schafft eine warme und einladende Atmosphäre. Ja, dazu gehört auch das man es sich drinnen gemütlich macht, die Lichter Tag und Nacht anlässt und es einfach generell ruhiger angeht - sich auf das einfache besinnt und sich draußen bewegt.
    Die reizarme Umgebung, das reduzierte Angebot und die offenen Menschen wirken unheimlich entlastend. Mir wird hier bewusst wie überflutet wir in unseren Breiten von Informationen und Angeboten sind, wie überlastet wir unser vermeintlich so gut "organisiertes" Leben leben. Und das witzige daran ist, wir finden das auch noch normal 🫣🤭😄!

    Ich erinnere mich an eine Situation, als ich in Berlin mit der S-Bahn auf dem Weg zum Flughafen war. Drei Familien mit kleinen Kindern saßen/standen mir mit ihren Kinderwagen in der Reihe gegenüber. Die etwas größeren Kids sichtlich müde...die kleinen am Nörgeln. In der unüberhörbaren Unterhaltung ging es die ganze Zeit um Termine und wer, wann, mit wem, wohin fährt.

    "Nein, da kann Justus nicht, da hat er Handball. Danach gehen wir noch zusammen uns Kino. Wie wäre es am Mittwoch?"

    "Das ist bei uns schlecht weil Nina da zum Schwimmen geht, aber Montag wäre gut"

    "Mmm, ne da kommt Nils mit zu Max und wir wollten dann zum Kletterpark"

    "Ah Kletterpark, wo ist der? Ist der gut? Da könnten wir auch mal hin. Ich weiß nur nicht wann. Die ganzen Wochen sind schon verplant"

    🤯🤯🤯

    Der Wortwechsel der jungen Familien verlief auch wie im Schnelldurchlauf. Es fühlte sich einfach nur gehetzt an.

    Ganz anders ist es hier.

    Niemand muss hier schnell nirgendwohin. Die Kinder werden auch nicht durch U-Bahnstationen zu irgendwelchen Terminen gezerrt, sondern gehen nach der Schule rodeln (natürlich ohne Eltern 😄). Die ganze Atmosphäre ist einfach entspannter.

    Die Touristen die hierher kommen sind über die Lebensweise ziemlich erstaunt und manchmal auch belustigt. Wahrscheinlich, weil sie sich selbst kein entspanntes Leben vorstellen können oder es heimlich als faul werten um ihre jahrelange gestresste Lebensweise zu rechtfertigen. Naja, just saying! Es geht auch anders. Aber jeder entscheidet selbst ob er in den Strudel springt 🌀🌀🌀😵

    🤷.

    Übrigens ist es natürlich nicht immer die ganze Zeit dunkel wie ihr auf den Fotos sehen könnt. Stattdessen haben wir bei guten Verhältnissen ein Tageslicht zwischen 10:00 und 14:00 Uhr - wie man es zur Morgendämmerung kennt. Allerdings schafft die Sonne es nicht über die Horizontlinie sondern strahlt - von 3 Grad unterhalb der Linie - die Atmosphäre an. Bei Wolkenfreiheit führt das zu einem unglaublich schönen Farbenspiel.

    Die Tage werden noch bis kurz vor Weihnachten immer kürzer. Das ist ja auch der Grund warum wir überhaupt Weihnachten feiern. Es ist ursprünglich die Rückkehr des Lichtes. Denn nach Weihnachten werden die Tage wieder länger bis die Sonne es Ende Januar sogar wieder für ein paar Minuten über die Horizontlinie schafft. Von Mitte Mai bis Ende Juli geht sie dann gar nicht mehr unter. Das ist dann der Gegenspieler zur Polarnacht - nämlich die Mitternachtssonne.

    🌞🌞🌞🌞

    Wenn man die Menschen hier fragt, was sie bevorzugen, dann stimmen viele für die Polarnacht. Einfach weil man dann gut schlafen kann 🤭. Durch das ständige Licht im Sommer produziert der Körper wenig Melatonin (das ist das Hormon was uns müde macht). Die Leute sind dann energiegeladen und aktiv, schlafen wenig und verlieren das Gefühl für die Zeit. Im Winter ist es dann eben anders herum. Viel Melatonin führt dazu, dass man natürlicherweise nicht so richtig wach ist oder weniger Energie hat, wenn man sich hängen lässt. Aber mittlerweile gibt es ja auch Tageslichtlampen und Vitamin D was dabei helfen kann, einen guten Tagesrhythmus zu finden. Die Bewegung draußen oder das gemeinsame Sporteln in Vereinen spielt natürlich auch eine wichtige Rolle. Man stellt auch nicht die gleichen Anforderungen an sich oder an andere Menschen wie im Sommer. Die Winterzeit wird als natürliche Ruhezeit respektiert. Es wird weniger gearbeitet, es ist weniger zu tun aber dafür nimmt man sich Zeit für gute Gesellschaft und Familie. Man lebt vielmehr im Einklang mit den natürlichen Zyklen.

    Nein, es ist nicht langweilig hier. Ganz im Gegenteil. Man trifft die Menschen die man kennengelernt hat auch wieder, was ich sehr angenehm finde. Es gibt auch ab und zu Veranstaltungen und man findet sich gerne in netter Runde zusammen ohne Wochen vorher einen Termin auszumachen 😄. Es ist Platz für Spontanität und Inspiration. Menschen engagieren sich in Vereinen oder kreieren zusammen Neues. Es gibt Kunst, Musik und Zeit von einander zu lernen.

    Und dann ist da noch Jürgen aus Passau - er kam 1971 hierher. Da war er 20 Jahre alt. Eine spannende Lebensgeschichte von der ich euch beim nächsten Mal erzählen werde!

    Macht es euch schön "koselig"!
    Eine schöne Weihnachtszeit und warme Grüße vom Nordkap 💗
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